
- Zu Guttenberg eignet sich nicht zum Märtyrer – aber er wird uns fehlen
Seine Verehrer stricken schon an den Legenden um den Rücktritt des Verteidigungsministers. CSU-Chef Seehofer droht der Schwesterpartei CDU. Die Faszination für zu Guttenberg hat gute Gründe, aber gescheitert ist er nicht am deutschen Hang zum Mittelmaß, sondern nur an sich selbst.
So oft passiert es nicht, dass die BILD mit einem ganzseitigen Foto aufmacht. Mit dem Kiosk-Schocker, der sonst Papstwahlen und Jahrhundertkatastrophen vorbehalten ist, bindet die große Boulevardzeitung am Mittwoch das vorläufige Ende des aufregendsten, faszinierendsten und überraschendsten deutschen Politikstückes der letzten Jahre ab. Das Finale: „Verteidigungsminister Guttenberg. Der Rücktritt!“
Dass es soweit kam, war schlussendlich kaum mehr verblüffend. In Berlin jedenfalls konnte man bereits am Montag deutlich die Totenglöckchen über der Karriere des Verteidigungsministers bimmeln hören: Doktorvater Peter Häberle, der Guttenberg in Schutz genommen hatte, nun aber von inakzeptablen, „unvorstellbaren Mängeln“ sprach. Führende Unionspolitiker, die sich auf einmal öffentlich für Guttenberg schämten (Schavan), das Vertrauen in die Demokratie in Gefahr sahen (Lammert) oder sein Verhalten als weder „legitim“ noch „ehrenhaft“ schalten (Böhmer). Und als am Abend vor seinem Rücktritt die neue Biographie des Ministers im Berliner Hotel Adlon vorgestellt wurde, debattierte man das „Phänomen Guttenberg“, als wäre es bereits Geschichte, und die Buchvorstellung in Wahrheit ein Requiem.
Auch mit der praktisch vorbehaltlosen Unterstützung der Verlagshäuser Springer und Burda, und der Liebe des kleinen Mannes im Rücken: Guttenbergs Schritt war alternativlos. Ganz gleich, wie die verhängnisvolle Arbeit tatsächlich entstanden sein mag: Man kann sich angesichts der schieren Menge an Plagiaten keine Deutung mehr vorstellen, unter der er sein Amt hätte halten können. Guttenberg selbst hatte sein Pulver verschossen, während die Medien ein Feuerwerk nach dem nächsten zündeten, und erstaunlicherweise bis zum Schluss keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigten. Allen voran nicht etwa die linksliberale Presse, sondern ausgerechnet die FAZ, publizistische Speerspitze des Bildungsbürgertums, die in der medialen Aufarbeitung der Causa Guttenberg eine beispiellose Präzision und Beharrlichkeit an den Tag legte. Dazu das Wüten der Opposition und die Entrüstung der Akademiker – all das hätte auf Dauer niemand mit seiner Ehre vereinbaren können. Auch – oder besonders – keiner, dem man sie bereits abgesprochen hatte.
Und selbst wenn er geblieben wäre: Immer hätte der Stachel der Lüge im Gründungsmythos des großen Politikers gesteckt, immer wäre sein möglicher Aufstieg vom Schatten der ungesühnten Ursünde verdunkelt, und damit letztlich auch vereitelt worden.
Stattdessen also der konsequente Abgang, begleitet von einer geschmeidigen Abtrittsrede, die mancher schon als Empfehlung für einen zweiten Karriereanlauf in nicht allzu ferner Zukunft versteht. Und wenig überraschend auch, dass er bereits jetzt zum Märtyrer verklärt wird, von Menschen, die ihn verehrt haben, sich von ihm faszinieren ließen, und oft gute Gründe dafür hatten. Eifrig stilisieren seine Verehrer den Ex-Verteidigungsminister bereits jetzt zum Märtyrer, der im Felde unbesiegt und von den eigenen Leuten zu Fall gebracht worden sei.
„Wir wollen Guttenberg zurück“ fordert auf Facebook bereits über vierhunderttausendfach, wer zuvor schon „Gegen die Jagd auf Dr. Karl Theodor zu Guttenberg“ war. Auch der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer beteiligt sich an der Legendenbildung, wettert gegen die Schwesterpartei CDU und droht mit einem Nachspiel. Bildungsministerin Schavan und Parlamentspräsident Lammert wirft er vor, sie seien zu Guttenberg in den Rücken gefallen. BILD-Chefredakteur Kai Diekmann beklagt die „Kleinmütigen“ und „Neider“, die Guttenberg fallen ließen, sowie das „graue Mittelmaß an den Hebeln der Macht“, dass sich „vom Erfolg des Ausnahme-Politikers bedroht“ gefühlt habe. Er wird damit vielen aus der Seele sprechen. Auch jenen, die schon vor der Sarrazin-Debatte verachtend von der „Political Correctness“ der „Gutmenschen“ gesprochen haben, und Guttenberg heute als Opfer ihrer Spießigkeit begreifen.
Die überforderten Kleingeister gab es ohne Zweifel, auch unter den besonders lautstarken Buh-Rufern in Medien und Politik. Es gab die Guttenberg-Hasser mit Adelskomplex, und es gab die Sozialneider. Und sicher ist einer der Gründe, warum in Deutschland Magazinformate wie Vanity Fair oder Park Avenue gescheitert sind, der, dass wir uns – anders als zum Beispiel die USA – unfassbar schwer damit tun, große, erfolgreiche Menschen groß und erfolgreich sein zu lassen, sie dafür zu feiern, statt sie reflexartig wieder vom Sockel stoßen zu wollen. Und sicher war es ausgerechnet Guttenberg, der diese Dynamik für kurze Zeit außer Kraft gesetzt zu haben schien, und dessen Sturz ihre Existenz gleichzeitig für viele bestätigte.
Aber machen wir uns nichts vor: Ein Mann vom Kaliber eines Karl-Theodor zu Guttenbergs wird genau so wenig von den Medien erfunden, wie er von ihnen vernichtet werden kann. Und zu Boden gerissen haben ihn weder portierische Kleingeister, noch neidische Korinthenkacker. Der Unfall des Modells Guttenberg lag nicht an der Straße, sondern an einem schwerwiegenden Konstruktionsfehler. Die Schuld für seinen Sturz trägt er allein. Er musste zurücktreten, weil er, der bis zum letzten Satz seiner Abtrittsrede keine Gelegenheit ausließ, auf die eigene Tugendhaftigkeit hinzuweisen, am Ende als Lügner da stand.
Nun hat er sich also verabschiedet, der Mann, der in Deutschland das ausgelöst zu haben scheint, was die heimliche Flamme bei Teenagern auslöst: Seine schiere Präsenz hat die deutsche Politik funkelnd, aufregend, relevant erscheinen lassen. Und jetzt, wo er weg ist, ist es wieder ein bisschen deutscher, ein bisschen ernster, ein bisschen seriöser, aber eben für viele auch deutlich viel langweiliger geworden. Dies zeigt allein ein Blick auf seinen Nachfolger im Bundeskabinett. Freuen braucht sich darüber kaum einer. Für die Union, die ihr wichtigstes Zugpferd verloren hat, ist Guttenbergs Rücktritt eine ähnlich große Katastrophe wie für die Bundeswehr, die nun einem eingerissenen Altbau ohne Bauherren gleicht. Und selbst die Opposition wird vermutlich kaum etwas vom auch insgesamt beschädigten Ansehen der Politik haben. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens eine Partei von der Affäre profitiert: Guttenbergs Familie, für die er nun wieder Zeit hat. Solange, bis er zurückkehrt.
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