Demokratie 4.0 - Der politische Frühling klopft an die Tür

Kolumne: Schöne Aussicht. 2016 war ein Jahr voller politischer Erschütterungen. Doch das muss nicht schlecht sein. Im Gegenteil: Wir erleben heute erste Anzeichen einer Wiederbelebung dessen, was früher eine lebendige demokratische Politiklandschaft war

Ein Mann mit einem Megafon protestiert gegen die Verfassungsreform von Italiens Ministerpräsident Renzi
Demokratisches Recht: Lautstarker Protest gegen die Verfassungsreform in Italien / picture alliance

Autoreninfo

Matthias Heitmann ist freier Publizist und Autor des Buches „Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens“ (TvR Medienverlag Jena 2015). Im Januar 2017 ist sein neues E-Book „Zeitgeisterjagd SPEZIAL: Essays gegen enges Denken“ erschienen. Infos zum Download unter www.zeitgeisterjagd.de.

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Matthias Heitmann

Das Jahr 2016 ist zweifellos ein Jahr großer Entscheidungen und auch großer Unsicherheiten und Verwerfungen. Im Juni haben die Briten in überraschender Eindeutigkeit für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union gestimmt. Und nicht nur dort verschaffen sich die EU-kritischen Stimmen Gehör: Beinahe in allen Staaten der Union ist Europa zu einem Thema politisch kontroverser und handfester Auseinandersetzungen geworden – und zwar nicht nur in radikalen Kreisen, sondern in der breiten Öffentlichkeit. Dabei ist auch deutlich geworden, dass die Konfliktlinien nicht zwischen den nationalen Eliten und „denen in Brüssel“ verlaufen, sondern zwischen den nationalen Regierungen mitsamt den großen Medien auf der einen und großen Teilen der Bevölkerung auf der anderen Seite.

Dass gerade die immer wieder als verdrossen, minder gebildet oder nicht zukunftsfähig abgestempelten „Modernisierungsverlierer“ nach Jahren der Abstinenz nun wieder ihre Stimme erheben und in Wahlen abgeben, kann aus demokratischer Sicht nur begrüßt werden. Eine funktionierende Demokratie ist kein weich gepolsterter Ort der reinen Schönheit und der wohltemperierten Salonkultur. Sie ist ein Kampfplatz, an dem gegensätzliche Interessen klar formuliert und Konflikte mit harten Bandagen ausgetragen werden, an dem es kracht und quietscht, qualmt und stinkt, an dem man sich schmutzige Schuhe, zerrissene Hemden oder auch mal ein blaues Auge holt. Demokratie ist nicht schön, aber sie ist der produktivste Weg, um aus unterschiedlichen Dynamiken Energie für ein Gemeinwesen zu gewinnen und Fortschritte zu erreichen.

Lange so lebendig wie ein Fischstäbchen

Wir erleben heute erste Anzeichen einer Wiederbelebung dessen, was in der Vergangenheit einmal eine lebendige demokratische Politiklandschaft war. Seit vielen Jahren war „Politik“ in dieser dynamischen Form nicht existent und für viele Menschen ungefähr so lebendig wie ein Fischstäbchen: Man erahnt am Geschmack, dass es mal schwimmen konnte, aber Lust auf Meer macht es nicht. Doch spätestens seit dem Frühsommer 2016 bricht die Eisschicht auf, unter der das Politische so lange tiefgefroren schlummerte.

Das große Tauen hat eingesetzt: Hatte man bis gestern zwar kaum Halt, aber zumindest eine harte Oberfläche unter den Füßen, so ist nun der Untergrund schwierig, teilweise glitschig und schlammig. Und er riecht modrig, denn es wird auch vieles aufgetaut, was eigentlich schon lange das Zeitliche gesegnet hat. Aber auch das Übelriechende, das Gestrige und Rückwärtige hat seine Berechtigung, denn ohne dies kann nichts Neues entstehen. Genauso, wie Tauwetter tiefgefrorene Böden nicht automatisch in blühende Wiesen, sondern zunächst einmal in grau-braunen Morast verwandelt, so entstehen auch politische Landschaften – vorausgesetzt, die Prozesse des Stoffwechsels werden nicht künstlich unterbunden.

Angst vor Veränderung ist groß

Das politische Europa ist in einem solchen Zustand des Übergangs: Der Eispanzer der Alternativlosigkeit ist löchrig geworden, an einigen Stellen bricht er auf. Es zeigen sich erstaunliche und wenig dauerhafte Blüten, und es bilden sich morastige, unsichere Täler und Untiefen. Doch noch ist unklar, ob dies nur ein kurzes Frühlingserwachen ist. Denn es gibt Kräfte, die versuchen, den Automatismus des Tauens zu verhindern. Sie tun dies, indem sie alles, was nicht aus weißem Schnee oder klarem Eis besteht, als Dreck bezeichnen und die Werbetrommel rühren für die Schönheit, die Verlässlichkeit, die Sauberkeit und die Ruhe der politischen Eiswüste.

Die europäischen Verfechter des politischen Dauerfrosts sind damit nicht unerfolgreich: Ihr Einfluss fußt unter anderem darauf, dass die Zeiten der verordneten Alternativlosigkeit bereits so lang andauern, dass viele Menschen gar keine eigenen Erfahrungen mehr mit politisch lebendiger Wirklichkeit haben. Hier verfängt die Argumentation, derzufolge das Aufbrechen alter Strukturen und Denkweisen unweigerlich die Zerstörung Europas zur Folge hat. Viele wissen nicht, dass lediglich der Eispanzer zerbricht und das eigentliche Europa darunterliegt. Die schockierten Reaktionen vieler junger Briten auf das Ergebnis des Referendums offenbart, wie sehr sie Kinder der Alternativlosigkeit sind und wie fremd und bedrohlich die Erfahrung politischer Alternativen auf sie wirkt.

Das Paradoxe an der Entwicklung in Europa ist: Der politische Frühling klopft an die Tür, aber die Angst vor Morast und Unsicherheit, vor Veränderung und Wachstum ist so groß, dass viele gerade junge Menschen sich nicht trauen, ihre Iglus zu verlassen. Sie wünschen sich den politischen Winter zurück, bemalen die vereisten Wände ihrer Behausungen mit den buntesten Farben der Demokratie, erklären den Frühling zum Beginn einer apokalyptischen Klimaveränderung und behandeln diejenigen, die sich dennoch herauswagen, wie Verrückte, Minderbemittelte oder Ewiggestrige.

Widerstand, Zwist und offene Debattenkultur

Das Grandiose an der Menschheit aber ist, dass sie sich kontinuierlich verändert und entwickelt. Das kann niemand ganz verhindern, nicht einmal sie selbst. Die bemalten Wände des obrigkeitsstaatlichen Gebildes namens Europäische Union mögen noch so bunt verziert sein, irgendjemand kratzt immer am Lack. Und das sind oft gerade nicht die Nettesten, nicht die Sympathieträger und nicht die friedfertigen Schöngeister. Es sind die Querulanten und Einzelgänger, die intellektuellen Heckenschützen, die Sturköpfe und Besserwisser, die notorischen Nörgler und Rechthaber. Aber das, was sie tun, macht einen Unterschied. Diese Unterschiede zu verbieten, schützt vielleicht die Harmonie unserer Kleingeistigkeit, aber gleichzeitig mauern wir so die Tür zu, an die der Frühling klopft.

Wenn also die Repräsentanten des europäischen Establishments und die großen Medien uns unisono verkünden, dass diejenigen, die Regierungen ablösen wollen und sich gegen den Willen der Mächtigen stemmen, in Wirklichkeit Feinde der Demokratie und Feinde Europas sind, dann sollten wir uns vergegenwärtigen, dass es nichts Europäischeres gibt als Widerstand, demokratischen Zwist und eine offene Debattenkultur. Wenn der Ministerpräsident eines europäischen Landes Teile des bisher demokratisch gewählten Parlaments mit handverlesenen Technokraten besetzen will, dann ist dies einfach undemokratisch. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass dieser Italiener sowie ein Freund der Europäischen Union ist und Matteo Renzi heißt. Der Widerstand gegen eine solche Reform ist nicht nur demokratisches Recht, für manche sogar eine demokratische Pflicht – auch dann, wenn dieser Widerstand als „populistisch“ gebrandmarkt wird. Denn wer lieber mit Experten regiert anstatt mit Volksvertretern, der sollte aufhören, sich selbst Demokrat zu nennen und andere der Demokratiefeindlichkeit zu bezichtigen.

Es geht nicht um Ästhetik, sondern um Bewegung

Dasselbe gilt auch für Politik-Akteure, die zuerst die Menschen an die Urnen rufen, aber dann, wenn diese anders abstimmen als gewünscht, ihnen Dummheit und Verführbarkeit unterstellen, ihren Wahlentscheid anschließend uminterpretieren und zudem nach rechtlichen Tricks fahnden, um das Votum ganz zu umgehen. Es ist gut, wenn Menschen einer solchen Behandlung nicht zustimmen. Und es ist gut, wenn sie dies aus unterschiedlichen Gründen tun. Dass man Überzeugungen teilt, heißt nicht, dass man alle Überzeugungen miteinander teilen muss. Auch demokratische Praxis will gelernt und entwickelt werden.

Wer jahrelang stumm war, von dem sind nicht sofort kunstvoll gesungenen Arien zu erwarten. Schrille und schiefe Töne sind normal im Prozess der schrittweisen politischen Wiederbelebung. Aber das macht nichts, denn in der Demokratie geht es nicht um Ästhetik, sondern um Bewegung, Dynamik und Veränderung. Jahrelang haben wir genau das vermisst und über Stillstand und Lähmung geklagt. Jetzt gilt der großartige Satz aus dem Filmklassiker Und täglich grüßt das Murmeltier: „Alles, was anders ist, ist gut.“

Dieser Text ist der Auftakt zur Kolumne „Schöne Aussicht“, die Matthias Heitmann alle zwei Wochen für Cicero schreiben wird. Darin will er dem überwiegend „alternativlosen“ und pessimistischen Blick auf unsere Welt eine andere, positivere Sicht der Dinge zur Seite zu stellen.

Zu diesem Artikel gibt es eine Umfrage
Cicero arbeitet mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Civey erstellt repräsentative Umfragen im Netz und basiert auf einer neu entwickelte statistischen Methode. Wie das genau funktioniert, kann man hier nachlesen. Sie können abstimmen, ohne sich vorher anzumelden.
Wenn Sie allerdings  direkt die repräsentativen Ergebnisse – inklusive Zeitverlauf und statistische Qualität – einsehen möchten, ist eine Anmeldung notwendig. Dabei werden Daten wie Geburtsjahr, Geschlecht, Nationalität, E-Mailadresse und Postleitzahl abgefragt. Diese Daten werden vertraulich behandelt, sie sind lediglich notwendig, um Repräsentativität zu gewährleisten. Civey arbeitet mit der Hochschule Rhein-Waal zusammen.

Andreas Martin | So, 11. Dezember 2016 - 12:40

...es ginge hier um Russland. Aber das kann ja kaum sein, da ist der Eispanzer in Beton gegossen. Also Europa? Na, auch kein Wunder. Die europäische Einheit lässt sich eben nicht forcieren, das muss langsam zusammenwachsen. Und das wird es auch, wenn man nicht zu sehr versucht Druck auszuüben. Zwang führt nur zu Widerstand, also braucht es Geduld.

Nicolas Wolf | So, 11. Dezember 2016 - 12:52

Also ich freue mich schon jetzt was da alle zwei Wochen kommen wird; ein feiner Auftackt

Ist gehaltloser Idealismus à la 1968, also Optimismus ohne Grund, dessen Fundamentalismus sich in einem jovialem Glauben wiederfindet, gemeint ?

Wenn wir allerdings, erste Anzeichen erleben,: < was früher eine lebendige demokratische Politiklandschaft war >, ist mir ein Hyperion, der alle Kinder erschlug, die nicht die seinigen waren, nicht fern.
Demokratie ist und bleibt ein Mythos, dessen Bedeutung "natürlich" heutigem Interesse unterliegt.....Warten wir auf aufgeklärtere Zeiten.

Yvonne Walden | So, 11. Dezember 2016 - 13:00

Schön wäre es, wenn der politische Frühling an unsere Tür klopfen würde.
Wir Normalverbraucher haben da schon eher den Eindruck, als verfestige sich die herrschende Machtstruktur wie in einer beginnenden Eiszeit.
In regelmäßigen Abständen müssen wir durch die Presse erfahren, daß die Reichen permanent reicher werden, also der weltweite Reichtum erneut weiter gewachsen ist.
Auch unsere Wirtschaft wächst angeblich immer noch kontinuierlich, aber unten kommt so gut wie Garnichts davon an.
Eine wirkliche Demokratie sollte immer auch die Wirtschaftsdemokratie einschließen.
Die Oberen Zehntausend arbeiten nicht für ihre üppigen Einkommen, sondern leben von der Arbeit, die wir als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verrichten.
Würden die dabei erzielten Gewinne gerecht aufgeteilt, hätten auch wir etwas davon.
So aber fließen diese auf die Konten der schon Reichen und Superreichen.
Von "politischem Frühling" kann also noch längst keine Rede sein, denn diese Ungerechtigkeit besteht weiter.

Es tut mir leid, aber dieser Kommentar ist ziemlich populistisch. Hier wird der Eindruck erweckt, es ginge den Leuten in Deutschland immer schlechter und das Menschen mit hohen Einkommen nicht dafür arbeiten. Es wird darunter Leute geben, die zu wenig aus ihrem Einkommen versteuern, aber diese Leute tragen das allermeiste zur Einkommensteuer bei. Hier funktioniert Umverteilung sehr gut. "Gerechtigkeit" ist eine verbale Universalwaffe. Ein solcher Begriff ohne eine Bezugsgröße (z.B. Chancen oder Steuer) ist so sinnlos wie Wetter. Ich bin unbedingt FÜR Wetter. Was mit "Wirtschaftsdemokratie" gemeint ist, ist unklar. Ist es Planwirtschaft? Oder Volksabstimmungen über die Preise eines VW Golf? Was soll "demokratisch" bestimmt werden? Und bitte: Vergessen Sie nicht das andere Merkmal unserer Demokratie: Den Schutz von Minderheiten vor der Willkür der Mehrheit.

Wenn Hans J. Stellbrink unterstellt, mein Beitrag sei "ziemlich populistisch", erlaube ich mir im Gegenzug, ihn über den Kern einer "Wirtschaftsdemokratie" zu informieren.
Wir leben bekanntlich in einem "demokratischen Bundesstaat". Gleichzeitig ist in unserem Grundgesetz auch von einem "sozialen Rechtsstaat" die Rede.
Über die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wollten "die Väter und Mütter" dieses Grundgesetzes keine Festlegung treffen.
Tatsache ist jedoch, daß die Oberen Zehntausend durch den Einsatz ihres Kapitals einzig und allein bestimmen dürfen, während der ganz überwiegende Teil unserer Bevölkerung (Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer) lediglich ihre Arbeitskraft zu Markte tragen.
Und diejenigen, die zu den Superreichen im Lande zählen, stehen nicht vor der Notwendigkeit, selbst arbeiten zu müssen. Sie "lassen arbeiten".
Wirtschaftsdemokratie ist keine "Planwirtschaft", sondern die gerechte Teilhabe aller an der Erarbeitung des Sozialprodukts. Das wäre recht und billig.

Ich stimme ihnen zu.
Ich frage mich was wäre man das Geld der Reichen den sogenannten Armen geben würde.
Um wie viel wären die reicher.
Was hätten sie mehr und wie lange?
Oder würden dann die angeblich Reichen weniger arbeiten und alle hätten weniger?
Ungerechtigkeit beseitigen ohne dass jemand davon einen Nutzen hat ist nicht sinnvoll.
Vielleicht gibt es irgendwann ein System, das aus der Gleichverteilung einen Nutzen für alle macht. Im Moment sehe ich das nicht.

Wolfgang Richter | So, 25. Dezember 2016 - 15:54

In reply to by Hans Pagel

Es gibt ein anschauliches Experiment mit einem Glaszylinder und ihn füllenden bunten Kügelchen, das vor allem im Zusammenhang mit der Bevölkerungsexplosion in Afrika und Teilen Asiens anschaulich belegt, daß es mit einer entsprechenden Umverteilung niemanden spürbar wirtschaftlich besser geht, aber ein entsprechend größerer Teil an Bevölkerung zum schlechteren nach "unten" niveliert wird.
Im übrigen trifft dies nach meiner Meinung auch auf den Mindestlohn zu, der zu einem höheren Aufkommen an Steuern u. Soz.-Abgaben ind en Umverteilungs-kassen führt, aber real an der finanziellen Situation der Betroffenen nichts bessert.
Es ändert nur die Höhe oder ggf. den Wegfall durch Aufstockung mittels staatlicher Leistungen. Und es wird die Anerkennung von Arbeit qualifizierter Fachkräfte nach unten niveliert.

"Auch unsere Wirtschaft wächst angeblich immer noch kontinuierlich, aber unten kommt so gut wie Garnichts davon an." So pauschal kann man das nicht sagen. Es kommt schon "unten"an, aber dort spricht man nicht deutsch.

Teichmann, Andrea | So, 11. Dezember 2016 - 13:39

Klasse, Ihr Artikel ist einfach große Klasse, und es wäre wünschenswert, ihn dem einen oder anderen "Etablierten" mal vorzulesen, denn ich fürchte, selber lesen wollen "die selbsternannten elitären Alternativlosen" ihn eher nicht.

Christa Schreiber | So, 11. Dezember 2016 - 14:36

Wunderbare Kolumne, Herr Heitmann. Ich freue mich auf MEHR.
Es wird Zeit, sich dem demokratischen Stillstand und der Alternativlosigkeit entgegenzustellen. Zu viele satte Jahre haben uns gelähmt und bewegungslos gemacht. Damit ist es vorbei.

Bei den etablierten Politik-Akteuren ist das noch nicht angekommen Sie suggerieren nach wie vor Harmonie und Eintracht und wundern sich über selbst denkende Bürger. Ihr grösste Sorge gilt dem Kreuzchen auf dem Wahlzettel. Wohl zu recht, wenn sie Andersdenkenden nur 'ein weiter so' entgegenzusetzen haben. Es kann böse enden, sich für alternativlos zu halten.

Michaela Diederichs | So, 11. Dezember 2016 - 14:56

Was für ein sprachlich schöner, ermutigender Beitrag. Aus diesem optimistischen, neuen Blickwinkel habe ich all die Ereignisse der vergangen Monate noch gar nicht betrachtet. Dieser Modus der beständigen Alternativlosigkeit war mir so selbstverständlich geworden, wie der allabendliche Konsum der ÖR. Es hatte geradezu etwas Zwangshaftes bekommen. Als hätte ich es nichts selbst in der Hand, per Remote einfach mal in andere Programme hineinzuschauen oder andere Zeitungen zu lesen, andere Gedanken zu denken. Demokratie 4.0 fängt gerade erst an. Wie immer werden wir ein wenig furchtsam und ängstlich fragen "Was kommt da auf uns zu?" Ein verführerisches "Weiter so, wir haben es doch gut" wirkt so beruhigend, dass man daran festhalten möchte. Aber instinktiv spürt man: wir müssen neue Wege beschreiten. Toller Artikel. Mehr von soviel Optimismus. Hilft durch so graue, düster anmutende Tage.

Armin Dick | So, 11. Dezember 2016 - 15:37

Sehr geehrte Frau Walden

Wir sind bereits Weltmeister im Umverteilen, mit rund 70 Prozent Steuern und Abgaben! Das ist Sozialismus. Ich bin für einen Spitzensteuersatz von 25 - 30 %, Abschaffung des Soli. Politiker sollen das Haushalten (wieder) lernen, und dafür brauchen sie eine entsprechende Ausbildung (und müssen für Fehler größeren Stiles verantwortbar gemacht werden).

claudie cotet | So, 11. Dezember 2016 - 16:33

wenn der wandel vollzogen werden soll, von solchen politikern wie juncker, schulz , merkel, renzi, gabriel oder valls und seiner maitressenpolitik-kultur, wie sie nunmal zb hier in frankreich herrscht, wer kann da mit vertrauen und glauben sich diesen als bekannt einseitig focussierten menschen noch ausliefern.
narzistisch, egozentrisch, karrieresuechtig und volksfeindlich orientiert. da ist der zweifel und unglaube doch eine sehr starke motivationsbremse. nenne mir jemand EINEN vertrauenswuerdigen politiker nach deGAULLE und ADENAUER. ausser vllt willy brandt

Matthias Junglewitz | So, 11. Dezember 2016 - 16:36

Ist das nicht der mit Zeitgeisterjagd und der Achse des Guten?
Offensichtlich will der Cicero qualitativ aufrüsten.
Gut so.
Bin leider etwas gesundheitlich angeschlagen und in den Wartezimmern der Ärzte dominieren immer noch Spiegel, Stern und Focus. Was meinen Gesundheitszustand nicht gerade verbessert. Werde mich wahrscheinlich in Zukunft selbst versorgen müssen....

Michaela Diederichs | Mo, 12. Dezember 2016 - 14:10

In reply to by Matthias Junglewitz

Lieber Herr Jungelwitz,

die Printausgabe des Cicero kann ich Ihnen nur ans Herz legen. Ich finde dort Künstler, die ich bisher gar nicht kannte, Literaturtipps, die Lust auf´s Lesen machen, Politiker, die sonst gar nicht gefragt werden und vor allem spannende, treffende, geistreiche Auseinandersetzungen zu unterschiedlichen Themen. Gute Besserung.

Ewald Knülle | So, 11. Dezember 2016 - 16:36

Vielen Dank, ein wirklich schöner Artikel. Ich lese im Netz außer Cicero u.a. noch Spiegel und Zeit. Da bekommt man solche Artikel nicht zu lesen.

Hanns Baum | So, 11. Dezember 2016 - 17:22

In der Tat hatte man die letzten Jahre den Eindruck, dass der Großteil der Bevölkerung quasi "merkelisiert", also im alternativlosen Modus, das politische Handeln der großen Koalition zur Kenntnis genommen hat. Dass eine von rechts kommende Bewegung diesen Modus, im Kontext mit merkel´schen Fehlern, endlich aufgebrochen hat, mag man bedauern, der Republik kann eine breite Diskussion über das "Quo Vadis" Deutschland indessen nur gut tun. Gut auch, dass bald die Wahl Gelegenheit gibt, den von den Lagern jeweils geplanten Kurs zu würdigen.

Christop Kuhlmann | So, 11. Dezember 2016 - 19:17

in den Politikfeldern zur Globalisierung, auf denen Andersdenkende im Namen einer höchst freiheitsfeindlichen Moral lange Jahre erfolgreich stigmatisiert wurden und nach wie vor werden. Noch dazu von Antiliberalen im Namen des Liberalismus. Europa hat sich viel zu lange an den Interessen der Konzerne orientiert und die der Wähler vernachlässigt. Die möglichen Antworten auf die Frage, wie wollen wir in Europa leben, wurden und werden zugunsten einer engstirnigen Wachstumslogik eingeschränkt, die bereit ist Nachteile für immer größere Teile der Bevölkerung in kauf zu nehmen. Wie in der Wirtschaft, so wurde auch zunehmend in der Politik Widerspruch für unzulässig erklärt. Zynischerweise im Namen der Freiheit. Hierbei tut sich Deutschland ganz besonders hervor. Trotz der Erfahrung zweier Diktaturen im 20. Jahrhundert, bleibt die Essenz der Idee der Freiheit, die Wahlmöglichkeit des Individuums, nach wie vor unverstanden. Diktatorische Verhaltensmuster prägen seine Politik.

Dimitri Gales | So, 11. Dezember 2016 - 20:23

Hat der Autor dabei an Merkel gedacht?
Das Problem ist altbekannt: das Politpersonal will gewählt werden, das ist die Priorität der Prioritäten. Dabei kommt es aber auf die Qualität des Personals an, wie in jedem Unternehmen. Die aber steht nicht zur Verfügung, obwohl neue politische Phänomene und Konstellationen die Welt beherrschen. Statt dessen präferiert der Wähler offenbar Gewohnheit, Ausblenden von Wirklichkeiten, Bequemlichkeit....eben "ein weiter so". Mit Merkel als sedierende "Mutti".

Markus Michaelis | So, 11. Dezember 2016 - 21:20

Das ist auch etwas mein Eindruck, dass die, die sehr laut und schnell Beschreibungen wie abgehängt, ewig-gestrig, ungebildet, populistisch etc. verteilen selber nicht so gerne tiefer und offen nachdenken und selber Angst vor Veränderung oder offenen Debatten haben. Ich selber habe durchaus auch Angst vor sehr schneller Veränderung - aber es scheint eher, dass schnelle Veränderungen kommen werden.

Wolfgang Thiemig | So, 11. Dezember 2016 - 21:53

Ein schöner Artikel, eine Sicht, die ich teile. Unsere Mediale Welt beurteilt politisches gern nach rechts und links, alles, was nicht dem Mainstream folgt ist mittlerweile populistisch oder neuerdings auch Postfaktisch. Das ist einfach aber billig.
Ich frage mich immer, wer steckt dahinter, worum geht es wirklich. Politiker versuchen, uns eine eindrucksvolle Verpackung zu liefern, Marketing ist alles. Aber das eigentliche Produkt, die Suppe, die wir dann auslöffeln, die ist interessant. Leider sehen wir die noch nicht, kratzen eher am Karton. Wenn wir den endlich geöffnet haben, kommt der nächste Karton. Wie viele sind es, bis wir endlich das Produkt sehen? Und kommen uns dann die Tränen?

Hans von Massow | So, 11. Dezember 2016 - 23:14

Bei Demokratie selbst geht es in der Tat nicht um Ästhetik. Aber bei vielen lange vergrabenen politischen Interessen und Zielen einer nach Stabilität strebenden Gesellschaft sollten Ästhetik, Stil, Geschmack und Normen durchaus eine Rolle spielen. Nicht nur, dass diese sinnstiftende Wirkung haben können. Sie erleichtern auch den Integrationsprozess von Zuwanderern. Dem Immigranten können ja schwerlich dauernd Gesetzestexte vorgebetet werden. Der angestammten Bevölkerung fällt es aber ungleich leichter zu vermitteln, was sich hier auch ohne gesetzliche Regelung gehört und was nicht. Die Fähigkeit dazu ist kennzeichnend für eine stabile Gesellschaft. Zugegeben, hier haben die Generationen nach den 68ern möglicherweise selbst Nachholbedarf. Also auf geht's. Da sollten sich insbesondere die bürgerlichen Parteien angesprochen fühlen - mit Köpfen an der Spitze, die dies glaubhaft verkörpern. Oder haben die nur noch Technokraten und ignorante Funktionäre in den eigenen Reihen?

Robert Flag | Mo, 12. Dezember 2016 - 10:24

Ich stimme dem Autor 100%ig zu.
Bravo !

Hans Herzberger | Mo, 12. Dezember 2016 - 10:36

Sehr gut beschrieben Herr Heitmann !
Bitte lest das Gedicht von Kurt Tucholsky welches
1930 in "Die Weltbühne" veröffentlicht wurde. Es ist bis zum heutigen Tage aktuell.

Friedhelm Wegener | Mo, 12. Dezember 2016 - 11:57

Wie es um die "offene Debattenkultur" bestellt ist erfährt gerade "Die Achse des Guten"

Torsten Knecht | Mo, 12. Dezember 2016 - 12:19

Wer arm geboren wird in D., der bleibt meist auch arm. Politische Lobby haben die nicht. Und das das so bleibt, das ist der herrschenden Kaste recht so. Aber auch die Mittelschicht entsolidarisiert sich u. lässt sich instrumentalisieren.

Agenda 2010 ist Umverteilung von unten nach oben u. zerstört (dank gr. Niedriglohnsektor) langfristig Europa. Kein Südeuropäer will u. kann so leben wie ein deutscher Niedriglöhner.

Was Merkel als Wirtschaftserfolg lobt das ist als Kehrseite die massenhafte Prekarisierung am Existenzminimum.

Wolfgang Tröbner | Mo, 12. Dezember 2016 - 13:46

Herr Heitmann, Sie greifen dankenswerterweise ein hoch relevantes Thema auf, nämlich die Wiederbelebung einer ehemals lebendigen demokratischen Politiklandschaft, über die sich jedoch in den letzten Jahrzehnten eine "alternativlose" Friedhofsruhe verbreitet hatte.

Und das ausgerechnet durch die "minder gebildeten" „Modernisierungsverlierer“ (oder wie Sie sagen: Querulanten, Einzelgänger, Sturköpfe, Besserwisser, Nörgler und Rechthaber). Das können die "Eliten", insbesondere die Parteien, natürlich nicht widerstandslos hinnehmen. Man hatte es sich doch so schön gemütlich gemacht an den Futtertrögen der Demokratie.

Dass es nun ganz langsam anders wird, ist ein sehr gutes Zeichen. Endlich stellt der Wähler Fragen an die Politiker und will es nicht länger hinnehmen, dass über seinen Kopf hinweg eine Politik gemacht wird, die häufig nicht in seinem Interesse ist, die er aber zu bezahlen hat.

Die Reaktion der Politik, die nun schier Amok läuft, ist mehr als verständlich.

Isolde Gruber | Mo, 12. Dezember 2016 - 14:52

der mich richtig aufmuntert, weil er vermittelt, der hoffen lässt, dass vielleicht doch noch nicht alles verloren ist in Deutschland und dass es doch noch einige selbständig denkende Menschen gibt. Ich hatte schon resigniert, aber meine bisherige Lektüre war ja auch SPON und dort wurden alle meine Kommentare der letzten Zeit (kritisch, aber nüchtern und streng nach Nettikette) wegzensiert.

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