Meisterfälscher - Wundersame Vermeerung

Der Lieblingsmaler der Moderne, der Niederländer Jan Vermeer, konnte durch den Erfolg des genialen Bilder-Fälschers Han van Meegeren leider nicht mehr reich werden; dafür aber wurde er endlich wirklich berühmt. Ein Maler-Krimi

Einige wenige Gemälde machten ihn reich und schließlich berühmt – so ließe sich von der großen Maler-Karriere des Jan Vermeer (1632–1675) zu An­fang des 20. Jahrhunderts erzählen, jener Zeit, in der er groß in Mode kam. Doch ist es eigentlich gar nicht Vermeers Geschichte, sondern die seines berühmtesten Fälschers Han van Meegeren. Der italienische Autor Luigi Guar­nieri macht sie zum Gegenstand eines Romans: «Das Doppelleben des Jan Vermeer» soll die Faszination ergründen, die dieser Lieblingsmaler der Moderne auslöste.

Jan Vermeer selbst haben seine wenigen Gemälde – nur 34 Bilder können ihm mit Sicherheit zugeschrieben werden – weder reich noch berühmt gemacht. Um sie nach seinem frühen Tod verkaufen zu können, pflegte man sie unter den Namen anderer, berühmterer Holländer auf den Markt zu bringen. Erst im 19. Jahrhundert wurde Vermeer wirklich entdeckt. Vor allem Étienne-Joseph-Théo­phile Thoré – einem Rechtsanwalt und Journalisten, der unter dem Namen Wilhelm Bürger kunsthistorische Artikel schrieb – kommt das Verdienst zu, 1866 mit drei grundlegenden Aufsätzen in der «Gazette des Beaux-Arts» die Wiedergeburt des unbekannten Meisters aus Delft als Malergenie eingeleitet zu haben. Dass dessen Bilder vielfach unter fremden Namen erst wieder hervorgeholt werden mussten, trug zwangsläufig zur wundersamen Vermeerung der Kunst der Niederländer bei.


Ein vormoderner Held der Moderne

Vom prekären Verhältnis von Ruhm und Verdienst also handelt Guarnieris Roman, von zweifelsfreier Könnerschaft und zweifelhaftem Sachverstand, vom Wissen und den Irrtümern der jeweiligen Zeit – und von ihren Verführungen. Denn Jan Vermeer wäre nicht wieder auferstanden, hätte er nicht eine so große Versuchung bedeutet: Sein enormes handwerkliches Können, das in der virtuosen, überaus präzisen Ausführung der Details zutage trat; die Leuchtkraft seiner Farben; sein bescheidenes Personal (gern junge Frauen und Mädchen), das er bei alltäg­lichen Beschäftigungen zeigte, in einem schlichten, durch wenige Möbel und Bilder charakterisierten, vom berühmten Vermeer-Licht beglänzten Interieur – all diese äußerst kalkulierten und ausbalancierten Kompositionen waren der Moderne nah und vertraut. Der von diesen Bildern ausgehenden Verführung, in traditioneller Handwerkskunst glänzen zu dürfen und doch von den Zeitgenossen geschätzt zu werden, erlag schließlich der Maler Han van Meegeren: 300 Jahre nach dessen Geburt wurde er Jan Vermeers Wiedergänger.


Psychopathologie eines Fälschers

Mit Han van Meegeren trifft der Schriftsteller Guarnieri auf eine Figur aus einem jener Romane, die das Leben schreibt – und er macht seinen Fund zum Glücksfall. Er überführt ihn in einen klug komponierten, betont sachlich gehaltenen Roman.

Als van Meegeren Ende der 1930er Jahre begann, jene Bilder zu malen, die der Delfter Meister selbst gleichsam vergessen hatte, obwohl er sie nach Meinung der damals maßgeblichen Kunstexperten einfach gemalt haben musste, war der Wiedergänger als Künstler mit eigenen Werken bereits gründlich gescheitert. Er war 48 Jahre alt, drogen- und verschwendungssüchtig und hatte sich mit seiner zweiten Frau, einer berühmten Schönheit von erlesenem, also teuerstem Geschmack, nach Südfrankreich abgesetzt, wo er schließlich als Portraitmaler der Reichen und Schönen Fuß fasste. Vor allem aber war van Meegeren von Rachegelüsten besessen.

Seine Karriere als Maler hatte vielversprechend begonnen. Gleich sein erstes Gemälde, die «St.-Laurens-Kirche», die direkt aus einem Atelier des 17. Jahrhunderts zu stammen schien, gewann den nationalen Studentenwettbewerb für das beste Gemälde des Jahres 1913 und brachte ihm die stattliche Summe von tausend Gulden ein. Doch war schon dieser Triumph mehr als unwahrscheinlich gewesen. Denn Henri­cus Anthonius van Meegerens Leben begann als Drama eines begabten Kindes: 1889 als zweiter Sohn des Mathematiklehrers Henri­cus van Meegeren geboren, wuchs er in einem strengen, amusischen Haushalt heran.

Als Han mit acht Jahren leidenschaftlich zu zeichnen begann, vernichtete der Vater systematisch jedes Blatt, das er fand. Ebenso hartnäckig aber zeichnete der Junge heimlich weiter. Schließlich fand er einen Mentor, der ihm freilich nicht nur die raffiniertesten Maltechniken beibrachte, sondern auch eine gehörige Abneigung gegen die Moderne – die Impressionisten und ihre Nachfolger.


Alter Meister, neu erfunden

Unglücklicherweise hatte van Meegeren anfangs durchaus Erfolg mit seiner Altmeisterei. Doch zu Beginn der zwanziger Jahre begann sein Stern zu sinken, der Sieg von Moderne und Avantgarde erwies sich als unaufhaltsam. Der gescheiterte Maler versuchte sich nun im Kunsthandel und musste alsbald feststellen, dass das Wissen der Kunsthistoriker keineswegs ausreichte, die Zuschreibungen und Expertisen zu begründen, die anzuzweifeln ihr Renommee dem Publikum gleichwohl verbot – van Meegeren reagierte verbittert. Ein Streit um ein möglicherweise von Frans Hals stammendes Gemälde ließ schließlich Abraham Bredius, die zeitgenössische Autorität auf dem Gebiet der niederländischen Malerei schlechthin, zur Zielscheibe seiner Rache werden. Han van Meegeren fasste den Plan, den Vermeer-Experten mit einer Fälschung bloßzustellen.

Und für dieses Projekt wurde er tatsächlich zum Avantgardisten, wenn auch nicht als eigenständiger Künstler, so doch als Maler und Fälscher. Für den hochglänzen­den Firnis führte er erstmals Phenol und Formaldehyd als Kunstharze in die Malerei ein. Um sie im gefälschten Gemälde zu entdecken, hätte man sie darin schon vermuten müssen – ein Ding der Unmöglichkeit, da ihre Verwen­dung zu dieser Zeit als Malmittel noch vollkommen unbekannt war. Auch van Meegerens Verfahren, die notwen­digen Krakelees alter Ölgemälde herzustellen, kann man nur als ingeniös bezeichnen.

Am raffiniertesten aber war zweifellos seine Entscheidung, gerade keinen typischen Vermeer zu malen. Der Fälscher nahm vielmehr die Idee zum Ausgangspunkt, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts bei den Vermeer-Forschern durchzusetzen begann, und der im Besonderen der Experte Bredius anhing: Van Meegeren kaprizierte sich auf die Vorstellung vom narrativen jungen Vermeer der biblischen Szenen. Sein «Christus in Emmaus» war denn auch genau das Werk, auf das Bredius seit Jahren gehofft hatte und das er folglich enthusiastisch als ein bis dahin unbekanntes «Meisterwerk des Johannes Vermeer van Delft» begrüßte. Das Bild ging für 560.000 Gulden an das Boijmans Museum in Rotterdam – insgesamt 30 Millionen Euro nach heutigem Geldwert verdiente Han van Meegeren mit seinen gefälschten Vermeers.


Vom Volksverräter zum Volkshelden

1,6 Millionen Gulden hatte allein Hermann Göring für «Christus und die Ehebrecherin» bezahlt. Als das Bild nach Kriegsende in seiner Kunstsammlung gefunden wurde, stellte die Allied Art Commission Nachforschungen über die Herkunft des Gemäldes an. Und so kam es, dass Han van Meegeren am 29. Mai 1945 von der holländischen Polizei verhaftet wurde: als Kollaborateur, der dem Feind nationales Kulturgut angedient hatte. Die Schande dieses Vorwurfs überwog den der Fälschung bei weitem, van Meegeren gestand. Die sensationelle Nachricht wurde dem inhaftierten Generalfeldmarschall sofort hinterbracht, den diese Niederlage bitter schmerzte. Um seinen Vermeer zu finanzieren, hatte Göring sich sogar von mehr als zweihundert Gemälden getrennt, die er zuvor in Holland hatte rauben lassen – ein Sachverhalt, der den Fälscher zu guter Letzt in seiner Heimat zum Volkshelden machte.

Heute, da die Fälschungen van Meegerens reichlich plump wirken, könnte man in Guarnieris Lob für dessen Vermeer-Talent eine romanhafte Übertreibung vermuten. Doch gerade hier arbeitet der Autor mit dem notwendigen Augenmaß und lässt ahnen, warum es van Meegeren so schwer fiel, die Fachwelt davon zu überzeugen, dass seine Vermeers tatsächlich keine Originale, sondern Fälschungen waren. Dieser Mann war ein genialer Fälscher, und völlig zu Recht nimmt Guarnieri seine Geschichte als Roman-Sujet – mit einer frappierenden, aufs Aktuelle zielenden Wendung.

Am Ende nämlich, als er immer schlampiger arbeitete, war van Meegeren zu der Einsicht gekommen, dass der Wunsch nach einer genauen Unterscheidung von Original und Zitat, Kopie oder Fälschung, bei weitem so groß nicht ist wie gemeinhin behauptet. Nur deshalb auch konnte der Glaube im Fall Vermeer Berge versetzen. Und nur deshalb konnte letztes Jahr bei Sotheby’s in London Vermeers «Junge Frau am Virginal» – ein Gemälde, über dessen Zuschreibung die Experten seit Jahrzehnten streiten – für stolze 31 Millionen Dollar versteigert werden.

 

Brigitte Werneburg ist Kulturredakteurin der Tageszeitung «taz» und lebt in Berlin.

 

Luigi Guarnieri
Das Doppelleben des Vermeer
Aus dem Italienischen von Maja Pflug.
Kunstmann, München 2005. 224 S., 18,90 €

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