Kurz und Bündig - Volker Braun: Das Mittagsmahl

Ein kleines, ein sogar sehr kleines Buch hat Volker Braun geschrieben – was den Umfang betrifft. Der Inhalt dagegen füllt Bibliotheken: Liebe, Geburt und Tod, das Leben von Mann und Frau und deren Kindern, Krieg und Frieden, Leben unter einer kriegerischen Diktatur. «Ich beginne also, vom Schönsten und vom Schrecklichsten zu schreiben», notiert Volker Braun und lässt die Geschichte seines Vaters und seiner Mutter mit dem Jahr 1933 einsetzen.

Ein kleines, ein sogar sehr kleines Buch hat Volker Braun geschrieben – was den Umfang betrifft. Der Inhalt dagegen füllt Bibliotheken: Liebe, Geburt und Tod, das Leben von Mann und Frau und deren Kindern, Krieg und Frieden, Leben unter einer kriegerischen Diktatur. «Ich beginne also, vom Schönsten und vom Schrecklichsten zu schreiben», notiert Volker Braun und lässt die Geschichte seines Vaters und seiner Mutter mit dem Jahr 1933 einsetzen. Wir sehen Erich Braun, der seine Briefe an die Geliebte kühn als «Ich» unterzeichnet, mit seiner Braut Irmgard im Hochzeitszug gehen, irgendwo auf einem Dorf; die Dialogfetzen, die Braun einstreut, weisen auf Sachsen. Irmgard ist im siebten Monat schwanger, der Mann hat kein Geld: Am Tag nach der Hochzeit kommt der Gerichtsvollzieher, weil Erich das Brautgeschenk mit einem ungedeckten Scheck bezahlt hat. Diese Geschichte handelt wie selbstverständlich auch von der Armut und darüber hinaus vom Getrenntsein mehr als vom Zusammenleben. Buchprüfer ist Erich Braun und reist über Land; kommt er nach Haus, wird rasch ein
neues Kind gemacht; die Mutter von zuletzt fünf Söhnen schlägt sich tapfer durch. «Fordre mehr von dir, tu dir Gewalt an», schreibt der Ehemann von seinen Reisen und kauft seinerseits «Bilder, Noten, Bücher», aber auch ein Konzertanrecht, für drei: Das Fräulein Büttner könnte doch mit dabei sein. Leben der kleinen Leute – auch von Untreue und Verrat ist da ganz nebenbei die Rede, die Mutter verlässt den Mann mitsamt ihren Kindern, kehrt aber bald wieder zu ihm zurück. Volker Braun rekonstruiert diese Beziehung in äußerster Knappheit, die Eltern sieht er aus Kinderaugen. Und weil dies Kind im Schlafzimmer der Eltern nächtigt, bekommt es viel Verwunderliches zu sehen und zu hören: «Als mein junger Vater aus dem Schlafzimmer durch den Vorsaal ins Bad ging, ragte wie eine helle feste Waffe sein Glied aus dem Leib.» Da hat der Vater schon nicht mehr lang zu leben. In den letzten Kriegstagen noch zur kämpfenden Truppe kommandiert, meldet sich Erich Braun freiwillig, einen feindlichen Panzer zu knacken und wird aus dem Hinterhalt erschossen – das Büchlein trägt seinen Titel wegen des «Mittagsmahls», während dessen die Nachricht vom Heldentod des Vaters bei Frau und Kindern eintrifft, die Trümmer des zerbombten Dresden schwelen noch, nicht weit vom Dorf. Eine Schrift des Vermissens also, eine Wiederbelebung durch Erinnerung, Wiederbegegnung, Jahrzehnte nach dem Tod. Wer war dieser Vater, der sich, ganz gegen die Verhältnisse, «alles Schöne aneignen» wollte? Eigentlich ein Künstler, der Sohn auch in diesem Sinne sein Nachfolger? Oder ein Geflohener, Geretteter? In Wien, schreibt Volker Braun, gibt es «ein vornehmes Konfektionsgeschäft, über dessen Türen und Scheiben, in schönen Lettern, der Name des Inhabers prangt: Erich Braun». Womöglich der Vater? «Verächtlicher Gedanke» ist dieser kurze Abschnitt überschrieben, dem noch zwei Gedichte aus den Jahren 1975 und 1996 folgen: von einer Reise ans Grab des Vaters im Teutoburger Wald und vom Sterben der Mutter, dem weiteren Weg der Söhne – wohl nur ein Lyriker konnte die komplexe Familiengeschichte aus zwei deutschen Diktaturen derart verknappt zum Leuchten bringen, dass auch der spätgeborene Leser noch mit Kinderblick in eine fremde Welt schaut, als wäre sie ihm verwandt.

 

Volker Braun
Das Mittagsmahl
Insel, Frankfurt a. M. 2007. 65 S., 11,80 €

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