Sandra Hüller, Ronald Zehrfeld, Max Riemelt (v.l.) / X-Verleih AG

Film der Woche: „Zwei zu eins“ - „Ihr wolltet Kohl, nun habt ihr den Salat“

In „Zwei zu eins“ schmuggeln drei Freunde kurz nach der Währungsunion von 1990 wertlose DDR-Banknoten aus einem NVA-Lager. Um das Geld gegen D-Mark umzutauschen, entwickeln sie einen raffinierten Plan. Der anfängliche Jux wird zum subversiven Husarenstück in den Wirren der Nachwendezeit.

Autoreninfo

Ursula Kähler ist promovierte Filmwissenschaftlerin und arbeitete unter anderem am Deutschen Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt am Main. Sie veröffentlichte „Der Filmproduzent Ludwig Waldleitner“ (2007) und „Franz Schnyder. Regisseur der Nation“ (2020).

 

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Sobald ein Gegenstand „als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding“. So Karl Marx in dem berühmten 4. Abschnitt des 1. Kapitels von „Das Kapital“. Die Ware bekommt einen mystischen Wert, der nichts mit ihrem Arbeits- oder Gebrauchswert zu tun hat. Diese quasi-religiöse Überhöhung eines Produkts nennt Marx den Fetischcharakter der Ware. In Natja Brunckhorsts Krimikomödie „Zwei zu eins“ nutzen die Protagonisten diesen Fetischcharakter erfolgreich, um wertloses DDR-Geld in wertvolle Westmark umzuwandeln  – getreu der Marx‘schen Definition: „Kaufen um teurer zu verkaufen, (...) das ist die allgemeine Formel des Kapitals.“ Dem Kapitalismus wollen sie damit eins auswischen. Doch so ganz gelingt es ihnen nicht.

Die Handlung dieses Films spielt im Sommer 1990. In der noch existierenden DDR tragen die ersten Monate der Nachwendezeit anarchische Züge. Gesellschaftlich wie politisch sind sie ambivalent und fragil. Vieles liegt noch im Ungewissen. Und obwohl der Staat pleite, die Wirtschaft marode und die Arbeitslosenquote hoch ist, können sich viele Ostdeutsche des Zaubers des Neuanfangs nicht erwehren. Sie wünschen sich die Marktwirtschaft – und die D-Mark („Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr“). Entgegen dem Rat zahlreicher Wirtschaftsverbände und Experten leitete Kanzler Helmut Kohl zum 1. Juli die Währungsunion ein. Der Umtauschkurs betrug 1:1, für Beträge über 6000 DDR-Mark 2:1. Als „sehr fantastische Ideen“ bezeichnete damals Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl die geldpolitischen Pläne des Bundeskanzlers.

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Marianne Bernstein | Mi., 24. Juli 2024 - 20:39

Es ist schon interessant, dass vor allem Klamauk und die Dummheit der Ossis sich in diesen Filmen wiederfindet. An die Realität Runder Tische und der Treuhand (Attentat auf Roweder) oder auch das Ringen Kohls um die Wiedervereinigung oder die einsetzende Massenarbeitslosigkeit, die Entwertung von Abschlüssen und die allgemeine Unsicherheit sind offensichtlich kein Filmthemen.