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(picture alliance) In der jüngsten Münchner Inszenierung „Das Rheingold“ erschlägt Fafner im Streit um den Ring den Riesen Fasolt: Kapitalistische Moral sieht anders aus

Goldgier in Wagners „Ring“ - Keine Kapitalismuskritik

Wenn 2013 der bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth der „Ring des Nibelungen“ aufgeführt wird, werden sich Feuilletonisten wieder am Kapitalismus abarbeiten. Dabei wird in dem Werk gerade nicht der Kapitalismus kritisiert, sondern viel eher die Perversion all seiner Tugenden

Wenn Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ inszeniert wird, stimmen Feuilletonisten regelmäßig reflexartig das Hohelied der Kapitalismuskritik an. Die Frankfurter Allgemeine deutet das Werk etwa als Mahnung am „global entfesselten Kapitalismus“, und jüngst schrieb Steffen Huck dort in einem Beitrag über das Ende der „Götterdämmerung“ den verräterischen letzten Satz: „Kapitalist Alberich ist freilich noch am Leben.“

Die Deutung des „Ring“ als kapitalismuskritisches Werk reicht bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, zu George Bernard Shaw, zurück. Gewisse, wenngleich manchmal verhaltene Anklänge an Shaw finden sich bei Thomas Mann, Adorno und selbst bei dem Wagner-Enkel Wieland.

Doch nicht nur die Feuilletonisten, auch viele Regisseure schließen sich diesen Interpretationen an. Der Regisseur Frank Hilbich schreibt auf seiner Website anlässlich einer Freiburger Inszenierung: „Der Ring ist nicht mehr als ein Stück Metall. Nur dadurch, dass alle glauben, er bedeute die Weltmacht, führt sein Besitz tatsächlich zu Mord, Totschlag und den übelsten Intrigen und Verheerungen (Prinzip der Königskrone – oder des Kapitals...).“ In der abschließenden Klammerbemerkung deutet sich der oft verschwimmende Übergang an von einer – für sich genommen oft korrekten – historischen Betrachtungsweise zu einer systematischen, den Kapitalismus als Idee und Gesellschaftsform als solche treffenden Betrachtungsweise.

Auch die Inszenierungen selbst arbeiten mit dem Motiv der Kapitalismuskritik. In ironisch entschärfter Form war das gerade in der Münchner „Götterdämmerung“ zu sehen: Gutrune benutzte dort ein Schaukelpferd in Form des Euro-Zeichens.

Man darf gespannt sein, wie Frank Castorf den „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth 2013, anlässlich des 200. Geburtstags Richard Wagners, inszeniert. Der Berliner Volksbühnen-Intendant will den „Ring“ dem Thema Öl widmen, wohl auch nicht ganz ohne Kapitalismuskritik.

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Landauf, landab sind die für Musik und Theater zuständigen Geisteswissenschaftler im sozialkritischen Geiste verbrüdert. So beschwören sie zeitenüberdauernd die gesamtkunstwerkliche Verdammung der Gier nach Gold durch jenen epochalen Komponisten herauf, der einst selbst wegen revolutionärer Umtriebe steckbrieflich verfolgt war.

Doch hat Richard Wagner im „Ring des Nibelungen“ tatsächlich eine für uns interessante Kritik am Kapitalismus geübt? Wer in einer derartigen Kapitalismuskritik trotz aller Vertrautheit mit der Opernhandlung die heimliche Zentralperspektive der „Ring“-Tetralogie zu erkennen glaubt, der offenbart zunächst nur eines: seine völlige Unkenntnis dessen, was Kapitalismus seinem Gehalt nach ist und was ihn auszeichnet. Nichts von dem, was die Protagonisten des „Rings“ an Vorwerfbarem tun, entspricht den Wesenszügen des Kapitalismus.

Schauen wir näher hin.

Wie auch immer uranfänglich die Eigentumsverhältnisse zu Beginn des viertägigen Dramas liegen mögen – fest steht: das Gold in der Tiefe des Rheins ist kein herrenloses Gut, und darum ist seine Inbesitznahme durch Alberich ein räuberischer Akt. Zwar mag die dem Raub vorausgehende diskriminierende Behandlung Alberichs durch die drei Rheintöchter inhuman und verwerflich sein, doch wurzelt sie nicht in besitzdefinierten Klassenverhältnissen oder einer mit ihr sachlogisch verbundenen Mentalität.

Seite 2: Keine Angriffsflächen für Kapitalismuskritik

Viele Feuilletonisten argumentieren, die Verarbeitung des Goldes zu dem maßlose Macht verschaffenden Ring wird nur durch den Verzicht auf Liebe möglich. Zwar unterstreicht dies die seelische Pein des sexuell verschmähten Alberich, macht aber dessen gewaltsame Aneignung des Rheingoldes weder zu einem Kavaliersdelikt noch zu einem kapitalismustypischen Akt. Im Kapitalismus gehen Eigentumstransfers nämlich grundsätzlich gewaltlos vonstatten. Sie basieren auf freiwilligem Tausch oder Schenkung. Wer sich ohne Rücksicht auf bestehende Besitzverhältnisse einfach nimmt, was er haben will, ist kein Unternehmer, sondern ein Verbrecher.

Und wenn Alberich mittels des so gewonnenen Rings im Fortgang des Dramas das Nibelungenvolk zwingt, Goldbergwerke für ihn auszubeuten, so entpuppt er sich als Sklavenhalter. Trotz seines Besitzes von Produktionsmitteln ist er nichts weniger als ein Unternehmer: Denn seine Arbeiter werden durch die perfide Magie des Rings ohne Kündigungsmöglichkeit an ihn gebunden – und nicht dadurch, dass er ihnen bessere Löhne zahlen würde als seine Konkurrenten. Alberich ist ein Ausbeuter, wie er im Buche steht. Aber er ist es gerade deshalb, weil sein Ring ihm erspart, sich dem Wettbewerb zu stellen. Er ist eher ein Sinnbild des mit der herrschenden Macht kungelnden „politischen Unternehmers“, also der natürliche Gegner eines echten, auf Wettbewerb gegründeten Kapitalismus.

Werfen wir einen Blick auf die Wagnerschen Götter. Sie sehen sich – für Götter nicht überraschend – als überlegene Wesen. Zumindest der höchste und mächtigste Gott, Wotan, hat die für den Kapitalismus essenzielle Einsicht verinnerlicht, dass ein friedliches und gedeihliches Zusammenleben nur durch die Einhaltung freiwillig abgeschlossener Verträge zu gewährleisten ist. Deshalb sieht Wotan seine vornehmste Aufgabe darin, Verträge mittels seines Speeres zu schützen und sie durch diesen Schutz gleichsam zu heiligen.

Ersichtlich schürzt sich der unheilvolle Handlungsknoten nicht nur durch das ungesetzliche und freiheitsfeindliche Wirken von Alberich, sondern auch das von Wotan. Der oberste Hüter aller Verträge hat sich leichtsinnig verschuldet und kann zwecks Einhaltung seiner vertraglich vereinbarten Schuldentilgung den offenen Bankrott nur durch Gesetzesbruch abwenden: Mittels Gewalt und Betrug beraubt er den Räuber Alberich. Mit dessen Gold und mit dessen Ring will er bei den Riesen Fasolt und Fafner den fälligen Betrag für die Errichtung der Götterburg Walhall bezahlen.

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Nur nebenbei: Zwar bemüht sich Wotan, seine Untat mit dem Hinweis auf Alberichs vorausgegangene Vergehen herunterzuspielen bzw. mit einem Anschein der Rechtfertigung zu umkleiden. Doch diese Bemühung bleibt hohl, da er die Alberich abgejagte Beute ja nicht an die Rheintöchter zurückgibt, sondern sie zur Abwehr der selbst verschuldeten drohenden Pleite verwendet.

Mit manchen Kapitalismuskritikern kann man in den Riesen Fasolt und Fafner echte Kapitalisten, nämlich Bauunternehmer, sehen. Doch sie bieten erst dann Anlass zu berechtigter Kritik, als sie nach der Übergabe der schlüsselfertigen Götterburg aus dieser Rolle herausfallen und sich untereinander mit roher Gewalt um den Ring streiten, der Teil des von Wotan entrichteten Kaufpreises ist. Fafner ist schneller und brutaler und erschlägt Fasolt –  der furchtbare Ring wechselt seinen Besitzer erneut auf eine Weise, die den kapitalistischen Prinzipien des Eigentumstransfers diametral zuwiderläuft.

Zwischenbilanz: Die vielleicht allgemein menschliche Gier nach Besitz bricht sich in einigen Hauptfiguren des „Rings“ zweifellos Bahn. Aber sie tut das in einer archaischen, vorkapitalistischen Manier; sie kennt nur die gewaltsame Umverteilung, bei der der Gewinn des einen der Verlust des anderen ist.

Der Einsatz von physischen Machtmitteln ist für den Kapitalismus gerade nicht typisch: Vielmehr sind seine konstitutiven Prinzipien dort aufs schwerste verletzt, wo die Freiwilligkeit der Kooperation zwangsweise unterbunden und der Wettbewerb außer Kraft gesetzt wird. Eine jede der geschilderten, das „Ring“-Geschehen maßgeblich vorantreibenden Handlungen bietet in der Tat berechtigten Anlass zu Kritik. Aber das Kritikwürdige besteht durchweg in der Pervertierung derjenigen Handlungsweisen, die für das Funktionieren des Kapitalismus zentral und wesentlich sind. Auch der weitere Handlungsverlauf bietet aus verwandten Gründen der Kapitalismuskritik keine Angriffsflächen: Wem buchstäblich jedes Mittel recht ist, um sein Wollen zu reali­sieren, der gründet kein Unternehmen – und umgekehrt.

Seite 3: Keine der Personen spielt exakt die ihr im Drehbuch des Göttervaters zugedachte Rolle

Der Rest der „Ring“-Handlung ist übrigens bemerkenswerter, als es vielen etatistisch gesonnenen Kapitalismuskritikern auffällt. Wotan ist nämlich in einer prekären Lage: Würde der Ring, den Fafner erbeutet hat (und den unheilbringend einzusetzen er offenbar zu phlegmatisch und zu beschränkt ist) wieder an den zum Todfeind Wotans gewordenen Alberich fallen, so wäre das Ende der Götter besiegelt. Andererseits ist der Ring Teil des vertraglich vereinbarten Kaufpreises für Walhall. Er darf deshalb Fafner nicht so entwunden werden, dass Wotan dafür verantwortlich gemacht werden kann. Denn ein solch flagranter Vertragsbruch wäre gleichsam das ideelle Ende der Götter.

In dieser vertrackten Lage setzt Wotan in „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ einen komplexen Apparat von (zum Teil eigens von ihm gezeugtem) Personal mit der Hoffnung in Bewegung, dass jemand aus freien Stücken Fafner den Ring abnimmt und ihn in Wotans Hände gelangen lässt, ohne dass Wotan selbst als der Urheber dieser Tat gelten müsste. Die unglückliche Liebe des Zwillingspaars Siegmund und Sieglinde, die Zeugung Siegfrieds und die Rolle, die die Wotanstochter Brünnhilde in deren Biografien spielt – sie sind alle Ausgeburten des göttlichen Plans zur „schuldlosen“ Rückgewinnung des Rings.

Die daraus entstehenden Verwicklungen sind bekannt: Wotan scheitert grandios. So ingeniös auch alle seine Maßnahmen angelegt sind – keine der Personen spielt exakt die ihr im Drehbuch des Göttervaters zugedachte Rolle. Das autonome Wollen der als bloße Spielfiguren angelegten Menschlein und Halbgötter erzeugt ständig unintended consequences, und selbst Wotans mehrfaches, direktes Intervenieren in den Spielverlauf führt trotz aller aufgebotenen Gottesmacht nicht zu dem gewünschten Ziel.

Was am Ende der „Götterdämmerung“ untergeht, ist nicht der vorgeblich durch Geldgier definierte Kapitalismus. Die – gelegentlich sogar inszenierte – Gleichung von Walhall und Wall Street ist nur ein müder, substanzloser Gag. Was tatsächlich untergeht, ist der in Wotan verkörperte Machbarkeitswahn des Gesellschaftsplaners, der glaubt, mittels positiver und negativer Anreize das seinem unmittelbaren Zugriff entzogene Wollen autonomer Personen in ihm genehme Bahnen lenken zu können.

Wotans Debakel ist umso eindrucksvoller, als er nicht – wie moderne Sozialingenieure – ganze Massengesellschaften, sondern nur eine Handvoll Protagonisten zu lenken versucht. Dass Wotans planwirtschaftliche Ambitionen letztlich aus dem Bemühen hervorgegangen sind, sich aus Verantwortung und Haftung für den von ihm angezettelten, wirtschaftlich ruinösen Bau der Götterburg zu stehlen, macht ihn eher einem Politiker ähnlich als jemandem, der sich den Gesetzen des Kapitalismus unterwirft.

Kurzum: Alle Übel, die für die Handlung des „Rings“ konstitutiv sind, sind nicht nur nicht dem Kapitalismus geschuldet, sondern – umgekehrt – der Verletzung all seiner Tugenden. Die an Wagners Helden angebrachte Kritik müsste daher vor allem diejenigen Prinzipien preisen, die den wahrhaften Kapitalismus auszeichnen: Gewaltfreiheit, Freiwilligkeit der Kooperation, Eigentumsschutz und Vertragstreue. Die kläglich misslingenden Versuche Wotans, die Resultate gesellschaftlicher Interaktion interventionistisch nach seinem Gusto zu gestalten, bilden schließlich die Kulisse einer Freiheit, die über alle anmaßenden Anläufe triumphiert, sie einem zentralen Wollen unterzuordnen.

Es gibt keinen triftigen Grund, das jährlich wiederkehrende Ritual aufzugeben, über Wagners „Ring“ öffentlich zu räsonieren. Die Stichworte „Kapitalismus“ und „Freiheit“ können dabei nicht nur die Rolle von zentralen gedanklichen Leitmotiven übernehmen, sie können – recht verstanden – vermutlich sogar für mehr Aktualität sorgen, als es manchem kapitalismuskritischen Feuilletonisten lieb sein dürfte.

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