Peter Handke - Nachdenken über den „Stillen Ort“

Zu seinem Geburtstag verleiht Peter Handke dem Klosett eine poetische Aura.

Peter Handke
(picture alliance) Feiert heute seinen Siebzigsten: Peter Handke

Am 6. Dezember wird Peter Handke siebzig Jahre alt. Aber wirkte er denn eigentlich nicht immer schon so alt, wie er heute ist? Oder, richtiger: Wirkte er in den letzten vierzig Jahren nicht eigentlich immer gleich jung? Seit 1972 nämlich, dem Jahr, in dem kurz nacheinander die beiden Romane „Der kurze Brief zum langen Abschied“ und „Wunschloses Unglück“ erschienen waren? Zwei im Grunde sehr private Texte, deren sprachliche Intensität und nicht-private Perspektive hunderttausende Leser denken ließen, gerade diese Bücher hätten ihnen, ganz persönlich, etwas Wichtiges zu sagen.

Die Theater-Aufregung um Handkes Stück „Publikumsbeschimpfung” und das öffentliche Spektakeln des Jung-Genies jedenfalls waren vorbei, die 1966 mit einer überraschenden Schock-Aktion auf der Tagung der Gruppe 47 in Princeton eingesetzt hatten: Der deutschen Literatur-Elite hatte Peter Handke dort „Beschreibungsimpotenz“, der Kritiker- Elite wiederum die himmelschreiende Unfähigkeit vorgehalten, diese zu erkennen. Von da an war Handke ein Name in der literarischen Szene gewesen, ohne noch je ein Buch veröffentlicht zu haben. Die landesweiten Aufführungen der „Publikumsbeschimpfung” (1966) hatten das Bild vom krawallfreudigen und arroganten Pop-Jüngling dann nur bestätigt. Die sprachvertüftelten und leicht angestrengten Romane „Die Hornissen“ (1966) und „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1970) standen diesem Image zwar entgegen, setzten ihre Leser aber auf andere Weise in Ängste: Sollte künftig so geschrieben werden? Keine Erzählungen mehr also, die ihre Leser im Innersten anrührten?

Solche Befürchtungen schienen seit dem Doppelerfolg von 1972 dann, wiederum überraschend, gegenstandslos. Peter Handke wandte sich in seiner literarischen Arbeit nach innen – der Titel des 1969 erschienenen Gedichtbands „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ hatte bereits programmatisch angezeigt, wohin die literarische Reise gehen sollte. In der innenweltlichen Ansicht der Außenwelt schien er auch selbst dann noch zu verharren, als in den neunziger Jahren sein Kreuzzug für die der Kriegserklärung, Brandschatzung, Massenvergewaltigung und des versuchten Völkermords in seinen Augen zu Unrecht beschuldigte ex‑jugoslawische Republik Serbien begann: Alles, was Handke zu diesem Themenkomplex schrieb, wurde aus der Innen- Perspektive seines persönlichen Wahrnehmungskosmos gesehen, aus dem Blickwinkel eines Sensualisten, der Wirklichkeit beschreiben kann wie sonst niemand in deutscher Sprache – der diese stupende Fähigkeit nun aber (plötzlich, nach dreißig Jahren, doch wieder ein literarischer Wutbürger) auf die ehemals jugoslawische Welt anwandte. Die „andersgelben Nudeln“, an deren Anblick er sich auf einem serbischen Markt nicht hatte sattsehen können, während es ihm andererseits nicht gelang, in der Region um Srebrenica auch nur einen einzigen Zeugen zu finden, der die Leichen nach dem versuchten Genozid hätte den Fluss hinabtreiben sehen (also gab es womöglich gar keine Leichen?) – diese „andersgelben Nudeln“ wurden zum teils spöttischen, teils hasserfüllten, teils aber auch schwärmerischen Catch Cry der verschiedenen Fraktionen unter den Handke-Lesern.

Seite 2: Seine Wutbereitschaft wie seine Beobachtungslust sind ungebrochen

Dabei zeigt das Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold aus dem Jahr 1975 (siehe S. 15), dass das frühe literarische Selbstverständnis Peter Handkes in seinen prägenden Grundzügen seit Anfang der siebziger Jahre durchgängig Geltung behalten hat; auch die Beweggründe für den späteren Serbien-Furor waren dort schon mit eingeschrieben. „Ich weiß ganz genau, was ich möchte“, sagte Handke damals: „dass (die Leute) auch das verstehen, was sie nicht verstehen wollen, was sie abwehren, was sie immer abgetan haben.“ Und: „Ich glaube, dass Literatur nur dann verbindlich wird, wenn sie in die äußerste Tiefe des Ich hineingeht. Daraus bestehen meine Bücher: aus der äußersten Oberfläche und aus dem äußersten Verbohrten.“ Gerade, dass dies alles sich bis heute so verhält, ruft vermutlich den Eindruck der Alterslosigkeit des Jubilars hervor: Seine Wutbereitschaft wie seine (Selbst-)Beobachtungslust sind ungebrochen, substanzielle Veränderungen in diesem literarischen Projekt gibt es nicht. Oder vielleicht doch? Zu seinem 70. Geburtstag hat Peter Handke sich jetzt ein Buch geschenkt, einen „Versuch über den Stillen Ort“ – eine Wendung zur Selbstironie?

Mit seinem Titel und seinem Umschlag ruft das nur 109 Seiten umfassende Buch sogleich die Erinnerung an seine drei Vorgänger wach, die Handke zwischen 1989 und 1991 veröffentlichte: „Versuch über die Müdigkeit“, „Versuch über die Jukebox“ und „Versuch über den geglückten Tag“. Allesamt waren sie Meditationen über verschiedene Medien und Formen des gesellschaftlichen Rückzugs wie der Rückgewinnung der Konzentration des Schreibenden gewesen. Das Ziel all seiner Beobachtungen, Überlegungen und Erinnerungen: sich selbst und der Welt die Geschichte des eigenen Schreibens wie der eigenen Arbeitsweise zu verdeutlichen und, nicht zuletzt, die Kraft zu sammeln, sich der lärmenden, das Individuum zerfasernden äußeren Wirklichkeit neu wieder zuwenden zu können – nach den eigenen Maßgaben, aus wiedergewonnener Beschreibungsstärke, einer geschärften, vertieften, gewissermaßen innigeren Distanz.

Auch der „Versuch über den Stillen Ort“ scheint sich dieser Reihe umstandslos einzuschmiegen, Zurückgezogenheit ist auch hier das zentrale Motiv. Wäre da nicht der Ort, um den es geht: „das Klosett (‹wie der Name schon sagt›)“. Macht sich der Autor da, indem er „die Toilette, den Abtritt, den Abort“ zum Gegenstand nimmt, einen Jux auf Kosten des Innerlichkeits-Meisters? Das, tatsächlich, wäre ein ganz neuer Handke. Doch so ist es natürlich nicht. Nicht nur wird das Klo alsbald seiner abstoßenden und peinlichen Begleiterscheinungen entkleidet – „Geräusche, gleichwelche, taten und tun nichts zur Sache. (Geschweige denn tun Gerüche, seltsam, oder auch nicht)“ –, es muss auch, wie der Titel es signalisiert, vom trivialen „stillen” zum emphatischen „Stillen Ort“ erhoben werden, einem Platz der Besinnung und höheren Einsichten: Ein antiauratisches „00“ ist hier undenkbar.

Seite 3: Eine Mischung aus Lebens- und Werkschau

Und so beginnt Handkes persönliche Abort-Geschichte, nach einer poetischen Reminiszenz an einen Roman mit dem Titel „Die Sterne blicken herab“ sowie einem kleinen ironischen Schlenker zum seit je hoch verehrten Regisseur John Ford, im Märchenton: „Es war an der Schwelle zwischen der Kindheit und dem Heranwachsendenalter, daß der Stille Ort mir etwas zu bedeuten begann über das Übliche oder Gewohnte hinaus.“ Worauf folgt, was man aus den vorherigen „Versuchen“ als Formprinzip schon kennt: ein Mäandern zwischen eigenen Phantasien wie denjenigen anderer, Erinnerungen, Assoziationen, Erfahrungen, Wunschträumen. Der Gedankenstrom kreist verschiedene Orte der „Stille“ ein – den Beichtstuhl etwa, das Krankenzimmer im Internat, die Waschräume der juristischen Fakultät an der Universität Graz, Flugzeug- und Eisenbahntoiletten –, bis der Erzähler schließlich den Stillen Ort überhaupt erreicht, die „Tempeltoilette“ im japanischen Nara. Wobei es zum Erzählverfahren gehört, dass mehrere Anläufe unternommen werden müssen und Handke den Ort, den er zunächst als „Friedhofstoilette“ erinnert, immer wieder mit anderen Geschichten einfasst, bis er endlich doch am gewünschten Ziel anlangt. „Hier liegt alles in meiner Hand, ihr Leser“, scheint der Erzähler zu sagen, „ihr müsst mir schon glauben. War’s eine ‹Friedhofstoilette›? Ach nein, doch lieber eine ‹Tempeltoilette›“!

Je weiter der Text von Ort zu Ort vorankommt, umso deutlicher zeigt sich, dass der Leser hier einem Spiel, einer Art Aufführung beiwohnt: Dargeboten werden Lebensstationen des Schriftstellers in ihrer Vernetzung, Verzwirbelung und Vertäuung mit dessen Werk. So sieht man, wie „der Äuger“, dem schon auf dem Plumpsklo im Großvaterhaus die slowenischsprachige Zeitung „Vestnik“ begegnet, das Schauen lernt: durch seine Lebensumgebung in der „Dorfheimat“, nicht zuletzt aber eben durch jenes Licht, das durch die Bretter-Ritzen im Toilettenverschlag dringt; eine Seh-Schule, die den Schreibenden mit seinen einmal erlernten Blickrichtungen durchs Leben und Schreiben begleitet. Diese Lebens-Etappen werden vom Autor aber nicht nur kommentiert. Mal spielerisch, mal provozierend geht der „Versuch“ vielmehr immer wieder auch diejenigen mit kleinen Kopfstößen an, die Peter Handke im Laufe seiner langen Autorenlaufbahn mit den unterschiedlichsten Vorwürfen konfrontiert haben.

Er sei ein Narziss? Da stellt er sich doch gleich – in einer längeren Passage unter der Leitfrage „Wer war ich?“ – vor den Spiegel des Universitäts-Waschraums und wendet den Gedanken um und um, dieser junge Mann könne von sich selbst „nicht genug bekommen“. Das Ergebnis der äußeren Selbstbesichtigung: „Nicht besonders. Gar nicht so übel. Vielleicht nicht so ganz mit dem gewissen Etwas, aber auch nicht ganz ohne.“ Und die kleine Narzissmus-Attacke schließt: „Na, so was. Ja, da schau her. Da schaust du, wie? Schau, schau. Ja, schau nur. Schau!“

Oder man unterstellt ihm „Gesellschaftsflucht“, „Geselligkeitsüberdruss”, Defekte als „Gemeinschaftswesen“? Da fängt der Erzähler eine umständliche, leicht höhnische Erwägung über die Lebenszeichen an, die Raucher mit ihren Kippen auf öffentlichen Toiletten hinterlassen und ernennt sich zum „Geometer“, der diese Stillen Orte „ermisst“ und „als solcher tunlichst seinen Dienst ausüben (möge). Wenn der nicht von Gemeinnutz war, was sonst, oder?“ Und obwohl er sich zur Ordnung ruft („Schluß jetzt mit der Ironie“), muss er doch noch einmal nachsetzen: „Und da habt ihr das Gemeinnutzsiegel für den Geometer der Stillen Orte, bekundet hiermit von ihm höchstselber!?“

Seite 4: Der Stille Ort als „Schauplatz einer unerhörten Erleichterung” 

Derart schillernd zwischen Innen- und Außensichten wird Handkes Lebenswerkgeschichte in großen Zügen und Sprüngen durchgekämmt, vom ersten Roman über die Filmarbeit (zu der immerhin sechs Filme mit Wim Wenders gehören und ein eigener Film, für den er 1978 einen „Bambi“ erhielt) über den Roman „Die Wiederholung“ (1986) bis hin zum rastlosen Reisenden, dessen frühere „Versuche“ allesamt auf die Zeit der Weltreise zwischen 1987 bis 1990 reflektierten – all dies natürlich nur in kleinen Einsprengseln, raschen Seitenblicken. Einmal tauchen dabei auch wie unversehens Hühner mit „andersgelben Schnäbeln“ auf, ein andermal wieder, schon fast am Ende des Buches, ein Bild, das dem Autor während der „Zeit des Aufschreibens zugesetzt“ hat, da es dem entgegenstand, was er „mit dem Versuch über den Stillen Ort zu umreißen im Sinn hatte“: ein kleines Mädchen, das während der NATO- Luftangriffe im letzten Balkankrieg in der Toilette eines Mietshauses von einem Bombensplitter getötet wurde. Im Übrigen jedoch will er „von Balkantoiletten beziehungsweise –abtritten hier eher schweigen“.

Es ist eine unendlich gekonnte, wunderbar zu lesende, immer ein wenig mutwillige und dabei doch leichthändige Inszenierung des Zusammenhangs von Leben und Werk, und zweimal bekommt der Leser sogar etwas zu lachen: bei einer Waschraum-Begegnung und einer Auflistung kurioser Toiletten-Unfälle. Autoren, die Handke verehrt, treten ebenso auf wie die Tiere und Pflanzen, denen er auf seinen Wegen begegnet. Und als sei dies eine lebensgeschichtlich geradezu vorherbestimmte Bewegung, schließt sich endlich der Eindruck des Aborts im Großvaterhaus zusammen mit dem der Tempeltoilette in Japan, Inbild des „Stillen Ortes“ – hier kehrt die lange entbehrte „Sorglosigkeit“ zurück.

Der Regisseur Handke verbirgt seine ordnenden Handgriffe bei alledem keineswegs. Und mit sichtlichem Vergnügen lässt er schließlich alles auf das große Finale der Klohäuslerei zulaufen. „Draußen: Verstummen. Verstummtheit. Sprachloswerden. Sprachlosigkeit. Sprache verlieren. Sprachverlust”, heißt es da, bis der Erzähler sein „Ich muß kurz verschwinden!” murmelt. Und schon verwandelt sich der Stille Ort in den Schauplatz „einer unerhörten Erleichterung“: „Das Grölen, Gellen, Toben und Kreischen draußen: verwandelt in Volksgemurmel und Weltgeräusch. Los, auf, zurück zu den andern, vielsilbig, voll von der Redelust.“

Dies ist das letzte Wort. Es signalisiert (wie übrigens alle vorigen „Versuche“ am Ende) den Entschluss zur Rückkehr in die menschliche Gesellschaft, eine erneuerte Bereitschaft zum Kontakt: die Verwandlung des Einsiedlers. So und nicht anders will Peter Handke es haben – und noch der trivialste Ort verdient eine Aureole der poetischen Erhabenheit. Das ist doch ein wahrhaft schönes Rufzeichen zum Siebzigsten.

Peter Handke: Versuch über den Stillen Ort. Suhrkamp, Berlin 2012. 109 S., 17,95 €

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