Der Staat als Stalker - Im Internet wird die Diktatur privatisiert

Der Staat erobert in Zusammenarbeit mit Großkonzernen wie Apple, Google oder Amazon unsere Gehirne. Alles, was wir am Computer oder an der Supermarktkasse erledigen, wird zentral gespeichert. Die Grundrechte haben ausgedient. Dieser Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch "Web Attack"

Big Data
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Roman Maria Koidl, geboren 1967, arbeitet als Publizist, war Dozent für Kommunikation und Wissenstransfer und hat zahlreiche Startup-Unternehmen u. a. im Bereich E-Commerce und digitale Medien gegründet. Neben Büchern zu wirtschaftlichen Themen veröffentlichte er die SPIEGEL-Bestseller Scheißkerle und Blender. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Koidl als Internetberater von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück bekannt.

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Ich habe Angst.

Der Staat schaut uns ins Gehirn. Vielleicht denken Sie jetzt: „Mir egal, ich habe nichts zu verbergen“. Doch nicht das gespeicherte Gestern ist das Problem, sondern die Möglichkeit, aus den Informationen der Vergangenheit Ihr ganz persönliches Verhalten in der Zukunft vorherzusagen. Und zwar so simpel wie die Wettervorhersage. Was wir essen, wen wir lieben, wohin wir reisen werden.

Alles, wirklich alles, was wir auf Smartphones, am Computer oder an der normalen Supermarktkasse erledigen, wird zentral gespeichert. Jeder Einkauf, jeder Zeitungsartikel, jede E-Mail, jede Nachricht über WhatsApp, jeder Eintrag bei Facebook oder Twitter füttert den großen Hirnscanner. Selbst Ihr Adressbuch, Ihre Telefonnummern und Ihre Bankdaten werden aus Ihrem Handy ausgelesen und abgespeichert, ebenso wie die meisten Telefongespräche und Skype-Unterhaltungen. Nicht nur die Metadaten, also Telefonnummern und Gesprächsdauer, sondern das vollständige Gespräch. »Big Data« nennt man diese gigantischen Massenspeicherungen.

Wir haben längst keine Kontrolle mehr über die Verwendung unserer Spuren vergangener Aktivitäten, noch viel weniger über deren Verwendung als Prognoseinstrument für unsere ganz persönliche Zukunft. Sie liegen in den Händen eines »Systems«, über dessen Existenz niemand abgestimmt hat, kein demokratischer Prozess geführt wurde, zu dem niemand seine Zustimmung gegeben hat. Dieses System entscheidet demnächst über uns: ob wir eine Versicherung bekommen, kreditwürdig sind, eine Wohnung mieten dürfen oder die Genehmigung erhalten, in bestimmte Länder einzureisen.

Es ist ein Kampf entbrannt um die wirtschaftliche Vorherrschaft unserer Köpfe. Denn der Imperialismus 2.0 erobert keine Staaten, sondern der Staat erobert in Zusammenarbeit mit Großkonzernen wie Apple, Google und Amazon unsere Gehirne. Was man noch vor Kurzem als hysterische Verschwörungstheorie abgetan hätte, wird durch die Enthüllungen des ehemaligen NSA-Agenten Edward Snowden zur Gewissheit. Längst ist ein System entstanden, an dessen harmlosen Unterhaltungswert niemand mehr glauben kann.

Eine Diagnose, die Fragen nach der Zukunft unserer Gesellschaft aufwirft. Daran schließen fünf Thesen für die kommenden 15 Jahre an: eine digitale Risiko-Agenda 2030.

Fünf Thesen – Eine digitale Risiko-Agenda 2030
 

1. Wir befinden uns auf dem Weg in die moderne Sklaverei

Die unbekümmerte Preisgabe des Privaten wird uns noch reuen, ähnlich wie die irreversible Jugendsünde eines Tattoos auf der Haut. Der Schutz von Privatsphäre wird zum teuren Gut. Wer sich diese Sicherheit künftig nicht leisten kann, mutiert zum modernen Sklaven eines hypereffizienten weltweiten Kommerzes. Ein System, dem der Einzelne mit seinen persönlichen Informationen „gehören“ wird. Daten, die wir täglich massenhaft preisgeben und mit denen dieses System, von dessen monetärer Gier wir in Zukunft hemmungslos ausgebeutet werden, schon heute regen Handel treibt. So entsteht im Netz ein virtuelles Abbild unserer Person, das uns mit perfider Genialität zur Kontrollinstanz unserer selbst macht. Keine fremde Macht, sondern dieses virtuelle Ich wird zu unserem individuellen „Big Brother“.

2. Auf uns kommt Cyberkriminalität ungeahnter Dimension zu

„Die Daten werden bei uns auf der gleichen Stufe wie bei Atomreaktoren gesichert.“ Wenn Sie diesen Spruch von einem Dienstleister hören: Alarmstufe Rot für Ihre Sicherheit. Gar nichts ist sicher, alles wird geknackt. NSA-Geheimdienstmitarbeiter haben interne Programme dazu benutzt, nebenbei ihre Lebenspartner zu überwachen und auszuspionieren, wie das Wall Street Journal berichtet. Nicht zuletzt ist Exagent und „Whistleblower“ Edward Snowden mit ein paar Notebooks aus der Kommandozentrale der NSA spaziert, einfach so.

Angesichts der unglaublichen Menge an Informationen (Big Data), die auch über jeden von uns gespeichert werden, muss man kein Hellseher sein, um selbst bei normalen Bürgern erhebliche kriminelle Gefahren wie Identitätsdiebstahl oder Erpressungspotenziale vorhersehen zu können. Von den Repräsentanten des Volkes oder den Spitzen der Wirtschaft ganz zu schweigen.

3. Das Internet wird die nationale Rechtsstaatlichkeit beenden – unser Grundgesetz wird faktisch ausgehebelt

USA, Russland, China, Europa: Wenn es überhaupt noch nationalstaatliche Rechtssysteme geben wird, dann diese großen Blöcke. Durch die digitale Hintertür zwingen uns vor allem die USA ihre neopuritanischen Wertvorstellungen, schlimmer noch, ein umgestülptes Rechtssystem auf. Klaglos nehmen wir Verstöße respektive Umgehungstatbestände im Zusammenhang mit Grundrechten unserer Gesellschaft wie Post- und Fernmeldegeheimnis (Art. 10 GG), Unantastbarkeit der Würde (Art. 1 GG), Schutz der persönlichen Freiheits- und Persönlichkeitsrechte (Art. 2 GG) sowie die faktische Umkehr der Unschuldsvermutung (Art. 20 GG) hin.

Aufgrund der aus Big Data resultierenden Vorhersagemethoden, wie zum Beispiel der „Pre-Crime-Analyse“, muss jeder damit rechnen, zukünftig erst einmal verdächtig zu sein. Eine Zukunft in freier Selbstbestimmung hingegen könnte in 20 Jahren zahlreichen Entwicklungsländern winken. Durch die geringe Verbreitung des Internets in diesen Ländern geben die Menschen auch ihre Identitäten nicht in dem Umfang preis wie Bürger moderner Industrienationen. Das Lehrgeld der Zukunft bleibt möglicherweise jenen erspart, die heute über zu geringe Mittel verfügen, um an Big Data teilzuhaben.

4. Die totale Überwachung – Wir müssen uns jetzt wehren

Es wäre naiv zu glauben, es ginge um Facebook-Profile und rausgekotzte Jugendbilder bei Twitter, wenn wir von totaler Überwachung sprechen. Das NSA-Programm „Prism“ markiert nur den Beginn eines Wettlaufs von Staaten und kommerziellen Konzernen um die Vormachtstellung bei der Kontrolle unser aller Leben bis ins kleinste Detail. Programme ähnlich wie „Prism“ kann jeder kaufen. Das Ausspähen wird zum kommerziellen Geschäft. In der Nummer 4, der Ziffer da oben links, kann man fast 100 Minikameras unterbringen, Aufnahmegeräte von der Größe eines Kubikmillimeters. Zugleich wurde mit dem sogenannten iPv6-Protokoll die Möglichkeit geschaffen, unendlich viele IP-Adressen, sprich Absenderadressen, über die jeder Rechner im Internet eindeutig identifiziert wird, zu generieren.

Das bedeutet, jeder Gegenstand wird in Zukunft eine eigene Adresse im Internet haben und Daten ans Netz senden. Ihr Facebook-Profil wird dagegen ein Witz aus der Steinzeit des Internets sein. Jede Türklinke, Zahnbürste, Kaffeemaschine, jeder Lichtschalter oder Kühlschrank, aber auch jeder Herzschrittmacher, jedes künstliche Gelenk, selbst ein Ohrring wird permanent Daten über Ihre Gesundheit, Ihren Tagesablauf, Ihre persönlichsten Gewohnheiten senden.

Wer gerade noch im Stillen dachte, „das mit dem Ohrring ist aber jetzt doch ein wenig übertrieben“, der sehe sich einmal „Memoto“ an. Ein neues, heißes „Gadget“, ein Technikspielzeug, nur 36x36mm groß. Es hängt am Anorak oder an einer Modeschmuckkette um den Hals. Die eingebaute Kamera schießt automatisch alle 30 Sekunden ein Bild von 5MB und sendet es an einen Server. Auf diese Weise können Sie – wie in den 1950er-Jahren Heinz Erhardt mit der Kamera vor der Brust – mit 4 000 willkürlichen Bildern pro Tag Ihr ganzes Leben dokumentieren. „The Internet of all Things – das Internet der Dinge“ heißt dieser Trend, Ergebnis des Glaubens „Machen, was machbar ist, ist machbar“.

5. Diktatur wird privatisiert

Was nach einer steilen These auf geduldigem Papier klingt, ist bereits Realität. Die NSA-Affäre ist erst der Auftakt zum Megatrend der nächsten zehn Jahre. Großkonzerne sind dabei, die Weltbevölkerung zu erfassen, so wie Google Maps bereits jeden Fleck auf der Erde vermessen hat. Was Sie bisher möglicherweise als Zukunftsmusik, Spinnerei oder Schauergeschichten abgetan haben, passiert gerade live. Es passiert um Sie herum, Sie bemerken es nur nicht.

„Zukunftsmusik“ ist in Wahrheit ein gern gebrauchter Schlüsselbegriff all jener, die ihre mehr als berechtigten Ängste in einer Mischung aus Ratlosigkeit und Ohnmacht zu verdrängen suchen. Die Bedrohung unserer Freiheit ist nicht nur materiell wenig greifbar, sie ist im eigentlichen Sinne unvorstellbar. Dabei hilft ein recht menschliches Missverständnis, nämlich die Vorstellung: „Wer soll diese gigantischen Datenmengen überhaupt lesen?“ Unsere Idee von Überwachung und Spionage beziehen wir aus Krimis und Filmen, wie beispielsweise dem Kino-Blockbuster „Das Leben der Anderen“, in dem Ulrich Mühe als Stasi-Offizier im Nebenzimmer sitzend seine Zielpersonen belauscht. Doch die Überwachungsmöglichkeiten des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR sind gegenüber den heutigen Möglichkeiten privater Internetkonzerne und staatlicher Geheimdienste ungefähr vergleichbar mit einem Wettrennen zwischen kasachischen Mulis und amerikanischen Atomraketen.

Es ist eben nicht so, dass da Menschen sitzen und sich Ihre E-Mails ansehen. Man muss sich das Ganze eher vorstellen wie ein gigantisches Gehirn. Dieses Gehirn erinnert sich. Und je mehr Informationen seinem Speicher zur Verfügung gestellt werden, desto besser erinnert es sich. Schlimmer noch: Ein Mehr an Information bedeutet vor allem eine deutlich präzisere Prognose der Zukunft. Es mag ja sein, dass eine Ihrer individuellen Eigenschaften nur auf eine Person von 100 zutrifft. In einer Stadt wie Berlin mit 3,3 Millionen Einwohnern wären es damit immerhin 33 000 Leute mit einer ähnlichen Eigenschaft wie der Ihren. Bereits mit zwei bekannten Eigenschaften, die über mathematische Filter miteinander verknüpft werden, sind es nur noch 3 300 Einwohner in Berlin, mit drei Kriterien 330 Menschen und mit vier sind es nur noch drei Leute: Schon sind Sie identifiziert.

In Wirklichkeit geben Sie dem Netz aber Tausende solcher Kriterien über sich bekannt, Informationen, mithilfe derer man Sie innerhalb von Millisekunden ermitteln kann. Diktatur 2.0 bedeutet, mittels cleverer Algorithmen, also mathematischer Formeln, zu klassifizieren, Verhalten vorauszusagen und unter Einsatz von Modellen der Spieltheorie sogar zu steuern: einzelne Personen, Gruppen, ganze Bevölkerungen. Wer insofern die virtuelle Welt der neuen Relevanz beherrscht, wird sie diktieren. Der Wettlauf um diese Vor-Macht-Stellung hat längst begonnen.

Dieser Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch „WebAttack – Der Staat als Stalker“ von Roman Maria Koidl, das Anfang November im Goldmann-Verlag erscheint.

Roman Maria Koidl, geboren 1967, arbeitet als Publizist, war Dozent für Kommunikation und Wissenstransfer und hat zahlreiche Startup-Unternehmen u. a. im Bereich E-Commerce und digitale Medien gegründet. Neben Büchern zu wirtschaftlichen Themen veröffentlichte er die SPIEGEL-Bestseller Scheißkerle und Blender. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Koidl als Internetberater von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück bekannt.

 

 

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