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Projektionen und Rauchschwaden – Gunnar Schmidt untersucht die Rolle des Nebulösen in der Kunst

Wer hat Angst vor Rot-Grün-Blau? Als der dänisch-deutsche Künstler Olafur Eliasson vergangenes Jahr in Berlin eine Ausstellung eröffnete, überraschte er die Besucher mit einem Raum voller Nebel, der ständig seine Farbe wechselte. Wer darin umherspazierte, verlor langsam, aber sicher die Orientierung. Wie soll man so eine Arbeit nennen? Installation? Performance? Soziale Plastik?

Olafur Eliasson ist nicht der einzige Künstler, der so arbeitet. Schon der Comic-Held Batman kündigte ab 1942 mit dem an den Himmel gestrahlten Fledermaus-Symbol seine Rettungsaktionen an. Und 2008 verwandelte das Künstlerduo HeHe mit einem Laserstrahl die unsichtbaren Emissionen eines Wärmekraftwerks in Helsinki in eine grellgrün leuchtende Wolke. Der Trierer Kulturwissenschafter Gunnar Schmidt hätte seine Studie über «Projektionen auf Rauch, Wolken und Nebel» auch «Die Kunst des Flüchtigen» oder «Ästhetik des Wunderbaren» nennen können. Wenn er sie jedoch «Weiche Displays» betitelt, deutet das bereits darauf hin, dass es ihm auf den Anwendungsaspekt ankommt. Schmidt lehrt an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft am Fachbereich Gestaltung Intermediales Design.

Der Gebrauchswert des Buches erschöpft sich aber keineswegs in der Frage, wie man diese Medien am geschicktesten benutzt. Hier ist ein Kulturwissenschaftler am Werk, der von den Geheimnissen der mittelalterlichen Optik bis zu Julia Kristevas Theorie des semiotischen Raums das gesamte Deutungspotential dieses Ansatzes ausspielt. Leider verliert man in Schmidts akribisch entfalteter Phänomenologie mitunter den großen Zusammenhang aus den Augen. Zeitdiagnostische Wertungen wie die, dass sich an einer Lichtinstallation der australischen Gegenwartskünstlerin Deborah Kelly der Übergang vom Spiritualismus zum Physikalismus in der Medienkunst ablesen lässt, versteckt der Autor oft nur in Nebensätzen.

Für Schmidt sind diese «weichen» Medien keineswegs nur Attribute jener «Kultur des Spektakels», die der französische Theoretiker Guy Debord aufs Korn nahm. Er zieht die Linie von den Phantasmagorien des 18. Jahrhunderts, wo hösche Gesellschaften in einer Art Séance durch Hohlspiegel Projektionen auf Rauch betrachteten, über die Versuche der Firma Henkel in den dreißiger Jahren mittels Wolkenprojektionen für Persil zu werben, bis zur Lichtkunst heutiger Tage. Schmidt deutet sie als Vorläufer der modernen Unterhaltungskultur, wo auch diese auf Synästhesie, Animation und Effekt setze. Andererseits beginne mit ihnen auch die Profanierung der religiösen Imagination.

Wer sich durch das schmale, aber hochkomplexe, bisweilen hermetisch geschriebene Buch gearbeitet hat, muss sich den Bedeutungswandel der Kunst, der sich im Gebrauch von Rauch, Wolken und Nebel ausdrückt, am Ende etwas mühsam selbst zusammenbuchstabieren. Fungierten sie im 18. Jahrhundert noch als «Gegenmodell zu den traditionellen Künsten», wollen sie sie heute eher immaterialisieren. Eine Tendenz, in der man das Nachwirken des frühen Impulses spürt, klassische Repräsentationsmodelle wie das Tafelbild durch ein flüchtigeres Medium zu ersetzen. Wenn Schmidt am Schluss die «Anti-Aufklärung» Olafur Eliassons hervorhebt, redet er nicht irgendeinem Neo-Irrationalismus das Wort, sondern unterstreicht die Bedeutung der sinnlichen Erfahrung in der Kunst vor der symbolischen: Ich versteh’ die Welt nicht mehr, also bin ich!   


Gunnar Schmidt
Weiche Displays.
Projektionen auf Rauch, Wolken und Nebel
Wagenbach, Berlin 2011.
160 S., 22,90 €

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