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() Olof Palme sammelt für Spaniens Freiheit
Im Olof-Palme-Krimi fehlt noch immer das letzte Kapitel

Vor 25 Jahren wurde Olof Palme auf offener Straße ermordet. Bis heute ist der Täter nicht gefunden. Nach und nach aber fangen die Schweden an, sich nicht allein mit dem Opfer, sondern auch mit dem politischen Erbe Palmes zu befassen.

Mona Sahlin sitzt in ihrem Büro in der Stockholmer Altstadt. Im September des vergangenen Jahres scheiterte die Vorsitzende der schwedischen Sozialdemokraten bei dem Versuch, ihre Partei wieder an die Macht zurückzuführen. Wenige Wochen später kündigte sie an, im Laufe des Frühjahrs 2011 werde sie von ihrem Amt zurücktreten. Ein wenig wirkt die Umgebung nun wie eine Zustandsbeschreibung der Partei. Sahlins Büro ist noch bewohnt, aber längst nicht mehr belebt. Im Vorzimmer verwaltet eine einzelne Sekretärin die verbleibenden Termine, Sahlins Sprecherin ist auf der Suche nach einem neuen Job. Die Gänge draußen sind gespenstisch verwaist. Andernorts in der Stockholmer Innenstadt quillen die Gänge schier über. Mehr als 3600 Aktenordner füllen das Archiv der schwedischen Polizei im Mordfall Olof Palme, rund 60 Millionen Euro haben die Ermittlungen in den vergangenen 25 Jahren gekostet. Seit 1998 werden diese von Stieg Edqvist, der seinerzeit von einer Tätigkeit am Haager Kriegsverbrechertribunal nach Stockholm zurückkehrte, geleitet. Inzwischen, sagt er, ist der Fall der größte in der Geschichte, umfassender als die Untersuchung des Mordes an John F. Kennedy bzw. des Terroranschlages von Lockerbie. Und dennoch haben die Ermittler nach wie vor keine heiße Spur. „Die ganze Welt ist in den Fall involviert“, konstatiert Stieg Edqvist nüchtern. „Palme hatte zu tun mit dem Iran-Irak-Krieg, war ein Kritiker Südafrikas, spielte eine Rolle in einem Waffengeschäft mit Indien. Dieser Fall beinhaltet alle erdenklichen Szenarien, es gibt Spuren, die auf die Geheimdienste aller Herren Länder hindeuten. Und wie bitte will man heute ermitteln, welche Operationen beispielsweise der südafrikanische Geheimdienst in der Zeit des Apartheidregimes durchgeführt hat?“ Edqvist ist der vierte Chefermittler im Mordfall Palme. 13 Berufsjahre hat er dem Attentat gewidmet. Inzwischen weiß er, dass Olof Palme auf 22 Todeslisten verschiedener Staaten stand. Edqvist weiß aber auch, dass seine Vorgänger gravierende Fehler zu verantworten haben – Fehler, die die parlamentarische Untersuchungskommission Ende der 1990er Jahre ausdrücklich kritisierte, Fehler vor allem, die wohl dazu geführt haben, dass man den Mörder Palmes aller Wahrscheinlichkeit nie mehr finden wird. „Die Fahndung in der Mordnacht war eine einzige Katastrophe“, sagt Gunnar Wall, Autor preisgekrönter Bücher über den Fall Olof Palme.“ Und dieses Chaos setzte sich fort während des gesamten ersten Jahres, als Hans Holmér die Untersuchung leitete. Nach außen hin erweckte dieser den Anschein eines sehr effektiven und dynamischen Ermittlers, tatsächlich aber verantwortete er einen grotesken Fehler nach dem anderen.“ Wenn auch widerwillig, so haben sich die Schweden also abgefunden mit der Tatsache, dass das wohl größte Verbrechen in der jüngsten Geschichte des Landes ungesühnt bleiben wird. Es ist genauso frustrierend, scherzt der Publizist Göran Greider, als wenn man einen dicken Krimi liest, bei dem das letzte Kapitel fehlt. Vielleicht aber hat diese Tatsache auch ihr Gutes. Denn jahrelang verstellte das Hin und Her um die Ermordung Palmes den Blick auf sein politisches Wirken. Immer mehr aber beginnen die Schweden, sich just dieser Frage zu widmen und sich mit dem politischen Erbe ihres charismatischen Regierungschefs auseinanderzusetzen. Just Göran Greider veröffentlicht in diesen Tagen ein Buch mit dem vielsagenden Titel Niemand kommt um Olof Palme herum, indem er den Unterschied Palmes zum Format der heutigen Politikern hervorhebt. Gewiss, unterstreicht Greider, Palme habe das Handwerk der Politik nach allen Regeln der Kunst beherrscht, habe seine Ziele mitunter brutal und rücksichtslos verfolgt, habe aber eben auch die Eigenschaft gehabt, Visionen zu formulieren und viele Menschen mitzureißen: „Wir alle haben ein politisches Wesen in uns, das sich danach sehnt, Teil eines größeren Ganzen zu sein und nicht nur eigene Interessen zu verfolgen.“ Vor allem aber, so Greiner, habe Palme in den entscheidenden Momenten stets das Grundsätzliche über das Pragmatische gestellt, sich innenpolitisch wie auf internationaler Ebene für die Rechte der Schwachen eingesetzt. „Viele Bürger in den westlichen Gesellschaften werden sich wundern, warum Regierungschefs wie Obama, Merkel, Reinfeldt sich so schwer tun, die derzeitigen Revolutionen in Nordafrika zu unterstützen. Die Politik hat ihre ideenpolitischen Grundlagen verloren. Freiheit, Gleichheit, Demokratie, usw. sind lediglich Schimären. Stattdessen geht es um Handelsverbindungen, ums Geschäft.“ Vor diesem Hintergrund wundert es wenig, dass sich die derzeitige schwedische Regierungsspitze von Palme eher distanziert, als Kontinuitäten und Übereinstimmungen hervorzuheben. Der konservative Außenminister Carl Bildt, der sich als junger Abgeordneter in den 1980er Jahren heftige Wortgefechte mit dem sozialdemokratischen Regierungschef über die Bedrohung Schwedens durch sowjetische U-Boote lieferte, betont, Palme sei Teil einer vergangenen historischen Epoche. Sein Parteifreund, Ministerpräsident Frederik Reinfeldt, formuliert es noch schärfer: „In vielerlei Hinsicht steht Palme für Dinge, für die ich nicht einstehen kann. Er war ein Politiker der Konfrontation, er ideologisierte und trieb die Sozialdemokratie sehr stark nach links. Er spaltete die schwedische Gesellschaft, denn es gab viele, die seine Politik missbilligten.“ Lesen Sie im nächsten Teil über Olof Palmes Reformagenda, die größte, die ein Land je erlebt hat.

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