Trotz drohender Hitzewellen - Wie Saudi-Arabien den Klimaschutz torpediert

Zusammen mit seinen Nachbarn auf der Halbinsel ist Saudi-Arabien mit Öl und Gas reich geworden. Nun blockiert das Land die internationale Klimapolitik, trotz bereits bedrohlicher Dürre. Tödliche Hitzewellen könnten folgen und die Bedingungen verschärfen, sodass mehr und mehr Menschen zur Flucht gezwungen werden

Das schwarze Gold: Saudi-Arabiens Wirtschaft ist vom Handel mit Öl und Gas abhängig (Foto: 2007)
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Andreas Sieber ist freier Journalist und schreibt vor allem zu Umwelt- und Klimaschutzthemen.

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Auf dem Klimagipfel in Paris arbeitet kein anderes Land so hart daran, ein Klima-Abkommen zu verhindern wie Saudi-Arabien. Der Handel mit Öl hat die Golfstaaten zu einer der reichsten Regionen der Welt gemacht: Katar hat sein Pro-Kopf-Einkommen in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Saudi-Arabien produziert die Hälfte seines Bruttoinlandproduktes mit Öl und Gas. Gleichzeitig könnte der Klimawandel die Region auch wieder arm machen und die Zahl von Klimaflüchtlingen steigern.

„Der gesamte mittlere Osten leidet bereits heute an Wasserknappheit. Das war schon vor dem Klimawandel so, aber die globale Erwärmung hat das Problem vergrößert“, sagte Kumi Naidoo, Geschäftsführer von Greenpeace International, dem Cicero in Paris. Bereits heute können 16 Prozent des Wasserbedarfs der Region nicht gedeckt werden. Nach Einschätzung der Weltbank wird sich der Wassermangel bis Mitte des nächsten Jahrzehnts verdoppeln.

Seit 1980 hat Saudi-Arabien zwei Drittel seines Grundwassers verloren, weite Teil der Region könnten zur Wüste werden. Die Forscher Pal und Eltahir vom renommierten Massachusetts Institute of Technology prognostizieren tödliche Hitzewellen auf der arabischen Halbinsel, wenn der Klimawandel ungebremst voranschreitet. Bei einer durchschnittlichen globalen Erderwärmung von vier Grad Celsius könnten im Persischen Golf Temperaturen von über 60 Grad entstehen. Menschen können eine solche Hitze nur wenige Stunden überleben.

170 nationale Klimaschutz-Pläne
 

Die Diplomaten der OPEC-Staaten zeigen sich in Paris von der Bedrohung durch den Klimawandel weitgehend unbeeindruckt. Als Deutschland und Frankreich als erste Industriestaaten sich dafür aussprachen, die globale Erwärmung auf 1,5 statt 2 Grad zu beschränken, opponierte Saudi-Arabien sofort.

Der Golf-Staat berief sich darauf, dass der letzte technisch-wissenschaftliche Bericht der Klimaverhandlungen das 1,5-Grad-Ziel nicht erwähnt. Saudi-Arabien drohte in den Hauptverhandlungen, die Evaluationsarbeit der UN-Klimaverhandlungen zu blockieren, falls man ein 1,5-Grad-Ziel vertraglich festschreiben wolle.

Im Vorfeld der Klimakonferenz haben etwa 170 Staaten nationale Klimaschutz-Pläne eingereicht, sogenannte INDCs (Intended National Determined Contributions). Saudi-Arabien bezeichnet in seinem INDC Klimaschutz als „unangemessene Bürde“.

Katar, das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen weltweit, hat ein INDC ohne Ziele eingereicht. Jordanien will seine Emissionen bis 2030 nur um 1,5 Prozent senken, wenn sie keine finanzielle Unterstützung erhalten. Das sei zu wenig, kritisiert Safa‘Al Jayoussi von IndyACt, einer der bedeutendsten arabischen Umweltschutzorganisation.

Konfliktlinien hindern Verhandlungsprozess
 

Die nationalen Klimaschutzpläne (INDCs) werden die Grundlage eines Pariser Klimaschutzabkommens bilden. Nach den meisten Prognosen werden sie die globale Erwärmung von 4 auf 2,7 Grad abmildern, 2 oder 1,5 Grad werden damit jedoch nicht erreicht.

Am Donnerstag rief der Sprecher Saudi-Arabien die Industrieländer dazu auf, die Lücke zu schließen zwischen dem, was die Staaten in ihren INDCs angekündigt haben und dem, was nötig ist, um die globale Erwärmung auf 2 Grad zu beschränken.

Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Emirate oder Katar sind offiziell keine Industrieländer innerhalb der Klimaverhandlungen. Die Einteilung in Entwicklungs- und Industrieländer ist immer noch dieselbe wie zu Beginn der Klimaverhandlungen vor über 20 Jahren. Mit dieser Kategorisierung gehen auch unterschiedliche Verantwortungen einher.

Traditionell sollen die Industrieländer einen größeren Beitrag leisten. Einige Beobachter wähnten dieses Problem als bereits beiseite gelegt nach der letzten Klimakonferenz in Lima: Dort einigte man sich auf die Formulierung „Industrieländer und jene, die in der Lage sind“. Es sind solche Konfliktlinien, die Saudi-Arabien gezielt aufbricht, um den Verhandlungsprozess zu verlangsamen.

Wenn das Land zur Wüste wird
 

Eine weltweite Klimapolitik à la Katar und Saudi-Arabien würde eine Erwärmung von 4 Grad bis Ende des Jahrhunderts bedeuten. Für diesen Fall rechnet das Umweltbundesamt mit bis zu 200 Millionen Klimaflüchtlingen.

Das Konzept hinter dem Begriff Klimaflüchtling oder Klimamigrant ist, dass die Folgen des Klimawandels Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen – beispielsweise aufgrund steigender Meeresspiegel. Oft gibt es mehrere Ursachen für Flucht: Armut macht die Menschen besonders verwundbar gegenüber dem Klimawandel.

Climate Central hat berechnet, dass im Fall einer Drei-Grad-Erwärmung etwa 430 Millionen Menschen in Zukunft unterhalb des Meeresspiegels leben würden. Bei Zwei-Grad-Erwärmung könnte sich diese Zahl auf 130 Millionen reduzieren. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen automatisch zu Flüchtlingen würden. Länder wie die Niederlande haben beispielsweise Geld und Know-How sich anzupassen.

Dürren verschärfen Konflikt
 

An Desertifikation kann man sich jedoch kaum anpassen. Viele Menschen im arabischen Raum könnten deshalb ihre Lebensgrundlage verlieren. Hinzu kommen indirekte Effekte: Dürren haben bereits die Konfliktlage in Syrien verschärft und den Bürgerkrieg mit ausgelöst, lautet das Ergebnis einer Forschergruppe von der University of California und der Columbia University.

„Ich denke, es gibt eine Abkoppelung zwischen den normalen Bürgern und ihren politischen Verantwortlichen in der arabischen Welt“, erklärte Kumi Naidoo. „Es gibt heute viele Stimmen in der arabischen Welt, die Teil der Klimabewegung sind. Die Situation dort mag paradox erscheinen. Ich würde aber sagen, wir sehen das auch andernorts, dass Politiker unter dem unproportional großen Einfluss einer Hand voll Konzerne stehen“, kritisierte der Greenpeace-Chef.

Manche arabische Staaten haben für den Klimagipfel auch ehrgeizige Reduktionsziele vorgelegt – Marokko zum Beispiel. Dort wird der nächste große Klimagipfel stattfinden.

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