Ex-Staatspräsident: - „Es gibt keine Diskriminierung von Roma in Rumänien“

Rumäniens Ex-Präsident Emil Constantinescu wehrt sich gegen Vorwürfe aus der EU, Sinti und Roma würden in seinem Land benachteiligt. Er spricht lieber von „Positiv-Diskriminierung“. Die Debatte über Armutsmigration in Deutschland hält der Kulturdiplomat für Populismus

Roma in einem Slum in der Nähe von Baia Mare im Nordwesten Rumäniens
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Jan Vollmer ist freier Journalist in Berlin.

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Emil Constantinescu war von 1996 bis 2000 Präsident Rumäniens und 1992 bis 1996 Präsident der Universität von Bukarest. Unter seiner Führung wurde dort der erste Lehrstuhl für die Sprache und Kultur der Sinti und Roma eröffnet. Zur Zeit ist er Präsident der Academy for Cultural Diplomacy in Berlin

 

Herr Constantinescu, was bedeutet der 01. Januar 2014 für die deutsch-rumänischen Beziehungen?
Emil Constantinescu: 2014 ist für mich vor allem das Jahr des 300. Geburtstages der Aufnahme des ersten Moldawiers in die Berliner Akademie der Wissenschaften. Dimitrie Cantemir verfasste mit der Descriptio Moldaviae das erste Standardwerk zu unserer Region und hielt die damalige Musik des osmanischen Reiches in einem selbst entwickelten Notensystem fest. Ich bin enttäuscht, dass wir über diese Art des kulturellen Austauschs in diesem Jahr gar nicht mehr sprechen. Dabei ist das der eigentliche Geist der kulturellen Diplomatie – den anderen zu verstehen.

Ist die Angst der Deutschen vor einer Migrationswelle aus Rumänien überzogen?

Diese Angst hat nichts mit der Realität zu tun. Sie ist eine Idee der Innenpolitik, die dankbar von der Presse aufgegriffen wurde. Konservative und Rechtsextreme versuchen, die Angst der Bevölkerung auszunutzen. Die nächsten Monate und Tage werden zeigen, dass diese Angst völlig unberechtigt ist. So wurden konservative Parlamentarier in England, die in einer medienwirksamen Aktion am Londoner Flughafen auf rumänische Einwanderer warteten, bitter enttäuscht: Es kamen nur zwei Einwanderer am Flughafen an. Beide hatten schon einen Job. Der eine war ein junger Arzt in einem Krankenhaus in Essex, der andere arbeitete in einer Autowaschanlage. Der rumänische Botschafter verglich die wartenden Parlamentarier mit den Figuren aus dem Theaterstück „Warten auf Godot“.

Sie glauben also, dass die Zahl der Einwanderer auch über das Jahr nicht ansteigt?
Die Zahlen sprechen nicht dafür: Laut dem Economist lag das rumänische Wirtschaftswachstum im letzten Quartal bei 4,1 Prozent. Das ist höher als der europäische Durchschnitt. Die Löhne steigen und die Arbeitslosigkeit ist 2013 national auf fünf Prozent gesunken, in Bukarest sogar auf zwei Prozent. Von sieben Millionen Rumänen auf dem Arbeitsmarkt haben 1,1 Million eine feste Stelle im staatlichen Bereich, die sie nicht verlassen würden. Drei Millionen arbeiten schon im Ausland, zahlen dort Steuern und sind offiziell angemeldet. Davon eine Million in Italien, eine Million in Spanien, 500.000 in Frankreich und 400.000 in Deutschland. Und das sagt der englische Economist, das ist keine rumänische Propaganda. Die Zeitung zitiert auch Herbert Brücker vom deutschen Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Er sagt, dass nur 7,4 Prozent der Rumänen in Deutschland arbeitslos sind. Zum Vergleich: Die allgemeine Arbeitslosenquote unter Ausländern beträgt 14,7 Prozent.

Wie erklären Sie sich dann die Angst vor der rumänischen Armutsmigration?
Begriffe wie „Rumänen“, „Roma“, „Sinti“ und „Zigeuner“ werden oft durcheinander geworfen. Besonders „Roma“ und „Rumäne“ werden oft verwechselt. In Frankreich fasst man das unter dem Begriff „Gitane“ bzw. „Chitano“ zusammen.

Macht die Ethnie in Einwanderungsfragen denn einen Unterschied?
Das Problem der Sinti und Roma diskutierten in letzter Zeit eher Populisten und Demagogen, anstatt dass es aus einer wissenschaftlichen Perspektive betrachtet wurde. Am Sinti-und-Roma-Lehrstuhl der Universität Bukarest habe ich alle Mitarbeiter davon überzeugt, ihre eigene Identität als Sinti und Roma offenzulegen. Dort wurde auch das erste Wörterbuch „Rumänisch-Roma“ veröffentlicht. Ich erwähne das, um frei sprechen zu können, denn bei diesem Thema steht einem die political correctness oft im Weg.
Meiner Meinung nach lässt sich die Roma-Bevölkerung in drei Gruppen einteilen: Die integrierten Roma akzeptieren die jeweilige Erziehung und das Gesetz, einige machen beachtliche Karrieren. Zweitens die Bevölkerung, die permanent migriert. Sie bevorzugen die Migration und ein Leben außerhalb des europäischen Systems, aber in Europa. Das ist eine besondere Art der Freiheit. Die dritte Kategorie ist die Roma-Mafia. Die gibt es, genauso wie es italienische oder puerto-ricanische in den USA oder andere Mafia-Strukturen gibt. So entstehen natürlich leicht Missverständnisse, wenn Roma-Bevölkerungsgruppen mit der Roma-Mafia verwechselt werden.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus ihrer Unterscheidung in integrierte, wandernde und kriminelle Roma?
Man muss unterscheiden zwischen sozialen Phänomenen und gesetzlichen, die bestraft werden müssen. Die Mafia-Roma hat ein Interesse daran, dass ihre Kinder nicht erzogen werden. Sie schicken ihre Kinder zum Betteln und benutzen junge Frauen als Prostituierte. Aber Drogen, Prostitution und Menschenhandel sind nicht typisch für die Roma, sie sind typisch für die Mafia. Das ist kein rumänisches, bulgarisches oder slowakisches Problem mehr, sondern ein europäisches. Diese Bevölkerung ist nur dichter in Rumänien, Bulgarien und der Slowakei, weil Frankreich und Deutschland sie beispielsweise im Mittelalter abgelehnt haben. In Rumänien sind sowohl die Regierung, die akademische Gesellschaft als auch die Bürger bereit, diese Wirklichkeit zu verstehen und mit ihr umzugehen.

Die europäische Angst vor Einwanderern aus Rumänien hat tatsächlich viel mit einem negativ besetzten Stereotyp der Roma zu tun, daher kommt die Furcht vor Bettlern und Prostitution. Liegt die Ursache dieses Problems nicht in der Diskriminierung der Roma in Rumänien?
Ich kann garantieren, es gibt keine Diskriminierung von Roma und Sinti in Rumänien – eher eine Positiv-Diskriminierung. Die Roma stellen nicht nur die ärmsten Teile der Bevölkerung Rumäniens. Manche von ihnen gehören auch zu den reichsten. Leider gibt es wenige dazwischen. Die Roma haben einen Kaiser und zwei Könige. Sie leben in Palästen, umgeben von Luxus. Nach der rumänischen Revolution 1989 hat die Regierung entschieden, das Geld, das die kommunistische Regierung der Roma-Bevölkerung gestohlen hatte, zurückzugeben. Gleichzeitig wurden die Roma für Belastungen während des faschistischen Regimes entschädigt. Das Leben ist viel komplexer, als es in Politikerreden erscheint.

Es gibt etliche CNN-Reportagen über die Verhältnisse, in denen Roma in Rumänien leben. Es fällt schwer zu glauben, dass da nicht auch Diskriminierung eine Rolle spielt.
Die, in diesem Sinne, schlimmsten Reportagen wurden von rumänischen Sendern gedreht und haben sogar im Ausland Preise gewonnen. Diese Slums gehören zu einer Realität, die man nicht verstecken will. Sie unterscheiden sich aber nicht von arabischen Stadtteilen in Paris – nur, dass diese in den französischen Medien nicht so oft erwähnt werden.
Ein österreichischer Philosoph hat geschrieben, „Wenn es den Balkan nicht gäbe, hätte man ihn erfinden müssen.“ Seit Jahrtausenden versucht die westliche Welt, alles Schlimme auf den Balkan zu schieben. Das ist auch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus passiert: als wären Korruption, Mord und Armut in diesem Teil der Welt erfunden worden.

Fühlt sich Rumänien von der EU allein gelassen?
25 Jahre nach dem Ende des Kommunismus ist es an der Zeit, die positiven Aspekte anzuerkennen, die die Transformationsländer in die EU eingebracht haben. Ob Rumänien, Lettland oder Estland – viele von ihnen sind enttäuscht. Sie haben ein Ideal gesehen und Korruption bekommen, auf Einheit gehofft und Gewalt zwischen Rassen und Ethnien erfahren.
Die Europäische Union spricht von Multikulturalismus. Bei den Europawahlen wird es nicht um europäische Probleme gehen. Es wird eher ein politischer Kampf unter den Parteien sein, die sich mit den Problemen jedes einzelnen Landes befassen. Ich finde es beleidigend, dass die Ausdehnung der EU heutzutage als „Erweiterung“ bezeichnet wird – und nicht als Integrierung der ehemaligen kommunistischen Länder. Es ist beleidigend, dass wir nur als ein Markt betrachtet werden, wohin Produkte geliefert werden können oder woher billige Arbeitskräfte stammen. Wir haben in der EU etwas anderes gesucht: ein gemeinsames Kulturideal.

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Aber die ökonomischen Aspekte der EU sind auch für Rumänien nicht ganz uninteressant. Schließlich profitiert das Land enorm vom Anschluss an die europäische Wirtschaft.
Wenn man heute von der Europäischen Union spricht, geht es meist um die wirtschaftlichen Probleme. Als ich (1996, Anm. d. Redaktion) zum Präsident Rumäniens gewählt wurde, betrugen die Dollarrücklagen des Landes eine halbe Milliarde Dollar. Jetzt sind es 50 Milliarden Dollar. Rumänien ist besser aus der Finanzkrise gekommen als andere Länder in Europa. Nicht Rumänien hat heute finanzielle Probleme, zumindest nicht im Vergleich mit Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal oder Irland.
In den letzten Jahren haben rumänische Arbeiter aus dem Ausland zwischen 1 und 3 Milliarden Euro jährlich nach Rumänien geschickt. Es ist ehrlich verdientes Geld, denn es wird durch das Bankensystem geschickt. Und es wird meistens für den Bau von Häusern benutzt. Das zeigt, dass diese Menschen irgendwann in ihre Heimat zurückkehren wollen. Dieser wirtschaftliche Indikator der Migration wird oft übersehen. Übrigens handelt es sich bei diesen Personen entweder um IT-Spezialisten oder Ärzte. Oder sie verrichten Arbeiten, die die Deutschen nur ungern machen. Aber von beiden Gruppen profitiert Deutschland.

Wie soll sich Rumänien denn weiter entwickeln, wenn die Spitzenkräfte ins Ausland abwandern?
Im Kommunismus war Rumänien so etwas wie ein Gefängnisland. Nur Deutsche und Juden, die von Deutschland ausgelöst wurden, durften das Land verlassen. Helmut Kohl hat mir in privaten Gesprächen häufiger davon erzählt. Abgesehen davon gab es nur die Möglichkeit, dass Wissenschaftler, die an Konferenzen im Ausland teilnahmen, dort auch blieben. Ich habe an Konferenzen in Harvard, Stanford, Columbia, Berkeley teilgenommen und dort schon 1990 35 ordentliche Professoren für Mathematik aus Rumänien getroffen. Dieses Phänomen ist nicht einmal schlecht. Nachdem Tausende Menschen in Rumänien für die Freiheit gestorben sind, können wir sie jetzt nicht daran hindern, das Glück da zu suchen, wo sie möchten. Wir wollen nur, dass nicht nur über rumänische Prostituierte, Bettler und Diebe berichtet wird, sondern auch über Wissenschaftler und Künstler.

Das Interview führte Jan Vollmer. Einen Faktencheck zur Lage der Roma in Rumänien lesen Sie hier.

 

 

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