Chaos im Weißen Haus - Hahnenkämpfe auf dem Misthaufen

Nur zehn Tage lang konnte sich Anthony Scaramucci als Kommunikationschef im Weißen Haus halten. Die kurze Episode verdeutlicht die chaotischen Zustände unter Donald Trump. Und sie zeigt, wo die wahren Interessen des Präsidenten liegen

Anthony Scaramucci bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus
Kurze Karriere im Weißen Haus: Anthony Scaramucci / picture alliance

Autoreninfo

Constantin Wißmann schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine. Er hat in London Geschichte studiert und die Berliner Journalisten-Schule absolviert. Er arbeitet für Cicero Online. 

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John Kelly, der neue Stabschef des US-Präsidenten Donald Trump, ist ein ehemaliger Vier-Sterne-General mit langjähriger Erfahrung im Irak. Er weiß also, wie man mit einer Regierung umgehen muss, die aus einer wilden Mischung sich gegenseitig bekämpfender Fraktionen und schwer durchschaubaren Allianzen besteht. Eine solche Chaostruppe regiert aber zurzeit das mächtigste Land der Welt. Vielleicht zum ersten Mal hat Donald Trump mit Kelly den richtigen Mann für einen Job gefunden. 

Anthony Scaramucci war es sicher nicht. Zehn Tage nur war Scaramucci als Kommunikationschef im Amt, und doch reichte die Zeit, sich einen ewigen Platz in der Geschichte der USA zu ergattern. Keinen ruhmreichen. Der ehemalige Banker von der Wall Street kam wie ein Bulldozer ins Weiße Haus und fegte den Pressesprecher Sean Spicer und Kellys Vorgänger Reince Priebus hinaus. Alles, davon muss man ausgehen, auf ausdrücklichen Wunsch des Präsidenten.

Ein verhängnisvoller Anruf

Unvergesslich bleibt aber vor allem der Anruf bei Ryan Lizza, dem erfahrenen Washington Korrespondenten des Magazins New Yorker. Scaramucci wollte Lizza dazu bringen, seine Quellen zu verraten, damit die zahlreichen Lecks des Weißen Hauses gestopft werden könnten. Als sich Lizza wenig überraschend weigerte, legte Scaramucci los: „Ich werde sie alle feuern, das gesamte Team“, sagte er Lizza. Warum er glaubte, dass das Schicksal von Mitarbeiten des Weißen Hauses einen Reporter schrecken sollte, wird sein Geheimnis bleiben. Aber Scaramucci machte einfach weiter. „Weißt du, was ich am liebsten tun werde? Ich würde alle Leaker verfickt noch mal töten. Damit wir die Agenda des Präsidenten wieder in die richtige Bahn bringen.“ Genug Obszönitäten? Nicht für Scaramucci: „Ich bin nicht Steve Bannon (Anm. der Red.: der Berater des Präsidenten). Ich versuche nicht, meinen eigenen Schwanz zu lutschen.“ Reince Preibus nannte er einen paranoiden Schizophrenen dessen Ziel es gewesen wäre, ihn, Scaramucci, im Zaum zu halten. Das ist eine harmlose Übersetzung. Im Original klang das so: „Reince is a fucking paranoid schizophrenic, a paranoiac“, der sich gesagt hätte „let me leak the fucking thing and see if I can cock-block these people the way I cock-blocked Scaramucci for six months’’. Zur Erklärung: Weil Scaramucci im Wahlkampf viel Geld für Trump eintreiben konnte, hatte dieser ihm einen Job in der Regierung versprochen. Aber Priebus hatte das bisher verhindert.

Nun wäre das alles nicht an die Öffentlichkeit gelangt und Scaramucci wohl im Amt geblieben, hätte er noch einen Satz mehr gesagt: „Off the record.“ An die mit diesen Worten getroffene Vereinbarung, das Gesagte nicht zu veröffentlichen, halten sich Journalisten in der Regel, da sie andernfalls in der gesamten Branche als nicht mehr vertrauenswürdig gelten würden. Ein elementarer Bestandteil der Politikberichterstattung, der dem Kommunikationschef des mächtigsten Landes der Welt offenbar nicht bekannt war. Doch entscheidend ist nicht die Inkompetenz Scarmuccis, sondern die Tatsache, dass Donald Trump ihn als hervorragend geeignet für das Amt gehalten hat.

Ein Präsident, der Pfadfindern peinlich ist

Überraschend ist das jedoch nicht. Denn, wie unzählige Tonbandaufnahmen, Interviews und Reden gezeigt haben, ist auch Trumps Sprache von Obszönität und Verachtung geprägt. Welcher vorherige Präsident hätte vor den ehrwürdigen Pfadfindern von Amerika eine mit solch politischer Galle angefüllte Rede abgeben können, dass die es danach für nötig hielten, sich bei jedem zu entschuldigen, der sich davon beleidigt fühlte?

Außerdem scheint Trump Scaramucci vor allem deshalb eingestellt zu haben, um diejenigen Leute im Weißen Haus kalt zu stellen, die für seine Wahl mitentscheidend waren, aber nun, da er Präsident geworden ist, seinen Interessen und denen seiner Familie entgegenstehen. Das sind vor allem Steve Bannon, der als Chef der rechtslastigen Webseite breitbart.com kontinuierlich für Trump trommelte, und Reince Priebus, das Bindeglied zu den klassischen Republikanern. In der Regierung galten sie vor allem als Gegenspieler der Trump Tochter Ivanka und ihrem Ehemann Jared Kushner. Der 36-jährige Kushner, der bisher in New York mit mittelmäßigem Erfolg als Makler tätig war, ist unter Trump unter anderem für die Diplomatie mit China zuständig, soll das Justizsystem reformieren und den Nahost-Konflikt lösen. Wenn's weiter nichts ist.

Das Wichtigste für Trump ist Trump

So verdeutlicht die kurze Scaramucci-Episode vor allem, wo der Fokus des Präsidenten liegt: bei sich und seiner Familie und deren Weiterleben im bekanntesten Haus der Welt. Alles andere – eine vernünftige Gesundheitspolitik; eine rationale Klimapolitik; eine Außenpolitik, die über militärische Machtdemonstrationen hinausgeht – steht hintenan. Und so mag die Ernennung des Ex-Generals Kelly ein richtiger Schritt sein, um den Hühnerstall im Weißen Haus, voll von politischen und persönlichen Konflikten, in den Griff zu bekommen. Und auch, dass ein Gockel wie Scaramucci vom Hof gejagt wurde, könnte vorerst für mehr Ruhe sorgen. Der oberste Hahn aber sitzt weiter oben auf dem von ihm selbst angerichteten Misthaufen. Und kräht.

Bernd Eifländer | Di, 1. August 2017 - 15:39

Ja HerrWissmann, es gibt auf dieser Welt viele Misthaufen. Manchmal sitzen auch eine EU Henne ganz oben und kräht wie ein Hahn.

Romuald Veselic | Di, 1. August 2017 - 16:01

und welchen Wert für mich, hat diese Nachricht?
Warum beschäftigen sich die dt. Medien so intensiv mit US-Innenangelegenheiten? Werde ich dadurch besser gegen den Terror/Kriminalität gesichert? Ist die USA ein Teil von Deutschland geworden?
Ich kann die Nachrichten aus den USA nicht mehr hören, sehen und lesen. Bin mir dessen überdrüssig geworden, seit dem Donald T. Präsident ist. Wir, in Dt. haben genug eigene Probleme.
Nicht Chaos im Weißen Haus mir wichtig ist, sondern der Chaos in Dt. beunruhigt mich massiv.

Tonicek Schwamberger | Di, 1. August 2017 - 17:13

In reply to by Romuald Veselic

. . . Sie sprechen mir aus dem Herzen - ich kann das Ganze über + von Trump auch nicht mehr hören, sehen, lesen - es ist zuviel Gedöns . . .
Jeden Morgen, wenn ich online gehe, klicke ich weg, wenn ich auch nur das Geringste Anzeichen in Sachen "Trump" sehe, lese, ahne - es ist ein widerlich-furchterregender Sättigungsgrad bei mir erreicht!

Und Sie haben auch recht, haben wir nicht genug eigene Probleme = Chaos um die Ohren hier bei uns?
Oder soll dieses ganze Schmierentheater einfach nur eine Ablenkung - bis zum 24.09. - darstellen?

Eduard Geyer | Di, 1. August 2017 - 16:19

Es ist durchaus möglich, daß Trump seinen Hühnerhaufen nicht im Griff hat und sich blamiert. Das interessiert mich allerdings weniger. Trump wird sich als Blender herausstellen, genau wie Ronald Reagan, der die amerikanischen Patrioten mit Propaganda ruhig stellte, während seine Geheimdienste den Ostblock heimlich förderten und er den Polizeistaat und den Sozialismus im eigenen Land nicht wesentlich aufhielt. Es sollte übrigens stutzig machen, daß der angeblich russlandfreundliche, kriegskritische, prowirtschaftliche Trump einfach mal eben so einen General zum Stabschef gemacht hat, der auch schon unter Obamas "stupid wars" diente. Offensichtlich lassen sich nicht nur die Rechten von Trump einlullen; beziehungsweise von den wirklichen Entscheidern.

Susanne antalic | Di, 1. August 2017 - 16:40

Tägliches Trump bashing, pardon nur alle paar Tage wird in Cicero Trump gebasht. Haben sie sich auch eschofieret bei Macron? ich glaube 5 seine Mittarbeiter auch Minister sind gegangen worden, aber Macron ist der Gute und Trump, wir wissen schon. Ich habe in der Usa gelebt, habe dort noch viele Freunde, nein, keine weisse ungebildete Männer, aber auch farbige und die meisten sind Akademiker, die haben Trump gewählt und sind Heute noch pro Trump. In D. ist das Sport geworden nur alle zu kritisieren, statt vor den eigenen Türen kehren, Ihr Deutschen sind Besserwisser und versuchen von eigenen Problemen abzulenken. Ich habe mich hier bis vor kürzen als Deutsche gefühlt, aber bei diesen Politiker und Medien bin ich froh, dass ich auch die Möglichkeit habe, wo anderes zu leben. Lieber bei Trump als bei Merkel. Der Exodus von gebildeten Menschen hatte schon angefangen.

Anne Vetter | Do, 3. August 2017 - 16:03

In reply to by Susanne antalic

Ich pflichte Ihnen vollumfänglich bei!
Diese Festlegung auf Gut und Böse scheint Konsens zu sein, andere Meinungen desavouiert.
Leider kann ich nur von Zeit zu Zeit in den USA Urlaub machen, ich beneide Sie um Ihre Möglichkeiten.

Heinrich Jäger | Di, 1. August 2017 - 16:47

ist ausgelutscht bitte um Trump freie Berichterstattung vielleicht nur mal für eine Woche wäre doch wünschenswert.

Michaela Diederichs | Di, 1. August 2017 - 16:50

Beim dem Personalverschleiß kommt kein Handeln zustande. Da kann er dann eben auch keinen Quatsch machen. Hat ja auch sein Gutes.

Heidemarie Heim | Di, 1. August 2017 - 16:56

Oder die Kultivierung des F-Wortes in der Weltpolitik.
Konnte mich nicht so recht entscheiden. Exkommunikator Scaramucchi, Namen und Aussehen lassen auf italienische Wurzeln schließen,erinnert mich in seinem Auftreten weniger an einen Kampfhahn in Nadelstreifen. Mehr an einen Grosskotzmöchtegernsäuberer aus
einem weltberühmten Streifen,in dem er es höchstens zu einer Statistenrolle gebracht hätte.
Wobei als Sprecher auch da ungeeignet, da man in diesen Kreisen großen Wert auf "das Schweigen"
legt.Goldwaagen waren in white house wohl auch gerade nicht vorrätig.Aber sein wahrscheinlich
größter Beschleuniger Richtung Ausgang war der
Umstand,daß er sich eine größere Klappe erlaubte
als sein Chef.Das geht gar nicht! Fehlte nur noch
eine höhere Twittergeschwindigkeit,die ihm schon
an Tag 5 ein "you are fired!" beschert hätte.Man kann wirklich nur noch auf einen four-star wie John Kelly Hoffnung setzen,der dem S..haufen
militärische Präzision und Disziplin beibringt.
Still gestanden!

Christa Maria Wallau | Di, 1. August 2017 - 17:26

Wie schön, daß die Deutschen und ihre Journalisten jetzt den Trump und seine Mannen mit ihrer stümperhaften Direktheit zum Ablästern haben! Das lenkt so herrlich ab vom eigenen, stinkenden Misthaufen.
Glaubt irgendjemand denn ernsthaft, daß
vulgäres Sprechen, Drohungen, Erpressungen und Hinterlistigkeit in der Politik n e u sind?
Es geht immer nur darum, seine "fiesen"Gedanken nicht o f f e n und mithörbar auszusprechen. Das ist die Kunst, die Trump und Co. nicht beherrschen!

Jede Menge Vulgäres, Unsittliches, Gemeines und
Widerliches begleitet Politik, seit es sie gibt.
Nur: Der schöne Schein muß dabei gewahrt bleiben. D a s ist wichtig! Alles muß so aussehen, als gäbe es keine bösen Absichten. Wolf im Schafspelz, die Rolle der fürsorglichen
Beschützerin spielen und wunderbare Reden
halten - darin besteht die politische Kunst!

Larissa Tscherkow | Di, 1. August 2017 - 19:18

Ich kann jeden Punkt ihrer Kritik an Trump absolut nachvollziehen. Ich finde aber man sollte Frau Merkel einmal mit ihm vergleichen, denn ich sehe da beeindruckende Parallelen, die es wert sind, benannt zu werden:

Stilistisch unterscheidet sich Merkel natürlich stark von Trump, aber für beide Politiker zählt einzig das Ansehen der eigenen Person.

Beide haben keine Ideale! Beide sind sprunghaft und unzuverlässig. Beide ändern ihre Ansichten schneller als jeder andere Politiker.

Früher fand Merkel Atomkraft wunderbar, heute warnt sie vor deren Gefahren. Früher fand sie Multikulti schlecht, heute ist sie der größte Fan.

Das Wichtigste für Trump ist Trump. Und das Wichtigste für Merkel ist Merkel.

Alles andere - eine vernünftige Energiepolitik, eine rationale Einwanderungspolitik, eine Außenpolitik, die über die Belehrung von Staaten, die sich ihren plötzlichen Kurswechseln verweigern, hinausgeht - steht hintenan. Merkel ist der stille Trump!

Barbara Mosler | Mi, 2. August 2017 - 10:40

@Susanne antalic: An Ihrer Stelle waere ich laengst weg!

Allen, die ebenfalls gelangweilt sind vom tagtaeglichen Trump bashing, aber wissen wollen, was denn nun eigentlich vor sich geht in den USA und auch bereit sind differenziert nachzudenken, denen empfehle ich die website des Ron Paul Institute for Peace and Prosperity (der Name ist Programm): Dort schreiben taeglich unabhaengige Autoren zu aktuellen Themen, Ron Paul selbst einmal woechentlich. Man muss vielleicht das eine oder andere Wort nachschlagen und manche Saetze zweimal lesen (mir geht es jedenfalls so), aber es lohnt sich.

Schoenen Tag noch!

Fabian Papperitz | Mi, 2. August 2017 - 10:49

Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich viele Kommentare nicht nachvollziehen kann.
Erstens wird niemand gezwungen, diese Artikel zu lesen. Wenn jemand also nichts mehr über Trump lesen will, soll diese Person es einfach nicht machen. Wir haben tatsächlich diese Möglichkeit.
Zweitens wird in dieser Zeitschrift, entgegen der sehr geläufigen Meinung, sehr viel über deutsche Themen geschrieben. Aber ich vermute, dass hier nur dieser Artikel gelesen wurde, und mehr nicht. Dann kann natürlich der Eindruck entstehen, dass Deutschland hier nicht kommentiert wird. Alleine um zu diesem Kommentarfeld zu kommen, bin ich an drei Artikeln über Merkel vorbeigekommen. Dort könnten man auch den Volkssport des Merkelbashings gut nachgehen, welchen die Kommentierer in dieser Sektion bestimmt auch gerne nachgehen.
Vielen Dank an die Redaktion, lasst euch nicht unterkriegen.

Hans H. Grieder | So, 6. August 2017 - 19:23

Welche Aufregung um einen Pressesprecher. Was da nicht alles hineininterpretiert wird. Und wenn Trump seinen Küchenchef entlässt oder austauscht? Oder den Privatsekretär. Subalterne Posten. Jeder ist ersetzbar. Auf dieser Stufe sowieso.
War da nicht eine Palästinenserin Pressesprechern eines deutschen Politikers(Name entfallen, jedenfalls SPD) die on tuten und blasen keine Ahnung hatte?

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