US-Wahlkampf - Die Twitterisierung der Wahl

In diesem US-Wahlkampf übernehmen mehr denn je die Twitterer die Chronistenpflicht zu den Auftritten der Kandidaten Obama und Romney. So kommt es zu vielen Aufregern ohne Substanz

Twitter, USA, Barack Obama, Mitt Romney
(picture alliance) Jeder Versprecher wird zum Skandal - Twitter als Aufregkanal

Welche drei Begriffe haben den amerikanischen Wahlkampf – abseits der Großthemen – bislang geprägt? Erstens: Big Bird „Bibo“ aus der Sesamstraße. Zweitens: ein „Ordner voller Frauen“. Drittens: „Wenn vier Amerikaner getötet werden, dann ist das nicht optimal.“ Die ersten zwei Kontroversen hat Mitt Romney durch entsprechende Bemerkungen in den TV-Debatten ausgelöst, die dritte entzündete sich soeben an einem Satz von Barack Obama in der „Daily Show“ von Jon Stewart.

Zwei Dinge haben die drei Aufreger gemeinsam. Zum einen sind sie banal bis zu Lächerlichkeit. Bei „Bibo“ erklärt sich das von selbst. Mit dem „Ordner voller Frauen“ meinte Romney einen Ordner mit Bewerbungsunterlagen von Frauen, was auch jeder neutrale Beobachter verstand. Und mit der „Nicht-optimal“-Bemerkung griff der Präsident lediglich die Formulierung in der Frage von Stewart auf. Ihm deswegen eine Verharmlosung der Tragödie von Bengasi vorzuwerfen, ist absurd.

Zum anderen entstanden alle drei „Schlagzeilen“ (was man in diesem Fall wörtlich nehmen kann) durch Twitter. Auslöser war nicht eine fundierte Recherche, ein Leitartikel oder eine gelungene Replik des einen oder anderen Kontrahenten, sondern das spontane, schnelle Geraune im Netz, der „anschwellende Bocksgesang“. Wahrscheinlich ist die Twitterisierung das herausragende Merkmal dieses Wahlkampfes. Die Erregungskurve bei Twitter, noch während etwa eine Fernsehdebatte läuft, nimmt deren Ergebnis bereits vorweg. Hier werden die Themen gesetzt, die im Anschluss die Diskussionen beherrschen.

Folglich liegen die Anhänger beider Lager ständig auf der Lauer. Alles, was nur im Geringsten von der Norm abweicht, dient ihnen als mögliche Skandalisierung. Das Ergebnis stellt der öffentlichen Debattenkultur kein gutes Zeugnis aus: Ob Rekordverschuldung oder Krankenversicherung, Arbeitslosigkeit oder Steuererleichterungen für Reiche: Die Sorge um „Bibo“ verdrängt alles andere und trägt womöglich zum Wahlausgang bei.

Verstärkt wird die Twitterisierung durch die Reaktionsschnelligkeit der Parteienwerber. Praktisch über Nacht sind Demokraten in der Lage, das Bibo-Thema in einem Werbeclip aufzugreifen und den Lacher darüber in alle TV-Haushalte wie in einer Endlosschleife zu transportieren. Dasselbe gilt für die Republikaner, zum Beispiel durch die Verspottung des Dauergrinsens von Vizepräsident Joe Biden in der Debatte mit Paul Ryan.

Seite 2: Andere Medien müssen akurat reflektieren

Die traditionellen Medien können diese Dynamik nicht ignorieren. Weil die Twitterisierung zum wichtigsten Spin-Faktor im Wahlkampf geworden ist, müssen Online-Portale, Print-Produkte, Radio und Fernsehen diesen Spin akkurat reflektieren und in seiner Relevanz einordnen. Diese Aufgabe lösen sie leider oft mangelhaft.

Die Wiedergabe von Twitter-Geräuschen verlangt größtmögliche Distanz. Hat „Bibo“ Romney geschadet? Nein, kein bisschen. In den Umfragen nach der ersten Debatte legte der Republikaner kräftig zu. Doch die Aufplusterung der „Bibo“-Affäre erweckte den gegenteiligen Eindruck. Weil sich „im Internet“ ein „Sturm der Entrüstung“ artikulierte, habe der „US-Präsident nachträglich gegenüber seinem Herausforderer gepunktet“, hieß es auch in deutschsprachigen Medien.

Auch die „Spott und Häme“, die sich „im Web“ beziehungsweise „in sozialen Netzwerken“ über Romneys „Ordner voller Frauen“ verbreitete, haben angeblich den Herausforderer demaskiert – in diesem Fall nicht als kinder-, sondern frauenfeindlich. In dieser Lesart wird der Twitter-Spin unreflektiert als eine im Kern berechtigte Schadenfreude übernommen.

Dass die traditionellen Medien es auch anders können, demonstrieren sie, wenn es bei Twitter mal nicht gegen Romney, sondern gegen Obama geht. Als dessen „Nicht-optimal“-Bemerkung bekannt geworden war und entsprechenden Wirbel verursacht hatte, hieß es, „konservative Blogger und Spin-Doktoren schlagen zurück“ (also nicht etwa eine allgemeine Entrüstung im Internet), um ihre „Wut auf Obama zu zeigen und andere Konservative im Schlussspurt vor der Wahl anzustacheln“ (sprich: eine bloß interessengesteuerte Demagogie, muss man nicht ernst nehmen).

Was bei Twitter passiert, ist oft interessengeleitet und gemein. Sich damit gemein machen, dürfen traditionelle Medien nicht. Wer die Twitterisierung versteht, muss ihrer Dynamik widerstehen können. Nach links wie nach rechts.

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