
- Meine Woche ohne Uhr
Wie sähe ein Leben ohne Uhr aus? Mafalda Millies hat es ausprobiert: Eine Woche lang legte sie Armbanduhr und Handy beiseite. Sie besuchte das US-Festival „Burning Man“ in einem Indianerreservat mitten in der Wüste, wo die Teilnehmer ein anderes Zeitgefühl kennenlernen sollen. Ein Erlebnisbericht
Der Bootssteg zieht sich mitten durch die Wüste, rund hundert Meter lang. Hier und da verwittern ein paar Rettungsringe, ein großes Schild warnt: „No Swimming“. Quietschende Blechlampen schaukeln im Wind. Eine junge Frau im nassen Bikini läuft den Steg vor und trägt ein Surfbrett unter dem Arm. Ganz vorn reicht mir ein alter Seemann Angeln und Köder, dazu einen großzügigen Schluck Rum direkt aus seiner Buddel.
Fische gibt es hier aber nicht, auch keine Wellen für die Surferin. Denn der See in der Black Rock Wüste im Nordwesten der USA ist längst ausgetrocknet. Frau und Fischer sind nur Showelemente.
Auf dem Seebett des prähistorischen Lake Lahontan, im heiligen Land der Paiute Indianer, treffen sich jedes Jahr im September bis zu 50.000 Menschen, um aus dem Nichts eine Traumoase zu erschaffen: das Festival „Burning Man“. Sie kommen aus dem Silicon Valley, aus Los Angeles, Deutschland und Israel. Für eine Woche entsteht hier eine hufeisenförmige Stadt von etwa fünf Kilometern Durchmesser, die drittgrößte des Bundesstaats Nevada. An jenem Abend wird diese Stadt für mich und meine vier Freunde zur neuen Heimat.
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In der „Black Rock City“ lasse ich den Rest der Welt hinter mir: Meine Uhr muss ab, es gibt keine Elektrizität, das Handy hat keinen Empfang, kein World Wide Web weit und breit. Bye-bye, Verpflichtungen. Bye-bye, Realität. Bye-bye, Verfügbarkeit rund um die Uhr.
Die 300 Dollar teure Eintrittskarte löse ich an einer kleinen roten Schranke. Ein splitternackter Mann bedankt sich und umarmt mich. Zu dem Ticketteam gehören noch ein weiterer Mann und zwei Frauen. „Willkommen zuhause“, rufen sie mir zu.
Burning Man ist kein gewöhnliches Festival mit VIP-Bereich, Werbebannern oder Pappbechern. Es gibt keinen Organisator, sondern es wird interaktiv auf- und abgebaut: der genannte Steg, ein futuristisches, drei Meter hohes Trojanisches Pferd auf Rädern, eine Feuer speiende Krake oder ein verwunschenes Spiegelkabinett.
Es werden Religionen, Bands und Vereine gegründet. Eine Frau hat sich als Marie Antoinette verkleidet, ein anderer als Tim-Burton-Figur. Ich bin ein Indianerhäuptling, mit Federn im Haar. Es finden politische Demonstrationen statt, Staffellauf mit Taucherflossen oder spontane Flashmobs. Selbstinszenierung ist keine Sittlichkeit, sondern ein Muss. Das Festival widmet sich der Kunst, der Liebe, dem realisierten Traum, der Gemeinschaft, der Selbstfindung.
Das alles kostet allerdings einiges an Vorbereitung und noch mehr Entbehrung: Bei Burning Man gibt es kein Restaurant, keine Gemeinschaftsküche. Was man verzehren will, muss man selbst mitbringen. Wasser, Dosenfutter, Energieriegel und Softdrinks haben wir in unserem Wohnwagen angekarrt, der uns zugleich als schützende Unterkunft vor Sandstürmen und den Minusgraden in der Nacht dient. Außerdem habe ich eine Skibrille gegen den Wüstenstaub dabei.
Bei Burning Man wird getauscht und verschenkt, dafür haben wir Glückskekse aus San Franciscos „China Town“ im Gepäck. Denn in der Black Rock Wüste gehört das Teilen, ganz nach Indianerart, dazu. Außerdem gelten im Reservat die Gesetze der amerikanischen Ureinwohner.
So richtet man sich hier bei der Zeitmessung auch nach dem „Sonnenaufgang“, der „Mittagszeit“, dem „Sonnenuntergang“ oder der „Nacht“. Niemand lässt sich anrufen. So kann auch kein Termin oder Treffpunkt ausgemacht werden.
Für mich gewöhnungsbedürftig. Am ersten Morgen werde ich von meiner inneren Uhr geweckt. In meinem Campingwagen ist niemand mehr, man hat mich alleine gelassen! Frechheit! Draußen steht die Sonne schon hoch, das Festival-Programm ist in vollem Gange. Von weitem höre ich Trance-Getrommel, vor meiner Nase zieht ein Nackt-Marathon vorbei.
Empört ziehe ich meine Maske übers Gesicht,setze die Skibrille auf und schwinge mich auf mein Fahrrad. Mit viel Kraft quäle ich mich durch den weichen Sand. In der Stadtmitte erwartet mich der „Playa“. Hier werden Vorführungen und Kunstwerke präsentiert. Ringsum befinden sich die Wohnstädte – Zelte und Campingwägen. Orientiert wird sich ironischerweise nach der Uhrzeit; also zum Beispiel „L“ Street zwischen 7:30 und 7:45 Uhr.
Ursprünglich fand das Festival an einem Strand von San Francisco statt. 1986 verbrannte der Gründer Larry Harvey eine Holzfigur – den „Burning Man“ – und feierte das mit rund 20 Teilnehmern. Harvey wollte sich damit von materiellem Besitz lösen und gleichzeitig auf die Vergänglichkeit aufmerksam machen. Die Anzahl der Fans wuchs rasant, weswegen das Festival vier Jahre später in die Wüste umzog.
Im „Zelt der Geheimnisse“ ist mein Zorn darüber, verlassen worden zu sein, verschwunden. Ich gehe einen Tunnel entlang, die grelle Sonne hinter mir verschwindet. Plötzlich ist es stockdunkel. Um mich herum stehen Menschen in der Finsternis und flüstern. Hier sollen sie beichten, auch ich mache mit.
Als nächstes besichtigte ich den „Tempel des Übergangs“, der wie das Elfenschloss aus Herr der Ringe aussieht. Hier findet momentan eine Yoga-Stunde statt.
So wie der "Mann" wird auch dieser Tempel am letzten Tag ein Opfer der Flammen. Mit ihm verbrennen Abertausende von Relikten und Wünschen, die die Besucher dort hinterlassen haben. Und mit dem Tempel verschwinden auch alle anderen Spuren: Jede Straße und jedes Kunstwerk, jede Dixie-Toilette, jedes Straßenschild und jeder letzte Zigarettenstummel. Die wichtigste Indianer-Regel bei Burning Man lautet: Hinterlasse keine Spuren!
Zumindest nicht in der Wüste. Denn bei mir hat das Festival im Nachhinein sehr wohl Spuren hinterlassen. Ohne mich dem Zwang meiner täglichen Verpflichtungen unterwerfen zu müssen, gelang es mir – zumindest für die eine Woche – ganz im Hier und Jetzt zu sein.
Der US-Schriftsteller William Faulkner sagte einst: „Uhren erschlagen Zeit. Zeit ist tot, solange sie von kleinen Rädern abgetickt wird; erst, wenn die Uhr stehen bleibt, kommt die Zeit zum Leben.“ Nach der Woche ohne Uhr habe ich verstanden, was Faulkner damit meint. Man kann Burning Man so wenig beschreiben wie die Zeit. Beides muss man erleben.
HINWEIS: Das Festival findet dieses Jahr vom 27.08 -03.09 statt. Tickets sind leider schon seit Februar ausverkauft. Die nächsten Karten für 2013 gibt es hier.
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