Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro - Trau niemals einer Waldfee

Der britische Schriftsteller Kazuo Ishiguro hat den Literaturnobelpreis gewonnen. Vor zwei Jahren haben wir den Autor von „Was vom Tage übrig blieb“ und „Alles, was wir geben mussten“ getroffen. Ein Porträt

Der Schriftsteller Kazuo Ishiguro
Kazuo Ishiguro erhält den Literaturnobelspreis 2017 / picture alliance

Autoreninfo

Jakob Horstmann ist freier Autor und lebt in London. Die hitzige Debatte um Ishiguro erlebte er aus nächster Nähe und wunderte sich über die Kollegen

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Für einen Autor, der mit der Veröffentlichung seines jüngsten Romans einen veritablen Shitstorm in der Literaturgemeinde ausgelöst hat, wirkt Kazuo Ishiguro nicht sonderlich einschüchternd. „Wollen wir erst mal ein paar Minuten relaxen?“, schlägt er vor, als er sich im Stehen die letzten Krümel eines Kekses vom schwarzen Sakko wischt. Bevor es mit dem Gespräch im Büro seiner Agentur im schicken Westlondon losgeht, plaudert der 62-jährige Starautor und frisch gekürte Nobelpreisträger, bekannt für sein von Hollywood verfilmtes, Oscar-prämiertes Werk „Was vom Tage übrig blieb“, entspannt über die Londoner Mietpreise (hoch), die Uni-Erlebnisse seiner Tochter (gut) und die Flüchtlingskrise in Europa (nicht so gut).

Für Ishiguro, der in Japan geboren wurde, aber im Alter von fünf Jahren nach England kam, gibt es Spannenderes als die Kontroverse um „Der begrabene Riese“, seinen gerade auf Deutsch erschienenen neuen Roman. Das Buch spielt in England kurz nach König Artus, vor rund 1500 Jahren. Ein altes Ehepaar begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, um den verlorenen Sohn zu finden. Auf dem Weg kämpfen sie mit einem Schleier des Vergessens, der sie und ihre Zeitgenossen umfasst, aber auch mit Menschenfressern, Waldfeen und einem Drachen.

Ausflug in die Fantasy-Welt

Die erstmalige Nutzung von Elementen der Fantasy-Welt wurde Ishiguro von Fans und Kollegen nicht verziehen. Der Vorwurf: Er biedere sich dem literarisch ambitionsarmen Genre an, um von dessen enormer Popularität zu profitieren. Nichts, seufzt Ishiguro, habe ihm ferner gelegen. „Ich habe in meinem Leben keine Seite Tolkien gelesen. Aber wenn ich für meine Geschichte einen Drachen brauche, dann kommt in meinem Buch auch ein Drache vor.“

Ob das Resultat von Verfechtern der Genregrenzen goutiert wird oder nicht, stört ihn wenig. „Genres sind Marketingwerkzeuge, die von der Buchbranche erfunden wurden.“ Ishiguro – ein Fan dauernden Augenkontakts – hat sich warmgeredet. „Glücklicherweise bin ich in der Position, dass ich die Freiheit habe, mir um solche Konventionen keine großen Sorgen machen zu müssen.“ Tatsächlich dienen die fantastischen Elemente als Bühne, die es Ishiguro erlaubt, sein Leib-und-Magen-Thema des Erinnerns, das in seinem bisherigen Werk an Einzelpersonen abgearbeitet wurde, auf eine gesellschaftliche Ebene zu transponieren. „Meine anderen Bücher basieren auf der Annahme, dass ein einzelner Charakter irgendwie für eine ganze Generation einstehen kann. Aber das Kontrollieren von Erinnerungen funktioniert in Individuen anders als bei Nationen. Den Schritt vom einen zum anderen wollte ich schon lange tun.“

Frühwerke „furchtbar schlecht“

Dass die politische Dimension der Frage nach dem kollektiven Vergessen und Erinnern in Deutschland auf fruchtbaren Boden fallen dürfte, weiß Ishiguro. „Deutschland ist geradezu besessen von der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Ich fand das schon immer bewundernswert. Vieles von dem, was Deutschland heute stark macht, geht auf diesen fast neurotischen Drang zurück“, glaubt er. Doch den Abschluss seiner langen PR-Bemühungen für den „Riesen“ kann er nicht abwarten: „Ich habe seit zwei Jahren nicht mehr konzentriert schreiben können.“ Viel Zeit musste er im laufenden Jahr für das Kuratieren seines persönlichen Archivs verwenden, das er für eine Million Dollar an das Harry Ransom Center an der Universität Texas verkaufte.

Letzteres ist nun nicht nur Besitzer von Ishiguros Notizbüchern, sondern auch zweier Frühwerke, die er während des Grundstudiums verfasst hatte und gerne vergäße. „Die schwierigste Entscheidung war, ob sie in das Archiv sollen; die sind so furchtbar schlecht. Letztlich habe ich sie hinzugenommen, aber um Kommentare ergänzt. Man darf sich ja rechtfertigen“, sagt er lachend. Immerhin werde er in der Zukunft auf der Basis des Archivs beurteilt werden. Da wollte er „ein bisschen Ordnung“ schaffen.

Neue Technologien und große Fragen

Um sein Vermächtnis hat sich Ishiguro also gekümmert. Die Stoßrichtung seines nächsten Projekts deutet er an: „Es wird davon handeln, wie unsere Welt von neuen Technologien umgeformt wird, und von den riesigen Umwälzungen in der Organisation unseres Zusammenlebens, die das mit sich bringt.“

Letzte Zweifel, inwieweit Ishiguro ein politischer Autor geblieben ist, verfliegen an diesem Punkt. „Das digitale Zeitalter wird unser demokratisch-kapitalistisches Modell komplett verändern. Die Idee, dass die meisten ein Auskommen haben, indem wir zu einem ökonomischen Gemeinschaftsprojekt beitragen, wird nicht mehr funktionieren. Wie verhalten wir uns in einer solchen Welt zueinander?“ Große Fragen, weit entfernt von Drachen und von Menschenfressern. In Stein gemeißelt aber ist das Thema nicht. „Was für ein Buch“, fragt er schulterklopfend zum Abschied, „möchten Sie denn, das ich als Nächstes schreibe?

Dieses Porträt von Kazuo Ishiguro erschien im Oktober 2015 im Cicero Magazin, das Sie in unserem Shop bestellen können

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 5. Oktober 2017 - 17:37

stylisch überzeugend der Herr.
Gelesen habe ich von ihm nichts, was auf mich zurückfällt.
Aber wie kann manTolkien als Fantasy bezeichnen und bei den Japanern auch wenn sie in England aufwachsen, das Mystische übersehen.
Ich kann mich an japanische Serien erinnern, die zu meiner frühen Jugendzeit im englischen Fernsehen liefen.
Ganz weit weg von Naturgeistern und Dämonen, wie auch in chinesischen Filmen zu finden war das nicht und das ist m.E. kein Verhaftetsein im Vorgestern, sondern auch die Sicht aus der Japaner Technik als Energie und Kraft des Menschen mit anderen Mitteln sehen, wenn ich nicht irre.
Nur so konnte man wohl auf Godzilla kommen.
Den Film "Rurouni Kenshin" im Hinterkopf denke ich aber, dass die Japaner sich nicht besonders von Deutschland beeinflussen lassen werden.
Sie ruhen sehr in sich.
Umgekehrt können sie darin Deutschland zum Vorbild werden.
Sich suchen indem man von sich absieht scheint mir jedenfalls nicht die Lösung.
Was hat er denn nun geschrieben?

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