?Zuerst Iraner, dann Juden?

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad will Israel, das ?zionistische Krebsgeschwür?, ausrotten. Gleichzeitig schmückt er sich mit den 25000 im Iran lebenden Juden. Wie sieht deren Alltag in der islamischen Republik aus?

Lesen Sie auch: Jörg Lau: Ein falscher Messias Sie beten und warten. Seit über einer Stunde schon. Acht ältere Männer und vier Frauen. Die Kippa haben sie erst beim Betreten der alten Synagoge in Isfahan aufgesetzt. In der Öffentlichkeit wollen sie nicht unbedingt als Juden erkannt werden. Ihre Gebetsriemen haben sie bereits angelegt, da meldet der Bote, den sie losgeschickt haben, dass es noch eine halbe Stunde dauern könnte, bis die zwei Männer kommen, die sie bei anderen Synagogen angefordert hatten. Der Sabbatgottesdienst kann erst dann beginnen, wenn mindestens zehn Männer anwesend sind. Da die anderen zwölf Synagogen in Isfahan unter dem gleichen Mangelproblem leiden, haben sich die tausend Juden, die es in der Zwei-Millionen-Stadt noch gibt, längst daran gewöhnt, geduldig zu sein. ?Wir genießen die Ruhe, können uns ungestört unterhalten, während draußen unsere muslimischen Nachbarn mit viel Lärm am Samstag in ihre islamische Woche starten.? Der 65-jährige Vorbeter hat lernen müssen, mit schwierigen Situationen umzugehen: ?Vor 30 Jahren, vor der Islamischen Revolution, hatten wir Juden in Isfahan noch 15000 Gemeindemitglieder. Wir hatten unsere eigene Schule, am Sabbat hatten die Kinder keinen Unterricht und konnten in die Synagogen gehen. Heute müssen unsere Kinder in die Schulen der Islamischen Republik, auch am Sabbat, und so fehlen sie uns jetzt beim Gottesdienst.? Fragt man nach den Gründen für die massenhafte Abwanderung in den vergangenen Jahren, stößt man meist auf Schweigen, zumindest aber auf das Unverständnis der wenigen Juden in der Synagoge darüber, dass sie vielleicht zu einer politischen Aussage gezwungen werden sollen. Nur vage geben sie nach einiger Zeit mit sehr viel orientalischer Umschreibung zu verstehen, dass der Kampf gegen den Staat Israel, den schon Ajatollah Khomeini als eine Art Staats­ideologie eingeführt hatte, bei vielen iranischen Juden Irritationen und Ängste auslöste und sie mehr oder weniger zum Auswandern gezwungen habe. Andererseits hatte derselbe Revolutionsführer erklärt: ?Wir achten religiöse Minderheiten, die Teil unseres Volkes sind. Der Islam erlaubt nicht, sie zu unterdrücken.? Trotzdem kam es zu Beginn der Revolution zu Übergriffen gegen in Iran lebende Juden. Für den jüdischen Vorbeter in Isfahan ?ist das längst vorbei. Eine antisemitische Hetzjagd wie in arabischen Ländern, die hat es in Iran nie gegeben. Dort unterscheidet man nicht zwischen Israel, Zionisten und Juden. Die Iraner tun das. Und wir hier sind zuerst Iraner und dann Juden. Uns gibt es hier schon seit über 2500 Jahren.? Bei seinen ständigen Hasstiraden gegen Israel trennt auch der iranische Präsident genau zwischen Zionisten und Juden. Zionisten, das sind für Mahmud Ahmadinedschad die Israelis, ?dieses Besatzerregime, das aus den Zeitläuften der Geschichte verschwinden muss?. Besonders aggressiv wird am jährlich gegen Ende des Fastenmonats Ramadan stattfindenden Jerusalem-Tag gegen Israel gehetzt. ?Nieder mit den Besatzern und Mördern unserer palästinensischen Brüder?, schreien dann die Massen auf den iranischen Plätzen. Das soll nicht nur im Innern für eine revolutionäre Stimmung sorgen, es soll vor allem auch die islamischen Nachbarstaaten beeindrucken. Erstaunlich ist, dass seit Jahren in Isfahan die Vorsteher der jüdischen Gemeinde, ob aus Angst oder aus Überzeugung, gegen Israel mitdemonstrieren. Wird diese Haltung von der islamischen Führung erwartet oder gar gefordert? Dazu schweigen sie wieder. Was sie wirklich empfinden, dass kann man nur erahnen, wenn man bedenkt, dass viele iranische Juden Verwandte oder Freunde in Israel haben. Auch Vorbeter David hat gegen Israel mitdemonstriert. ?Ich wollte zeigen, dass ich kein Zionist bin und dass ich die Unterdrückung durch Israel für eine Schande halte.? Er hat sich eine Art Schutzhaltung zugelegt, er trennt zwischen Religion und Politik. Der Teppichhändler ist pragmatisch und will in Isfahan bleiben. Muslimische Handwerker oder Händler pflegen mit ihren wenigen jüdischen Kollegen sowohl im Basar als auch außerhalb ein weitgehend tolerantes Nebeneinander. Wie abgesprochen, drücken sich beide Seiten ähnlich diplomatisch aus: ?Wir haben doch alle denselben Gott und achten die Religion unseres jüdischen oder muslimischen Nachbarn.? Die tausend Juden, die es in Isfahan noch gibt, haben sich nolens volens mit ihrer Situation abgefunden. Intellektuelle und Wissenschaftler, die die jüdische Gemeinde früher geprägt haben, sind zumeist ausgewandert. Die Alternative, die politische Lage in ihrer Heimat zu tolerieren, kam für sie nicht infrage. Das jüdische Viertel in Isfahan heißt immer noch so, obwohl dort kaum noch Juden leben. In den vergangenen Jahren sind dort sechs Synagogen, um die sich niemand mehr gekümmert hat, einfach eingestürzt. Zweieinhalbtausend Jahre lang haben Juden und Perser in Isfahan sich gegenseitig befruchtet, Waren und Wissen ausgetauscht. Für die Fundamentalisten der Islamischen Republik ist das Geschichte. Auch in Teheran gibt es jüdische Viertel ohne Juden und mit Synagogen, die verfallen. Doch in der mit 20000 Mitgliedern größten jüdischen Gemeinde Irans hat man die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich die Zeiten wieder zum Besseren wenden könnten. ?Change? hört man seit kurzem auch in der Islamischen Republik. Die Hoffnung auf einen Wechsel stützt sich auf die Kandidatur von Mohammad Chatami, der im Juni bei der Präsidentschaftswahl antreten will. Vom früheren Reformpräsidenten, der bereits 1997 bis 2005 regierte, erwartet sich die jüdische Gemeinde mehr Liberalität und die Möglichkeit, als Minderheit besser überleben zu können. Bis zur Wahl jedoch hat man es noch mit einem iranischen Präsidenten zu tun, der vor zweieinhalb Jahren zu einer ?Holocaust-Konferenz? nach Teheran einlud, um mit möglichst viel Publicity den Völkermord an den europäischen Juden infrage zu stellen. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Teheran, Siamak Moresedgh, protestierte damals in aller Öffentlichkeit gegen Ahmadinedschads Provokation. ?Das sei eine große Beleidigung aller Juden.? Während die sogenannte Holocaust-Leugner-Konferenz bei den Iranern auf keinen fruchtbaren Boden fiel, erinnern sich viele Muslime noch an den mutigen Auftritt von Siamak Moresedgh. Er ist Chefarzt des jüdischen Krankenhauses in der Teheraner Siroosstraße. Eine Adresse, die viele kennen, weil das Sapir-Hospital im ganzen Land einen hervorragenden Ruf genießt. Von der jüdischen Gemeinde finanziert, sind über 95 Prozent der Patienten Muslime. ?Das Krankenhaus ist ein Symbol der jahrhundertealten Freundschaft zwischen Muslimen und Juden in Iran. Zwischen beiden Gruppen hat es immer wieder mal Probleme gegeben, so auch zu Beginn der Islamischen Revolution. Aber Antisemitismus?, dafür gibt es für den Chefarzt ?in Iran überhaupt keinen fruchtbaren Boden?. Auch er verurteilt die israelische Aggression gegenüber den Palästinensern ?aus voller Überzeugung. Zionismus findet bei den Juden in Iran keine Zustimmung.? Dies ist der Leitsatz, mit dem die jüdischen Gemeinden in der Islamischen Republik sich absichern wollen. Chefarzt Moresedgh, in dessen Büro zwei große Bilder von Revolutionsführer Chomeini und seines Nachfolgers Chamenei hängen, ist seit zehn Monaten auch Abgeordneter im iranischen Parlament. Von den 290 Sitzen ist einer für die jüdische Minderheit reserviert. Gesetzliche Diskriminierungen, wie beim Blutgeld oder Erbrecht, sind revidiert worden. So können heute Muslime nach einem Unfall oder Verbrechen nicht mehr Schadenersatz verlangen als Juden. Und auch beim Erben werden Juden als Minderheit nicht mehr benachteiligt. Sind die iranischen Behörden toleranter geworden? Die offiziellen Vertreter der Juden in Teheran nicken, wenn auch etwas zurückhaltend. Sie sind vorsichtig, weil die Auseinandersetzung mit wechselnden islamischen Autoritäten eine ständige Gratwanderung bedeutet. Weniger Zustimmung zum erreichten modus vivendi findet man bei der jungen jüdischen Generation. In Teheran gibt es vier jüdische Schulen: zwei für Jungen, zwei für Mädchen. Dort können die Schüler im Religionsunterricht auch lernen, ihre Gebete auf Hebräisch zu sprechen. Allerdings, woher diese Sprache stammt oder wo Israel liegt, das ist ein Tabu und ein weißer Fleck auf der Landkarte im Geografieunterricht. Über die strikte Einhaltung dieser Regel wachen Schuldirektoren des Kultur- und Führungsministeriums der Islamischen Republik. Nach Schule und Studium fühlen sich viele jüdische Absolventen als Bürger zweiter Klasse in Iran: Von Jobs in der Rechtsprechung sind sie ausgeschlossen. Schuldirektoren oder höhere staatliche Beamte dürfen sie auch nicht werden. Bleibt nur noch die Industrie und Wirtschaft. Allerdings meist nur in der Theorie. Die Industrie ist überwiegend verstaatlicht, das bedeutet, die guten, höher bezahlten Jobs bekommen nicht jüdische Bewerber. Selbst wenn es in Iran nach der Präsidentenwahl im Sommer zu einem vielleicht kleinen ?Change? kommen sollte, seit der Wahl Obamas hat bei vielen jüdischen Jugendlichen in Iran das geduldige Warten auf eine bessere Zukunft nachgelassen. Das Gottvertrauen ihrer Eltern fehlt ihnen. Wenn schon ?Change, dann richtig und so bald wie möglich?, ist jetzt einer der Leitsätze der jungen Juden in Iran. Sie befürchten, dass sich der israelisch-palästinensische Konflikt verschärfen wird, was wiederum für die Machthaber der Islamischen Republik eine willkommene Gelegenheit wäre, sich als die einzig wahren Retter ihrer palästinensischen Brüder darzustellen. Mit der Folge, dass die bislang praktizierte und bewährte Abgrenzung zwischen Juden und Zionisten Risse bekommen könnte. Die jüdische Gemeinschaft Irans aber will nicht als Sündenbock für den Nahostkonflikt missbraucht werden. Da vor allem die jüdischen Jugendlichen diese Perspektive nicht ausschließen, dürfte der schleichende Exodus der mit 25000 Mitgliedern noch größten jüdischen Gemeinschaft in der islamischen Welt weitergehen. Foto: Picture Alliance

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