Brexit-Klägerin - „Wir müssen uns wehren“

Premierministerin Theresa May muss die Zustimmung des Parlaments einholen, um den EU-Ausstiegsantrag zu stellen. Das oberste britische Gericht gab heute der Fondsmanagerin Gina Miller Recht. Im Interview erzählt die Klägerin, warum sie sich mit der Regierung angelegt hat

Die britische Fondsmanagerin Gina Miller
Gina Miller ist seit ihrer Klage heftigen Anfeindungen ausgesetzt / picture alliance

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Tessa Szyszkowitz ist Londoner Korrespondentin des österreichischen Wochenmagazins Profil. Zuvor war sie Nahost-, Russland- und EU-Korrespondentin.

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Die 51-jährige Fondsmanagerin Gina Miller hat gemeinsam mit dem Friseur Deir Dos Santos eingeklagt, dass die Regierung das Parlament befragen muss, bevor sie den Artikel 50 des Lissabon-Vertrages auslöst. Heute gab der Oberste Gerichtshof den Klägern recht. Premierministerin Theresa May muss die Abgeordneten in Westminster über den bevorstehenden Beginn des Brexit-Prozesses diskutieren und abstimmen lassen. Diese Entscheidung ändert nichts am Ergebnis des EU-Referendums. Dennoch erlebt Gina Miller, eine in Guyana geborene Britin, seit ihrem öffentlichen Eintreten für die Rechte des souveränen britischen „House of Commons“ eine Welle von Anfeindungen.

Cicero: Frau Miller, Sie haben beim EU-Referendum im Juni 2016 für den Verbleib in der EU gestimmt. Haben Sie die Regierung vor Gericht gebracht, um den Brexit zu verhindern?
Miller: Ich habe dafür gestimmt, in der EU zu bleiben. Doch wir haben verloren, also müssen wir uns jetzt mit der neuen Lage zurechtfinden. Bei meiner Klage ging es nicht um den Brexit an sich, sondern um den Prozess. Wenn das Parlament dein Souverän ist, dann musst du das Parlament befragen, bevor du einen entscheidenden Schritt machst. Und das tun wir, wenn wir aus der Europäischen Union austreten. Wenn eine Politikerin damit nicht einverstanden ist, sollte sie den Job wechseln.

Theresa May hatte zuvor angekündigt, dass das Parlament sowieso am Ende des Verhandlungsprozesses über den Brexit-Deal abstimmen darf. Hat Ihnen das nicht gereicht?
Mir geht es nicht um das Ende des Brexit-Prozesses, sondern um den Anfang. Das Parlament soll jetzt über die Auslösung des Artikel 50 diskutieren und abstimmen. Theresa Mays Brexit-Rede vorige Woche war nicht detailliert genug. Was bedeutet der Austritt aus der EU für unsere Landwirtschaft? Was bedeutet er für unsere Wissenschaften, für unsere Schulen und unsere Sicherheit? Gute Entscheidungen kann man nur treffen, wenn man vorher verschiedene Meinungen hört. Sonst können die Abgeordneten nur blind ihre Stimme abgeben.

Theresa May hat bisher allerdings darauf bestanden, dass sie in jedem Fall Ende März den Artikel 50 auslösen will. Da beide große Parteien ihre Abgeordneten anweisen, dafür zu stimmen, beginnt der Brexit-Prozess mit Sicherheit. Wozu also die Aufregung?
Die Abgeordneten sollen ihre Arbeit machen und im Interesse ihrer Wähler abstimmen, nicht im Interesse ihrer Parteien. Wir brauchen ein richtiges Gesetz, das unseren Beitrittsakt von 1972 widerruft. Sollte die Regierung etwas anderes entscheiden – nur eine Resolution oder einen Antrag, oder falls sie das Oberhaus, das „House of Lords“ umgehen will – dann werde ich sie wieder vor Gericht bringen. Wegen Missachtung des Gerichts.

Seit der Rechtsstreit im Juli begann, werden Sie beleidigt und bedroht. Woher nehmen Sie die Zivilcourage?
Mir wurde geraten, die Klage nicht durchzuziehen. Doch als ich diese schrecklichen Geschichten gesehen habe von Leuten, die hier in Großbritannien die schlimmsten xenophoben Ausschreitungen erleben mussten, da dachte ich: Wir müssen uns wehren. Wenn wir das nicht tun, wenn wir diese Vorurteile nicht bekämpfen, dann werden sie so bestehen bleiben. Wir müssen uns dagegen aussprechen. Wir müssen uns für die Bildung der Leute einsetzen. Wir haben nur eine ungeschriebene Verfassung. Wir müssen unsere Rechte verteidigen, sonst könnten Politiker sie uns in Zukunft einfach wegnehmen.

Theresa May will wahrscheinlich einfach nur den Brexit durchziehen und fühlt sich durch zu viel Diskussion gestört.
Beim Brexit geht es nur noch um Gefühle. Brexit ist wie eine Religion. Jede Vernunft scheint aus dem Fenster geworfen worden zu sein. Es herrscht eine richtige Angst selbst unter den Leuten, die sonst öffentlich für den Brexit eingetreten sind. Seit ich im Juli von den Richtern zur Hauptklägerin ernannt wurde, hat mich kein einziger Politiker kontaktiert. Akademiker und verschiedene andere Leute haben mir hinter den Kulissen geholfen. Doch niemand hat mich öffentlich unterstützt.

Werden Sie jetzt als nächstes zu einem zweiten Referendum aufrufen?
Es gibt so viele verschiedene Optionen. Wir müssen erst mal sehen, wie die Wahlen auf dem europäischen Kontinent ausgehen – vielleicht sind die Leute, mit denen wir am Ende verhandeln werden, ganz andere als die, mit denen wir es jetzt zu tun haben. Wir wissen auch nicht, was hier bei uns passieren wird. Vielleicht gibt es vorgezogene Wahlen? Oder Schottland entscheidet sich für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum? Ich fand es jedenfalls bedauerlich, dass Theresa May in ihrer Brexit-Rede der EU gedroht hat. Drohungen sind unnötig.

Theresa May sagte auch, dass Großbritannien den Europäischen Binnenmarkt verlassen werde.
Ich glaube nicht, dass die Leute dafür gestimmt haben, als sie den Austritt aus der EU wählten. Ich habe inzwischen viele Nachrichten von Brexitieren bekommen, die meinten: „Wir unterstütze Ihre Klage, weil wir keinen harten Brexit wollen.“ Ich bin mir auch nicht sicher, dass Immigration tatsächlich so eine große Rolle spielt, wie Theresa May uns glauben machen will. Ich würde da gerne genauere Daten sehen.

Müssen Sie in der aufgeheizten Stimmung nicht um Ihre Sicherheit fürchten?
Unser Familienleben hat sich verändert, das stimmt. Ich habe das unterschätzt. Ich bekomme ganz schreckliche, bedrohliche Briefe. Die Polizei nimmt die Drohungen sehr ernst. Wir gehen am Wochenende nicht aus. Ich benutze derzeit keine öffentlichen Verkehrsmittel. Meine Kinder betreten ihre Schule durch einen Nebeneingang. Doch unsere Welt ist schnelllebig. Nachdem der Fall jetzt entschieden ist, wird sich wohl bald alles normalisieren.

Thomas Sauer | Di, 24. Januar 2017 - 12:35

denn man muss solch eine wichtige Weichenstellung unter verschiedenen Perspektiven beurteilen lassen mit all seinen möglichen Verfahrensmodalitäten und konkreten Ausgestaltungen. Der Hass der schon vor Jahren durch das ökonomische Abhängen großer Bevölkerungsschichten von der wirtschaftlichen Entwicklung durch kapitalistische exzessive Gewinnsucht gesät wurde, verstärkt durch die Giermethoden der Globalisierung, schlägt natürlich bei solchen Gegenmaßnahmen wie die Klage von Frau Miller voll zurück. Das muss man dann aushalten und sich fragen, wie so etwas aufkommt. Das ist der jahrelang aufgestaute Frust breiter Bevölkerungsschichten, die zusätzlich durch den fast schon dominierenden Einfluss der mächtigen Wirtschaftslobbyvereine auf die Politik und deren Entscheidungen verstärkt wurde. Wir stehen erst am Anfang der Diskussion hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit für alle innerhalb eines Staatswesens und gegen eine nur Tropfen auf den Stein Politik wie bisher.

Michaela Zimmer | Di, 24. Januar 2017 - 12:49

Der Brexit steht,über die Abwicklung soll nun vom Parlament entschieden werden.
So weit so gut.
Ich persönlich habe allerdings den Eindruck, dass es der Fondsmanagerin nicht so sehr um die Verteidigung demokratischer Regularien geht sondern um ihren ganz persönlichen Vorteil im "weiter so" der Finanzmärkte.
Aber da bin ich wohl einem ganz unanständigem Vorurteil aufgesessen; man holte sich für die Klage ja auch einen Friseur an die Seite!

Wolfgang Tröbner | Di, 24. Januar 2017 - 13:04

Justiz noch zu funktionieren. Das ist die gute Nachricht.

Das EU-Referendum fand im Juni 2016 statt. Wenige Wochen danach zog Frau Miller vor den Obersten Gerichtshof. Und nun, ein knappes halbes Jahr später, entschied der High Court zugunsten von Frau Miller, dass die britische Regierung für die geplanten EU-Austrittsverhandlungen die Zustimmung des britischen Parlaments einholen muss. Dass nenne ich zügig, effizient und im Interesse der Bürger.

Und in Deutschland? Im März 2016 hat das Bundesverfassungsgericht die Anfang 2016 von einer Bürgerinitiative eingereichte Klage gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung abgewiesen und zwar ohne Begründung! Das ist der Unterschied.

Robert Flag | Di, 24. Januar 2017 - 13:10

Nicht das Parlament ist der Souverän.
Das Volk ist der Souverän. Und der hat entschieden.

Torsten Knecht | Di, 24. Januar 2017 - 13:20

Wow.

Möglicherweise sind die Anfeindungen auch darauf zurück zu führen, dass persönliches Interesse dahinter steckt. Denn der Finanzplatz London wird nach dem Brexit schrumpfen zugunsten von Frankfurt am Main. Ansonsten mutig und couragiert.

Es wäre doch wunderbar, wenn Merkels Alleingänge auch von einzelnen Bürgern, wenn sich schon kein Politiker traut, juristisch zur Aufarbeitung kommen würden. Leider scheint eine juristische Klage gegen Frau Merkel als Bundeskanzlerin unmöglich. Vielleicht sollte man erst einmal dagegen sich zur Wehr setzen. Schließlich leben wir in einer Demokratie nach Grundlage des Grundgesetzes. Tote, Missbrauchte und andere Opfer als Folgen ihrer undemokratischen Alleingänge gibt es ja bereits.

Richard Hauck | Di, 24. Januar 2017 - 13:41

Zitat von Otto von Bismarck: "Mit den Gesetzen ist es wie mit den Würstchen. Es ist besser, wenn man nicht sieht, wie sie gemacht werden."

Er sagte dies leider bereits zu einer Zeit, als Deutsche glaubten, für jedes Gesetz und jede Regel brauch es den allmächtigen Staat. Aber immerhin war dies noch zu einer Zeit, als Deutsche noch keinen total besiegten Gemütszustand hatten.

Ich wünsche der Dame viel Erfolg bei ihren Bestreben. Ob Sie ihre Kräfte allerdings am optimalsten einsetzt, wage ich fast zu bezweifeln.

Günther Wolf | Di, 24. Januar 2017 - 13:47

Hochachtung vor Ihrem Engagement. Toll, dass es Menschen wie Sie gibt, die die Fahne der Demokratie trotz der Anfeindungen hoch halten.
Ich hoffe, dass es solche Menschen auch in den USA gibt, die sich gegen autokrate Machenschaften wehren. Allen Orts wird versucht Demokratie abzuschaffen oder zu unterwandern. Und das gelingt sogar, da die Errungenschaften der Demokratie als selbstverständlich hingenommen werden. Vielen ist aber nicht mehr bewusst, woraus sie eigentlich besteht, bzw. was sie ausmacht. Demokratie ist umso gefährdeter, desto länger die Menschen in ihr gelebt haben.
Populisten machen auf bestehende Ungerechtigkeiten und Fehler im System aufmerksam vermischen das aber mit plumpen Behauptungen, die nicht direkt widerlegbar sind, um Ihre Interessen durchzusetzen. Sie haben aber keine Alternativen zu bieten. Den Finger in die Wunde legen kann jeder. Die Wunde aber heilen bedarf einer menschenfreundlichen Einstellung, die niemanden bevorzugt und niemanden zurücklässt.

Frank Goller | Mi, 25. Januar 2017 - 09:08

In reply to by Günther Wolf

Wahlen, Volksentscheide und Abstimmungen anzuerkennen ist Demokratie, oder was meinen Sie ? Oder kann nur eine bestimmte politische Gesinnung heilen ?

Andreas Müller | Di, 24. Januar 2017 - 14:01

Wer den Brexit will, um die Parlamentssouveranität zu erhalten, muss dann auch das Parlament konsultieren. Eigentlich logisch.
Die Umkehrung gilt allerdings auch: Wer Prozesse um die Durchsetzung der Parlamentssouveranität führt, kann danach nicht mehr zuschauen, wie EU-Bestimmungen diese lautlos untergraben.
Wir werden gerade Zeugen, wie der Streit um den Brexit Fakten schafft, die so niemand überblickt und niemand mehr steuern kann.

franz wanner | Di, 24. Januar 2017 - 14:27

Die gewonnene Klage galt ja dem "wie" und nicht dem "ob". Es geht um Balance und Macht.
Einen Volksentscheid kann man als Willensbildung und Auftrag deuten. Aber wem gilt der Auftrag? Und mit welcher Machtbefugnis?
Wenn Parlament und Regierung nicht dasselbe sind, entsteht eine Machtkaskade, die kontrollierbar bleiben muss.
Beide, das griechische und das britische Volk wurden in völlig ungeklärte Entweder -Oder-Entscheidungen gezwungen, die völlig ungeklärt waren. So werden Sachentscheidungen zu Gefühlsnummern und Demokratie degeneriert zur Gefolgschaft.

winfried engel | Di, 24. Januar 2017 - 14:54

bitte kümmern sie sich mal um uns deutsche, anstatt um vertragsdetails bei fremden.
wir brauchen eine stärkung des freien marktes für die zeit nach der kommenden großen depression, um dem nächsten sozialistischen führung nicht auf den leim zu gehen.
und wir brauchen eine stärkung des volksstolzes, um künftig politiker zu wählen, die deutschland nicht länger als wehrlose kriegsbeute gegenüber russland darbieten, damit die angelsachsen erneut ihre hegemonialmacht als lachende dritte sichern können.
außerdem brauchen wir bessere elitenforschung, denn die mächsten sind weltweit enger vernetzt, als es in tagesschau und sesamstraße den anschein hat.

Christa Wallau | Di, 24. Januar 2017 - 14:58

Je knapper eine Mehrheitsentscheidung in einer
wichtigen und sehr kontrovesen Frage ausfällt, umso heftiger gebärdet sich der nachgereichte Widerstand gegen dieses Faktum und umso eifriger wird versucht, nachträglich etwas zu unternehmen, was die Entscheidung rückgängig
machen könnte.
Man sieht dies jetzt exemplarisch in England beim Brexit, und man sieht es bei der Wahl Trumps in den USA: Die Verlierer karten heftig nach.
Ändern wird sich dadurch aber wohl in beiden Fällen nichts oder nur wenig.
So funktioniert nun mal Demokratie.

Dennoch ist es ein gutes Zeichen, das der Oberste Gerichtshof in Großbritannien jetzt gesetzt hat: Neben dem Wahlvolk selbst müssen auch die Parlamentarier, als vom Volk gewählte,
u n a b h ä n g i g e Abgeordnete, die Angelegenheit diskutieren und ihr Votum abgeben, bevor ein Austritt überhaupt eingeleitet werden kann.

Michaela Diederichs | Di, 24. Januar 2017 - 15:22

"Unser Familienleben hat sich verändert, das stimmt. Ich habe das unterschätzt. Ich bekomme ganz schreckliche, bedrohliche Briefe. Die Polizei nimmt die Drohungen sehr ernst. Wir gehen am Wochenende nicht aus. Ich benutze derzeit keine öffentlichen Verkehrsmittel. Meine Kinder betreten ihre Schule durch einen Nebeneingang. Doch unsere Welt ist schnelllebig. Nachdem der Fall jetzt entschieden ist, wird sich wohl bald alles normalisieren." Unabhängig davon, ob Frau Miller als Fondsmanagerin eigentlich mehr ihre eigenen Interessen verfolgt, erschreckt mich dieser letzte Absatz. Unterstützung findet sie nur hinter den Kulissen. Werden solche Fälle langsam in Europa die Regel und was sagt das über unsere Demokratie aus?

Bernhard K. Kopp | Di, 24. Januar 2017 - 15:41

Es bleibt aber die Schande, dass eine Fonds-Managerin und ein Friseur die Regierung verklagen müssen, um der Regierung, der Bevölkerung und damit der ganzen Welt erneut zu erklären, was 'parlamentarische Demokratie' bedeutet. Das Referendum, so wie es angesetzt war - aus einer parteitaktischen Laune der Tories, ohne formale Rechtskraft, ohne hohes Quorum für eine epochal wichtige Entscheidung, und ohne mindestens einer verfassungsändernden Mehrheit, war eine Perversion von Demokratie. Wenigstens ist mit dem Gerichtsurteil der Arroganz der Exekutive die Spitze genommen - sie darf nicht am Parlament vorbei operieren.

Hans Zeughof | Di, 24. Januar 2017 - 15:55

Das Parlament gegen das Volk.
Ist des Volkes Wille nur mit Willen der Parlamentspolitiker wirksam bindend oder ist man schon ganz weit weg von der Demokratie? Dem afghanischen Ziegenhirte kann man vielleicht noch etwas in Sachen Demokratie vormachen, aber nur wenn er im Gegenzug finanzielle Leistungen von Dritter Seite erhält. Für die meisten Europäern ist Demokratie nur noch dann erlaubt, wenn es das ehemals gewählte Regime gestattet. Diese EU wird mit einem fürchterlich lauten Knall flächendeckend implodieren, dagegen ist der Zusammenbruch der Sowjetunion eine Jubileumsfeier gewesen. Immerhin denkt man schon laut über eine Katzensteuer nach, damit ein Schäuble vielleicht wegen seiner genetischen Einfalt zum achten und allerletztenmal ein Finales Rettungspaket für die Griechenlandgläubiger schnüren kann, weil selbst der IWF keine Lust mehr hat. Die Briten werden sich freuen, wenn deren überversorgte Politiker mit der Nullierung des Brexit gleich neue Zahlungspflichten verursachen.

Jacqueline Gafner | Di, 24. Januar 2017 - 16:50

schwingt sich zur Hüterin der parlamentarischen Demokratie und zur Interpretin des eigentlichen Willens auch der Britinnen und Briten auf, die 2016 für den Brexit gestimmt haben? Mir kommen echt die Tränen. Oder ist das ein praktisches Anschauungsbeispiel dafür, was britischen Humor, den man auf dem Kontinent noch nie verstanden hat, im Kern ausmacht?

Gerhard Hein | Di, 24. Januar 2017 - 17:38

Respekt für Gina Miller ! Vermutlich ist der Brexit trotzdem nicht aufzuhalten. Aber m.E. lohnt es sich, einen Blick in die Geschichte zu richten. Hatte GB. nicht strets Interesse,die Völker des Kontinents gegeneinander auszuspielen ? Nun, nach wenigen Jahren der Teilnahme an der EU. versetzt GB. der EU. wegen relativ geringer Probleme und trotz bevorzugten Konditionen der EU. einen heftigen Stoß und möchte ohne Beteiligung an Lasten nur noch die Vorteile des Binnenmarktes genießen. Ich finde dies schäbig; aber es passt zu GB. Ebenso wie die Drohung, die Unter -
nehmenssteuer gegen die Interessen der EU zu
senken. Damit befindet sich GB im Einklang mit der USA. Beide haben offensichtlich das Ziel, die
Wirtschaftskraft Deutschlands und der EU. zum
eigenen Vorteil erheblich zu schwächen. Wenn die Partner im Westen Europas dies umsetzen,
müssen sie damit rechnen,dass Europa sich
zwangsweise den östlichen Nachbarn mit deren
erheblichem Potential zuwendet. Europa first !
Ohne GB. !

Olaf Voß | Di, 24. Januar 2017 - 18:15

In reply to by Gerhard Hein

Sehr geehrter Herr Hein,
mittlerweile bin ich froh, wenn die Position Deutschlands geschwächt wird.
Die am "deutschen Wesen soll die Welt genesen"-Mentalität mit einer allmächtigen Kanzlerin bereitet mir große Sorgen. Diese Allmachtsphantasien hat die Welt resp. Europa bereits erleben müssen und wir wissen zu gut, welche Konsequenzen dieses hatte bzw. hat. Als das Rerendum im Juni zugunsten des britischen Volkes ausging, war ich erleichtert und erfreut zugleich, zeigt es doch deutlich, dass der Souverän in GB das letzte vernünftige Wort hat. Der haarsträubenden Alleingang Deutschlands in der Flüchtlingspolitik und die damit verbundene Isolierung Deutschlands innerhalb der EU durch Frau Merkel oder die durch Merkel erzwungene Wirtschaftspolitik wird von vielen Mitgliedsstaaten nicht mehr toleriert. Merkel sorgt für einen Zerfall der EU - ob nun beabsichtigt oder nicht. GB tut m.E. das einzig Richtige und konzentriert sich auf die USA, denn dort lag immer und liegt die Zukunft.

Sehr geehrter Herr Voß, Sie haben recht, dass eine Reihe Fehlentscheidungen
getroffen wurden. Allmachtsphantasien habe ich jedoch nicht erkennen können.
Wenn Sie über den Brexit froh sind, trauern Sie vermutlich der Vielstaaterei der Vergangenheit nach. Das tut auch die AfD und vergisst, dass das Projekt Europa
die einzige Chance ist, im politischen und wirtschaftlichem Konzert auf der Welt
auch in Zukunft mitspielen zu können. Europa sollte weder von den USA (Amerka first ! ) von Russland oder China abhängig sein, sondern mit 500 Mio
Menschen soviel Einigkeit und Kraft entfalten, um für alle attraktiv zu sein. Auch Ihre Chancen sind vom Gelingen dieses Projektes abhängig. Als stärkste Wirtschaftskraft hat Deutschland eine Führungsaufgabe. Damit diese Führung nicht als Bevormundung aufgefasst wird, müssen alle am gleichen Strang
ziehen, ihre alten Vorstellungen und Gewohnheiten verändern und froh sein, dass Deutschland bisher nicht unerhebliche finanzielle Hilfe geleistet hat.

Olaf Voß | Di, 24. Januar 2017 - 17:39

Nun soll das Parlament also ein weiteres Mal entscheiden. D. Cameron hatte es bereits zu einem Referendum befragt und die Mehrheit hatte diesem zugestimmt. Es muss eben solange herumgefeilscht werden, bis es denen passt, die die Entscheidung der Mehrheit des Volkes nicht akzeptieren wollen. Die Demokratie wird von so manchen Personen als sehr störend empfunden - schade, denn genau deshalb werden wir sie eines Tages verlieren.

Silas Loy | Di, 24. Januar 2017 - 17:50

Das Britische Parlament (beide Kammern) konnten und können zu jeder Zeit die Verfahrensmodalitäten des Brexit debattieren und Eingaben machen. Mit den entsprechenden Mehrheiten können sie auch der Regierung ganz direkt zu Leibe rücken. Die Rückabwicklung von 1972 hätten sie längst gesetzlich beschliessen und terminieren können. Warum benötigen sie dafür erst eine Abstimmungserlaubnis des Obersten Gerichts? Ist das wie im Bundestag, wo sie der Regierung hörig sind und Mikado spielen?

Christop Kuhlmann | Di, 24. Januar 2017 - 19:32

Es gibt damit keinen Grund mehr an der Legitimität des Verfahrens zu zweifeln. Der Brexit wird sich vermutlich etwas verzögern, aber dafür sinkt das Risiko, dass er zu neuer Massenarbeítslosigkeit und Inflation in Großbritannien führt. Die Entscheidung wird nicht nur dem rechten Toryflügel überlassen, sondern Labour wird mit eingebunden. Die Verzögerung könnte dazu führen, dass vor dem Inkrafttreten des Brexit neue Unterhauswahlen durchgeführt werden. Hier wäre dann eine Möglichkeit für Libdems und Labour mit einem Remain -Wahlprogramm die Tories abzulösen. Immerhin wären bis dahin die Kosten des Brexit halbwegs abzusehen.

Rolf Staub | Mi, 25. Januar 2017 - 07:10

Ich geniesse Cicero seiner Artikel und seiner Sprache wegen. Lebe im Nicht-Deutsch-Sprachigem Ausland und verlerne diese Sprache mehr und mehr.
Was immer sonst unterstellte Motive die Brexitklägerin gewogen haben mochten, ihre Klage und das Urteil verdienen demokratischen Applaus.
Die hier publizierten Meinungen sind zum Teil ergreiffend "Trumpistisch". Laut, nicht gelesene Teile reklamierend, nicht gelesene Teile durch eigene Meinungen ersetzt und beurteilt (alternative Fakten).
Schönes Deutsch ist halt nicht alles.

Birte Spiegel | Mi, 25. Januar 2017 - 18:17

Das Volk hat sich gewehrt und entschieden.
Die Gegner haben geheult, gejammert und
demonstriert. Sie hätten wählen gehen können.
So ist das dann eben. Das Motiv einer Fondsmanagerin zu klagen sei hinterfragt. Aber gut. Nun wird halt auch der bürokratische Akt
noch vollzogen. Mehr darf aber auch nicht sein.
Die Briten sind raus. Man kann nicht dauernd die
angelutschten Bonbons wieder ins Glas balancieren, um sich dann doch für 'nen anderen zu entscheiden.
BiSpi

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