Trump und Putin - Pingpong mit Atomwaffen

Bisher herrschte zwischen USA und Russland Konsens, dass die nukleare Balance bestehen bleiben soll. Donald Trump und Wladimir Putin aber betreiben damit jetzt ein gefährliches Spiel. Erleben wir die Rückkehr des Wettrüstens?

Eine pro-serbische Kampagne zeigt ein Bild von Donald Trump und Wladimir Putin zusammen mit dem Slogan "Let's make the world great again - together"
Donald Trump und Wladimir Putin: Schlagabtausch um das brisanteste Thema der Welt / picture alliance

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Werner Sonne war von 1978-81 und von 1992-97 ARD-Korrespondent in Washington.

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Da spielen zwei Männer Pingpong, die der Welt doch gerne den Eindruck vermitteln wollen, sie könnten doch eigentlich so was wie ziemlich beste Freunde werden. Leider jedoch geht es bei diesem Spiel um ein verdammt ernstes Thema: um Atombomben.

Aufschlag Putin: „Wir müssen die strategischen Atomwaffen stärken und dazu sollten wir Raketen entwickeln, die in der Lage sind, jedes gegenwärtige und künftige Raketenabwehrsystem zu überwinden.“ So Putin diese Woche vor seinen Militärs.

Konter Trump: „Die USA müssen ihre nuklearen Fähigkeiten erheblich verstärken und ausbauen, bis die Welt in Sachen Atomwaffen zur Vernunft kommt.“ So der künftige US-Präsident auf Twitter nach einem Treffen mit hohen Generalen.

Rückschlag Putin: Die Äußerungen von Trump enthielten „nichts Neues“, und seien deshalb „nichts Außergewöhnliches“.

Konter aus dem Trump Lager: Der künftige Präsident habe sich auf die Bedrohung durch die Verbreitung von Kernwaffen insbesondere in den Händen von Terroristen und instabilen Regimes beziehen wollen, was verhindert werden müsse. „Er hat ebenfalls die Notwendigkeit betont, das Abschreckungspotenzial zu verbessern und zu modernisieren, als entscheidenden Weg, Frieden durch Stärke zu erzielen“, erklärte ein Trump- Sprecher.

Zwei Männer im verbalen Schlagabtausch über das wohl brisanteste Thema der ganzen Welt: Wie geht es weiter mit den Atomwaffen?

Eine Billion Dollar für moderne Atomwaffen

Putin hat versucht, die Aufregung zu relativieren, indem er bei Trump nichts Neues gehört haben will. Recht hat er insoweit, als sowohl Russland wie auch die USA sich in einem gigantischen Modernisierungswettlauf um ihre Atomwaffenarsenale befinden, das auf US-Seite schon der scheidende Präsident Barack Obama angestoßen hatte. Ein Programm, das bis zu einer Billion Dollar über drei Jahrzehnte kosten könnte, wenn man die Modernisierung der Waffensysteme dazu rechnet. Zu den Hauptträgern für Atombomben gehören unter anderem die 60 Jahre alten B-52-Bomber ebenso wie eine U-Boot-Flotte, die mindestens 30 Jahre alt ist.

Dementsprechend gibt es auch russischen Modernisierungspläne. Die gelten nicht nur für die Sprengköpfe, sondern auch für die Trägersysteme, hier vor allem bei neuen Raketen. Diese sollen in der Lage sein, die amerikanischen Abwehrsysteme durchbrechen zu können, kündigte Putin an.

Nukleare Balance in Gefahr

Die Welt steht also bei den wichtigsten Atommächten vor einem zwar ungeheuren Modernisierungsschub.  Bisher allerdings war dieser auf beiden Seiten von der Einsicht getragen, dass dadurch die nukleare Balance nicht außer Kraft gesetzt werden soll, es also keine Aufrüstung im eigentlichen Sinn geben soll. Barack Obama hatte erfolgreich durch ein neues Abrüstungsabkommen darauf gedrängt, dass Washington und Moskau ihr Arsenal auf derzeit 7300 russische und etwa 7000 amerikanische Atomsprengköpfe reduzieren. Ziel war es, diese Zahlen bis 2018 noch weiter abzusenken. Bei den strategischen Waffen werden 1367 Sprengköpfe auf amerikanischer Seite und 1796 auf russischer Seite gezählt, die einsatzbereit wären für schwere Bomber, für U-Boote und in Raketensilos.

Mitten hinein platzt Donald Trump mit einem seiner gefürchteten, veknappten und undifferenzierten Twitter-Einwürfe. Er spricht eben nicht von Modernisierung, er spricht davon, die nuklearen Fähigkeiten „erheblich zu verstärken und auszubauen“.

Und das bedeutete, nimmt man ihn wörtlich, die Drohung, die nukleare Balance zwischen den beiden Nuklear-Supermächten Russland und den USA zu gefährden.   

Gefährliche Wiederbelebung der Bombe

Das alles kommt zu einer Zeit, wo die Atombombe insgesamt eine höchst gefährliche Rückkehr erlebt. Seit Jahren schon proben Wladimir Putins Militärs wieder bei Manövern den Atomschlag im taktischen Bereich, inklusive der Androhung von Angriffen etwa auf das Nato-Land Polen. Putin hat atomwaffenfähige Iskander-Raketen in Kaliningrad stationieren lassen, russische Atombomber fliegen wieder mit nuklearfähigen Marschflugkörpern über den Weltmeeren. Die nuklearen Drohgebärden gehen mit entsprechender Abschreckungsrhetorik einher.

Und Trump heizt diese an, durch offensichtliche Widersprüche. Einerseits droht er mit einem Ausbau der Nuklearwaffen, anderseits hat er im Wahlkampf damit gedroht, den Alliierten vor allem in Asien, Japan und Korea den Schutz durch den amerikanischen Atomschirm zu entziehen und sie indirekt aufgefordert, doch selbst für ihren Schutz zu sorgen.

Seine Berater haben alle Hände voll zu tun, diese Vorstöße wieder einzufangen, zu beruhigen, klarzustellen. Aber wie das jüngste Beispiel zeigt, bleibt Trump unberechenbar. Nur, hier geht es eben nicht um die Kosten von der neuen Air Force One, die Trump überraschend infrage gestellt hat. Hier geht es um die Existenzfrage der Menschheit schlechthin. Hier geht es darum, ob es gelingt, gegenüber einem machthungrigen Wladimir Putin das Gleichgewicht einigermaßen zu erhalten oder Russland und schlimmstenfalls auch andere Staaten in einen neuen atomaren Wettlauf zu treiben.

Bewaffnungspläne auch in Deutschland 

Schon argumentierte etwa vor wenigen Tagen der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Berthold Kohler, auch Deutschland solle, angesichts der Unberechenbarkeit Trumps, über eigene  Atombomben nachdenken. Die Nuklearmächte Frankreich und England seien zu schwach, um einen Schutz für Europa zu gewährleisten.

Das würde zwar alle völkerrechtlich verbindlichen deutschen Verzichtserklärungen auf Atomwaffen über den Haufen werfen. Es zeigt aber, wie gefährlich die Debatte über die Bombe eskaliert.

Und auch sonst kann uns das Thema nicht egal sein. Denn seit Jahrzehnten gibt es eine direkte deutsche Teilhabe an diesem atomaren Schutzschild. Ausgerechnet auf einem Fliegerhorst der Bundeswehr, in Büchel in der Eifel, lagern noch 20 US-Atombomben. Deutsche Piloten stehen mit ihren Tornado-Jagdbombern bereit, diese Bomben, nach der Freigabe durch den US-Präsidenten, in einem massiven Konfliktfall zu ihrem Ziel zu tragen.

Das ist so im Koalitionsvertrag der Großen Koalition erneut festgeschrieben worden. Und das Modernisierungsprogramm der USA hat da ganz konkrete Auswirkungen. Die amerikanischen B-61-Atombomben in der Eifel werden ebenso modernisiert werden, und die deutschen Tornado-Jagdbomber auch.

Es ist also keineswegs egal, wie das nukleare Pingpong-Spiel zwischen Wladimir Putin und Donald Trump weiter verläuft. Die Aussicht auf einen US-Präsidenten, der ganz offensichtlich nicht so richtig weiß, was er da gerade zu diesem Thema auf Twitter loslässt, ist ebenso beunruhigend wie die Drohungen eines russischen Präsidenten, der ausgerechnet zum 25. Jahrestag der Auflösung der Sowjetunion ankündigt, Russlands Atomstreitkräfte so zu stärken, dass sie alle Abwehrsysteme überwinden können.  

Gerhard Hellriegel | Fr, 23. Dezember 2016 - 22:00

Haben sie sich nicht im Atomwaffensperrvertrag zur Abrüstung verpflichtet? Ach, bin ich heute wieder ein Scherzbold.

Wisi Camenzind | So, 25. Dezember 2016 - 19:48

das Gleichgewicht einigermaßen zu erhalten oder Russland und schlimmstenfalls auch andere Staaten in einen neuen atomaren Wettlauf zu treiben.
Einerseits droht er (Trump)mit einem Ausbau der Nuklearwaffen, anderseits hat er im Wahlkampf damit gedroht, den Alliierten vor allem in Asien, Japan und Korea den Schutz durch den amerikanischen Atomschirm zu entziehen und sie indirekt aufgefordert, doch selbst für ihren Schutz zu sorgen.
Die Widersprüche sehe ich nicht in Trumps Aussagen, sondern zuhauff in diesem Artikel!
Ein souveräner Staat sollte auf ihrem Territorium keine Atomwaffen und militärische Anlagen einer fremden Streitmacht dulden.
STOPP RAMSTEIN

Jürgen Lehmann | Mo, 26. Dezember 2016 - 14:28

Kurz auf den Punkt gebracht:

Bereits 2011 wurde bekannt, dass das Pentagon plant Teile des US-Atomwaffenarsenals umfangreich zu modernisieren.
Nach der Fertigstellung der ersten neuen Bombe soll in 2017 die Serienfertigung erfolgen. Mit „bestimmten“ Nato-Verbündeten wurde angeblich Einigung über die zentralen militärischen Charakteristika der neuen Waffen erzielt.

Der damalige Außenminister Westerwelle hatte sich für den Abzug der amerikanischen Atombomben ausgesprochen. Das Auswärtige Amt, mit Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) hat dagegen, in seinen (damaligen) neuen verteidigungspolitischen Richtlinien ausdrücklich ein Bekenntnis zur nuklearen Abschreckung integriert.
Man braucht bei uns nicht Russland als Verfechter von Atombomben, diese Lobby sitzt zur Genüge in der BRD.

„Pingpong mit Atomwaffen“ ist also kein neues Thema und sollte nicht so stark thematisiert werden.

Joachim Wiemann | Mo, 26. Dezember 2016 - 19:59

Ach wie schwer haben es derzeit die deutschen Journalisten. Zerrieben zwischen dem Teufel Putin und dem Belzebub Trump müssen sie die Worte sorgfältig wählen. Wie einfach war es mit einem Friedensnobelpreisträger und noch einfacher wäre es mit dessen Nachfolgerin Hillery (ohne K am Anfang) gewesen.
Wäre, hätte, und man bedenke, da gibt es noch einen gewissen Erdogan. Schwierig, schwierig.

maria chladek | Fr, 30. Dezember 2016 - 17:33

Wenn man die heutigen Nachrichten zur Kenntnis genommen hat, meint man, es sei wieder der KALTE KRIEG , welchen man längst vergangen geglaubt hat, ausgebrochen. Ich persönlich bin froh, in einem neutralen Land wie Öst. zu leben. Prosit 2017 u. LG aus Wien

Jürgen Lehmann | Di, 3. Januar 2017 - 12:45

Liebe Frau maria chladek,
das „neutrale Land“ ist leider Ilusion. Die Erde ist zu klein und „GLOBAL“ geworden um von neutralen Ländern zu sprechen.

Ein gesundes und zufriedenes Jahr 2017 wünscht trotzdem Jürgen Lehmann aus dem Rheingau.

Johannes Reusch | Mi, 4. Januar 2017 - 04:55

Es sind die Raketen-Abwehrsysteme der USA verbunden mit 'Modernisierung' des Atomwaffen-arsenals, die das nukleare Gleichgewicht in Frage stellen.
Dieser Ansatz geht schon auf Ronald Reagen zurück - und war letztlich erfolgreich, da die UdSSR wirtschaftlich nicht mehr mithalten konnte.

Max Hoffmann | Mi, 4. Januar 2017 - 23:32

Wer Raketenabwehrsysteme um Russland errichtet, will sich die Möglichkeit von atomaren Erstschlägen gegen Russland freihalten, ohne die Antwort befürchten zu müssen. Wenn Russland Raketen entwickeln will, die diese Abwehrsysteme überwinden können, dient das dem atomaren Patt. Wer darin eine Gefährdung des Weltfriedens sieht, ist parteilich, zugunsten der USA.

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