Kurz und Bündig - Inge Viett: Morengas Erben. Eine Reise durch Namibia

Der Ausbruch des so genannten «Herero-Aufstands» im da­maligen Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, jährte sich im Januar 2004 zum hunderts­ten Mal. Der Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama gilt vielen Historikern als der erste von Deutschen verübte Völker­mord. Vor einigen Jahren reichten Vertreter der Herero in den Vereinigten Staaten eine Reparationsklage gegen deutsche Firmen ein, die aller­dings abgewiesen wurde.

Der Ausbruch des so genannten «Herero-Aufstands» im da­maligen Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, jährte sich im Januar 2004 zum hunderts­ten Mal. Der Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama gilt vielen Historikern als der erste von Deutschen verübte Völker­mord. Vor einigen Jahren reichten Vertreter der Herero in den Vereinigten Staaten eine Reparationsklage gegen deutsche Firmen ein, die aller­dings abgewiesen wurde. Im­mer­hin: bei einem Staatsbesuch in Namibia entschuldigte sich un­längst Entwicklungshilfe-Mi­nisterin Heidi Wieczorek-Zeul im Namen der Bundesregierung öffentlich für das von
den Deutschen begangene Verbrechen. Das Jubiläum bot überdies Anlass für zahlreiche Berichte in den Medien. Da durfte so manche wissenschaft­liche und literarische Publi­kation mit erhöhter Aufmerksamkeit rechnen. Auch Inge Viett, die als Mitglied der «Bewegung 2. Juni» und der RAF traurige Bekanntheit erlang-­
te, ist auf die­sen Nami­bia-Zug gesprungen. Ihr Büch­lein, ein «Bericht über eine aufregen­de Reise zu sozialen Brennpunkten und durch eine wunderschöne Landschaft», ist allerdings ein großes Ärgernis. In ihrer mit sozialkritischem Gestus gepflegten Ignoranz, ih­rem Hang zu Stereotypen und ihrer häufig frappanten Un­kenntnis der historischen und aktuellen Gegebenheiten ähnelt Viett in bedrückender Weise den Autoren aus der Kolonialzeit. Sie trägt ihr dicho­tomisches Denken an alles und jeden heran und übersieht auf diese Weise die Komple­xi­täten der namibischen Gesellschaft. So ist sie enttäuscht, dass sie keinen «tollen 1. Mai in einem befreiten Namibia» erleben darf, den sie sich als «kämpferisch, musikalisch, af­ri­kanisch» vorgestellt hat. Völ­lig unkritisch feiert sie die Ideologie des «Ubuntu». Südafrikanische Politiker behaupten gerne, Ubuntu stehe für afrikanische Lebenskraft und Gemeinschaftssinn, für die Überführung vermeintlicher Traditionen in eine moderne Sozialethik. Hinter dieser Ideologie verbirgt sich jedoch vor allem ein antidemokratischer Autoritarismus. Ferner plappert Viett die unter afrikanischen Diktatoren beliebte Behauptung nach, Demokratie und Rechtsstaat würden ir­gendwie nicht zu Afrika passen. Es überrascht wenig, dass sie zudem verkündet, die Kritik am namibischen Präsidenten Sam Nujoma sei lediglich das Resultat europäischer Vorurteile. Viett schreckt nicht einmal davor zurück, den zimbabwischen Diktator Robert Mugabe mit Nachdruck zu verteidigen. «Morengas Erben» ist ein gutes Beispiel dafür, dass Reisen
keineswegs bilden muss.

 

Inge Viett
Morengas Erben. Eine Reise durch Namibia
Edition Nautilus, Hamburg 2004. 128 S., 10,90 €

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