Heiner Geißler - Mehr als ein Querdenker

Heiner Geißler ist tot. Der langjährige CDU-Generalsekretär und Bundesminister galt als Meister scharfer Worte und kritisierte Helmut Kohl. Doch Geißler war nicht nur Provokateur, sondern auch Schlichter, kluger Kopf und Kämpfer für Merkels Flüchtlingspolitik. Ein Nachruf

Heiner Geißler, Politiker und Autor, aufgenommen am 06.06.2013 während der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" zum Thema: "Teuer, nutzlos, falsch geplant - wer stoppt die Steuerverschwendung?" im ZDF-Hauptstadtstudio im Berliner Zollernhof Unter den Linden.
Heiner Geißler konnte sich wortgewandt ausdrücken und war häufig Gast in politischen Fernsehsendungen / picture alliance

Autoreninfo

Jürgen Merschmeier war von 1985 bis 1989 Sprecher der CDU Deutschlands und Leiter der Pressestelle der CDU-Bundesgeschäftsstelle. Er ist Gastmitglied der Bundespressekonferenz e.V und Mitglied des Beirats der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung e.V. 

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Jürgen Merschmeier

Er war, als ich 1985 meinen Posten als Sprecher der CDU antrat, nicht nur für Willy Brandt und für viele in der deutschen Öffentlichkeit „der schlimmste Hetzer seit Goebbels“. Vier Jahre später beim berühmt-berüchtigten Bremer Parteitag verlor Heiner Geißler sein Amt als CDU-Generalsekretär, weil der Parteivorsitzende Helmut Kohl ihn nicht erneut für diese Aufgabe vorgeschlagen hatte. Da verließ – so das veränderte Meinungsbild in den Medien – ein aufgeschlossener, perspektivreicher, nachdenklicher Querdenker die erste Reihe der Politik. Aus einstigen Gegnern waren durch intensiven Meinungsaustausch und gegenseitigen Respekt Freunde geworden, zum Beispiel der SPD-Vordenker Peter Glotz. 

Die Sprache war seine Waffe

Was war geschehen? Heiner Geißler sagte mir einmal, als wir über seine „Wandlung“ sprachen: „Ich habe in vielen Gesprächen mit meinen Söhnen Dominik, Michael und Nikolay, die gerade mit ihrem Studium beginnen und die ihre Kommilitonen und die ersten Freundinnen nach Hause mitbringen, erfahren, dass die jungen Leute anders ticken als wir Alten. Wir müssen sie ernst nehmen und unsere Politik und vor allem auch unsere Sprache so ausrichten, dass sie uns hören und ernst nehmen.“

Die Sprache war seine Waffe. Er liebte es, mit Worten zu kämpfen und zu überzeugen. Und er mischte sich ein: in die Politik, in die katholische Kirche, der er sich sein Leben lang in kritischer Zuneigung verbunden fühlte. Aber auch in gesellschaftliche Diskussionen, wie den Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21, bei dem er als Schlichter zum gewaltfreien Diskurs beitrug, in Debatten um eine gerechte Weltwirtschaftsordnung, die ihn sogar zum Mitglied von Attac werden ließen – ein Schritt, der bei vielen seiner Freunde auf Unverständnis stieß. Der Kapitalismus war für ihn ebenso wenig eine Lösung wie der Kommunismus.  Er plädierte für eine weltweite ökologische und soziale Marktwirtschaft. 

Seine Loyalität gehörte der Partei

Er ging keinem Streit aus dem Weg, und er wehrte sich zeitlebens gegen jene, welche die Politik als einen „Gesangverein Harmonie“ betrachten und als eine Gruppe von Menschen mit gleichen Gedanken: „Wo alle dasselbe denken, wird ohnehin nur wenig gedacht.“

In diesem Denkansatz lag auch der tiefe Grund seines Zerwürfnisses mit Helmut Kohl, der ihn in den siebziger Jahren zu seinen engen politischen und persönlichen Freunden zählte. Er wollte anders als Kohl die Partei als Vordenker und Ideengeber profilieren, und er sah sich als „Generalsekretär der Partei, nicht der Regierung“. 

Seine Loyalität gehörte der Partei und nicht den Mächtigen. Überhaupt die Macht – sie war ihm suspekt, ob in der Politik, in der Wirtschaft, in der katholischen  Kirche. Er fühlte sich dem Papst Franziskus näher als dessen Vorgängern Johannes Paul II. oder Benedikt XVI., und er verpflichtete sich dem christlichen Menschenbild, den armen und unterdrückten  Menschen überall auf der Welt, den Menschenrechten. Auch gegen Ungerechtigkeiten setzte er sich ein, für die Gleichberechtigung der Frauen, gegen Rassismus, gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. 

Der Mensch im Mittelpunkt

Er war wortmächtig, und er hatte etwas zu sagen. Auch deshalb war er gern gesehener Gast in vielen politischen Fernsehsendungen und ein unermüdlicher Autor. Er wusste, dass man sich auf mediale Auftritte vorbereiten muss. Ich erinnere mich oft stundenlanger, meist nächtlicher Sitzungen auf der Suche nach zündenden Formulierungen.

Im Mittelpunkt seines Denkens, seines Redens und seines Handelns stand der Mensch. Er war ein Reformer: Als Sozialminister in Rheinland-Pfalz schuf er die Sozialstationen, er prägte das Wort von der „neuen sozialen Frage“, die es zu lösen gelte, er unterstützte die Ausländerpolitik der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Alles getreu seiner Devise, das jeder Mensch ein Ebenbild Gottes sei, „egal ob er Mann oder Frau, Deutscher oder Ausländer, gesund, krank oder behindert, weiß oder schwarz“ sei. 

Viele seiner Ideen entstanden, wenn er lief. Laufen war für ihn mehr als reines Joggen. Es war für ihn Training für das Bergsteigen, seine große Leidenschaft. Bergsteigen war für ihn gleichzeitig auch das Einüben sozialer Kompetenz: man muss sich aufeinander verlassen können, man muss aufmerksam auf das Wetter achten und  – im Ernstfall – auch bereit sein, umzukehren.

Der Kämpfer

Er hat sich nie entmutigen lassen, auch nicht, als er beim Gleitschirmfliegen abstürzte und monatelang zwischen Leben und Tod in der Klinik lag. Die Zeit im Krankenhaus und die Genesung in seiner geliebten pfälzischen Heimat, in Gleisweiler, wo er einen eigenen Weinberg besaß, nutze er, um mit den Journalisten Gunter Hofmann und Werner Perger ein Gesprächsbuch zu verfassen.

In einer Widmung in diesem Buch schrieb er, dass es für seine Freunde „relativ leicht verdauliche Kost“ sei und schloss mit den Worten: „Anderen aber wird das Buch etwas mehr im Magen liegen.“ 

Heiner Geißler war viel mehr als ein Quer-Denker. Er war ein Denker, der seine Partei geprägt hat und der ihr fehlen wird. Er hat sich um seine Partei und um ein gerechtes, solidarisches und menschliches Deutschland verdient gemacht. 
 

Hermann Neumann | Di, 12. September 2017 - 16:22

War echt betroffen und traurig, als ich heute vom Tod von Heiner Geißler erfahren musste. Ein aufrechter Demokrat und DEUTSCHER , der das C seiner Partei ohne auch nur den geringsten Zweifel verdient und würdig ohne gleichen getragen hat.
Der letzte Aufrechte, der die Politbühne für immer verlassen hat. Ein Vorbild und ein Mann, der als Mensch und Politiker, Vorbild war und seinen verdienten Platz in der Geschichte Deutschlands finden wird.

Karin Zeitz | Di, 12. September 2017 - 17:19

fehlen solche kluge Menschen in der CDU, die sich nicht davor scheuen, von der “großen Linie“ abweichende Meinungen medienwirksam zu vertreten und ihre Auffassungen am Ende auch durchzusetzen. Der Meinungsaustausch darf nicht darin bestehen, dass die Parteifreunde mit einer eigenen Meinung zum Parteitag fahren und mit der Meinung der Kanzlerin nach Hause kommen.

Martin Schau | Di, 12. September 2017 - 17:22

Gestatten Sie mir einige kritische Anmerkungen zum obigen Artikel. Heiner Geißler versah tatsächlich mehrere Jahre lang bravourös die schwierige Aufgabe, eine unmißverständliche Stimme der CDU-Opposition im Deutschen Bundestag gegen die sozialliberale Regierungskoalition zu sein. Sein Zorn über den gescheiterten Kohl-Putsch und die persönlichen Folgen haben einen vollkommen anderen Politiker aus ihm gemacht. Frei nach dem Motto: Rache ist süß.

Danach tingelte er fleißig als "CDU-Quotenmann" im öffentlich-rechtlichen Rundfunk durch die Talkshows und brachte mit seinen linkslastigen Statements die Konservativen im ganzen Land zur Weißglut. Gegen die Arbeit der Stasi-Akten-Behörde war er auch: "Einfach anzünden" (Quelle: SZ). Oder sein Diktum: "Wenn mich einer anfaßt, dann schlage ich zurück - und wenn es ein Polizist ist". Dass solch ein Mann die Merkelsche Asylpolitik vehement in Schutz nahm und die AfD aufs übelste schmähte, passt ins ungute, verworrene Gesamtbild.

Heiner Geißler ist einer der wenigen Politiker, die lern- und erkenntnisfähig waren. Fast alle sonstigen hochrangigen Politgrößen verharren zumeist in ihrer vorgefaßten, ausgestanzten Gedanken- und Erkenntniswelt und vermögen nicht, sich zu lösen, wenn sie zu der Einsicht gelangen, daß ihr bisheriges Denken zu kurz oder gar falsch war.
Beispiel Helmut Kohl. Kohl war intellektuell das exakte Gegenteil von Heiner Geißler. Und dies hat Geißler den Altkanzler deutlich zu erkennen gegeben.
Stellt sich die Frage, warum Geißler nicht CDU-Vorsitzender oder gar Bundeskanzler wurde.
Er war den allermeisten führenden Köpfen innerhalb der CDU zu klug und zu vorausschauend im Denken und Handeln.
Aber er hat sein Leben so gestaltet, wie er dies für richtig hielt.
Dies zeigt sich auch in seiner Rolle als kritischer Katholik.
Warum er seiner Kirche nicht irgendwann einmal den Rücken gekehrt hat, bleibt sein Geheimnis. Er wird honorig bestattet und wird dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen.

Werner Peters | Di, 12. September 2017 - 17:30

Ich will über den verstorbenen Heiner Geißler nichts Schlechtes sagen, das verbietet sich heute. Er war ohne jeden Zweifel ein herausragender Politiker und Mensch. Aber in der sog. Spendenaffäre hat er sich gegenüber Helmut Kohl nicht fair verhalten. Obwohl Geißler wusste, was wir heute ja auch wissen, dass es die ominösen Spender nie gab, sondern das Geld aus den berüchtigten schwarzen Kassen der CDU stammte, hat er auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung Helmut Kohl permanent bedrängt, "die Namen der Spender zu nennen."

Frank Bauer | Di, 12. September 2017 - 19:01

... das ist zunächst geboten, wenn man vom Tod eines Menschen hört. Es geht auch nicht darum, die hier geschilderten Verdienste von Heiner Geißler in Abrede zu stellen. Gleichwohl bleibt auch Enttäuschung zurück. In der Ära Kohl und danach hat sich Geißler als unabhängiger Denker profiliert. Unglücklicherweise jedoch kam diese Eigenschaft unter Merkel nicht zum Tragen, vielleicht, weil Geißler selbst ja dem "linken Flügel" der CDU angehörte und daher mit Merkels Kurs kein Problem hatte. Dennoch hätte man sich von ihm, einem "Urgestein" der CDU, denn doch einige deutliche, kritische Worte zu Merkels Zuwanderungs-und Asylpolitik gewünscht; stattdessen hat er diese Politik fast bis zuletzt als richtig proklamiert. Und so konnte/wollte auch er all den CDU-Wählern oder Konservativen, die sich zunehmend politisch heimatlos fühlen in ihrer Partei, kein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Nur eine weitere Stimme im großen mainstream.

Bernhard Jasper | Di, 12. September 2017 - 19:15

Politik ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst, soll er einmal gesagt haben. Er war auch ein Verteidiger der „Sozialen Markwirtschaft“. Er hatte immer das Große und Ganze im Blick. Ein Mensch der wahren Worte. Ein Aufgeklärter. Ein Generalist, der sich seines eigenen Verstandes bediente.

Hochachtungsvoll - ruhen Sie in Frieden!

Norbert Gerth | Mi, 13. September 2017 - 11:00

nach meiner Erinnerung in jungen Jahren und als CDU Generalsekretär ein übler Hetzer, später und zum Schluß Herz-Jesu-Marxist mit Sorgen um seinen Platz im Jenseits. Sonst nichts.

Falk Meißner | Mi, 13. September 2017 - 14:10

Als Teil des "jüngeren" Deutschlands habe ich die politischen Anfänge Heiner Geißlers nur eingeschränkt verfolgen können. Was mich stets beeindruckt hat, waren seine brillante Sprache, sein stringenter Vortrag, seine schlüssigen Beweisketten. Bei Geißler wurde nicht wahrer, wenn es öfter gesagt wurde. Recht bekam, wer seine Meinung belegen konnte. Diese Denk- und (vermutlich) Lebensweise hat mich tief beeindruckt, für mich blieb er immer der richtige Mann in der falschen Partei.
Wahrscheinlich gibt es Männer wie Ihn auch heute noch - selbstverständlich ebensolche Frauen. Nur in die vorderen Reihen kommen diese heute wohl nicht mehr. Sehr zum Schaden von uns allen.

Ruth Falk | Mi, 13. September 2017 - 14:53

war ganz einfach ein "Mensch" - ich hoffe man versteht, was ich meine, der auch seine Meinung begründete, nicht eben passende Luftschlösser populistisch losliess. Hätten wir nur mehr von solchen Köpfen....

Werner Schütz | Mi, 13. September 2017 - 16:17

Ich habe mir gestern nach der Todesnachricht noch mal seine engagierte Antwortrede zu den Ausführungen der Parteigenossin Hildegard Hamm-Brücher 1982 anlässlich des Regierungswechsels angehört. Beide Reden geben ungeschminkt Auskunft über sein damaliges Demokratieverständnis. Hamm-Brücher hatte nämlich die demokratische Legitimität der FDP für die "Wende" - den Sturz der von der SPD geführten Regierung - vehement bestritten. Hörenswert!
(bei Youtube -"Regierungswechsel - Anschlag auf die Verfassung")

Dr. Lothar Sukstorf | Mi, 20. September 2017 - 13:16

(Ich habe Geißler nicht als Intellektuellen in Erinnerung, dabei ich ich seine gesamt Laufbahn von Anfang an verfolgt. Er war, als Jesuitenzögling, hervorragend dialektisch geschult, keine Frage. Er hat den Machtverlust 88/89 jedoch nicht richtig verwunden. Danach war er kaum "noch Etwas". Das änderte sich jedoch schlagartig als er als Schlichter eingesetzt war, da war er wieder wer. Da hatte er das öffentliche Publikum, der hatte er das Amphitheater seiner Eitelkeit wiedergefunden. Aus diesem Grunde ist auch z.B. auch der Atac beigetreten.

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