Philosophie der Nachhaltigkeit - Es ist nicht egal, was du tust

Die Folgen unseres Handelns sind nie zu vernachlässigen. Vor allem Kosten und Nutzen müssen im Übergang zu einer ökologisch nachhaltigen Welt radikal neu gedacht werden. Plädoyer für eine Philosophie der Nachhaltigkeit

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Autoreninfo

Melissa Lane lehrt Politikwissenschaften an der Princeton University. Sie schrieb mehrere Bücher über Plato. In „Eco-Republic“ fragt sie, was die alten Griechen uns lehren können über Ethik, Tugend und Nachhaltigkeit

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Der Biologe Thomas Henry Huxley sagte: „Vielleicht sind alle großen Fischgründe unerschöpflich. Das bedeutet, was immer wir auch tun, es hat keinen Einfluss auf die Anzahl der Fische.“ In dieser Behauptung aus dem Jahre 1883 steckt die Überzeugung, dass unser Beitrag prinzipiell vernachlässigbar ist – eine Überzeugung, die die Menschen lange Zeit gegenüber allen natürlichen Ressourcen empfunden haben. Vernachlässigbarkeit bedeutet: Die Handlungen jedes Individuums sind für das Gesamtresultat ohne erhebliche Auswirkungen. Heute wissen wir, dass im Fall des nordamerikanischen Bisons oder des Dodos auf Mauritius solche Einstellungen tragische Konsequenzen haben können. Myriaden einzelner Tötungen führten zur Auslöschung dieser Arten.

Dennoch zögern wir, wenn es darum geht, diese Erkenntnis auf andere isolierte Handlungen anzuwenden, insbesondere auf unsere individuellen Beiträge zum CO2-Ausstoß. Ebenso scheuen wir uns, sie auf andere Aspekte unseres Soziallebens anzuwenden. Wir haben uns daran gewöhnt, unsere individuellen Handlungen für vernachlässigbar zu halten, und gehen deshalb davon aus, dass wir uns um ihre Auswirkungen nicht zu kümmern brauchen.

Wie viel Einfluss haben wir?
 

„Negligibility“, Vernachlässigbarkeit, ist mittlerweile ein präzise definierter Begriff in den Wirtschafts- und Politikwissenschaften. Er beschreibt die Annahme, dass jeder einzelne Akteur ein so unbedeutender Mitspieler ist, dass das, was er individuell tut, keine Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft hat. Politikwissenschaftler haben vermutet, dass die individuelle Stimme im Hinblick auf den Ausgang einer Wahl vernachlässigbar ist, und so Zweifel daran geweckt, ob es vernünftig ist, überhaupt zur Wahl zu gehen. Ebenso haben Umwelttheoretiker angenommen, dass die Handlungen jedes Einzelnen gegenüber dem globalen CO2-Ausstoß vernachlässigbar sind. Daraus resultierte eine Verunsicherung, ob es überhaupt sinnvoll ist, unsere eigenen Emissionen zu reduzieren – oder die unserer eigenen Firma, Industrie, Universität oder unseres Landes –, da sie alle global jeweils vernachlässigbar erscheinen.

In meinem Buch „Eco-Republic“ habe ich diesen Punkt folgendermaßen beschrieben: Die Idee der Vernachlässigbarkeit impliziert, dass vieles von dem, was ich als Individuum tue, für das gesellschaftliche Ganze irrelevant ist. Daraus folgt, dass ich tun kann, was ich will, ohne dass ich mir um die gesellschaftlichen Auswirkungen Gedanken machen muss. Gleichzeitig bin ich allerdings auch zu machtlos, um irgendetwas in der Gesellschaft zu bewegen. Indem wir unsere Handlungen als vernachlässigbar einschätzen, betrachten wir uns selbst als ohnmächtig und wirkungslos. Und weil wir uns so sehen, erscheinen wir als unschuldig; unsere Emissionen, mitsamt allen unseren Handlungen, sind für das wirkliche Problem irrelevant. Aus diesem Blickwinkel entsteht eine Art moralischer Arbeitsteilung: Diejenigen, die für den Großteil der Wirkungen verantwortlich sind (wer auch immer es sein mag), sollen auch die Verantwortung tragen. Wir anderen sind aus dem Schneider, entschuldigt aufgrund der Vernachlässigbarkeit unserer unerheblichen Handlungen.

Vernachlässigbarkeit erkauft sich seine Unschuld durch Ohnmacht. Dadurch verhindert sie individuelle Handlungen, die zu sozialem Wandel führen könnten. Auch wenn diese Haltung nicht das ganze soziale Ethos unserer Zeit beschreibt, ist sie doch ein leitender Gedanke, der viele Einstellungen und Verhaltensweisen in weiten Bereichen erklärt.

Wenn wir jedoch Opfer der fatalen Illusion bleiben, dass individuelle Handlungen vernachlässigbar sind, macht uns das zynisch und ignorant gegenüber Bestrebungen, die sozialen Wandel zum Ziel haben. Das gilt für alle politischen Handlungen – denn warum sollte ich meinen Beitrag zur Politik nicht auch als vernachlässigbar ansehen? Wir können diese Illusion überwinden, indem wir unseren Blick erweitern. Mit einer größeren moralischen und politischen Vorstellungskraft lassen wir diese Trägheit hinter uns. Sobald mir aus ethischen Gründen wichtig ist, wie ich handle, hören meine Handlungen auf, vernachlässigbar zu sein.

Werte durch Verhalten
 

Wenn mir meine Handlungen überhaupt wichtig sind, dann gilt das für meine Handlungen hier und jetzt. Aber ebenso wichtig ist es, mich um meine zukünftigen Handlungen und Einstellungen zu sorgen. Da meine gegenwärtigen Handlungen meine zukünftigen Handlungen prägen, habe ich einen Grund, mich um meine jetzigen Handlungen zu kümmern. Die Kognitionspsychologie zeigt, dass Menschen ihre Werte durch ihr Verhalten gewinnen – und eben nicht nur umgekehrt. Demnach verändert sich unsere Identität andauernd, und zwar anhand der Rückwirkungen der von uns begangenen Handlungen. Das liegt nicht einfach an der Gewohnheit, sondern an dem unbewussten oder halb bewussten Wunsch nach einer Konsistenz des eigenen Handelns, die dann mein zukünftiges Handeln prägt.

Der zweite Grund, warum mir meine eigenen Handlungen wichtig sein können, lautet: Sie wirken sich auf die zukünftigen Handlungen anderer aus. Wenn ich jetzt handle, dann könnte es sein, dass ich dich dazu bringe, auch so zu handeln. Meine jetzige Handlung könnte dich animieren, dich in Zukunft selbst im Hinblick auf diese Dinge anders zu betrachten. Die Handlungen anderer können dazu beitragen, meine Anstrengungen zu unterstützen.

Drittens und letztens: Das Klimaproblem ist kein Gefangenendilemma, bei dem „jeder dem anderen größeren Schaden aufbürdet“, indem er seinen eigenen Interessen folgt. Auch ist es kein Koordinationsspiel, bei dem „jeder Kosten und Nutzen für den anderen in Abhängigkeit von dessen Handlungsweise verursacht“. Vielmehr handelt es sich hier um einen Fall, bei dem jeder von uns etwas Gutes oder etwas Schlechtes tun kann, indem er selbst handelt.

Die Summe des individuell Guten
 

Das Gute, das wir täten, wenn wir gemeinsam handelten, ist genau genommen die Summe des individuell Guten, das wir auch alleine tun können. Eine kollektive Lösung würde unsere individuellen Bemühungen proportional vergrößern. Aber wenn es darum geht, wie viele Tonnen Kohlendioxid in der Atmosphäre sind, ist es egal, ob jetzt eine Milliarde Menschen je eine milliardstel Tonne weniger produziert, oder ob ich alleine eine Tonne einspare, während kein anderer irgendetwas tut. Der Klimawandel ist bemerkenswerterweise das exakte Gegenteil eines klassischen Falles von Vernachlässigbarkeit.

Kommen wir abschließend zu zwei naheliegenden Einwänden. Der erste bezieht sich auf die Kosten. Selbstverständlich kann es zunächst individuelle Kosten für eine geänderte Lebensweise geben. Aber unter dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit kann sich die ganze Einschätzung dessen ändern, was tatsächlich Kosten und Nutzen sind. Vielleicht geht es hier weniger um materielle Opfer als um eine größere Vorstellungskraft und um den Mut, andere Dinge ins Zentrum des Lebens zu rücken. Wenn wir bereit sind, die verringerten Kosten, das Preisdumping also, aufzugeben, deren Erlös wir in unsere gegenwärtige Lebensweise investiert haben, könnte es sein, dass wir die Welt dann anders sehen. Wenigstens einige der vermeintlichen „materiellen Opfer“ wären dann gar keine mehr.

Kosten und Nutzen radikal neu denken
 

Sobald unsere Werte und Gewohnheiten sich erst einmal geändert haben, werden wir neue Maßstäbe haben und eine andere Einschätzung dessen, was wir individuell durch nachhaltigeres Handeln verlieren oder gewinnen. Auch Kosten und Nutzen müssen im Übergang zu einer ökologisch nachhaltigen Welt radikal neu gedacht werden.

Oder der zweite Einwand: Es sei doch unfair, von mir zu erwarten, etwas zu tun, wenn andere es nicht tun. Fairness, selbst wenn man sie sich als reziprok vorstellt („Ich tue etwas, wenn du etwas tust“), ist eine starke Motivation für die Einhaltung von Normen. Aus diesem Grund provoziert es leicht Einwände, wenn diese Reziprozität gebrochen wird: „Warum soll ich es tun, wenn du es nicht tust?“ Die Reziprozität ist eine starke Motivation und sollte in der Tat gefördert werden. Dennoch: Wenn diese Reziprozität nicht gegeben ist – ist das wirklich schon ein hinreichender Grund, sich davor zu drücken, sein Scherflein zu den Zielen beizutragen?

Normalerweise hört man diesen Einwand im Zusammenhang mit Rechtspflichten, aber nicht bei freiwilligen Handlungen: Menschen wehren sich natürlicherweise gegen ungleich verteilte Pflichten: „Warum sollte ich müssen, wenn du nicht musst?“ Im Rahmen von individuellen, freiwilligen Handlungen scheint Unfairness sich jedoch darauf zu reduzieren, dass man Angst hat, ausgenutzt zu werden. Das ist ebenso eine Frage der Wahrnehmung wie der Moral. Während ich mich bei aufgezwungenen Pflichten dagegen wehre, ungleich behandelt zu werden, also der passive Gegenstand einer unfairen Handlung zu sein, will ich bei freiwilligen Handlungen nicht der Dumme sein.

Der Einwand sticht also nur, wenn ich die fragliche Handlung als eine Handlung wahrnehme, die meine Situation im Vergleich mit anderen schlechter macht. Deswegen ist es gegenüber dem Unfairness-Einwand wichtig zu zeigen, inwiefern es sinnvoll für mich selbst sein kann zu handeln. Je mehr intrinsische Gründe wir für ein Handeln haben, Gründe, die uns vor dem Hintergrund einer neuen moralischen Vorstellungskraft sinnvoll erscheinen, desto weniger wird uns der Einwand der Ungleichheit berühren.

Wenn ich entscheide, dass es für mich selbst wichtig ist, direkt oder durch meinen Einfluss Treibhausgase zu reduzieren, dann habe ich zumindest einen intrinsischen Grund, das zu tun – egal, was die anderen tun. Deswegen sind individuelle Handlungen weder irrational noch sinnlos, selbst angesichts der weithin herrschenden moralischen Trägheit. Ganz im Gegenteil: Solche Initiativen – und vor allem Initiativen zur Veränderung der moralischen Vorstellungskraft – stellen einen wichtigen Weg dar, auf dem wir uns in eine nachhaltigere Zukunft begeben können.

Übersetzung: Fabian Geier und Christian Illies

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