Nach einem Gewitter ziehen nach unten gewölbte, sogenannte Mammatus-Wolken über den Hackschen Markt hinweg. / picture alliance/dpa | Annette Riedl

Buchauszug: Serdar Somuncus „Lügen“ - Im Sturm der Worte

Was können wir dagegen tun, dass wir in einem Zeitalter der absichtlich in Kauf genommenen Missverständnisse leben? Wir müssen wieder lernen, ein Mindestmaß an Gelassenheit zu entwickeln, und akzeptieren, dass es andere Meinungen gibt.

Autoreninfo

Serdar Somuncu wurde am 3. Juni 1968 in Istanbul geboren. Er studierte Schauspiel, Musik und Regie in Maastricht und Wuppertal. Seit 1985 inszenierte er zahlreiche Theaterstücke, arbeitet als Schauspieler, wirkt bei TV- und Radio-Produktionen mit und steht erfolgreich als Kabarettist und Musiker auf der Bühne. Sein neues Buch „Lügen – Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche“ ist nach „Der Adolf in mir“, „Karneval in Mio“, „Zwischen den Gleisen“, dem „Hasstament“ und „Matchpointe“ bereits sein siebtes Buch, das im WortArt Verlag erscheint. Mehr zu Serdar Somuncu unter https://somuncu.plus/de. / Foto: Gerome Defrance

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Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch „Lügen – Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche“ von Serdar Somuncu (WortArt Verlag).  

Ich spreche, also bin ich. Ich spreche, aber lüge ich auch? So einfach könnte man beginnen. Im Gegensatz zu anderen Lebewesen verfügen wir Menschen über eine besondere Fähigkeit: Wir können sprechen. Und mit jedem neuen Wort, das wir lernen, sind wir mehr dazu in der Lage, uns auszudrücken und unserer inneren Welt eine äußere Form zu geben. 

Sprache dient zur Verständigung. Wir können Sätze bilden und unsere Bedürfnisse, unsere Ängste und Sorgen, aber auch unsere Fantasien in Worte fassen. Wir können ganze Romane schreiben und Reden halten, wir können argumentieren und lamentieren, und wir können sogar Gedichte schreiben, in denen wir auf romantische Art und Weise Liebeserklärungen machen oder unsere Leidenschaft und Verzweiflung zum Ausdruck bringen.

Gerade in den sich verändernden politischen, technologischen und gesellschaftlichen Kontexten unserer heutigen Zeit ist die Bedeutung des Umgangs mit unserer Sprache größer denn je. Sprache ist nicht mehr nur Mittel zum Austausch von Informationen, sondern sie ist auch Zeichen einer Haltung, und nur wer mit ihr richtig umzugehen vermag, ist über jeglichen Verdacht erhaben, ein Wortverdreher, Rassist, Sexist oder gar Rabulist zu sein. Aber wer bestimmt über richtig und falsch? Welche Instanzen gibt es, die darüber wachen und entscheiden? Und wie können wir unser Verständnis von Sprache und deren Wirkung erneuern und an die Umstände der Zeit anpassen? 

Die Waffe des Intellekts

Denn Sprache ist manchmal auch böse. Sie birgt Missverständnisse. Sie dient nicht nur zur freundlichen Kommunikation. Sprache ist ein variables Werkzeug, das Intelligenz erfordert. Sie ist die Waffe des Intellekts, sie kann ironisch und zynisch sein, sie kann barbarisch klingen und oft auch hetzen. Sprache kann ein Konglomerat aus allem sein, und wenn sie eindeutig ist, wirkt sie oft bedrohlich, obwohl die Eindeutigkeit nicht immer als Gefahr gesehen werden muss. Sie kann auch beleidigen und kränken. Sie kann aggressiv sein und verführend, sie kann motivieren und desillusionieren. Sprache ist die Übersetzung unserer sozialen Kompetenz. Und sowohl uns selbst als auch den anderen gegenüber vermittelt Sprache, wie wir denken und fühlen.

Wenn wir heute über unseren Umgang mit komplexen Meinungen und Ansichten sprechen, verschwenden und verlieren wir uns oft in hastigen Interpretationen des Unmittelbaren. Statt Absichten zu hinterfragen und zu verstehen, berufen wir uns dabei auf die konkrete Ebene unserer Empfindung, und selten sehen wir, welche abstrakte Idee hinter der Aussage des anderen steht. Es scheint paradox: Je mehr sich unsere Ausdrucksmöglichkeiten entwickeln, desto eingeschränkter scheinen wir in unserem Verständnis zu werden. Manchmal überhöhen und missverstehen wir Sprache sogar absichtlich, um sie unserer eigenen Moral anzupassen und sie wiederum als Werkzeug unserer Auffassung von richtig und falsch zu missbrauchen. 

So ist es mittlerweile der affektive Habitus einer Nomenklatur von Besserwissenden, den alleinigen Anspruch auf die Deutungshoheit vielschichtiger Ausdrucksformen und Begrifflichkeit zu erheben, sie passend zu reduzieren und für eigennützige Kampagnen zu gebrauchen, die weder der Verständigung und dem Austausch noch der Aufklärung dienen, sondern lediglich kurzzeitig die soziale Selbstbestätigung innerhalb der eigenen Blase vorantreiben. Oft ist dabei die marktschreierische Antwort auf das Gegenüber eine viel entblößendere Darstellung der eigenen Intoleranz, als der Schaden, den das angeblich Missverständliche an der Toleranz anrichten kann. 

Aus der vermeintlichen Beleidigung wird eine kalkulierte und gekränkte Unfähigkeit, sich auf das scheinbar durchschaute Gegenüber einzulassen, und sie mündet in ihrer trotzigen Reaktion, noch häufiger in persönlicher Diffamierung und Drohgebärden. Die daraus entstehende, verständnisstarre Empörung basiert meistens auf der Vervielfältigung oberflächlicher Kriterien und der Reduzierung auf neuralgische Einzelpunkte, sodass am Ende keinem der Beteiligten mehr klar ist, worin der eigentliche Mehrwert solcher selbstbefruchtenden Diskurse liegen soll. 

Orientierungslosigkeit der eigenen Auffassungsgabe

Indem die Bedeutung von Begriffen und Wörtern so auf ein Mindestmaß an Verständnis trifft, sorgt sie auch dafür, dass die Analyse der Inhalte an der Reproduktion der erwartbaren Klischees von Zuordnung und Fehlinterpretation scheitert. Sprache wird zum kontaminierten Träger von Lügen und vagen Behauptungen und die berechenbare Reaktion darauf nichts anderes als ein Empören über die Orientierungslosigkeit der eigenen Auffassungsgabe. 

Das ist mehr als tragisch und in jedem antiken Drama besser besprochen als in der heutigen öffentlichen Realität. Es ist der Offenbarungseid einer unaufgeschlossenen Gesellschaft von Meinungsmachern, die freiwillig in den Abgründen ihrer eigenen Denkmuster gefangen bleibt, solange sie die Rage ihrer Resonanz in Sturheit absorbieren kann. Eine zum Neospießertum mutierte Spartenempfindlichkeit, die in ihrer inflationären Erscheinung an ihrer eigenen Unglaubwürdigkeit erstickt, je mehr sie sich potenziert. 

Und so entsteht aus dem bewussten Missverstehen eine Art Leugnung des Ursprünglichen, und eine Armada von Missverstandenen macht sich auf, um das Gesagte an das zu Denkende anzupassen und es somit seiner schlechten Absichten zu entblättern und dem Maßstab der eigenen Ideologie zu unterwerfen. Ein perpetuum pugna, bei dem erst, wenn auch der letzte seinen literarischen Senf dazugegeben und sein altkluges Bäuerchen gemacht hat, der Spuk vorbei ist, und der nächste Hash- zum Hetztag werden kann.

In ihren ideologischen Fängen

Was aber können wir auf die Vielschichtigkeit der Sprache angewiesenen, modernen Menschen dagegen tun, dass wir in einem Zeitalter der absichtlich in Kauf genommenen Missverständnisse leben? Müssen wir wieder lernen, gelassener zu sein, oder müssen wir um die Deutung unserer Aussagen in den offensiven Widerstand gegen die Vermarkter ihrer eigenen Images von Political Correctness und künstlicher Echauffage treten? Oder müssen wir sogar gemeinsam lernen, wieder egaler zu sein? Denn egal bedeutet gleich und nicht gleichgültig. 

Erst, wenn wir zusammen lernen, wieder ein Mindestmaß an Gelassenheit zu entwickeln, und akzeptieren, dass es andere Meinungen gibt, erst, wenn wir unterscheiden können, was bedrohlich daran ist, dass nicht alles, was von unseren kollektiven Normen abweicht, abwegig für unsere gemeinsamen Ideale ist, können wir auch unseren aufklärerischen Geist zielgerecht gegen die richten, die uns mit ihren Formulierungen in ihre ideologischen Fänge verwickeln. 

Solange wir dies nicht können, bleiben wir uns selbst ausgeliefert und bewegen mit unserer Aufregung nichts weiter als die große Kugel der eigennützigen Ambiguität, die am Ende niemandem etwas bringt, außer denen, die uns in ihrer Debattentauglichkeit schon längst am rechten Rand überholt haben. Den wahren Demagogen und Lügnern, die unsere soziale Integrität anzweifeln und unsere demokratische Konstitution angreifen, wenn sie glauben, die einzige Wahrheit für sich gepachtet zu haben.

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Karl-Heinz Weiß | Mo., 24. März 2025 - 14:21

Zugegeben: der "Sturm der Worte" lässt mich etwas ratlos zurück. Der Begriff "Lüge" taucht zwar (abgewandelt) zweimal darin auf, aber Erläuterungen zur "Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche" -Fehlanzeige ! Gelassenheit ist selten verkehrt, taugt aber (siehe aktuelle Beispiele) wenig gegen das bewusste Verbreiten von Lügen. Heutiges Beispiel: darf eine 20%-Partei als "undemokratisch" bezeichnet werden und darf eine 10%-Partei verhindern, dass die designierte Bundestagspräsidentin bei dieser Partei einen Antrittsbesuch macht ?
Vorschlag an den Autor des Beitrags: statt "Sturm der Worte" in einem weiteren Beitrag ein "Sturm von Beispielen politischer Lügen".
Die für das Buch verwendete Quellenlage gibt dafür sicher einiges her.

Markus Michaelis | Mo., 24. März 2025 - 15:37

zu einer besseren Ges. führen würde, in der man sich nicht so missversteht. Teilweise stimmt das wohl, aber ein anderer großer Teil ist wohl so, dass Menschen besser nicht zu genau politisch miteinander diskutieren, weil man dann erst sieht, wie wenig man eigentlich zusammenpasst und wie tief die verschiedenen Sichtweisen liegen.

Solange man nicht-politisch auf Mitmenschen trifft, ist es zu >90% eigentlich ganz erfreulich. D.h. der Rahmen wird von niemandem angezweifelt (eben unpolitisch), man trifft sich im Urlaub, auf einem Konzert etc. Niemand zweifelt den Rahmen an, der durch zB das Restaurant, die Konferenz etc. gegeben ist, und alle sind gut zusammen.

Sobald es politisch wird, d.h. man handelt die Grundlagen aus (sollte es dieses Restaurant geben - ist das Essen nachhaltig, die ethnisch-politische Ausrichtung etc.) wird es ziemlich oft unschön. Ideen wie Volk, Religion etc. versuchen größere Einheiten zusammenzuhalten, aber die sehr verschiedenen Weltsichten sind da.

Markus Michaelis | Mo., 24. März 2025 - 15:41

Von daher kommt vielleicht auch ein oft anzutreffender Hang zu mehr autoritären Gesellschaften, in denen der Rahmen fest vorgegeben ist und niemand hat diesen anzuzweifeln.

Das Ausdiskutieren eines politischen Rahmens ist so unerfreulich, von so großen Erschütterungen begleitet, soviel gegenseitiges Unverständnis und Misstrauen, dass es vielleicht eine gewisse immer vorhandene Neigung dazu gibt, festzulegen, dass alle auf eine gewisse Art zu denken haben - und Ruhe ist.

Natürlich funktioniert das auch nicht richtig oder nicht sehr lange, weil jede festgelegte Art zu denken auch, meist früher als später, an ihre Grenzen kommt.

Walter Ranft | Di., 25. März 2025 - 14:05

Akzeptanz anderer Meinungen: Klar.

Der Grad an Zustimmung bzw. Ablehnung "der anderen Meinung" bestimmt sicher die Art, sich dazu zu verhalten und dazu zu äußern.

Was dem einen als "gelassen" vorkommt, mag für den andern keinesfalls so sein.

Ich halte die Operation mit diesem Begriff in Fragen der "Akzeptanz" für nur sehr bedingt tauglich