Literatur-Hype - Das Phantastik-Genre kämpft sich aus der Schmuddelecke

Elfen und Orks gehören mittlerweile zu den literarischen Diskursen der Gegenwart. Mit der Ausweitung der Wirklichkeit haben es phantastische Inhalte neben trivialer Unterhaltungskultur auch in die „höhere“ deutsche Literatur geschafft. Vielen Lesern geht es dabei um Weltflucht

Zwei als Elfen verkleidete Frauen posieren auf der Buchmesse in Leipzig (Sachsen).
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ist deutscher Autor, Kritiker und Herausgeber.

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Die Phantastik wurde häufig totgesagt. Dabei ist sie so lebendig wie eh und je. Heute drängt sich gar der Eindruck auf, sie könnte mehr als jemals zuvor beim Mainstream-Publikum angekommen sein. Aber Vorsicht, ganz so einfach ist es nicht.

Natürlich kennen alle den „Herrn der Ringe“, „Harry Potter“ und „Game of Thrones“. Aber heißt das, dass sich das Phantastik-Genre mit seinen Zwergen, Elfen und Orks, Magiern und Zauberwesen, mit seinen mittelalterlichen Kulissen und schicksalsmächtigen Gottheiten auch höherer kulturbetrieblicher Weihen sicher sein kann?

Glaubt man dem deutsch-vietnamesischen Genrefilmmacher Huan Vu, bekannt für seine Verfilmung von H. P. Lovecrafts „Die Farbe aus dem All“ (2010), dann ist dem keineswegs so. Schon historisch bedingt stehe die Phantastik nach wie vor unter dem Generalverdacht, sich reißerischer Themen zu bedienen und niedere Leserinstinkte anzusprechen. In einem empört-kämpferischen Essay hat Huan Vu kürzlich dargelegt, wie sich hierzulande, auf Grund besonderer kultureller und gesellschaftspolitischer Begebenheiten, eine strikte Trennung zwischen ernsthafter und trivialer Literatur etablierte, die das Herausbilden einer „phantastischen“ Tradition verhinderte.

Gesteigertes Interesse an phantastischen Inhalten
 

In ein ähnliches Horn stößt regelmäßig Dietmar Dath, der vehementeste Vertreter der gegenwärtigen hochliterarischen Phantastik. Seine Romane, etwa die formverrückte „Abschaffung der Arten“, 2008 immerhin auf der Shortlist zum Buchpreis, sind gute Beispiele dafür, wie sich in zeitgemäßer Machart an das große „phantastische“ Erbe von legendären Autoren wie J. G. Ballard, Ray Bradbury und Harlan Ellison anknüpfen lässt.

Dietmar Dath, der in seiner Funktion als FAZ-Redakteur in wunderbar kruden Artikeln immer wieder Autoren und literarische Underground-Szenen empfiehlt, die außer ihm wohl nur Außerirdische kennen, ist jedenfalls angesäuert: Die Abwesenheit des Phantastischen in den literarischen Diskursen der Gegenwart bringt ihn regelmäßig rhetorisch formidabel auf die Palme.

Die Vorwürfe sind natürlich ungerecht. Denn nicht nur die Aufmerksamkeit, die man Dath selbst schenkt, spricht gegen seine These. Auch kann keinem an Literatur Interessierten entgangen sein, dass sich in letzter Zeit immer häufiger phantastische Inhalte in die „höhere“ deutsche Literatur eingeschleust haben.

Ob durch Christian Kracht, der in „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ (2008) ein düster-grelles Zukunftsszenario gezeichnet hat, in dem nach einem kommunistischen Umsturz in der Schweiz ewiger Krieg herrscht. Oder durch Leif Randt, dessen weichgetuschte Zukunftswelten „Schimmernder Dunst über Coby County“ (2011) und „Planet Magnon“ (2015) den Leser wundersam spacig und soft bis ins Weltall und auf die Rücken von halb betäubten Dinosauriern entführen. Oder durch Anja Kümmel, die in „Träume digitaler Schläfer“ (2012) auf drei Zeitebenen und aus zwei Perspektiven die Begriffe Geschlecht, Identität und Wirklichkeit verhandelt – in postapokalyptischer Szenerie.

Große Spielwiese von unterschiedlichen Existenzweisen
 

Diese und andere Texte zeigen das große Potenzial auf, das der phantastische Zugriff auf die erfahrbare Welt eröffnet und um bislang noch unbekannte Erfahrungen erweiterte. Phantastik beinhaltet immer eine Ausweitung der Wirklichkeit mittels möglicher und unmöglicher Elemente von Welt und Weltall in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eigentlich wird sie der Aufgabe der Literatur, Spielwiese und Probierstück menschlicher und außermenschlicher Existenzweisen zu sein, gerechter als jede andere literarische Ausdrucksform. Denn wie die bodenhaftende Kunst enthält sie Realität, aber zusätzlich eine, die es geben könnte, nicht müsste. Ein ungleich größeres Versuchsfeld!

Die erwähnten Beispiele scheinen allerdings schwer verdauliche Kost für die „richtigen“ Genre-Liebhaber zu sein. Liest man nämlich die Leserrezensionen auf Amazon, drängt sich der Verdacht auf, der „normale“ Phantastik-Leser schätze wohl eher das „Was“ des Erzählten – und nicht so sehr das „Wie“. Findet also ein Hype statt, der nur die triviale Ausprägung des Genres betrifft?

Für Sascha Mamczak, der neben seiner Funktion als Programmleiter für Science Fiction und Fantasy beim Heyne-Verlag auch das Anfang 2014 gestartete Online-Portal diezukunft.de verantwortet, steht immerhin eines fest. Der Trend geht Richtung Science Fiction: „Nachdem die Fantasy mit ihren brunftigen Vampiren den Zenit überschritten hat, ist jetzt die Science Fiction dran.“

Auf Nachfrage muss er zugeben, dass hiermit eher die triviale, auf spannende Unterhaltung getrimmte Variante des Genres gemeint ist: Stoffe wie „Der Marsianer“ vom US-Self-Publisher-Phänomen und Bestseller-Autor Andy Weir, dessen Logbuch eines gestrandeten Mars-Astronauten seit Oktober auch in deutschen Kinos zu sehen ist. Und natürlich nicht Harlan Ellison, dessen Auswahl an besten Storys „Ich muss schreien und habe keinen Mund“ (2014) sich bislang „nur“ an die 3000-mal verkauft hat.

Von deutschen Autoren geheilt
 

Wo keine Konzern-Power dahintersteht, sieht man die Dinge betrüblicher beziehungsweise klarer. Für Joachim Körber, den Verleger der kleinen Edition Phantasia, die sich etwa den Luxus einer Werkausgabe von H. P. Lovecraft leistet, hängt die Phantastik wie eh und je „halbtot überm Gartenzaun“. Auch einen Boom des Horror-Genres in den 80ern habe es seiner Ansicht nach nicht gegeben, sondern vielmehr einen „Stephen-King-Boom“.

Sein Kollege Frank Festa vom Festa Verlag, der es sich in der Nische des Extrem-Horrors bequem gemacht hat, ist gänzlich von deutschen Autoren geheilt: „Seit wir uns von den deutschen Möchtegerns getrennt haben, läuft alles besser.“ Um 2010 sei das gewesen, als sich der Verlag entschlossen hat, nur noch die amerikanischen Originale zu machen, keine laschen Abklatsche mehr. Vom angeblichen Phantastik-Hype merkt der Verlag wegen seiner Spezialisierung auf brutalen Horror aber eh nichts.

Einen echten Hype um die Phantastik hingegen erkennt Literaturagent Markus Michalek. Das mag natürlich auch an den Autoren liegen, die die altehrwürdige Münchener AVA vertritt: Mit Michael Ende („Die unendliche Geschichte“) hat sie den Wegbereiter der phantastischen Literatur in Deutschland im Portfolio. Mit Markus Heitz („Die Zwerge“) zählt außerdem ein aktueller Superstar des Genres zu den Kunden der Agentur.

Über Stephen King zur Literatur
 

Wie Michalek sich den erhöhten Bedarf an phantastischen Stoffen erkläre? Nach dem Verlust aller überkommenen Orientierungen fänden die Menschen in den mystischen Welten der Phantastik quasi eine Art Ersatzreligion. Früher gab dieser realitätsvermeidende Aspekt des Lesens freilich Anlass zur Kritik: Weltflucht nannte man das da.

Gerne spricht man von den Toren zu neuen Welten, die die Phantastik eröffne. Als Türöffner zur Welt der „richtigen“ Literatur sollten wir sie vielleicht am meisten schätzen und ehren. Denn viele Leserkarrieren beginnen im sogenannten Unterhaltungssegment, in der Schmuddelecke. Es wäre sicherlich nicht übertrieben zu behaupten, dass in den 80ern eine ganze Generation von Lesern durch Stephen King zur „eigentlichen“ Literatur geführt wurde.

Abgesehen von diesem sentimentalen Aspekt der phantastischen Sache lassen sich auch heute immer wieder wahre Perlen in diesem angeblich unreinen Genre finden. Das Jahr 2016 verspricht sogar eine wahre Fundgrube für die High Phantastik zu werden. Da jährt sich etwa das Erscheinen des berühmtesten Science-Fiction-Romans überhaupt, Frank Herberts „Der Wüstenplanet“, zum 50. Mal. Anlass genug für den Heyne Verlag, mit einer Neuübersetzung aufzutrumpfen. Der Verfilmung von Ballards Hochhaus-Dystopie „High-Rise“, die 2016 auch auf Deutsch zu sehen sein wird, darf man ebenso mit größter Spannung entgegensehen.

Ferner hat der literarisch begabteste Fantasy-Autor des Landes, Tobias O. Meissner, mit „Sieben Heere“ in diesem Jahr eine neue Reihe begonnen, in der sich die beinahe unabsichtliche Revolte in einem kleinen Dorf zu einem veritablen Weltkrieg entwickelt – mit solcher Sogwirkung, dass der für nächstes Jahr angekündigte zweite Band schon jetzt sehnsüchtig erwartet wird. Von Anja Kümmel, der begabtesten Schülerin Dietmar Daths, steht mit „V oder Die Vierte Wand“ ein großer Roman zu erwarten, in dem die Autorin den Leser einmal mehr in eine traumhaft schöne und schmerzlich ungewisse Zukunftsvision entführt. Ihrer psychedelischen Dystopie folgt man allein des ureigenen Sounds der Sprache wegen in die entlegensten Räume. Und auch der nimmermüde Dietmar Dath himself hat mit „Leider bin ich tot“ ein neues Werk am Start: „eine“, so heißt es, „phantastische Melange aus Pop, Physik, Politik, Philosophie und Science-Fiction“.

 

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