Karin Graf und Joachim Sartorius - Unendlicher Spaß

Ist es eine große Herausforderung für ein Paar, wenn es seine Bibliotheken zusammenlegen will? Zu Besuch bei der Berliner Literaturagentin Karin Graf und dem Lyriker und Kulturmanager Joachim Sartorius

Karin Graf, Joachim Sartorius Bibliotheksporträt, Berlin
(picture alliance) Karin Graf und Joachim Sartorius: „Du hast damals meine Taschenbücher verachtet!“

Dass Bücher über die Liebe ihren Lesern den Kopf verdrehen, ist eine alte Geschichte. Seltener aber wird erwähnt, dass andererseits ohne die Literatur kein Staat in der Liebe zu machen wäre. Geht es ums Paarsein, gibt keine andere der schönen Künste detailliertere Einblicke. In gewissem Sinne könnte man die Literaturgeschichte gar als eine einzige große Gebrauchsanweisung für dieses Gebiet des menschlichen Lebens verstehen, von der Odyssee bis Anna Karenina, gespickt mit positiven wie mit negativen Fallbeispielen. [gallery:Bücher zu Weihnachten – Was empfehlen Deutschlands Literaturkritiker?]

Wären Karin Graf und Joachim Sartorius Romanfiguren, gehörten sie sicherlich zu den positiven Beispielen. Er, Lyriker und Kulturmanager, noch bis Ende des Jahres Leiter der Berliner Festspiele. Sie, ehemals Übersetzerin und heute die bekannteste Literaturagentin des Landes, die über 150 Autoren vertritt, von der jungen Judith Schalansky bis zum gerade mit dem Büchner-Preis gekrönten F. C. Delius. Seit über 25 Jahren leben sie zusammen. Fragt man die beiden, ob ihre enge Bindung zur Literatur auch ihrer Beziehung gutgetan habe, lächelt Karin Graf zunächst diskret in die Ferne. Sartorius aber zieht seinen ersten Gedichtband „Sage ich zu wem“ aus dem Regal und liest daraus vor: „Eins ist in uns: die Idee der Liebe, / angelesen, von Büchern unterhalten. / Ein Durst nach Umsetzungen daraus.“ 1988 erschien der Band. Zwei Jahre zuvor war das Paar mit den beiden Töchtern Anna und Andrea nach Berlin gezogen.

Wir befinden uns im mit Biedermeiermöbeln eingerichteten Lyrikzimmer ihres dreigeschossigen Hauses. Die Westendallee in Berlin ist eine für Hauptstadtverhältnisse noble Wohnlage. Joachim Ringelnatz hat hier im Westend gewohnt. Auch seine Gedichtbände befinden sich in den Regalen. Überhaupt handelt es sich bei der Büchersammlung in diesem Raum um eine der umfangreichsten Poesiesammlungen, die man zu Gesicht bekommen kann. Vom Boden bis zur Decke hat Sartorius, der neben seinen anderen Tätigkeiten für Cicero eine monatliche Lyrikkolumne schreibt, die Wände mit Ausgaben von Octavio Paz, von Durs Grünbein und Gertrud Kolmar, John Ashbery und Elizabeth Bishop, von Rimbaud und Baudelaire vollgestellt.

Von außen sieht das Haus, in das das Paar im vergangenen Jahr gezogen ist, nicht spektakulärer aus als die anderen benachbarten Gebäude. Werner Düttmann, der Westberliner Architekt und Stadtplaner, der unter anderem für die Akademie der Künste und das Brücke-Museum verantwortlich ist, hat hier gelebt. Das von ihm umgebaute Innere des Hauses atmet den eleganten Geist der sechziger Jahre. Man sieht sie förmlich dort stehen, die Westberliner Mad Men, Herren in schwarzen Anzügen, mit dünnen Krawatten und einer Zigarette im Mundwinkel, die sich mit lässigem Ernst den Kalten Krieg schöntrinken. Den weißen Wänden vorgesetzt sind im gesamten Haus die schlichtesten und zugleich vornehmsten Bücherregale, die man sich vorstellen kann.

Die Bibliotheken der beiden, die sie lange Zeit getrennt voneinander aufbewahrten, waren so groß, dass dafür ein eigener Umzug organisiert werden musste, noch bevor die Möbel ins Haus kamen. Zwei Buchhändler wurden angestellt, die die Bücher einpackten, Dubletten aussortierten und in der Westendallee wieder in die Regale stellten. „Die Ordnung der Bände in unserer Wohnung in Charlottenburg tendierte gegen null. Der Umzug war die Chance, das alles einigermaßen in den Griff zu bekommen“, erzählt Sartorius. Das hat tatsächlich geklappt. Die Reisebücher und die deutsche Literatur befinden sich in dem geräumigen Dachgeschossschlafzimmer des Paares. Die französische, die englischsprachige und die anderweitig internationale Literatur ist auf die Räume der ersten Etage verteilt. Die zahlreichen Kunstbücher sind im Salon im Erdgeschoss versammelt, wo sie mit einigen der Werke, von denen sie berichten, hübsche Korrespondenzen eingehen. Eine ganze Wand mit den anrührend absurden Collagen des russischen Künstlers Ilya Kabakov haben Sartorius und Graf dort zu hängen. Auch Originalfotos von Thomas Struth, Raoul Hausmann und Bernd und Hilla Becher gibt es zu sehen. Und unter einem Glaskasten in der Ecke des Salons verbirgt sich die Installation „The manuscript found in a bottle“ des exzentrischen Marcel Broodthaers. Die Sachbücher wurden in das Kellergeschoss verbannt.

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Aber war es nicht schwierig, die Bibliotheken zusammenzulegen? Hat es da nicht einige grundsätzliche Verhandlungen gebraucht? „Du hast damals meine Taschenbücher verachtet!“, sagt Graf neckend zu Sartorius. „Wir hatten auch einen anderen Geschmack bei der deutschen Literatur. Ich mochte immer schon die neueste Gegenwartsliteratur. Achim wartete auf das, was sich setzte.“ Sartorius fällt ihr ins Wort: „Irgendwann sagt man einfach, oh Gott, jedes Jahr diese ganze neue Fiktion. Außerdem finde ich, man muss Hardcover haben, möglichst die Erstausgabe und noch einen tadellosen Schutzumschlag dazu.“ Grafs Interesse an Büchern war schon immer praktisch eingefärbt. Sartorius hingegen hatte mit dem Sammeln begonnen, als er Ende der siebziger Jahre in New York als Kulturattaché im diplomatischen Dienst arbeitete. Damals starben viele der europäischen Emigranten, und die Antiquariate waren voll mit wertvollen Büchern. Ein Band mit ägyptisch angehauchten Zeichnungen und Gedichten von Else Lasker-Schüler und Fernand Légers eigenhändig tuschierte Abstraktionsbibel „La Fin du Monde“ von 1919 schmücken seither seine Bibliothek.[gallery:Bücher zu Weihnachten – Was empfehlen Deutschlands Literaturkritiker?]

„Ich glaube, was hilft, ist ein gemeinsamer Bezugsrahmen“, sagt Karin Graf irgendwann, die Frage nach dem Paarsein vom Beginn unseres Gesprächs aufgreifend, „und den bilden bei uns mit Sicherheit die Literatur und die Künste.“ Besser als Bücher über die Liebe nur zu lesen, ist es, gemeinsam an ihnen zu arbeiten. Schon das Kennenlernen des Paares geschah über den Umweg der Literatur. Graf lebte damals noch in Köln und hatte den Auftrag bekommen, einen Film über den britischen Schriftsteller Malcolm Lowry zu synchronisieren. Zu Recherchezwecken kontaktierte sie Sartorius, der bei Rowohlt die Romane Lowrys herausgab. Bald übersetzte Graf „Unter dem Vulkan“. Später gab Sartorius die Werke des amerikanischen Dichters William Carlos Williams heraus, und wieder übersetzte Graf. Gemeinsam arbeitete man auch an James Agees legendärem Reportageband „Preisen will ich die großen Männer“. Bis heute sind die beiden zusammen tätig. Gerade ist bei Hanser ein von Sartorius herausgegebener Band mit Gedichten von Wallace Stevens erschienen, für den neben Hans Magnus Enzensberger und Durs Grünbein auch ­Karin Graf übersetzt hat.

Vielleicht wirken deshalb auch die beieinanderliegenden Arbeitszimmer der beiden wie das Herzstück des Hauses. Nicht nur liegen sie in dessen Mitte, auch unter den Gesichtspunkten des Feng-Shui scheinen hier die Schwingungen aufeinanderzutreffen. In den meisten größeren Privatbibliotheken fühlt sich der Besucher zu der Frage hingerissen, ob die Besitzer ihre Bücher auch wirklich alle gelesen haben. Steht man in den lichtdurchfluteten Räumen mit den von meterhohen Regalen umgebenen Schreibtischen, muss man fragen, ob die beiden auch wirklich an all diesen Büchern gearbeitet haben. Neben einigen seiner Lieblingstitel von Vladimir Nabokov und Edmund Wilson befinden sich in Sartorius’ Arbeitsraum seine eigenen Lyrik- und Essaybände sowie seine beträchtlichen Herausgeberschaften. Bei Graf stehen Ausgaben der beeindruckenden Anzahl von Büchern, die sie übersetzt hat; Autoren wie Joan Didion und Susan Sontag befinden sich darunter, Virginia Woolf, Willa Cather, Salman Rushdie oder V. S. Naipaul. Die Bücher der Autoren, die sie als Agentin vertritt, bewahrt sie getrennt in den Räumen der Agentur auf.

Was er nächstes Jahr macht, nach dem Ende seiner Intendanz bei den Berliner Festspielen, weiß Sartorius noch nicht. „Ich möchte Herr meines Terminkalenders sein und endlich genügend Zeit haben, um zu schreiben, zu übersetzen und herauszugeben“, sagt er. „Aber bei dem Wort Ruhestand leuchten bei mir die roten Lampen auf.“ Graf, die in ein paar Jahren die Leitung ihrer Agentur abgeben möchte, geht es ähnlich. Aber leben die beiden nicht in einem Haus, das so schön ist, dass es förmlich danach verlangt, den ganzen Tag nichts anderes zu machen, als zu lesen und nur das zu tun, worauf man Lust hat? „Aber das machen wir doch sowieso schon“, sagt Graf und klingt glücklich. „Wir hatten schon immer das große Privileg, unsere Leidenschaften auch für unseren Lebensunterhalt einsetzen zu können.“

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