Berufsleben - „Wir müssen für gute Arbeit kämpfen“

Mit „Work-Life-Bullshit“ legt Thomas Vašek eine Streitschrift vor. Seine These: „Arbeit ist existenziell. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr davon.“  Im Interview erklärt der Chefredakteur des Philosophiemagazins „Hohe Luft“, was gute Arbeit von schlechter unterscheidet, warum er ein bedingungsloses Grundeinkommen ablehnt – und beschreibt seinen schlimmsten Studentenjob

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Autoreninfo

Christophe Braun hat Philosophie in Mainz und St Andrews studiert.

So erreichen Sie Christophe Braun:

Herr Vašek, was war der schlimmste Job, den Sie je hatten?
Als Schüler habe ich im Sommer mal bei einer Wiener Krankenkasse gejobbt: Ich musste abertausende Rezepte - ganze Rezeptberge - nach irgendwelchen Vermerken durchsehen. Das war ziemlich schlimm. Später, als Student, war ich im Korrektorat einer Druckerei beschäftigt, die sich auf Versicherungshandbücher spezialisiert hatte. Der Job bestand im Wesentlichen darin, unendliche Zahlenkolonnen auf Fehler zu kontrollieren. Auch nicht schön.

Mittlerweile sind Sie Chefredakteur des Philosophie-Magazins „Hohe Luft“. Der Job scheint Ihnen richtig gut zu gefallen. Ihr neues Buch beginnt gleich mit einem Bekenntnis: „Oft stehe ich frühmorgens auf, um schon mal was wegzuschaffen. Und am liebsten arbeite ich an Wochenenden oder im Urlaub, da habe ich am meisten Zeit.“ Etwas später im Text heißt es: „Es tät mir leid, auch nur eine Minute potenzieller Arbeitszeit zu verschenken.“ Sind Sie ein Arbeitssüchtiger?
Ich hoffe nicht! Es ist einfach so, dass die Arbeit in meinem Leben eine zentrale Rolle spielt. Aus dieser Erkenntnis ist das Buch entstanden: Ich wollte darüber nachdenken, warum die Arbeit für viele Menschen so einen hohen Stellenwert hat.

Sie haben das Buch „Work-Life-Bullshit“ betitelt - eine Verballhornung der vielbeschworenen Work-Life-Balance, also der Idee, dass es einen Ausgleich braucht zwischen Arbeit und Freizeit. Was daran gefällt Ihnen denn nicht? 
Work-Life-Balance ist Bullshit, also Schwachsinn, weil dieser Ausdruck suggeriert, dass Arbeit und Leben verschiedene Dinge wären – und dass das „wahre Leben“ erst nach Feierabend beginnt. Das ist schon begrifflich Unsinn: Die Arbeit gehört notwendigerweise zum Leben dazu. Hinter „Work-Life-Balance“ steht eine dualistische Vorstellung: Auf der einen Seite das „Reich der Notwendigkeit“, auf der anderen das „Reich der Freiheit“. In der einen Welt plagen wir uns sinnlos ab, in der anderen genießen wir das Leben. Diesen Dualismus halte ich für falsch.

Woher kommt dieser Dualismus?
Aus dem 19. Jahrhundert, als mit der industriellen Revolution die Arbeit im heutigen Sinn - also die Lohnarbeit - entstand. Die Arbeitsform, die sich damals entwickelte - morgens zu einer bestimmten Zeit aufstehen, in den Betrieb gehen, soundsoviel Stunden wegarbeiten, dann ist Feierabend - hat man später das „fordistische Modell“ genannt, nach dem Autobauer Henry Ford. Diese Form der Arbeit gibt es erst seit knapp 200 Jahren.

Vor Einführung der Lohnarbeit unterschied man nicht zwischen Arbeit und Freizeit?
Jedenfalls nicht in diesem Sinn - schon allein, weil der häusliche Bereich und der Arbeitsbereich in der vorindustriellen Zeit selten räumlich getrennt waren. Es gibt übrigens bis heute Kulturen, denen die Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit fremd ist. Die Ayizo beispielsweise, eine bäuerliche Gesellschaft aus Westafrika, betrachten ganz einfach jede Tätigkeit, die einer für sich selbst oder andere ausübt, als Arbeit. Einen Begriff für das, was wir meinen, wenn wir von Arbeit sprechen, haben die nicht.

Sie schlagen vor, die Arbeit neu zu denken.
Ja. Wobei es mir nicht um einen neuen Definitionsversuch geht. Davon gibt es schon einige, und keiner ist wirklich befriedigend. Schon allein, weil ständig neue Arbeitsweisen entstehen. Heute gibt es Arbeitsformen, von denen vor zwanzig Jahren niemand zu träumen gewagt hätte.

... wie die „digitale Bohème“, wie Holm Friebe und Sascha Lobo sie in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ beschrieben haben. Oder Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Computerspielen verdienen.
Ja, zum Beispiel. Wenn man eine Formel finden möchte für Arbeit, fährt man wohl am Besten, indem man einfach sagt: Arbeit ist das, was im jeweiligen Kontext als Arbeit gilt. In meinem Buch wollte ich herausfinden, warum gute Arbeit wichtig für uns ist. Und zwar ohne die Arbeit dabei auf einen ihrer Teilaspekte zu reduzieren, etwa den gesellschaftlichen Nutzen, das Einkommen oder den Status. Mein Ausgangspunkt war die Überlegung, dass Arbeit Gründe schafft. Wenn ich zum Beispiel Gärtner bin, dann habe ich einen guten Grund, diese oder jene Hecke zu scheren. Schaut man nun genauer hin, stellt man fest: Diese Gründe sind von unseren Wünschen unabhängig.

Der Gärtner hat auch dann einen guten Grund, die Hecke zu scheren, wenn er es sich nicht wünscht?
Genau. Mit anderen Worten: Arbeit schafft Verpflichtungen. Meine These lautet: Eine Arbeit ist dann gut, wenn sie gute Gründe schafft.

Was ist ein guter Grund?
Ein guter Grund ist ein Grund, der zu unserer Vorstellung von einem guten Leben passt. Ich gehe dabei von der Annahme aus, dass Menschen ihre Fähigkeiten einsetzen wollen. Das gute Leben ist das Leben, in dem der Einzelne seine Fähigkeiten bestmöglich entfalten kann.

Angenommen, ich hätte ein ausgezeichnetes räumliches Vorstellungsvermögen. Ein gutes Leben für mich wäre dann eines, in dem ich diese Fähigkeit entwickeln könnte. Ein Job als, sagen wir, Schreiner oder Architekt oder Ingenieur wäre dann also ein guter Job für mich? 
Ja, so in etwa. Eine Arbeit ist gut, wenn sie zur Entfaltung der eigenen Fähigkeiten beiträgt - und so der jeweiligen Vorstellung vom guten Leben entspricht. Gute Arbeit ist daher eine wesentliche Bedingung für Selbstachtung.

In Anschluss an den amerikanischen Philosophen Ronald Dworkin nehmen Sie sogar an, dass wir verpflichtet sind, etwas aus unserem Leben zu machen. „Etwas aus seinem Leben machen“, das bedeutet nun: die eigenen Fähigkeiten entfalten. Dafür, sagen Sie, ist Arbeit bestens geeignet. Folgt daraus, dass jeder, der arbeiten kann, auch arbeiten sollte?
Ich bin gegen eine „Arbeitspflicht“. Ich glaube aber, dass es gute und wunschunabhängige Gründe gibt, zu arbeiten - auch, für denjenigen, der nicht zwingend arbeiten muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das würde ich schon sagen.

Deshalb lehnen Sie ein bedingungsloses Grundeinkommen ab?
Ja. Ich sehe durchaus, dass viele Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens gute Argumente vorbringen. Trotzdem habe ich zwei Einwände, einen schwächeren und einen stärkeren. Der schwächere: Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist ungerecht. Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der es einerseits ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt und andererseits Arbeit, die einfach getan werden muss. In einer solchen Gesellschaft würden einige letztlich für ihr Grundeinkommen arbeiten. Das wäre ungerecht. Der zweite Einwand ist mir aber der wichtigere: Wenn Arbeit für ein gelingendes Leben von zentraler Bedeutung ist, dann scheint es keine gute Idee, durch ein bedingungsloses Grundeinkommen einen Anreiz zum Nicht-Arbeiten zu schaffen.

Sie zählen verschiedene „innere Güter“ auf, die eine gute Arbeit hervorbringen muss, zum Beispiel Authentizität, Erfahrung, Vertrauen und Anerkennung. Viele Jobs scheinen Ihre Kriterien nicht mal ansatzweise zu erfüllen - es gibt gegenwärtig zwar jede Menge Arbeit, aber kaum gute Arbeit in Ihrem Sinn.
Da könnte was dran sein. Ich denke, dass die Frage der guten Arbeit eine, wenn nicht die, zentrale gesellschaftliche Frage unserer Zeit ist. Wenn, wie Sie vermuten, viele Jobs keine guten Jobs in meinem Sinne sind, dann müssen wir das ändern. Wir müssen für gute Arbeit kämpfen.

Letztlich wollen Sie den Kapitalismus verändern - durch eine Veränderung der Arbeit.
Ja. Einer der großen Denkfehler der linken Kapitalismuskritik liegt in der Überzeugung, man müsse erst den Kapitalismus abschaffen, ehe man die Arbeit verändern kann.

Sie schlagen vor, es genau andersherum zu machen.
Wenn es tatsächlich an guten Jobs in meinem Sinne fehlt, dann ist das ein Problem, das sehr viele Menschen betrifft. Das sie in einem erheblichen Teil ihres Lebens beeinträchtigt. Ich glaube, das betrifft die Leute mehr als eine mehr oder weniger abstrakte Diskussion über die Perversionen des Finanzkapitalismus.

Es geht also darum, die Arbeit so zu verändern, dass sie zu einem gelingenden Leben beiträgt?
Ja. Ich glaube, darauf haben wir Anspruch.

Herr Vašek, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Thomas Vašek, geboren 1968 in Wien, ist Chefredakteur des Philosophie-Magazins „Hohe Luft“. Sein neues Buch „Work-Life-Bullshit“ erscheint am 2. September im Riemann Verlag (16,99 €).

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