Streit um Katholikentag - Die Kirche ordnet sich der Parteipolitik unter

Heute beginnt der 100. Katholikentag in Leipzig. Doch unliebsame Themen wie die prekäre Lage christlicher Flüchtlinge in deutschen Unterkünften werden dort ausgeblendet. Auch mit der AfD will man nicht sprechen

Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, Thomas Sternberg, bei der Eröffnung des 100. Katholikentages
Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, Thomas Sternberg, bei der Eröffnung des 100. Katholikentages / picture alliance

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Dr. Klaus-Rüdiger Mai, geboren 1963, Schriftsteller und Historiker, verfasste historische Sachbücher, Biographien und Essays, sowie historische Romane. Sein Spezialgebiet ist die europäische Geschichte. Foto: Herder

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Der CDU-Politiker und Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, Thomas Sternberg, hat in einem Interview die Flüchtlingskrise als zentrales Thema des gerade in Leipzig stattfindenden Katholikentages benannt. Dabei erweckte er den Eindruck, dass in seinen Augen scheinbar nur Muslime als Flüchtlinge zu gelten haben. Die teils katastrophale Situation von nichtmuslimischen Minderheiten in den Flüchtlingsheimen, von Christen und Jesiden, die laut einer Studie des christlichen Hilfswerks „Open Doors“ wegen ihres Glaubens geschlagen, beleidigt oder bedroht werden, sind für den Präsidenten hingegen kein Thema. Denn, so Sternberg: „Man muss sich davor hüten, es als typisch islamisch darzustellen, wenn Christen in mehrheitlich von Muslimen bewohnten Flüchtlingsheimen bedrängt werden.“

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ hatte die dünne Faktenbasis der Studie bemängelt, Sternberg zieht diese jedoch an sich nicht in Zweifel. Die „Welt“ wiederum verwies auf mehrere selbst dokumentierte Einzelfälle schikanierter christlicher Flüchtlinge, die das Ergebnis der Studie bekräftigen sollten. Auch Open Doors widersprach dem FAS-Artikel.

Die Realität passt nicht zur Doktrin
 

Muslime stellen nicht nur die Mehrheit in den Heimen, sie dürfen zugleich auf Unterstützung des Wachpersonals rechnen, das „häufig aus unqualifizierten, strenggläubigen Muslimen besteht“, wie Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, anmerkt. Sternbergs Logik unterstellt den Opfern, dass sie sich die Verbrechen, die an ihnen begangen wurden, nur ausgedacht hätten. Sprache ist verräterisch und die technokratische Formulierung des Chefs der Laienorganisation der deutschen Katholiken schließt von vornherein jegliche Empathie mit den verfolgten Christen und Jesiden aus. Die Realität scheint nicht in die Flüchtlingsdoktrin der EKD, der deutschen Bischofskonferenz und des ZdK zu passen.

Wenn Christen in mehrheitlich von Muslimen bewohnten Flüchtlingsheimen bedrängt werden, stellt sich die Frage, inwiefern das etwas mit der Religion zu tun hat. Christen, die in Afrika und im Nahen Osten bedroht und vertrieben wurden und denen die Flucht zu uns gelang, geraten in einen Teufelskreis, wenn sie hier wieder von Muslimen drangsaliert werden. Würde man dieses Problem nicht vertuschen und ignorieren, ergäben sich zwei schwerwiegende Konsequenzen daraus: Erstens müsste die alternativlose Flüchtlingsdoktrin auf den Prüfstand gestellt und zweitens müsste gehandelt werden.

Der Schein soll aufrecht erhalten bleiben
 

Wenn das Zusammenleben von Muslimen mit Christen und Jesiden im Flüchtlingsheim nicht gelingt, weil Muslime als einziggültige Richtschnur ihres Handelns den Islam – und wahrscheinlich noch in einer rigiden Auslegung – anerkennen, dann steht zu befürchten, dass es außerhalb des Heims auch nicht funktionieren wird. Dass sich trotz der 94 Milliarden Euro, die die Bundesregierung für die Integration von überwiegend Muslimen ausgeben will, starke Parallelgesellschaften bilden werden und die Integration misslingt.

Dieses Problem wird verdrängt. Lieber lassen Christen Christen leiden, nehmen es billigend in Kauf, dass sie gedemütigt, geschlagen, vergewaltig werden, als sich der Realität zu stellen. Denn „wenn wir nach Religion getrennt unterbrächten, leisteten wir dem Eindruck Vorschub, wir seien nicht fähig zur friedlichen Koexistenz“.

Zynischer und auch unchristlicher geht es nimmer, denn wichtiger, als Menschen zu helfen, ist es, einen Schein aufrecht zu erhalten. CDU-Mann Steinberg ordnet das Christentum der Politik unter. Ein Phänomen, das bisher nur beim Linksprotestantismus des Rates der EKD zu beobachten war, hat nun auch dank des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, den Katholizismus erreicht: Die parteipolitische Instrumentalisierung des Glaubens durch Kirchenfunktionäre, die die Ideologie über die Religion stellen. Indem sie sich in den Dienst des Staates stellen und so in die Zeit vor Martin Luther zurückfallen, unterlaufen sie de facto die Trennung von Staat und Kirche.

AfD darf nicht am Katholikentag teilnehmen
 

Ist die Haltung zu den verfolgten Christen in den Heimen zwar die empörendste Verweigerung der Kommunikation, so ist sie nicht die einzige. Thomas Sternberg sieht nichts Unchristliches darin, Vertreter der AfD nicht zu den Katholikentags-Podien einzuladen, auf denen Vertreter aller Parteien und des Zentralrates der Muslime für ihre Ansichten werben dürfen.

Schismatiker aber galten zwei Jahrtausende lang in der katholischen Kirche als die schlimmsten Häretiker. Wer die Einheit der Kirche gefährdete, wurde von der Kirche als Hauptfeind betrachtet.

Unter den Katholiken, wie unter allen Bürgern der Republik, befinden sich jedoch nun mal Anhänger aller politischen Parteien, auch Mitglieder und Unterstützer der AfD. Dass das möglich ist, nennt man Demokratie. Der Ausschluss von AfD-Vertretern, denen man im Gegensatz zu allen anderen kein Forum geben will, erzeugt den verheerenden Eindruck, dass der Parteimann Sternberg die politische Konkurrenz ausschließt. Und zwar ausgerechnet diejenige, die für die CDU das größte Problem darstellt – mit Blick auf die Wahl in NRW. Seine durchsichtige Begründung gehört also eher in den Bereich der neueren CDU-Parteitagsfolklore.

Auch Kritik an Brüssel ist nicht erwünscht
 

Ein drittes Beispiel: Das europapolitische Podium wird ausnahmslos bestritten von Befürwortern der Brüsseler Linie und Vertretern der EU. EU-Kritiker, -Skeptiker oder auch nur Menschen, die eine andere europapolitische Vorstellung hegen, bleiben außen vor. Wie kontrovers die Diskussion verlaufen wird, kann man sich vorstellen. Auch hier scheint das Motto „Diskussion ohne Diskussion“ zu sein.

Dringend bedarf es einer Erneuerung im Glauben und obendrein einer Nächstenliebe, die den Nächsten, nämlich den bedrängten Christen, nicht einem religionspolitischen Appeasement zuliebe opfert.

 

Von Klaus-Rüdiger Mai ist soeben das Buch „Gehört Luther zu Deutschland?“ erschienen im Herder Verlag, 208 Seiten, 19,99 Euro. Lesen Sie hier einen Auszug.

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