Sibylle Berg im Porträt - Mit dem Leben davongekommen

Ihren Twitter-Account betitelte sie „Kaufe nix, ficke niemanden". Sibylle Berg, die erbarmungsloseste Schriftstellerin deutscher Sprache und Autorin von zehn Romanen und zwölf Theaterstücken, nimmt die Dinge jetzt gelassen. Ein Portrait

Sibylle Berg,Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot,vielen dank für das Leben
(Katharina Lütscher) Sibylle Berg: „Das Alien-Gesicht ist wieder ganz das alte"

Auf der Dachterrasse des „Grieder les Boutiques“, dem Luxuskaufhaus an der Bahnhofstraße, schaut man auf die Kuppeln der Zürcher Altstadt, dazwischen strahlen die Alpen in beruhigendem Frühsommergrün. Anstelle von „danke“ sagt man hier „merci“ und spricht das Wort wie „mercy“ aus, den englischen Begriff für Gnade. Sibylle Berg sitzt vor einem grünen Tee, in einer schwarzen Knautschsatinjacke von Rick Owens, das erdbeerblonde Haar zu einem langen Zopf gebunden. Die zapfenförmigen Säulen, die die Terrasse begrenzen, nennt sie hartnäckig „Phalli“ oder „Eicheln“ und die handverlesenen schwulen Kellner „schöne junge Fleischhappen“.

Gerade hat sie ein Theaterstück fertig geschrieben, hat deswegen Rückenschmerzen und würde gerne sterben. Und wo wir schon dabei sind: Klüger und reicher wäre sie gleich auch gern. Seit einer Woche verfolgt sie die Liveübertragung der Schachweltmeisterschaft in Moskau. „Ich glaube, diese Schachspieler regen sich nicht mehr auf“, sagt sie. Ausweichmanöver. Sie muss sich erst einmal ein Bild von ihrem Gegenüber machen. Sie lächelt.

Berg ist eine der meistgelesenen Kolumnistinnen Deutschlands, eine Autorin, Reporterin und Dramatikerin, für die sich die Kollegen seit fast zwei Jahrzehnten fantasievollste Labels ausdenken. Als „Designerin des Schreckens“ wurde sie bezeichnet, als „moralinsaures Monster“, „über Leichen latschende Schlampe“, „Höllenfürstin des Theaters“, „Kassandra des Klamaukzeitalters“, oder, schon etwas origineller, als „Hasspredigerin der Singlegesellschaft“. Liegt es vielleicht daran, dass Menschen, die so etwas schreiben, Bergs mittlerweile zehn erfolgreiche Romane und zwölf Theaterstücke einfach nur nicht verstehen?

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Dass sie die Mitleidlosigkeit ihrer literarischen Stimme verkennen und ihren Zivilisationsekel für eine zynische Attitüde halten? Dass sie sich auf die Füße getreten fühlen, wenn Berg darüber rätselt, „wie Männer es immer wieder schaffen, an die Spitze zu kommen, allein weil sie es eben wollen“? Oder daran, dass solche Leute glauben, es handle sich lediglich um eine kalkulierte Provokation, wenn sie anstelle von „Sex“ über „Geschlechtsverkehr“ schreibt, ihren viel gelesenen Twitter-Account mit „Kaufe nix, ficke niemanden“ übertitelt und mit leichter Hand behauptet, dass die heutzutage vermittelte Idee der Liebe nur ein „Marketinginstrument“ sei, um „Waschmittel zu verkaufen“?

Es ist kein Zufall, dass es sich bei vielen von Bergs größten Kritikern um Männer handelt, die regelmäßig gerne darauf verweisen, wie seltsam ihr Gesicht auf den Autorenfotos aussieht und wie dünn sie in ihren gelegentlichen Talkshowauftritten wirkt. Berg scheint ein Weiblichkeitsbild zu verkörpern, mit dem viele nicht umgehen können.

Vielleicht auch, um dieser Geschlechterfalle zu entkommen, hat sie einen Hermaphroditen zur Hauptfigur ihres Ende Juli erscheinenden Romans gemacht. Drei Jahre hat sie daran gearbeitet. Ein Wälzer, ihr bisher längstes Buch. Der Hermaphrodit heißt Toto, wurde in der DDR geboren, einem „Land, in dem alte Nationalsozialisten Kommunismus spielten“, und von seiner alkoholkranken Mutter so genannt, weil er sie an ein Hündchen erinnerte. „Das Baby sah zu wenig nach Nichts aus, als dass sie es einfach hätte ignorieren können“, heißt es im Roman. Im Heim wird Toto von einer faschistoiden Stasifunktionärin gequält und für ein bisschen frischen Spargel als Arbeitstier an eine saufende Bauernfamilie verkauft. Nachdem er es irgendwie in den Westen schafft, wird er immer mal wieder krankenhausreif geschlagen, ob in der Hippiekommune, im Obdachlosenheim, in der Bar, wo er in traurigstem Falsett singt, oder in der Fabrik, in der er kurzzeitig arbeitet.

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Totos große Liebe, der Investmentbanker Kasimir, lässt ihm eine radioaktive Sonde in den Magen setzen, um ihm beim langsamen Sterben zuzuschauen. Und sogar als Obdachloser im Paris-Simulakrum der Zukunft wird er noch von einer Polizistin misshandelt. „Vielen Dank für das Leben“, heißt der Roman, der Titel ist übrigens ernst gemeint. Denn Toto ist mit einer besonderen Gabe ausgestattet: Er weiß, dass der Hass, der ihm entgegengebracht wird, nicht wirklich ihm gilt. Immer wieder gelingt es ihm, sich voller Dankbarkeit den „Witz seines Aufenthalts auf diesem seltsamen durchs All eiernden Planeten“ zu erschließen.

„Ich habe Toto wie einen Menschen konzipiert, mit dem ich gerne die Welt aufgefüllt sehen würde“, sagt Berg. „Totos haben nicht diese Scheiße im Kopf, die so viele haben. Sie müssen nicht alles totwalzen, was nicht sie sind. Er ist ein wirklicher Außenseiter, einer, wie wir ihn alle kennen – die in der Schule verprügelt wurden, weil sie gestunken haben, schwul waren, lesbisch oder einfach anders.“

Sie selbst war natürlich auch eine dieser Außenseiterinnen. Man wisse ja nie, woran das liegt, sagt sie: Ob daran, wie sie aussah. Oder an der Last, die ihr von zu Hause aufgebürdet wurde.
Aufgewachsen ist die heute 50-Jährige in Weimar, jenem putzigen Kondensat deutscher Kultur und Geschichte, wo Klassik, Bauhaus und die erste demokratische Verfassung des Landes entstanden – und später ein KZ gleich vor der Haustür.

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Sibylle Bergs Mutter, eine alleinstehende Bibliothekarin, war Alkoholikerin. Für ein paar Jahre gab sie ihre Tochter zu einem entfernt verwandten Musikprofessoren-Ehepaar, das dem Mädchen das Lesen beibrachte und es dazu anhielt, nach klassischen Konzerten Aufsätze zu schreiben. Als sie zehn war, musste sie zurück zur Mutter. „Das Schlimmste ist, dass du Suchtkranke nicht erreichen kannst“, sagt Berg. „Sie reden nicht mit dir. Sie lassen sich nicht retten.“ Weil sie Angst hatte, in ein Heim zu kommen, und ihre Mutter nicht mehr arbeiten konnte, sorgte sie dafür, dass wenigstens immer alles sauber aussah. Das bisschen Geld, das man in der DDR brauchte, verdiente sie, indem sie antiquarische Bücher aufstöberte und an Sammler verkaufte.

Nach der Schule machte Sibylle Berg eine Ausbildung zur Puppenspielerin, besuchte das Weimarer Kaffeehaus, in dem die Ausreisewilligen verkehrten, und schrieb dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker 1984 einen Brief, in dem sie ihm mitteilte, dass sie in die BRD ausreisen wolle. Schon am nächsten Tag wartete die Stasi vor der Haustür, die Genossin Puppenspieltheaterchefin teilte ihr mit, dass sie nicht mehr zur Arbeit kommen bräuchte. Stattdessen gab es eine Vorladung zum Verhör ins Ministerium für Inneres. Das hätte aber alles nicht viel gebracht, erzählt Berg: „Damals konnte ich noch weniger reden als heute, nämlich gar nicht.“ Ein paar Monate später klappte es dann aber doch mit der Ausreise in den Westen, zunächst in ein Auffanglager nach Berlin-Marienfelde. In dieser Zeit nahm sich Sibylle Bergs Mutter das Leben. Sie hatte versucht, sich mit einem Gasherd zu ersticken. Dabei explodierte ein Großteil des Wohnhauses, in dem sie lebte.

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Drei Monate verbrachte Sibylle Berg an einer Akrobatenschule im Schweizer Tessin und ging danach zurück nach Berlin, wo sie in einem Wohnheim von Sozialhilfe lebte. „Und dort kam verspätet der Schock des Weggehens. Ich lag in meinem Zimmer und dachte plötzlich auch daran, mir das Leben zu nehmen. Aber ich hatte so einen klaren Moment und dachte, du warst ja nie richtig glücklich, das wäre nicht gut, dich jetzt umzubringen.“ Also zog sie nach Hamburg und arbeitete als Gärtnerin, Putzfrau, Sekretärin und Versicherungsvertreterin – im festen Willen, später wieder in die Schweiz zu ziehen. Und Sibylle Berg begann zu schreiben: „das Einzige, von dem ich dachte, dass ich es wirklich kann“.

Doch dann, 1991, hätte sie sich doch noch fast umgebracht. „Das war relativ romantisch“, sagt sie. Die Grenzen waren wieder offen, und sie wollte als Gewinnerin nach Weimar zurückkehren. Sie lieh sich einen BMW Z1, diesen Achtziger-Jahre-Neureichentraum von einem Cabrio mit versenkbaren Türen, und borgte sich einen Anzug. Allerdings kam sie nur bis nach Hannover, wo sie sich beim Versuch, einem Drängler auszuweichen, gleich mehrfach auf der Autobahn überschlug.

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Berg zeigt auf die kaum noch sichtbaren Narben in ihrem Gesicht, das durch den Unfall komplett entstellt worden war. Sie hatte Glück im Unglück: Das Scharnier des Cabriodachs war kurz vor der Hirnhaut stecken geblieben und knapp am Sehnerv vorbeigeschrammt. 22, über zehn Jahre verteilte chirurgische Eingriffe waren nötig, um das Gesicht wieder herzustellen. Berg, die schon immer seltsam angeschaut wurde, merkte in jener Zeit, wie es sich anfühlt, so richtig angestarrt zu werden, und zwar die ganze Zeit. „Die Nase ist ein bisschen kleiner geworden“, sagt sie. „Aber sonst sieht alles so aus wie vorher, das Alien-Gesicht ist wieder ganz das alte.“

Ihr erster Roman, der 1997 erschien, trug dann auch den treffenden Titel „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“. Tatsächlich war es bereits das dritte Buch, aber die ersten beiden mochte sie nicht; bei diesem hatte sie jedoch ein gutes Gefühl. Veröffentlichen wollte den Roman zunächst niemand, er wurde von 50 Verlagen abgelehnt. Bis ihn Reclam schließlich druckte und mehr als 100 000 Mal verkaufte. Ein Überraschungserfolg.

„Glück“ war der Auftakt zu einem so bösen wie moralischen Werkreigen, in dem Berg ihre Figuren, prall gefüllt mit unerfüllbaren Sehnsüchten, in gruseligen Beziehungen lebend und mit unzulänglichen Körpern ausgestattet, durch das Fitnessstudio des real existierenden Neoliberalismus jagte und erbarmungslos scheitern ließ. Bergs Sound traf den Nerv der Zeit, bald schrieb sie Texte und Reisereportagen für Zeitschriften wie das Zeit-Magazin und Tageszeitungen wie die FAZ.

Auf Spiegel Online ist seit einem Jahr jeden Samstag ihre Kolumne „Fragen Sie Frau Sibylle“ zu lesen. Im Berg-Werk, einer gloriosen Untergangsidylle, arbeitete ein Menschengeschlecht, das gern über seine Einsamkeit jammert und sich noch lieber gegenseitig quält, einsperrt und ermordet. Eine Spezies, die einander vornehmlich während teurer Asienurlaube sitzen lässt und dem bevorstehenden, vom Klimawandel beschleunigten Weltende mit ausgesprochener Ignoranz gegenübersteht.

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Mit fröhlicher Gewissheit verarbeitet Berg all diese Motive auch in „Vielen Dank für das Leben“. Aber wie schon im 2009 erschienenen Vorgänger „Der Mann schläft“ ist zwischen den Zeilen mittlerweile ein Gleichmut zu spüren, eine Gelassenheit gewissermaßen, eine „Miniweisheit“, wie Berg das selbstironisch nennt. Heute kreiert sie Figuren wie Toto, den perfekten Menschen, wie sie glaubt: den Prototypen, der so ist, wie das Universum geplant war, bevor etwas schieflief.

Erbarmungslos ist sie immer noch. Und sie weiß, dass man auch böse elegant durchs Leben kommen kann. Zwischen Rudelaggression und innerer Rettung kommt es allerhöchstens zum Remis. Aber immerhin. Außerdem ist Sibylle Berg sich heute besser im Klaren darüber, wen sie mit ihrer Arbeit erreicht. „Früher dachte ich, ich kann mit meinen Büchern etwas ändern“, sagt sie. „Ich war so beseelt von meiner Mission und dachte, ‚Wacht auf!‘, ‚Haltet ein!‘, ‚Seid nicht mehr böse!‘“ Die Menschen, auf die es ihr nun ankommt, trifft sie bei Lesungen. „Ich habe den Eindruck, meine Bücher geben manchen Lesern das Gefühl, dass sie nicht alleine sind. Die sehe ich dann, die kommen dann kahl geschoren mit irgendwelchen Spangen am Ohr, Mädchen, die nicht wissen, ob sie Jungs sind und andersrum.“

Vielleicht hat Sibylle Bergs neue Gelassenheit aber auch damit zu tun, dass es ihr inzwischen einfach gut geht, sie einen sicheren Abstand zwischen sich und ihre Geschichte gebracht hat. Seit 16 Jahren lebt sie in Zürich, der Stadt, in der sie schon immer wohnen wollte. Wir gehen ein wenig spazieren. Der große, postkartenblaue See mit seinen Segelbooten und den Gletschern im Hintergrund liegt nur wenige Straßen hinter dem „Grieder les Boutiques“. In diese Stadt habe sie sich verliebt, als sie zum ersten Mal in die Schweiz kam, damals gerade aus der DDR geflüchtet.

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An eine Szene, die sie auf jener Irrfahrt beobachtete, muss sie immer wieder denken: Ein betrunkener Mann war auf einer Bank an einer Bushaltestelle eingeschlafen, doch anstatt ihn aufzuwecken und zu verscheuchen, legte ihm ein vorbeikommender Polizist ein Kissen unter den Kopf und deckte ihn zu. Seitdem empfindet sie die Schweiz als einen Ort, an dem ihr nichts zustoßen kann.

Inzwischen hat sie auch nicht mehr das Gefühl, von allen Menschen angestarrt zu werden. Besser gesagt: Die Menschen starren immer noch, nur ist das Sibylle Berg eigentlich egal. Sogar die Liebe hat sie schließlich gefunden – nicht die verkitschte, große, sondern die wahre, die unspektakuläre und ruhige Liebe. Seit acht Jahren ist sie mit einem muskulösen Glatzkopf verheiratet, den sie in Tel Aviv, ihrer Zweitheimat, kennengelernt hat. Aber sie verbietet unter Todesandrohung, darüber zu schreiben. „Eigentlich“, sagt sie irgendwann, „wird es immer angenehmer, das Leben, und es könnte noch so weitergehen für ein paar Hundert Jahre. Aber lass uns lieber wieder über Eicheln reden.“

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