Sprachzensur in den USA - Der Fluch des Korrekten

Wer den Erfolg von Donald Trump verstehen will, der muss sich mit politischer Korrektheit in den USA beschäftigen. Immer mehr Amerikaner lehnen ab, was jahrzehntelang gemeinhin anerkannt war. Political correctness ist zum Schimpfwort geworden

Je ausfallender Donald Trump wird, desto lauter grölen seine Anhänger.
Je ausfallender Donald Trump wird, desto lauter grölen seine Anhänger / picture alliance

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Markus Ziener ist Professor für Journalismus in Berlin. Zuvor berichtete er als Korrespondent aus Washington, Moskau und dem Mittleren Osten.

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Donald Trump gilt als unerschrockener Kämpfer gegen die PC, die political correctness. Trump kann tun und sagen, was er will. Dabei spielt es keine Rolle, ob er andere verletzt, verhöhnt, die Unwahrheit sagt oder sich einfach nur wie ein Flegel auf dem Schulhof aufführt. Solange er sich an keine Regeln hält, finden ihn seine Anhänger erfrischend, ehrlich, authentisch, souverän. Die halten, wie Trump, die politische Korrektheit für ein Grundübel der amerikanischen Gesellschaft. Dabei: PC macht durchaus Sinn – wenn sie nicht übertrieben wird. Doch genau das haben die Amerikaner getan. Sie haben es mit der PC maßlos übertrieben. Und bekommen dafür jetzt die Quittung.

Es gibt einen geschriebenen und einen ungeschriebenen Verhaltenskodex in den USA. Der Geschriebene sind die Ge- und Verbote, die sich an jeder Straßenecke, in jedem Schwimmbad, jedem Kino oder jeder Schule finden. Es sind die kleinen Verhaltensregeln des Alltags, die im Grunde jeder kennt, die man aber offensichtlich dennoch immer wieder in Erinnerung rufen muss. „Wirf keinen Abfall weg“, „Geh nicht über den Rasen“, „Überquere die Straße nicht unaufmerksam“, „Lass deine Schusswaffe zu Hause“. Es existiert eine endlose Zahl an Vorschriften, die man irgendwann nicht mehr wahrnimmt, weil sie inflationär oft zu sehen und zu hören sind. Und weil sie so banal sind.

Das Mantra: „Do the right thing“

Was Donald Trump jedoch vor allem Unterstützung zuführt, sind die anderen, die verborgenen Vorschriften. Es sind jene Regeln, die den Einzelnen lieber vorsichtig als mutig sein lassen, die stets Zweifel daran säen, ob man richtig reagiert hat. Es sind die Regeln, die einen bei Missachtung derselben schnell in eine rassistische oder diskriminierende Ecke stellen können. Es sind Regeln, die sich mit der Zeit immer tiefer ins Bewusstsein eingraben und die das eigene Verhalten steuern. Im schlimmsten Fall so sehr, dass man sich nicht mehr von anderen unterscheidet. Um nicht anzuecken. Und um dem Mantra gerecht zu werden, das da ständig fordert: „Do the right thing.“ Nur: Was zum Teufel ist die richtige Sache?

Wie benennt man korrekt black Americans? Als Schwarze? Nein. Als Farbige? Nein. Als Afro-Amerikaner? Ja. Aber das ist umständlich, es ist gestelzt, es ist PC. Trump redet ungeniert von „Blacks“. Und nicht einmal die Afro-Amerikaner scheint es zu stören.

Political Correctness wird schon in der Schule gelehrt

Wie teilt man den Eltern eines Mitschülers mit, dass ihr Sohn bitteschön damit aufhört, die eigene Tochter zu mobben? Etwa so: „Ich hätte einen Vorschlag, wie sich das Verhalten Ihres Sohnes noch verbessern ließe und würde gerne darüber mit Ihnen reden.“ Oder wie Trump: „Ich hätte Lust, ihm ins Gesicht zu schlagen.“ Das sagte der Milliardär tatsächlich vor Kurzem auf einer Wahlkampfveranstaltung in Nevada zu einem Störer. Die Masse grölte. Trump legte nach: „Leider geht das heute ja nicht mehr. Früher hätten wir solche Leute auf einer Bahre rausgetragen.“ Seine Fans schlugen sich jetzt auf die Schenkel.

Dabei werden die Kinder in den USA schon früh getrimmt, „das Richtige“ zu tun – oder besser: das Falsche zu lassen. „Don’t hurt my feelings“ ist einer jener Grundsätze, der Schülern in den 4., 5. und 6. Klassen wieder und wieder eingeimpft wird. Dabei ist das Verletzen von Gefühlen eine trickreiche Sache: Denn wann genau ist ein Gefühl verletzt, woran lässt sich das festmachen und wie kann das ein zehn- bis zwölfjähriger Schüler erkennen? Wenn die Schüler diesen Verhaltensgrundsatz lernen, darüber Aufsätze schreiben und Videos drehen müssen, dann ist das für viele wie das Lernen für eine Mathearbeit. Sie wissen: Wenn ich das und das schreibe, dann bekomme ich soundsoviele Punkte. Also schreiben sie das Gewünschte. Aber werden sie deshalb auch so handeln? Als Trump in einer Fernsehdebatte von der Fox-Moderatorin Megyn Kelly mit seinen vielen Beleidigungen gegenüber Frauen konfrontiert wurde, lachte er nur und sagte: „Weder ich noch das Land haben Zeit für politische Korrektheit.“ Das Publikum tobte vor Freude. Hier war das Leben. Die Schule lange vorbei.

Eine Kultur der Unehrlichkeit

Um Gefühle nicht zu verletzen, passiert am Ende oft genau das Gegenteil. Aus falsch verstandener Rücksichtnahme werden die Dinge nicht beim Namen genannt. Das fängt bei Banalem an, etwa, dass Terminanfragen nicht beantwortet werden, wenn die Antwort negativ sein würde. Also lässt man den Anfragenden tage- oder wochenlang warten, statt einfach zu sagen oder zu schreiben, wie es ist. Das gilt generell: Unangenehmes wird beschwiegen, politische oder religiöse Themen werden in Gesprächen ausgeklammert, um nur ja nicht in ein Fettnäpfchen zu treten. Besuche werden trotz bester Stimmung nach zwei, maximal zweieinhalb Stunden abrupt beendet, um dem Gastgeber nicht auf die Nerven zu gehen – auch wenn dieser nicht den geringsten Hinweis auf irgendeine Unlust gegeben hat. Es ist die politische Korrektheit im Kopf, ein vorauseilender Gehorsam, der den Umgang nicht erleichtert, sondern oft so unendlich mühsam macht und der, ja, auch ziemlich verletzen kann.

Als Amy Chua, bekannt als Tiger Mom, vor einigen Jahren einen Aufschrei verursachte, als sie von ihren rigiden (chinesischen) Erziehungsmethoden berichtete und das US-Bildungssystem als zu weich kritisierte, wurde ihr öffentlich ebenfalls politische Unkorrektheit vorgeworfen. Im direkten Gespräch jedoch bestätigen Lehrer und Professoren, dass die „Don’t hurt my feelings“-Methode nicht unbedingt die beste Vorbereitung auf die Realitäten des Lebens sei. Eine Inflation der guten Noten, die Scheu vor klaren Aussagen, die Angst, wegen angeblicher Diskriminierung öffentlich an den Pranger gestellt zu werden, hätten zu einer Kultur der Unehrlichkeit geführt.

Gotscha-Journalismus

Eine Unehrlichkeit, die von den Medien noch befördert wird. So ist der so genannte Gotcha-Journalismus inzwischen zu einem festen Begriff geworden. Interviewpartner werden im Gespräch so aufs Glatteis geführt, dass diese Aussagen machen, die gegen den Comment verstoßen – oder eben gegen das, was als PC angesehen wird. Das ist der Moment des „got you“, der Schlagzeilen produziert und der den Gesprächspartner in heftigste Erklärungsnot oder gar um seinen Job  bringen kann. Nur: Wo ist die Grenze zwischen unlauterem gotcha und energischem Nachfragen? Für die Trump-Heerscharen ist alles gotcha oder übertriebene PC, was dem Kandidaten schadet. Das ist allerdings nicht neu: Die politische Rechte in den USA hat den Kampf gegen PC schon lange als Hebel für die eigenen Interessen entdeckt.

Dabei hat die political correctness den USA ja durchaus gut getan. Das Gegenteil, die politische Unkorrektheit der Vergangenheit, als etwa Afro-Amerikaner als Nigger beschimpft und erniedrigt wurden und sich die Weißen für die Auserwählten hielten, hatte die USA in eine schwere Krise gestürzt. Eine Krise, aus der sich das Land erst in den 60er Jahren und nur unter größten Mühen und Opfern herauswand. Der nicht-diskriminierende Umgang miteinander, die Freundlichkeit und Höflichkeit, die Aufrufe zur Toleranz, die gezielte Förderung der Afro-Amerikaner, all das wurde nicht nur zum Markenzeichen der amerikanischen Gesellschaft. Die Verständigung auf diesen common sense ist es, die das multiethnische, multireligiöse und pluralistische Amerika bis heute zusammenhält.

Ein zweites Gesetz

Nur: Dieser richtige Impuls wurde über die Jahrzehnte zu weit getrieben. Was einst aus der Mitte der Gesellschaft gewachsen war wurde schleichend institutionalisiert. Heute kommt kein Film, keine Werbung mehr ohne die politisch korrekte Besetzung mit einem weißen Amerikaner und je einem Amerikaner mit hispanischen, afrikanischen oder asiatischen Wurzeln aus. Im medialen Bild der USA arbeiten ohnehin alle im Team, alle sind tolerant und haben sich lieb. Das ist zwar nicht die Realität. Aber political correctness hat sich mittlerweile wie ein zweites Gesetz über das Land gelegt. Zwar ungeschrieben, aber genauso unverrückbar wie die Bill of Rights. Und wehe, jemand verstößt gegen das Tugenddiktat: Dann tritt die Empörungsgesellschaft auf den Plan.

Trump’s Angriff auf diesen Kodex trifft daher einen Nerv. Viele Amerikaner sind überzeugt, dass PC heute das Land lähmt. Rücksicht gehe vor Wahrheit, Pampern vor Auslese, Schweigen vor offener Debatte. Tatsächlich hat dies ein Leben in Parallelwelten erzeugt: Nach außen gibt man sich politisch korrekt, nach innen (oder in geschlossenen Organisationen) aber auch gerne ungeniert und enthemmt. Dann entlädt sich schon mal, was unter gesellschaftlichem Zwang ansonsten unterdrückt werden muss. Und das reicht von Rassenunruhen in amerikanischen Städten über Hasstiraden in Talkshows bis zu den Exzessen feiernder Studenten während der Spring Break in Florida.

Dass Donald Trump in diesem Punkt Recht hat, macht ihn als Kandidaten jedoch kein bisschen besser. Denn er benutzt den „Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen“-Deckmantel lediglich, um seine eigenen Rohheiten auszuleben und dafür noch Applaus zu bekommen. Seine Anhänger übersehen dabei, dass Trump schon längst für sich selbst definiert hat, was erlaubt ist und was nicht. Wer etwa den Milliardär kritisiert, der kommt schnell selbst unter die Räder. Das ist dann Trump’s Verständnis von political correctness

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