Berichterstattung über Ebola - Panik, Schlagzeilen und Leichenbeschau

Die Medienkolumne: Bei der Berichterstattung über Ebola sind die Verhältnisse verrutscht. Zwei Kranke in den USA interessieren derzeit mehr als 4000 Tote in Afrika. Und die Bild verliert jeden Respekt vor den Opfern

Nicht die Ebola-Toten, sondern Bild-Reporter im Seuchengebiet sind eine Nachricht
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Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin. Von 2011 bis 2016 war sie Redakteurin bei Cicero. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Was ist ein Menschenleben wert? Wenn man die Berichterstattung über die Ebola-Epidemie verfolgt, gelten offenbar sehr unterschiedliche Maßstäbe.

Denn die Schlagzeilen gelten dieser Tage weniger den bereits knapp 9000 Erkrankten und mehr als 4000 Toten in Westafrika, als vielmehr der bereits zweiten mit dem tödlichen Virus infizierten Krankenschwester in den USA. Verdacht – Infektion – Quarantäne: Jeder Schritt wird – beinahe in Echtzeit – von Fernsehsendern und Onlinemedien verfolgt. „Pannenserie schürt Ebola-Angst in den USA“, vermeldet die Welt, „USA in Angst vor Ebola“, die Deutsche Welle. „Amerika ist infiziert“, weiß Spiegel Online über die mediale Aufregung dort. Wegen zweier Ebola-Patienten. Mit Verlaub: was für ein Unsinn. Und was für eine Panikmache. Das Ebola-Virus wird nach WHO-Angaben über den direkten Kontakt mit Schleimhäuten, Blut oder anderen Körperflüssigkeiten übertragen.

Keine Frage: Es gibt auch die Inseln von großartiger, mutiger Berichterstattung – als etwa das Team von Jörg Brase für das ZDF-„auslandsjournal“ ein Waisenhaus in Sierra Leone besuchte. Es ist auch wichtig, dass die Medien über Reaktionen in Amerika aufklären.

Jeder Krankheitsfall ist eine persönliche Katastrophe, für die Betroffenen, für die Angehörigen. Aber in den vergangenen Wochen sind doch ein bisschen die Verhältnisse verrutscht. Bis in den Sommer hinein war der Ausbruch der Seuche in Westafrika für viele Zeitungen allenfalls eine Randnotiz. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berief ihr erstes Krisentreffen erst Anfang Juli ein. Da hatte das Virus bereits knapp 400 Menschen getötet. Die große Empörung darüber blieb aus.

Die Bild entdeckte das Skandal- und Vermarktungspotenzial


In den USA gibt es gerade eine heftige Debatte darüber, ob man die Namen und Adressen der Erkrankten veröffentlichen sollte. Der Chefredakteur des Onlineportals Gotnews, Charles C. Johnson, war der Meinung, ja: Er veröffentlichte Name, Alter, Wohnort und Führerscheinnummer der infizierten texanischen Krankenschwester, inklusive zweier Privatfotos aus den sozialen Netzwerken. „Wenn es um Ebola geht, möchten Sie sicherlich wissen, ob Ihr Nachbar es hat“, befand er. Viele andere Journalisten kritisierten das; und Twitter sperrte Johnson daraufhin.

Mit Betroffenen muss man sensibel umgehen. Das wissen sie in den USA – und immerhin gibt es dort eine Diskussion über ethische Standards bei der Ebola-Berichterstattung. In Deutschland ist man da noch nicht ganz so weit.

Erst wurde eine der schlimmsten Epidemien der Nachkriegszeit verschlafen. Dann entdeckten einige das Skandal- und Vermarktungspotenzial. Allen voran die Bild. Man muss nicht so weit gehen wie die „Frankfurter Rundschau“, und der Bild rassistische Hetze vorwerfen, weil in den Augen des Blattes „Afrikaner, besonders muslimische Afrikaner, gefährlich sind“.

[video:Wie kann man Ebola eindämmen?]

Es reicht, sich die Berichterstattung des Springer-Blattes anzuschauen und sie an den einfachen journalistischen Handwerksregeln zu messen. Die Boulevardzeitung schickte eigene Reporter in die Seuchenregion und titelte am 4. Oktober: „Bild in der Ebola-Hölle“. Nicht die Toten, nicht die Arbeit der vielen Ehrenamtlichen und Gesundheitshelfer vor Ort waren die Nachricht, sondern die Tatsache, dass Bild vor Ort war. Schlimmer noch: Auf Seite sieben zeigte das Blatt ein fünfspaltiges Foto eines Ebola-Toten. Die nackte Leiche, irgendwo am Stadtrand von Monrovia, Liberia, wird zur Beerdigung mit einem roten Tuch bedeckt. Das Gesicht des unbekannten Opfers ist zum Betrachter gedreht, deutlich identifizierbar.

Im Pressekodex des Deutschen Presserat, Richtlinie 8.2, heißt es: „Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen.“ Ausnahmen gibt es nur, wenn das Opfer, Angehörige oder sonstige Befugte zugestimmt haben. Dass das im Fall der Bild-Reporter geschah, ist mehr als zweifelhaft: Nicht nur der fotografierte Mann, auch seine Frau und seine dreimonatige Tochter waren an Ebola verstorben. Auf Cicero-Online-Anfrage war der Springer-Verlag nicht mehr rechtzeitig zu erreichen.

Was für Qualen aber muss dieser Mensch erlitten haben: Er durfte niemandem mehr umarmen, ging mit Schmerzen von dieser Erde, wurde in der Wildnis verscharrt – und selbst im Tode entwürdigt. Für eine Schlagzeile.

Update: Die Pressestelle des Axel-Springer-Verlags hat mittlerweile mitgeteilt: „Das Abbilden der Zustände und Opfer ermöglicht eine Visualisierung des Grauens der Ebola-Seuche. Unsere Reporter haben die Leichen-Bestatter begleitet.“

In einer früheren Version war von knapp 9000 Ebola-Toten die Rede. Tatsächlich sind es knapp 9000 Erkrankte und mehr als 4000 Tote. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
 

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