- Die Kuh deine Freundin und Helferin
Der Kulturwissenschaftler Florian Werner entdeckt die Kuh in der menschlichen Geschichte. Der Schriftsteller David Foster Wallace leidet mit dem Hummer im Kochtopf. Und der Philosoph Reinhard Brandt fragt, ob Tiere denken
In «Cows with Guns», einem Lied des
amerikanischen Folksängers Dana Lyons, greifen Rinder zu den
Waffen. Che Guevara weist ihnen den Weg. Nach der Lektüre
einschlägiger Revolutionsliteratur führt ein junger Stier die
Seinen in den Aufstand gegen Schlachthöfe und «McDonald’s».
Wirkliche Rinder tun so etwas nicht. Sie respektieren schon die
Autorität von Zäunen, die sie mühelos niedertrampeln könnten. Sie
begnügen sich mit Menüs aus Gras, Gras und noch mal Gras. Denn die
Kuh ist «eine Zivilistin», wie der Kulturwissenschaftler Florian
Werner in seiner Würdigung dieser Wiederkäuerin schreibt, unter dem
hübschen Titel «Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung».
Kühe leben seit den frühesten Zivilisationen
an der Seite des Menschen, und so lässt sich eine Fülle
überraschender Fakten über sie versammeln – zum Beispiel, dass das
Gesamtgewicht der heute lebenden Rinder das von uns Menschen um
mehr als das Doppelte übersteigt. Dass die Dauer der Tragezeit
einer Kuh ungefähr derjenigen der menschlichen Schwangerschaft
gleicht und ihre Geburtswehen schon Dichter zum Dichten animiert
haben. Dass Hirtenvölker Kälberpuppen aufstellen, um die Kuh
ihrerseits zum Milchgeben zu animieren. Dass zum selben Zweck
europäische Landwirte Luft in die Vulva der Kuh blasen. Dass
Sodomie mit Kühen jahrhundertelang das häufigste Sexualdelikt in
einigen Gegenden der Schweiz war. Oder dass die Kuh in Indien erst
seit dem Mittelalter so richtig heilig ist. Seit Jahrtausenden allerdings ist sie in
Prosa und Dichtung präsent. Ovid, Achim von Arnim und Clemens
Brentano, Heinrich Heine und Bertolt Brecht: Wer in der
Literaturgeschichte Rang und Namen hat, hat sich, scheint es, mit
der Kuh befasst. Meist war das Tier dabei eine Metapher für den
Menschen, zum Beispiel für seine – bewundernswerte oder viel zu
große – Duldsamkeit. Der antikolonialistische Schriftsteller Amos
Tutuola (1920–1997) erzählte einst die Geschichte der
transatlantischen Sklaverei anhand einer Hauptfigur, die in eine
Kuh verwandelt und von den Menschen fast verspeist wird.
Popkultur und Werbung spielen immer wieder
mit Analogien zwischen dem Sex-Appeal der Kuh – genauer: ihres
Euters – und der Brust der Menschenfrau. Das altertümliche
Kompliment an die kuhäugige Schönheit hat dagegen an Charme
eingebüßt; der Blick der Kuh wird heute mit Glotzen und Glubschen
assoziiert.
Die Kuh mit Haut und
Haaren bleibt versteckt Überhaupt sinkt der Charme der Kuh für den
Menschen, so lautet eine These Florian Werners, je mehr sie im Zuge
der Geschichte zur Ware herabgewürdigt wird: zum industrialisierten
Selbstbedienungsladen. An der Sympathie des Autors für seinen
Gegenstand ist nicht zu zweifeln, und doch: Seine Liebe zu Wort und
Text ist letztlich größer. So viele Fakten und Geschichten trägt er
über die Kuh zusammen, aber wieviel mehr hat er dabei verschwiegen!
Wir erfahren, dass ein Viertel der Landmasse der Erde für die
Versorgung der Rinder mit Gras und Getreide beansprucht wird –
nicht aber, wie wenig Raum den Tieren selbst bleibt. Wir lesen,
dass die Milchleistung heutiger Hochleistungskühe mehr als 25-mal
so hoch ist wie bei Rindern zu Anfang des 19. Jahrhunderts – aber
nicht, dass die meisten Milchkühe der Gegenwart deswegen unter
chronischer Euterentzündung leiden. Nur ein Nebensatz erinnert
daran, dass das Kalb von dieser Milchmenge nichts hat: Es wird –
seiner Mutter am Tage der Geburt entrissen – mit Kunstmilch
aufgezogen.
In Jeremy Rifkins atemberaubender
Darstellung des «Imperiums der Rinder» von 1992 erschien die Kuh
als Instrument eines mächtigen ökonomischen Systems, das letztlich
Mensch, Natur und Tiere gleichermaßen unterdrückt. Im Vergleich
damit nimmt sich Florian Werners neues Buch zwar freundlich, aber
auch etwas verstaubt aus. Die kulturhistorische Herangehensweise,
die in den vergangenen Jahrzehnten so viel über die Funktionsweisen
von Rassismus und Sexismus enthüllt hat, scheint bei der Kuh an
ihre Grenzen zu stoßen. Kreisen die Kulturwissenschaften (mit all
ihren so fortschrittlichen Werkzeugen aus Ideengeschichte,
Poststrukturalismus oder Psychoanalyse) am Ende doch immer nur um
den Menschen? Bleibt das sprachlose Tier hier notwendigerweise ohne
Stimme? Selbst dort, wo Florian Werner zeigt, dass die Kuh den
Menschen Metapher und Projektionsfläche, ja, eine «Gefangene» ist,
hat man den Eindruck, das Rind mit Haut und Haaren trete nur selten
hinter der menschlichen Leinwand hervor.Wie ein Mensch, der an der
Dachrinne hängt Dem Tier
Aug in Aug entgegenzutreten, zieht jedenfalls nicht zwangsläufig
nach sich, dass sich der Betreffende von seinem Gegenüber auch
affizieren lässt. «Früher war ich Fleischer, da hab ich täglich 800
Tieren das Leben ausgeblasen», schrieb kürzlich jemand in einem
Internet-Forum für Nutztierfreunde. Manchmal allerdings genügt ein
Erlebnis, um einen moralischen Schock auszulösen, eine Entwicklung
ins Rollen zu bringen, die nicht mehr nach Belieben zu stoppen ist.
So erging es dem 2008 verstorbenen amerikanischen Schriftsteller
David Foster Wallace. Vor einigen Jahren schickte ihn die
Zeitschrift «Gourmet. The Magazine of Good Living» zum
alljährlichen Hummerfest nach Neuengland. Vorher, schreibt er, habe
er sich über Hummer keine Gedanken gemacht. «Da ich aber im Rahmen
meines Auftrags mehrere Tage lang auf jenem kollektiven
Hummergelage zugebracht habe, drängen sich gewisse Fragen fast
zwangsläufig auf.» Fragen nach der Vertretbarkeit von Schmerz und
Leid, die der Feinschmecker einem zu verzehrenden Tier
zufügt.
In Freiheit können Hummer bis zu
hundert Jahre alt werden; wenige schaffen es. Sind sie erst einmal
gefangen, verbringen sie Tage und Wochen ohne Nahrung in Kisten zum
Überseetransport. In Feinschmecker-Restaurants oder eben bei einem
solchen Gelage werden sie ohne vorherige Betäubung vom Leben in den
Tod gekocht. David Foster Wallace hat sich diesen Anblick nicht
erspart: «Will man den Hummer aus der Verpackung direkt in den Topf
schütten, kriegt man ihn häufig gar nicht erst heraus, so heftig
klammert er sich daran fest. Auch versucht er mitunter, sich am
Rand des Topfes aus der Gefahr zu ziehen – wie ein Mensch, der an
einer Dachrinne hängt.» Später ist zu hören, wie die Scheren an der
Topfwand kratzen. «Ich denke, man muss seine Vernunft schon nach
allen Regeln der Rabulistik verbiegen, um im letzten Kampf des
Hummers … etwas anderes zu sehen als ein Martyrium.»
Schon einmal war Foster Wallace von einer
Zeitschrift auf Reisen geschickt worden, mit einem Kreuzfahrtschiff
nämlich, und dieser Kreuzfahrt verdanken wir den humorvollen
Bericht «Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich» (1997).
Darin vermaß Wallace Menükarten, Mitreisende und Bullaugen,
versuchte herauszufinden, wie das Schokoladentäfelchen aufs
Kopfkissen kommt, und spottete nach allen Regeln der Kunst nicht
zuletzt über sich selbst, der er sich so schnell
ans Luxusleben gewöhnte. Bei seiner Hummer-Reportage dagegen
bleibt Autor und Leser das Lachen im Halse stecken. Selten einmal
gewinnt die komische Seite die Oberhand – sei es, wenn der Autor
den Souvenirhandel beschreibt («Hummerfiguren nach Art der
Wackeldackel, aufblasbare Hummertiere fürs Schwimmbad, rote
Hummermützen»), sei es, wenn er über die Kühlboxen der Besucher
spottet, «die dauernd den Mittelgang blockieren», oder über «das
groß angekündigte Finale der Wahl zur Meeresgöttin, das sich als
elend zähe Prozedur voller Danksagungslitaneien an die lokalen
Sponsoren erweist». Zu solchen Gelegenheiten erlaubt sich der
Autor, in seine Trickkiste voller Wortwitz zu greifen.
Doch sogleich holt ihn die elende Realität
des Hummers wieder ein. Das Büchlein hat in der deutschen Ausgabe
nicht mehr als hundert Seiten, doch lange vor dem Schluss gibt der
Autor das Vorhaben einer runden, eleganten Reportage auf. Ja, man
hat sogar den Eindruck, er enthält sich willentlich jedes Bemühens,
Herr über den Text zu bleiben; vielmehr gibt er sich allen Skrupeln
und Fragen hin, die die Begegnung mit dem Hummer aufwirft. Er
beschäftigt sich mit der erwähnten Rabulistik, der Wortverdreherei,
die den Schmerz des Hummers leugnen will, er denkt über Praktiken
der Schweinemast nach, fragt sich, ob er seinen Lesern zu viel
zumute – und mutet ihnen dann noch mehr zu: «Denken Sie manchmal
über den Wert eines Tierlebens nach – falls dieser Wert überhaupt
existiert?» Er wolle niemanden in eine bestimmte Richtung drängen,
betont Wallace, die Antwort interessiere ihn tatsächlich. Am Ende
entlässt er den Leser abrupt mit mehr und grundsätzlicheren Fragen,
als er beantworten kann oder will. Und genau damit wühlt er stärker
auf als mit jeder Reportage, die in einen
geschmeidig formulierten Schluss mündete.
Denkt die Katze vor dem Mauseloch? Der Seitenhieb gegen die allzu kleinmütige Rabulistik wird besonders den Leser erheitern, der die philosophische Debatte über Geist, Wahrnehmung und Subjektivität des Tiers in den letzten Jahrzehnten verfolgt hat. In der ideologischen Landschaft dieses Räsonierens verhält es sich nämlich so, dass diejenigen, die den Menschen zu mehr Sensibilität gegenüber dem Tier aufrütteln wollen, unermüdlich Beispiele für dessen Denkfähigkeit anbringen. Umgekehrt entpuppen sich diejenigen, die dem Tier die Fähigkeit zu denken absprechen, meist als Erben der alten Cartesianischen Vorstellung vom Tier als seelenloser Maschine: Sie verstehen das Tier als Leben bar jeden Bewusstseins.Eine überraschende Ausnahme stellt der Philosoph Reinhard Brandt mit seinem neuen Buch «Können Tiere denken?» dar. Brandt, emeritierter Marburger Professsor, ist vornehmlich für seine Forschungen zu Kant und Hume bekannt. Und so verwundert es zunächst, dass er sich plötzlich der Tiere annimmt; dass er vom «Tier als Fabrikware unserer Märkte» spricht, vom «Totschlagen des Lamms» oder vom «Seelenschmerz des Muttertieres, wenn ein Kalb geraubt wird» (wie es in der Fleisch- und Milchwirtschaft gang und gäbe ist). Noch mehr verwundert allerdings, welch klare Absage Brandt dennoch der Auffassung erteilt, dass auch Tiere denken könnten. Wenn man sich die skizzierten zwei Lager der Tierphilosophie vor Augen hält – die Tierfreunde sowie die neuen Cartesianer –, zählt Brandt zu keinem dieser beiden. Er bezweifelt weder Empfinden noch Seele noch Bewusstsein der Tiere. Und doch hängt er die Definition für bestimmte kognitive Leistungen so hoch, dass das Tier – wenn nicht auch so mancher Abiturient – geradezu zwangsläufig daran scheitern muss. «Tiere können denken», schreibt er, «wenn sie über die kognitive Möglichkeit des beliebigen, auch interessefreien Referierens auf etwas Objektives, der Bejahung und Verneinung im Spiel von Frage und Antwort und der Kenntnis des Wahr- und Falschseins ihrer mentalen Erzeugnisse verfügen.» An anderer Stelle fordert Brandt, darauf zu «achten, dass das Tier zu dem Nicht-da-Sein keinen Zugang durch ein verneinendes Urteil hat». Nun, wer hat das schon?, möchte man einwenden. Es scheint, als könne ein Lebewesen nur urteilen, annehmen oder davon ausgehen, dass etwas existiert, wenn es auch die abstrakte Vorstellung der Verneinung und des Nichts kennt. Ist das nicht zu viel verlangt? Kann man nicht bei einer vor dem Mause loch sitzenden Katze in einem weiten, aber berechtigten Sinne sagen, sie glaube, dass sich eine Maus darin befinde – selbst wenn diese Katze nie Heidegger lesen wird? Die unüberwindliche Kluft zum ganz Anderen Aufschlussreich sind Reinhard Brandts Schlusssätze. Hier enthüllt der Autor, dass es ihm in «Können Tiere denken?» nur am Rande um Tiere geht – und im Kern darum, das Denken und damit die menschliche Freiheit dem neuen Determinismus der Neurowissenschaften zu entwinden: «Wir konnten jedoch zeigen, dass dieses Denken weder das Produkt von Hirnwindungen noch die Eingebung eines Gottes sein muss. Für den Materialisten ist das alles unvorstellbar, aber daran ist er selbst Schuld.» Finis. Ein eigentümlich trotziger Schluss, den Fans kognitionswissenschaftlicher Experimente ins Gesicht geschleudert. Das Tier aber, zeigt sich im Rückblick, diente dem Kantianer Brandt hauptsächlich als die Folie, von der sich das Denken des Menschen positiv abheben sollte. Trotz allen Mitgefühls, das der Autor für Lamm und Kalb aufbringt, bewegt er sich als Denker in guter alter Tradition. Wie die Früheren so erhält auch er die «Kluft» zwischen Mensch und Tier aufrecht. Ist das Tier nun also das ganz Andere des Menschen? Ist die Kluft so groß, dass moralisch irrelevant ist, was auf der anderen Seite passiert? Weder Reinhard Brandt noch David Foster Wallace noch Florian Werner sprechen Tieren ab, eigenständige Wesen mit Willen und Freude und Schmerz zu sein. Und keiner der Autoren versucht, die daraus entstehende Verantwortung abzulehnen. Die moralischen Imperative bleiben allerdings verhalten. Brandt kleidet sie in gelegentlich drastische Bilder, Foster Wallace in eine Kaskade grundsätzlicher Fragen. Und Florian Werner umschreibt Nietzsche, offenbar mit Sympathie: «Wenn der Mensch seit Jahrhunderten immer wieder mit Kühen verglichen wurde …, dann ist es höchste Zeit, die Kühe wie Menschen zu behandeln. Oder besser noch: sie zu behandeln, wie Menschen idealerweise behandelt werden sollten. Und wenn nun ein menschliches Ideal darin besteht, in Freiheit zu leben – dann muss der Mensch wohl notgedrungen die Kühe, die seit Jahrtausenden seine Gefangenen waren, freilassen.»
Hilal Sezgin lebt als freie Autorin und Kritikerin in der Lüneburger Heide. Zuletzt erschien (gemeinsam mit Nasr Hamid Abu Zaid) «Mohammed und die Zeichen Gottes. Der Koran und die Zukunft des Islams» Florian Werner Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung Nagel & Kimche, Zürich 2009. 240 S., 19,90 € David Foster Wallace Am Beispiel des Hummers Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay. Arche, Hamburg 2009. 96 S., 12 € Reinhard Brandt Können Tiere denken? Ein Beitrag zur Tierphilosophie Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009. 164 S., 10 € Jeremy Rifkin Das Imperium der Rinder. Der Wahnsinn der Fleischindustrie Aus dem Amerikanischen von Waltraut Götting. Campus, Frankfurt a. M. 2001. 291 S. (antiquarisch erhältlich)
Denkt die Katze vor dem Mauseloch? Der Seitenhieb gegen die allzu kleinmütige Rabulistik wird besonders den Leser erheitern, der die philosophische Debatte über Geist, Wahrnehmung und Subjektivität des Tiers in den letzten Jahrzehnten verfolgt hat. In der ideologischen Landschaft dieses Räsonierens verhält es sich nämlich so, dass diejenigen, die den Menschen zu mehr Sensibilität gegenüber dem Tier aufrütteln wollen, unermüdlich Beispiele für dessen Denkfähigkeit anbringen. Umgekehrt entpuppen sich diejenigen, die dem Tier die Fähigkeit zu denken absprechen, meist als Erben der alten Cartesianischen Vorstellung vom Tier als seelenloser Maschine: Sie verstehen das Tier als Leben bar jeden Bewusstseins.Eine überraschende Ausnahme stellt der Philosoph Reinhard Brandt mit seinem neuen Buch «Können Tiere denken?» dar. Brandt, emeritierter Marburger Professsor, ist vornehmlich für seine Forschungen zu Kant und Hume bekannt. Und so verwundert es zunächst, dass er sich plötzlich der Tiere annimmt; dass er vom «Tier als Fabrikware unserer Märkte» spricht, vom «Totschlagen des Lamms» oder vom «Seelenschmerz des Muttertieres, wenn ein Kalb geraubt wird» (wie es in der Fleisch- und Milchwirtschaft gang und gäbe ist). Noch mehr verwundert allerdings, welch klare Absage Brandt dennoch der Auffassung erteilt, dass auch Tiere denken könnten. Wenn man sich die skizzierten zwei Lager der Tierphilosophie vor Augen hält – die Tierfreunde sowie die neuen Cartesianer –, zählt Brandt zu keinem dieser beiden. Er bezweifelt weder Empfinden noch Seele noch Bewusstsein der Tiere. Und doch hängt er die Definition für bestimmte kognitive Leistungen so hoch, dass das Tier – wenn nicht auch so mancher Abiturient – geradezu zwangsläufig daran scheitern muss. «Tiere können denken», schreibt er, «wenn sie über die kognitive Möglichkeit des beliebigen, auch interessefreien Referierens auf etwas Objektives, der Bejahung und Verneinung im Spiel von Frage und Antwort und der Kenntnis des Wahr- und Falschseins ihrer mentalen Erzeugnisse verfügen.» An anderer Stelle fordert Brandt, darauf zu «achten, dass das Tier zu dem Nicht-da-Sein keinen Zugang durch ein verneinendes Urteil hat». Nun, wer hat das schon?, möchte man einwenden. Es scheint, als könne ein Lebewesen nur urteilen, annehmen oder davon ausgehen, dass etwas existiert, wenn es auch die abstrakte Vorstellung der Verneinung und des Nichts kennt. Ist das nicht zu viel verlangt? Kann man nicht bei einer vor dem Mause loch sitzenden Katze in einem weiten, aber berechtigten Sinne sagen, sie glaube, dass sich eine Maus darin befinde – selbst wenn diese Katze nie Heidegger lesen wird? Die unüberwindliche Kluft zum ganz Anderen Aufschlussreich sind Reinhard Brandts Schlusssätze. Hier enthüllt der Autor, dass es ihm in «Können Tiere denken?» nur am Rande um Tiere geht – und im Kern darum, das Denken und damit die menschliche Freiheit dem neuen Determinismus der Neurowissenschaften zu entwinden: «Wir konnten jedoch zeigen, dass dieses Denken weder das Produkt von Hirnwindungen noch die Eingebung eines Gottes sein muss. Für den Materialisten ist das alles unvorstellbar, aber daran ist er selbst Schuld.» Finis. Ein eigentümlich trotziger Schluss, den Fans kognitionswissenschaftlicher Experimente ins Gesicht geschleudert. Das Tier aber, zeigt sich im Rückblick, diente dem Kantianer Brandt hauptsächlich als die Folie, von der sich das Denken des Menschen positiv abheben sollte. Trotz allen Mitgefühls, das der Autor für Lamm und Kalb aufbringt, bewegt er sich als Denker in guter alter Tradition. Wie die Früheren so erhält auch er die «Kluft» zwischen Mensch und Tier aufrecht. Ist das Tier nun also das ganz Andere des Menschen? Ist die Kluft so groß, dass moralisch irrelevant ist, was auf der anderen Seite passiert? Weder Reinhard Brandt noch David Foster Wallace noch Florian Werner sprechen Tieren ab, eigenständige Wesen mit Willen und Freude und Schmerz zu sein. Und keiner der Autoren versucht, die daraus entstehende Verantwortung abzulehnen. Die moralischen Imperative bleiben allerdings verhalten. Brandt kleidet sie in gelegentlich drastische Bilder, Foster Wallace in eine Kaskade grundsätzlicher Fragen. Und Florian Werner umschreibt Nietzsche, offenbar mit Sympathie: «Wenn der Mensch seit Jahrhunderten immer wieder mit Kühen verglichen wurde …, dann ist es höchste Zeit, die Kühe wie Menschen zu behandeln. Oder besser noch: sie zu behandeln, wie Menschen idealerweise behandelt werden sollten. Und wenn nun ein menschliches Ideal darin besteht, in Freiheit zu leben – dann muss der Mensch wohl notgedrungen die Kühe, die seit Jahrtausenden seine Gefangenen waren, freilassen.»
Hilal Sezgin lebt als freie Autorin und Kritikerin in der Lüneburger Heide. Zuletzt erschien (gemeinsam mit Nasr Hamid Abu Zaid) «Mohammed und die Zeichen Gottes. Der Koran und die Zukunft des Islams» Florian Werner Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung Nagel & Kimche, Zürich 2009. 240 S., 19,90 € David Foster Wallace Am Beispiel des Hummers Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay. Arche, Hamburg 2009. 96 S., 12 € Reinhard Brandt Können Tiere denken? Ein Beitrag zur Tierphilosophie Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009. 164 S., 10 € Jeremy Rifkin Das Imperium der Rinder. Der Wahnsinn der Fleischindustrie Aus dem Amerikanischen von Waltraut Götting. Campus, Frankfurt a. M. 2001. 291 S. (antiquarisch erhältlich)
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