
- Wir brauchen jetzt die europäische Nuklearabschreckung
Nur mit einer gemeinsamen Nuklearabschreckung kann sich Europa in der neuen Zeit behaupten. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat soeben angeboten, nuklearfähige Kampfjets in Deutschland zu stationieren. Wir sollten darauf eingehen.
Frankreich hatte schon 1995 ein entsprechendes Angebot unterbreitet: einer auf seinen Atomwaffen beruhenden „dissuasion concerteé“ für Europa. Deutschland hat es damals freundlich weggenickt. Auch als Emmanuel Macron dieses Angebot im April 2024 wiederholte, erntete er Schweigen. Unsere Regierungen fühlten sich durch den amerikanischen Nuklearschirm ausreichend geschützt. Nun aber ist er seit dem 20. Januar 2025 de facto nicht mehr existent. Es wird voraussichtlich die neue Bundesregierung mit Friedrich Merz und Boris Pistorius sein, der die Aufgabe zufällt, gemeinsam mit Frankreich, vielleicht dem Vereinigten Königreich und anderen europäischen Partnern dafür zu sorgen, dass eine europäische Nukleardoktrin entsteht. Nur so erhalten wir Sicherheit, nur so kann sich Europa wieder auf Augenhöhe in der Weltpolitik positionieren.
Früher fanden Verhandlungen zwischen Washington und Moskau in Genf, Wien oder Reykjavik statt. Im Vorfeld waren die Partner der Allianz eingebunden, zumindest informiert. Nun sprechen Russen und Amerikaner über unsere Köpfe hinweg in Riad über die Zukunft der Ukraine und Europas – begleitet durch hämische Kommentare aus dem Weißen Haus. Die EU ist irrelevant. Weltpolitik findet ohne uns statt.
Trumps Territorialforderungen
Noch eindeutiger zeigen die Territorialforderungen Trumps gegenüber zwei Nato-Gründungsmitgliedern, dass die Allianz eigentlich nur noch auf dem Papier besteht. Was ist eine Verteidigungsgarantie wert, wenn man Dänemark mit der Einverleibung Grönlands droht und Kanada nur noch Schutz gewähren will, wenn es zum 51. Bundesstaat der USA wird? Es spricht bisher alles dafür, dass 2025 einen tiefen Bruch zwischen den atlantischen Partnern markieren wird – vielleicht noch stärker als die isolationistische Abkehr der USA von Versailler Vertrag, Völkerbund und europäischem Engagement, das der amerikanische Senat 1919 gegen Präsident Woodrow Wilson erzwang.
Vor diesem Hintergrund entfällt das bisherige Hauptargument gegen die gemeinsame nukleare Abschreckung. Die Bundesregierungen von Helmut Kohl bis Olaf Scholz zögerten vor allem deshalb, weil sie im Angebot der Franzosen die Gefahr der Verwässerung der atlantischen Nukleardoktrin witterten. Einige meinten sogar, eine von Paris bewusst betriebene „gaullistische“ Abkopplung von Washington zu erkennen. Wenn sich nun aber die USA abkoppeln, müssen wir umdenken.
1995 war ich als abrüstungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu Gesprächen in Paris. Es ging um ein grundsätzliches Atomteststopp-Abkommen. Kurzfristig luden die Franzosen mich dann ein, ihre nukleare Triade zu besichtigen. Das war zuvor mit dem damaligen außenpolitischen Sprecher der Union, Karl Lamers, und dem Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Schäuble eingefädelt worden.
Gemeinsame europäische Nukleardoktrin
In Brest führte mich der Kommandant der französischen U-Boot Streitkräfte durch das mit nuklearen Interkontinentalraketen bestückte Unterseebot „L’Inflexible“. Man verlasse bald den Hafen, tauche dann für drei Monate unter. Der Kommandant lege die Route eigenständig fest, niemand auf der Welt kenne sie. Man könne im Verteidigungsfall jeden Ort der Erde zerstören. Das schrecke jeden potentiellen Angreifer ab. Die „force de frappe“ sei eine „ligne maginot“, die niemand zu überschreiten wage. Und dann schaute mich der Kommandant an und fragte: Warum sind eigentlich nicht deutsche Marinesoldaten mit an Bord? Er wünsche sich eine deutsch-französische, vielleicht sogar eine europäische Besatzung seines U-Bootes unter einer gemeinsamen europäischen Nukleardoktrin.
Danach wurde mir im Elysee (Francois Delattre) im Hotel Matignon (Bruno Racine) und durch den Generalstabschef (Admiral Jacques Lanxade) die gleiche Botschaft übermittelt. Frankreich sei bereit, zunächst mit Deutschland über die Europäisierung der force de frappe zu sprechen. Die letzte Einsatzentscheidung bliebe bei Frankreich, aber das sei schließlich bei den USA nicht anders. Es gehe Frankreich nicht um einen Ersatz des US-Verteidigungsschildes, vielmehr um den Aufbau eines „zweiten Nuklearschirms“ als Rückversicherung. Präsident Jacques Chirac und Premierminister Alain Juppé unterstrichen später öffentlich den Willen zum Dialog über diese Fragen.
Die damalige französische Initiative wurde zwar aufmerksam registriert, versickerte aber schon bald. Erst mit der ersten Präsidentschaft Donald Trumps begannen die Europäer sich langsam, viel zu langsam, ihrer volatilen Lage bewusst zu werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte im Mai 2017 in München, die Zeiten seien „ein Stück weit vorbei“, wo „wir uns auf andere völlig verlassen können“. Die Europäer müssten ihr Schicksal „in die eigene Hand nehmen“. Wir verstehen erst heute richtig, wie recht sie in diesem Punkt hatte. Sehen wir der Wahrheit ins Auge: Seit dem 20. Januar 2025 können uns wirklich nicht mehr auf die USA verlassen.
Debatte darf nicht ausgebremst werden
Wir brauchen – nach 30 Jahren – eine ernsthafte deutsche und europäische strategische Antwort auf das französische Angebot. Die Debatte darf nicht erneut ausgebremst werden. Schade, dass sie auf der Münchner Sicherheitskonferenz nicht bereits geführt wurde. Dabei gilt es, sorgfältig vorzugehen, sich eng mit unseren Partnern abzustimmen. Der polnische Präsident Donald Tusk hat schon voriges Jahr gemahnt, das Angebot der dissuasion concertée (der „konzertierten Abratung“) aus Paris „wirklich ernst zu nehmen und alle Optionen zu prüfen“.
Was ist mit dem Vereinigten Königreich? London verfügt über mehr als 200 nukleare Sprengköpfe. Gemeinsam mit den Franzosen stellen sie eine erhebliche Abratung (dissuasion) gegenüber jedem dar, der überlegt, europäische Staaten, die sich unter diesen Schirm begeben, anzugreifen. Die neue Labour-Regierung wirbt für einen britisch-europäischen Sicherheitspakt. Auch sie sollte für eine gemeinsame europäische Nukleardoktrin gewonnen werden. London hat stets die Bereitschaft erklärt, den europäischen Nato-Verbündeten im Notfall zur Seite zu stehen. Warum sollte das nicht mehr gelten, wenn die Amerikaner die Nato de facto abschaffen? Vielleicht sprechen Merz, Marcon, Tusk schon bald auch mit dem britischen Premier Keir Stamer (und anderen europäischen Staaten?) über eine gemeinsame Nukleardoktrin.
In diesem Fall wären sie klug beraten, wie die Kanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl neben glaubhafter Verteidigung gleichzeitig eine zweite Komponente mitzudenken: Entspannung, Vertrauensbildung und Abrüstung. Helmut Schmidt war Ende der 1970er Jahre wesentlicher Architekt einer solchen „Double track“-Politik: Auf die neue sowjetische Bedrohung mit nuklearen Mittelstreckenraketen (SS 20) antwortete der Westen einerseits mit der unbedingten Bereitschaft zur Stationierung von Cruise Missiles und Pershing 2, andererseits aber auch mit der Bereitschaft zur Abrüstung aller nuklearen Mittelstreckenraketen. Wenn wir in Europa wieder Frieden und Sicherheit haben wollen, werden wir diesen Doppel-Ansatz wieder brauchen: entschiedene Bereitschaft zur Verteidigung – gepaart mit einer Politik, die, auch wenn es momentan schwer vorstellbar ist, langsam wieder Vertrauen aufbaut und Konflikte entschärft.
Wir müssen unsere Verteidigung in die eigenen Hände nehmen. Gleichzeitig aber sollten wir auch den Weg aus Krieg und Konfrontation gemeinsam mit Kiew mitgestalten und nicht den Amerikanern überlassen.
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So wird ein Schuh draus.
Da können sich die Briten gerne anschließen.
Es muss ein Ende haben mit Erpressbarkeit und Duckmäusertum durch USA, China und die Russen.
Es darf nicht sein, daß es zehn Minuten nach Zwölf ist, der Wecker klingelt, jedoch die Oligarchen in Ost oder West den Wecker für Europa gestellt haben.
Dass Großbritannien liebend gerne Mittel- und Osteuropa (und nicht die Insel) als kommendes Schlachtfeld und als cordon sanitaire ansehen möchte, das ist doch völlig klar. Aber das wird den Brexit keinenswegs umkehren: Im Gegenteil:
Englisches Aufhetzen der EU zu kriegerischen Abenteuern - schön und gut! Aber warum sollten sich freie und stolze Briten dem Wackelkommando irgendwelcher EU-Granden unterordnen?
Großbritannien wird immer die privilegierte Beziehung zu den USA vorziehen.
Und vergessen Sie nicht, Herr Stefan, dass sehr, sehr viele Oligarchen aus dem Osten, Westen, Süden und Norden sowieso ihren Wohnsitz oder ihr Geld irgendwo im Vereinigten Königreich oder im zugehörigen Commenwealth versteckt haben. Se dürften auf die britische Regierung einen deutlich stärkeren Einfluss haben als die EU.
GB kann sich genau so schnell drehen wie die USA.
Sorry, Herr Buehler, niemand hat etwas von der Rückgängigmachung des Brexir gesagt...?
Ein europäischer Atomschirm aus (min) F-GB-D (ggf. noch + Italy + PL) ist im übrigen ein de facto 'stärkeres Argument' als die hewöhnliche EU-Mitgliedschaft an sich, und vermutlich auch wesentlich effektiver und wirkt nicht zuletzt (zwangs-) einigend. Meine Überzeugung...
Lieber Herr Stefan, vielleicht haben Sie Ihren Beitrag ja ironisch gemeint-dann sind meine Anmerkungen gegenstandslos.
Angenommen, deutsche Berufspolitiker würden ihre Reden selbst ernst nehmen, dann sollten sie folgendes berücksichtigen:
1. Wer mit einem modernen Nuklearkrieg rechnet, muss bei Kampfhandlungen auch mit radioaktivem Abfall rechnen, der deutlich gefährlicher ist als der Abfall aus den Krankenhäusern (und aus den ehemaligen KKW's). Warum sollten die Länder, die Atomwaffen zu unserem Schutz erzeugen und bereit halten, auch noch "unseren" Abfall entsorgen? Warum sollen sie das Zeug, das die deutsche empfindsame Seele nicht im Lande haben will, in ihrem Land entsorgen?
Wer Atomwaffen will, muss ehrlicherweise sofort ja zur Kernkraft in Deutschland sagen. Wir brauchen dann auch wieder Wissenschaftler, die etwas davon verstehen, und nicht nur Ideologen, die darüber herumquatschen.
Die kommenden Kriege werden ohnehin nicht so ablaufen, dass Klima und Umwelt verschont bleiben
Ein Glück, dass nur ganz wenige einen Friedhelm Pflüger brauchen, der solchen Unsinn schreibt. Man könnte auch fordern: Jedem seine Zyankali-Ampulle! Nur zur Sicherheit, versteht sich. Wir brauchen atomare Abschreckung? Wie bitte? Wir, hier im halb verrotteten Deutschland? Können wir uns das leisten? Und zwar finanziell und moralisch? Die Deutscher haben den Holocaust zu verantworten - das reicht als moralische Abschreckung für alle Ewigkeit! Mahlzeit, Herr Pflüger, aber schreiben Sie ruhig wiedermal, wenn sie eine neue Idee haben. Vielleicht eine Kavallerie für die Bundeswehr aus Gründen des Klimaschutzes, zum Beispiel. Oder eine atomare Mondmission, damit dort nichts in falsche Hände gerät. Sie haben ja Zeit, Herr Pflüger, solange Sie in Behandlung sind, denn Pardon, ein normaler Mensch kann nicht solche Vorschläge machen, oder? Da sind wir uns doch einig.
leider sind es insgesamt viel zu viele die eine ständige Kriegsbedrohung heraufbeschwören. Und die Hirnwäsche und das betreute Denken bleibt nicht ohne Wirkung um uns wieder dahin zu bringen wo wir schon mal waren. Es sind nicht die hellsten Kerzen aber die gefährlichsten Akteure die mit ihrem Aufrüstungswahn den Mainstream und ÖR beherrschen. Kein Wunder dass bei so unterbelichtetet "Volksvertretern" aller Couleur und "Experten" und "NGO" der Gedanke an Diplomatie und was damit zusammenhängt gar nicht vorkommt, dann dazu braucht man Hirn, Bildung und sich Hineinversetzen in die anderen und auszuloten was möglich ist und das fehlt in der EU und bei uns (auch mit der neuen Regierung) auf allen Ebenen.
Hallo Frau Keppelen!
Diplomatie wirkt aber gemeinhin wesentlich effektiver bzw. übehaupt erst, wenn sie von einem starken, sich seiner Bedeutung und seiner eigenen Sicherheit (oder Stärke, wenn Sie so wollen...) bewussten System ausgeht.
Ich empfehle dringend den Artikel hier 'Deutschland im Abseits - Außenpolitik als Budenzauber ' von ALEXANDER MARGUIER von gestern. Nichtrobuste (feministische?) Diplomatie an sich ist definitiv nicht zielführend, wie die letzten drei Jahre wohl zweifelsfrei eindeutig belegen. Im Gegenteil - eher kontraproduktiv...
"...weil höhere Moral und das gebetsmühlenartige Beschwören einer regelbasierten internationalen Ordnung in der Weltpolitik keine Währung sind."
"...uns wieder dahin zu bringen wo wir schon mal waren." Sorry, Frau Keppelen - DA sind wir svhon längst wieder..., und zwar unumkehrbar für min. 1,5 Generationen. Die letzte Möglichkeit anders 'abzubiegen war Putins Rede 2007 auf der MSC..., welche 'man aber lieber zu ignorieren beschlossen hat, angesichts der eigenen moralischen u d militärischen Überlegenheit. DIPLOMATIE! statt Überheblichkeit und Kraftstrotzen wäre genau an dieser Stelle die (Vermeidungs-) Lösung aller unserer (EU) heutigen wichtigen Aussenprobleme gewesen - auf Augenhöhe selbstredend.
Aber das wollte 'man' ja bewusst seinerzeit nicht.
Aber natürlich, Herr Funke. Wachen Sie auf!!
Wir MÜSSEN uns das leisten... ...
dass im aktuellen Krieg in der ukr bisher keine A-Bomben eingesetzt wurden; wenn die Kriegsgeilen jetzt aber Taurus liefern, beispielsweise, kann es auch ganz ohne oder auch mit atomarer Abschreckung zum worst case Szenario kommen. Dieser Herr Pflügler scheint ein dem normalen Menschsein entrückter Orwellfunktionär zu sein, Krieg ist Frieden. Gegen Verteidigungsfähigkeit spricht nichts, aber gegen dämliche Berater schon. Vielleicht hätte man den Krieg vorher schon mit Diplomatie verhindern können? Jetzt sollen es Atomwaffen richten? Und Macron bietet an, in Dummland entsprechende Systeme aufbauen zu lassen? Wow, und zur Belohnung darf das deutsche Wahlschaf auch noch die Zeche bezahlen und insbesondere das Risiko tragen, dass dort zuallererst die Einschläge stattfinden werden. Wer rettet mich vor solchen Knallköpfen, die glauben, irgendetwas besser zu wissen?
"in Dummland"..."darf das deutsche Wahlschaf auch noch die Zeche bezahlen"
Hallo Herr Latell! Sie haben 100% Recht: weil '(naives) Dummland' seit 20+ Jahren muss 'das deutsche Wahlschaf [RRG?] die Zeche bezahlen' - jetzt, wo 'die Karre tief im Dreck steckt' und die realistischen! Alternativen was bitte sind...?
Genauso freundlich wie wir die 2% weggenickt haben? Denn ein nuklearer französischer oder britischer Schutzschirm hätte ja Geld gekostet. Der Begriff des Schutzgeldes bekommt nun auch durch den Dealmaker Trump eine von uns nicht mehr zu ignorierende Bedeutung. Eventuell belebt Konkurrenz ja das Geschäft wenn man sich anschickt den Anbieter wechseln zu wollen. Und nur vielleicht könnte man sich bei dieser Gelegenheit endlich mal auf einheitliche Waffensysteme, von jedermann bedienbar, einigen oder darüber hinaus noch gemeinsame, ähnlich erfolgreiche Rüstungsprojekte anschieben wie beim Airbus. Entweder wir raufen uns auch wirtschaftspolitisch zusammen und organisieren die kontinentale Verteidigungsordnung neu, oder jeder macht weiter sein nationales Ding und
bietet jedem mutmaßlich Stärkeren oder Großmäuligeren
die offene Flanke dar. MfG
Bord ist aus französischer Sicht oK. Aber deutsche Offiziere im Stab??
Warum nicht ein neues Helsinki Abkommen in dem erstmal alle Streitfragen besprochen und geklärt werden.
In einen Europa nach dem Nuklearkrieg kann keiner leben.
Ich weiß. Putin will vielleicht schon morgen in Deutschland, sprich ganz Westeuropa einmarschieren und wer weiß, Donald könnte nach Grönland auch auf Europa schielen, obwohl er doch längst im Land ist mit seinen stationierten Truppen und Waffen. Ich will keine atomaren Waffen im Land. Ich will keine ständige Kriegsangst geschürt wissen, die praktisch so nicht besteht. Warum sollte Putin Krieg mit uns anfangen? Warum Donald? Ich meine damit konventionellen Krieg. Wirtschaftskriege und auch im Bereich von KI haben doch längst begonnen bzw. dauern an. Man mag ja beim UA Krieg noch konventionell agiert haben. Aber ein sog. 3. Weltkrieg wird mit Sicherheit nicht mit Panzern und Flugzeugen in erster Linie geführt. Wer die Energie beherrscht, wer die Hand am Strom und Gas, Öl und seltenen Erden hat, der ist der wahre Weltherrscher und da spielt Europa und schon gar nicht mehr Deutschland eine Rolle. Dieses Land hat ein ganz anderes Problem. Es verliert scheibchenweise die Demokratie.
Herr Pflüger denkt noch in den Kategorien des Kalten Krieges. Damals gab es in der Tat eine echte Bedrohung durch die imperialistische UDSSR, die ihr kommunistisches System notfalls auch mit Gewalt anderen Ländern aufzwingen wollte. Das war für die Bundesrepublik eine echte Gefahr, weil 400.000 russische Soldaten in der DDR an ihrer Grenze standen. Damals war der nukleare Schutzschirm der USA von eminenter Bedeutung für unsere Sicherheit. Doch diese Bedrohung existiert nicht mehr. Ein nuklearer Schutzschirm, sei es einer von den USA oder von den Franzosen, ist nicht mehr vonnöten, ist obsolet. Denn weder ist das heutige Russland imperialistisch aufgestellt wie einst die UDSSR, noch pflegt es eine expansive Ideologie wie einst den Kommunismus. Für den völlig hypothetischen Kriegsfall: glaubt jemand im Ernst, die Franzosen würden Paris opfern, um Berlin zu retten? Schon damals hieß es: "Mourir pour Berlin? Jamais!" (Sterben für Berlin? Niemals!).
"Doch diese Bedrohung existiert nicht mehr. Ein nuklearer Schutzschirm, sei es einer von den USA oder von den Franzosen, ist nicht mehr vonnöten, ist obsolet."
...kann es sein, dass Sie vielleicht in Südamerika leben..., Hr./Fr. Witzens?
Ich bin keineswegs der Meinung man müsse das Kriegspotential in Europa 'alternativlos überbewerten' - aber man sollte es auch nicht naiv ignorieren, wie Sie das offensichtlich tun.
Gerade wegen! der de facto konventionellen Unterlegenheit Russlands gegenüber der Nato - welches oft als Argument gegen die Wahrscheinlichkeit einer Kriegsausdehnung durch Russland angebracht wird... - ist Russland als weltgrößte Nuklearmacht so gefährlich... - und W. Putin ist ernst zu nehmen, wer das bisher noch nicht kapiert hat...!!
Dagegen haben wir derzeit - ohne die USA!? - nichts ernsthaft entgegen zu setzen..., ausser Ihre guten Worte. Und OHNE! (europäischen) Vertrag werden uns die Franzosen selbstredend NICHT unbedingt beistehen, wenn es wirklich ernst wird...
„Wir müssen unsere Verteidigung in unsere eignen Hände nehmen,“ schreibt her Pflüger.
Gegen wen sollen wir uns denn verteidigen? Offensichtlich meint Herr Pflüger Russland. Aber wer die Vorgeschichte des Ukrainekrieges kennt, seine Ursachen analysiert hat (da helfen die Beiträge von z.B. John Mearsheimer, Jeffrey Sachs und Harald Kujat), der weiß, dass es nicht imperialistische Eroberungslust war, die Putin zu seinem völkerrechtswidrigen Krieg veranlasste, sondern die von den USA betriebene NATO-Osterweiterung mit Raketenbasen an der russisch-ukrainischen Grenze, was die Russen als existentielle Bedrohung und Gefährdung ihrer Sicherheit ansehen. Denn diese Raketen könnten Moskau ohne Vorwarnzeit in drei Minuten erreichen, d.h. ein sog. Enthauptungsschlag wäre möglich.
Mir erschließt sich nicht, dass trotz dieser Fakten, aus denen sich keine Bedrohung Deutschlands durch Russland ableiten lässt, Herr Pflüger dafür plädiert, eine „gemeinsame europäische Nukleardoktrin“ zu entwickeln.
„Die letzte Einsatzentscheidung bliebe bei Frankreich, aber das sei schließlich bei den USA nicht anders“. Damit dürfte uns Deutschen unser Nein zum Angebot Frankreichs doch leichtfallen. Wieder einmal von der einen Abhängigkeit in die die nächste zu schlittern, wollen wir das? Sind wir nicht aus Schaden klug geworden? Deutschland muss allein darüber entscheiden können, ob es sich einer fremden Atommacht unterwerfen, lieber selber eine oder keine werden will. Wissen wir denn, ob nicht auch ein Frankreich zu einer "USA" für uns werden könnte, wenn es ums Ganze und Überleben geht?
Deutschland wird nicht von Russland bedroht, und eine Sowjetunion gibt es auch nicht mehr. Russland ist an guten Beziehungen zu uns interessiert, sofern wir dazu bereit sind. Somit erübrigt sich derzeit die Frage, ob unser Land Atommacht werden sollte, angesichts von deutschen Politikern, die den leichtfertigen Einsatz von Taurus fordern, wie Merz, Kiesewetter, Hofreiter, Baerbock und Strack-Zimmermann.