Gedenktstätte für getötete Zivilisten im Ukrainekrieg in Butscha / picture alliance / ZUMAPRESS.com | Andreas Stroh

Annäherung zwischen Washington und Moskau - Ein potentieller Wendepunkt

Der diplomatische Austausch zwischen Russland und den Vereinigten Staaten deutet auf ein baldiges Ende des Ukrainekriegs hin. Ohnehin muss Putin die Wirtschaftslage in seinem Land verbessern – denn er fürchtet, gegenüber China noch weiter zurückzufallen.

Autoreninfo

Kamran Bokhari ist Experte für den Mittleren Osten an der Universität von Ottawa und Analyst für den amerikanischen Thinktank Geopolitical Futures.

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Die laufenden diplomatischen Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und Russland deuten darauf hin, dass der Konflikt in der Ukraine irgendwann zu einem Ende kommen wird. Das allein hat schon erhebliche globale Auswirkungen – vor allem in Asien, wo Russland die Möglichkeit haben wird, einen Teil des Einflusses zurückzugewinnen, den es an China verloren hat.

Tucker Carlsons Interview vom 22. März mit Steve Witkoff, dem Sondergesandten des Weißen Hauses für den Nahen Osten, könnte etwas Licht in die außenpolitische Strategie der Trump-Regierung gebracht haben. Als Antwort auf eine Frage zur Zukunft Europas bezeichnete Witkoff die Vorstellung, dass „die Russen durch Europa marschieren werden“, als „absurd“. Trumps Top-Berater sagte weiter, dass die Russen kein Interesse daran hätten, die gesamte Ukraine zu erobern. „Sie haben bekommen, was sie wollten. Warum brauchen sie also noch mehr?“ bemerkte Witkoff. Dies sind außergewöhnliche Äußerungen eines Abgesandten, der sich mit Konflikten in der ganzen Welt befasst. Falls es nicht ohnehin schon klar war, besteht kein Zweifel daran, dass das Weiße Haus eine Entspannung mit Russland anstrebt.

Wiederaufbau der russischen Wirtschaft

Auch wenn die langfristigen Pläne Russlands noch nicht bekannt sind, so ist es doch verständlich, dass Moskau die nächsten Jahre dem Wiederaufbau seiner Wirtschaft widmen möchte, die noch immer unter den Folgen eines Krieges leidet, der für das Land sehr schlecht verlaufen ist. Die damit verbundenen Sanktionen haben die Lage nur noch verschlimmert. Ganz zu schweigen von den strukturellen Problemen wie Arbeitskräftemangel und Bevölkerungsrückgang, mit denen der Kreml in den nächsten Jahren zu kämpfen haben wird. Diese Probleme kann Russland nicht lösen, wenn es weiterhin einen militaristischen Ansatz gegenüber dem Westen verfolgt. Der russische Präsident Wladimir Putin wird eines Tages unweigerlich die Macht an einen Nachfolger übergeben müssen, und dieser Übergang wird wahrscheinlich chaotisch sein. Bislang ist es ihm nicht gelungen, die Ukraine so zu übernehmen, wie er es ursprünglich vorhatte, denn er okkupiert nur 20 Prozent ihres Territoriums – und dieses Territorium kostete ihn einen hohen Preis.

In den USA herrscht der Eindruck vor, dass Washington kein Interesse an einem Kampf gegen Russland hat. Aus amerikanischer Sicht ist Moskau nicht mehr die Militärmacht, die es einmal war, so dass Washington keine unnötigen Ressourcen aufwenden muss, um es zu bekämpfen. Russland wiederum weiß, dass Europa in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen – und dass nichts die USA daran hindert, sich notfalls wieder in die Schlacht zu stürzen.

Strategisch gesehen ist dies ein potenzieller Wendepunkt für Eurasien. Russland hat lange Zeit befürchtet, dass die USA und Europa versuchen würden, die Nato bis an seine westlichen Grenzen auszuweiten. Aber ein Russland, das sich keine Sorgen um Bedrohungen aus dem Westen machen muss, könnte Asien mehr Aufmerksamkeit schenken, wo es seit dem Zerfall der Sowjetunion viel von seinem Einfluss verloren hat. Trotz ihrer häufigen gemeinsamen Proklamationen einer „grenzenlosen“ strategischen Partnerschaft sind Russland und China keineswegs echte Verbündete – sondern vielmehr Konkurrenten um eine gemeinsame eurasische Landmasse.

Russland zum Juniorpartner degradiert

Und in dieser Hinsicht ist Russland leicht im Nachteil: Es ist kein wirksamer Sicherheitsgarant mehr, und vor allem hatte es keine andere Wahl, als Chinas wachsenden geoökonomischen Einfluss in Zentralasien zu akzeptieren, einer Region, die seit langem zu Russlands Einflussbereich gehört. Es sei daran erinnert, dass Moskau und Peking einander bekämpften, als sie noch von Kommunisten regiert wurden. Die Russen haben nicht vergessen, wie schnell sich China von der Sowjetunion abspaltete, um enge Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu knüpfen – eine Entscheidung, ohne die China nicht zu der Weltmacht hätte werden können, die es heute ist. Einfach ausgedrückt: Die Russen sind in dieser Beziehung zum Juniorpartner degradiert worden. 

Dennoch ist Russland immer noch die zweitgrößte Militärmacht der Welt, eine Position, die es nicht an die Chinesen verlieren möchte. Um dies zu verhindern, muss Moskau seine Wirtschaft wieder aufbauen und seine Aufmerksamkeit auf seine östlichen Gebiete lenken. Dies ist umso dringlicher, als China, dessen Wirtschaft sich in einem relativen Niedergang befindet, in einen Konkurrenzkampf mit Washington verwickelt ist.

Wenn Russland eine Entspannung mit den USA erreichen kann, hat es die Chance, zu einem ernsthaften wirtschaftlichen Akteur werden. Seit etwa einer Generation sieht der Kreml die Herausforderung der USA durch China im Bereich der Technologie als positive Entwicklung an. Gleichzeitig denkt Moskau wahrscheinlich darüber nach, inwieweit Pekings wachsende technologische Fähigkeiten Russland betreffen. Schließlich hat der Ukrainekrieg den Russen klargemacht, dass eine Konfrontation mit dem Westen für sie kein Thema ist.

Es kann Russland sogar noch schwächer machen als China, das ihm wirtschaftlich weit voraus ist. Die USA sind in der Lage, dem Aufstieg Chinas entgegenzuwirken, und unabhängig vom Ausgang dieses Kampfes wird China ein beeindruckender globaler Akteur bleiben. Russland kann die Vereinigten Staaten nicht besiegen. Aber es kann gegen China verlieren.

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U.P.Witzens | Fr., 28. März 2025 - 09:55

Dass Russland „einen militaristischen Ansatz gegenüber dem Westen verfolgt,“ kann ich nicht erkennen. Die Invasion der Ukraine war kein Angriff gegen den „Westen“, denn die Ost- und Mittel-Ukraine gehören historisch zu Russland. Die Kiewer Rus markiert den Ursprung Russlands. Nur der vom Habsburger Reich geprägte äußerste Westen mit Lemberg (Liew) als Hauptstadt hat eine westliche Prägung. Richtig ist, dass Russland und China Konkurrenten um eine gemeinsame eurasische Landmasse sind. Russland besitzt im Südosten Asiens Territorien, die einstmals chinesisch waren.

Ernst-Günther Konrad | Fr., 28. März 2025 - 10:28

Ja, die Ukraine und vor allem die EU und GB. Glaubt irgendjemand wirklich, die Großmächte bräuchten noch diese EU, um sich untereinander zu verständigen? Nein, die werden alle nie Freunde, die werden sich immer misstrauen und jede Schwäche des Gegenüber ausnutzen, sich irgendwelche Vorteile zu verschaffen, Ob nun geopolitisch, wirtschaftlich oder bezüglich der Ausweitung ihrer Einflusssphäre über andere Staaten. Wenn man die EU noch ran läßt, dann vor allem nur zum Bezahlen. Schließlich haben sie mit ihrer Kriegspolitik mitgeholfen, den UA-Konflikt hinauszuzögern also sollen sie auch den Wiederaufbau zahlen. Neue Schulden und höhere Steuern werden es gerade in Deutschland schon richten, denken unsere Politiker. Viele hier schrieben es von Anfang an. Egal wer angefangen hat, wer Recht hat, wer die Ursachen gesetzt hat. Man kommt an einen Punkt, da müssen die Parteien miteinander reden. Je früher, desto besser. Wen man das sagte, war man ein Putinversteher. Und ist immer noch Präsident.