Charlie-Hebdo-Zeichnerin - „Wir Überlebenden teilen eine schmerzhafte Einsamkeit“

Wie geht man mit den traumatischen Folgen eines Anschlags um? Die Karikaturistin Cathérine Meurisse überlebte das Attentat auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Im Interview spricht sie über ihren schweren Weg zurück ins Leben

Porträt von Cathérine Meurisse
„Literatur, Kunst, Humor und das Schöne sind doch letztendlich nichts anderes als Heilmittel“ / Carlsen Verlag

Autoreninfo

Thomas Hummitzsch ist freier Literatur- und Filmkritiker sowie Comic-Experte. Er schreibt für verschiedene deutsche Medien und betreibt das Online-Kulturmagazin www.intellectures.de.

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Frau Meurisse, nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo wurde das umstrittene Satiremagazin zum globalen Aushängeschild der Meinungsfreiheit. Wer waren Sie, als alle Welt „Je suis Charlie“ skandierte?
Diese Frage habe ich mir im letzten Jahr oft gestellt und ich weiß nicht, ob ich eine klare Antwort gefunden habe. Mit meinem Comic „Die Leichtigkeit“ habe ich es zumindest versucht. Ein Teil der Antwort ist, dass mich die politische Bedeutung des Massakers, national wie international, damals überhaupt nicht berührt hat. Ich war viel zu sehr mit meinem Schmerz beschäftigt und dachte darüber nach, was der Anschlag für mich bedeutet, was er mit meinen Zeichnungen macht und ob ich jemals wieder zeichnen können würde. Die Frage „Wer bin ich?“ war deshalb nie mit der riesigen Welle der Solidarität verbunden.

Haben Sie eine Antwort auf diese Frage gefunden?
Ja, beim Zeichnen von „Die Leichtigkeit“. Mit dem Album habe ich mich auf den Weg gemacht, um mich selbst wiederzufinden. Die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ lautet: Ich bin eine Frau! Ich bin eine Zeichnerin! Ich werde weder den Stift noch meinen Humor zur Seite legen! Ich werde weiterzeichnen und andere Bücher veröffentlichen, in denen ich neue Antworten auf diese Frage finden kann. Die Frage nach dem Ich ist eine universelle. Wer auf der Erde lebt, muss sich ihr stellen. Wir Künstler sind dabei besonders gefordert, Antworten zu finden.

Gehen wir noch einmal zurück. Was war für Sie in den Wochen nach dem 7. Januar 2015 am schwierigsten?
Alles war schwierig: leben, denken, essen, lachen, weinen, einfach alles. Ich lag vollkommen am Boden, wie nach einer Explosion. Ich wusste nicht mehr, wie man aus Wörtern Sätze formt. Ich verlor mein Gedächtnis und nahm die Welt um mich herum nicht wirklich wahr. Es kam oft vor, dass ich mich in den Armen von geliebten Menschen extrem einsam fühlte. Ich glaube, dass wir Überlebenden diese schmerzhafte Einsamkeit teilen. Sie lässt einen nicht mehr spüren, wer man ist und was genau passiert ist. Dieser 7. Januar wird für uns Hinterbliebene immer unverständlich bleiben.

Sie haben an der Charlie Hebdo-Ausgabe der Überlebenden mitgewirkt, die eine Woche nach dem Anschlag erschien. Wie haben Sie diese Woche in der Redaktion erlebt?
Wir waren alle am Boden zerstört, voller Verzweiflung und Trauer. Aber wenn wir an unsere ermordeten Freunde und ihre Zeichnungen dachten, mussten wir lachen. Durch dieses emotionale Auf und Ab wurde uns bewusst, dass unsere Freunde mit ihren Zeichnungen ein Stück weit lebendig bleiben würden. Das hat uns in diesen Tagen die Kraft gegeben, die Ausgabe zu machen.

Wie hat sich das Trauma der Gewalt bei Ihnen ausgewirkt?
Ich hatte enorme Angst, durch die Ereignisse das Zeichnen zu verlieren. Sowohl die politische Karikatur als auch der Comic waren für mich im ersten Moment unrettbar verloren, gestorben mit meinen ermordeten Freunden. Schon das Zeichnen nach dem Massaker war eine Qual, die Zeichnungen für die Überlebenden-Ausgabe habe ich mir abgerungen. Nichts war mehr übrig von dem, was mir das Zeichnen zuvor bedeutete. Meine Bilder waren plötzlich grau, hemdsärmelig und müde. Es war ein Trauerspiel. In meinem Album beschreibe ich die langsame Rückkehr von Inhalt, Sinn und Form in meinen Strich. Dafür bin ich nach Italien gereist, habe mich von anderen Künstlern und ihren Werken inspirieren lassen, mir deren Lebensfreude abgeschaut, um sie wieder in meine Zeichnungen einbringen zu können. Insgesamt brauchte ich ein gutes Jahr, um das Zeichnen wieder aufnehmen zu können.

Was steckte hinter diesem außergewöhnlichen Ansatz der Trauerbewältigung, der sie bis nach Rom geführt hat?
In den Wochen nach dem Anschlag war ich von der Welt des Schönen wie besessen, ich konnte mich mit nichts anderem befassen. Ich wollte meinen Kopf mit dem Schönen fluten, um die Gewalterfahrung des 7. Januar zu verdrängen. Vor allem in Rom fühlte ich mich von den Künsten und der Literatur magisch angezogen, von all der Schönheit, die unsere Kultur hervorgebracht hat – angefangen von den antiken Marmorskulpturen über die Gemälde von Caravaggio bis hin zur Literatur. Ich habe all dies aufgesaugt, um der Schönheit in mir einen Raum zu geben. Literatur, Kunst, Humor und das Schöne sind doch letztendlich nichts anderes als Heilmittel.

Sie beschreiben in ihrem Comicalbum Die Leichtigkeit auch, dass Sie in der Kunst immer wieder Vorläufer der Attentäter entdeckten. Wie überraschend war es, inmitten des Schönen so viel Gewalt zu entdecken?
Das hat mich vollkommen überrascht. In fast allen Gemälden und Statuen habe ich in irgendeiner Form Gewalt vorgefunden. Seither erkenne ich in den antiken Statuen, denen Arme oder Beine fehlten und an denen der Zahn der Zeit genagt hatte, immer meine verletzten und ermordeten Freunde aus der Redaktion. Das war anfangs zwar sehr verstörend, hat mir aber die Möglichkeit gegeben, mich langsam dem grausamen Tod meiner Freunde zu nähern. Die Gewalt, die ich in der Kunst antraf, war wie eine Mediation. Durch sie habe ich begriffen, dass Schönheit und Grausamkeit in einer Beziehung zueinander stehen.

Gedenken an Charlie Hebdo Attentat
Andenken an die Opfer des Anschlags / picture alliance

Warum sprechen Sie in Ihrem Album eigentlich nie von einem Attentat, sondern immer von einem Massaker?
Weil der Begriff Attentat von Journalisten, Wissenschaftlern und Politikern verwendet wurde und für mich zu einem politischen Begriff geworden ist. Er ist deshalb nicht falsch, ganz im Gegenteil. Er trifft auf das zu, was am 7. Januar geschehen ist. Aber bei diesem beispiellosen Akt der Gewalt, der sich in der Redaktion zugetragen hat, handelt es sich eben auch um ein veritables Massaker. Für mich war das der passendere Begriff für die grausame Vernichtung der Leben meiner Freunde.

Für die Gedenkausgabe ein Jahr nach dem Anschlag haben Sie eine Zeichnung angefertigt, in der sie den Medien eine Art „Terror-Burn-Out“ attestieren. Haben sich die Medien nach dem 7. Januar falsch verhalten?
Ich habe mich nach dem Anschlag sehr eingeigelt und wenig an mich herangelassen. Ich habe keine Zeitungen und Magazine gelesen, war nicht online und habe auch Radio und Fernseher ausgelassen. Es war eine sehr schwierige Zeit für mich, diese ganzen Informationen hätte ich gar nicht verarbeiten können. Ich hatte genug damit zu tun, mit den Ereignissen weiterzuleben, und kann daher nicht beurteilen, ob sich die Medien richtig oder falsch verhalten haben.

2015 war für Frankreich ein traumatisches Jahr. Im Januar der Anschlag auf Charlie Hebdo, dann die Terroranschläge vom 13. November. In diesem Jahr dann der Anschlag in Nizza, wo ein Attentäter am Nationalfeiertag in eine Menschenmenge raste. Wie hat all das die französische Gesellschaft verändert?
Ich kann diese Frage nicht beantworten. Ich habe die aktuellen Ereignisse von mir fern gehalten, um über den grundsätzlichen Zustand der Welt nachzudenken. In meinem Album geht es an der Oberfläche um mich und meine Freunde, in der Tiefe aber die ganze Zeit darum, wie ich die Welt unter den Eindrücken dieser brutalen Einschnitts wahrnehme.

Aber all das kann doch nicht spurlos an Ihnen vorbeigegangen sein!
Es ist und bleibt für mich schwierig, über den aktuellen Zustand in Frankreich oder der Welt nachzudenken. Aus diesem Grund habe ich auch aufgehört, als Pressezeichnerin und Karikaturistin zu arbeiten.

Erreichen die Attentäter damit nicht genau das, was sie wollten?
Nein, keineswegs. „Die Leichtigkeit“ ist in seiner Fokussierung auf das Schöne ja alles andere als ein unpolitisches Album. Ich glaube nur, dass ich noch viel mehr Zeit brauche, um die Ereignisse des 7. Januar zu verdauen und einen klaren Blick auf die Gegenwart und die gesellschaftspolitischen Debatten zu entwickeln. Momentan befinde ich mich in einem unsteten Zustand, bin wankelmütig und unentschlossen in meinen Ansichten und Haltungen. Ich will nicht ausschließen, dass ich eines Tages zur politischen Karikatur zurückkehre, aber jetzt haben für mich andere, grundsätzlichere Sachen Priorität.

Ihr Zeichnerkollege Renald Luzier hat vor einem Jahr erklärt, dass er keine weiteren Mohammed-Karikaturen zeichnen und die Redaktion von Charlie Hebdo verlassen wird. Können Sie das verstehen?
Luz hat mein vollstes Verständnis. Wir teilen dasselbe Empfinden. Seit dem Anschlag erscheint uns die Gegenwart obszön und lächerlich. Wir möchten deshalb beide nicht mehr über sie sprechen.

Ihr Comic-Alter-Ego klagt, dass es nicht Schweigeminuten, sondern ein Jahrhundert brüllenden Zorns bräuchte. Was genau macht Sie wütend?
Ganz ehrlich, ich empfinde gar keine Wut! Nach dem Blutbad war ich am Boden zerstört, für Wut war da kein Platz. Ich glaube sogar, dass man den Mördern zu viel der Ehre erweisen würde, ließe man die Wut zu. Deren Tat war eine Geste des Hasses und mir ist es zu blöd, darauf mit Wut zu reagieren. In „Die Leichtigkeit“ schlage ich vor, die Energie nicht in Aggression, sondern in die Schönheit der Kunst zu investieren, weil es einem damit besser geht.

Möchten sie manchmal einfach nur vergessen, was geschehen ist? Oder fühlen Sie sich in der Pflicht, zu erinnern und zu gedenken?
Nicht im politischen oder historischen Sinn, persönlich aber schon. Ich bin mir sicher, dass ich ohne das Erinnern, wie ich es in meinem Comic beschreibe, nicht zum Zeichnen zurückgefunden hätte. Zugleich hat die Erinnerung die Zeit mit meinen ermordeten Freunden etwas verlängert. Sie half mir dabei, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren und nicht im Chaos nach dem Anschlag unterzugehen.

Renald Luzier schreibt in seinem die Ereignisse verarbeitenden Album „Katharsis“, dass das Zeichnen und er nie wieder dieselben sein werden. Haben Sie die Leichtigkeit, die Sie vor dem Anschlag verspürt haben, wiedergefunden?
Nein, das nicht. Es gibt ein Leben vor und eines nach dem Januar 2015. Die Zeit vor dem Anschlag ist von einer Leichtigkeit und Sorglosigkeit geprägt, die ich nie wieder so empfinden werde. Das heißt aber nicht, dass mein Leben nun traurig oder unglücklich sein wird. Es wird einfach nur anders sein.

Die Leichtigkeit

 

 

Cathérine Meurisse: Die Leichtigkeit, Carlsen Verlag, 144 Seiten, 19,99 Euro.

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