Leitkultur ist... - „Nicht spezifisch deutsch, sondern universal“

Seitdem jeden Tag Tausende Flüchtlinge nach Deutschland kommen, ist plötzlich wieder von Leitkultur die Rede. Aber wie soll eine deutsche „Leitkultur“ aussehen? In der Dezemberausgabe eröffnet Cicero die Debatte und lässt dazu viele prominente Persönlichkeiten zu Wort kommen. Heute schreibt Gesine Schwan, was Leitkultur für sie bedeutet

Martin Haake für Cicero

Autoreninfo

Gesine Schwan war bis 2008 Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Bei der Wahl zum Bundespräsidenten im Mai 2004 und im Mai 2009 trat sie als Kandidatin der SPD und Grünen an. Sie ist Präsidentin und Mit-Gründerin der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Plattform.

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Müssen Flüchtlinge unserer deutschen Leitkultur folgen?

In überfüllten Flüchtlingsunterkünften gab es Streit. Schnell führten ihn Kommentatoren auf mangelnde Werte der Flüchtlinge zurück. Mit der anschließenden Forderung, die Flüchtlinge müssten sich schließlich nach unserer Leitkultur richten. Offen blieb dabei, wer sie bestimmt und wie sie bestimmt ist.

Wer sich ein wenig mit sozialpsychologischen Dynamiken befasst, weiß, dass viele Konflikte in Stress-Situationen nicht daraus erwachsen, dass es an Wertebewusstsein mangelt, sondern dass die Nerven blank liegen.  Hier sofort einen Wertegegensatz zu postulieren, heißt Abgrenzung forcieren.

Und: Welche „Leitkultur“ wollen wir in Deutschland, in Europa beachtet wissen? Z.B. die, welche aus der UN-Charta der Menschenrechte folgt, die nicht spezifisch deutsch, sondern universal ist. Unterhalb dieser allgemeinen Ebene gibt es kulturelle Ausprägungen, die wir für unverzichtbar halten. Im Allgemeinen ergeben sie sich aus dem Grundgesetz oder auch aus den Europäischen Konventionen für freiheitliche und soziale Menschenrechte. Allem voran gehört dazu der Respekt der Menschenwürde mit seinen vielfachen Folgerungen. Gegen diesen Respekt wird in Deutschland und in Europa oft verstoßen, von politischen Entscheidern ebenso wie von Bürgerinnen und  Bürgern. Das heißt: Unsere Leikultur bewahrt uns nicht vor Verstößen gegen unsere Werte.

Welche Regeln sollten wir noch beachten? Z.B. Rücksichtnahme, Höflichkeit, Toleranz gegenüber anders Denkenden oder Handelnden im Rahmen des Rechtsstaats. Ist daran etwas spezifisch deutsch? 

Umgekehrt: Gibt es deutsche kulturelle Besonderheiten, die wir in einer „Leitkultur“ zum Standard machen sollten? Die Antwort auf diese Frage ist heikel. Denn sie verweist auf die vielen Studien zur (faktischen) politischen Kultur in Deutschland, die zeigen, dass diese wahrlich nicht immer demokratisch und an den Menschenrechten orientiert war. Im Gegenteil: Es gab spezifisch deutsche kulturelle – vor allem autoritäre – Wurzeln des Nationalsozialismus – Rassismus, hierarchische Befehls- und Gehorsamsketten („einer muss schließlich Hammer und einer Amboss sein“, „wo gehobelt wird, da fallen Späne“) etc. Solche immer noch gängigen „Lebensweisheiten“ sollten wir wirklich nicht zur Leitkultur erklären, weil sie antidemokratische Wurzeln und Folgen haben.

Von denen sind diejenigen, die jetzt von den Flüchtlingen die Beachtung unserer Leitkultur fordern, manchmal nicht weit weg. Sie haben Angst, dass sie sich öffnen und verändern müssten. Diese Notwendigkeit besteht aber unabhängig von den Flüchtlingen, wenn wir in der Globalisierung einen guten demokratischen Weg finden wollen. Den zeigen uns die unendlich vielen Helferinnen und Helfer aus der Zivilgesellschaft, die unsere Werte ohne den Begriff Leitkultur auf den Lippen leben und zur Vielfalt ermutigen. Sie ebnen uns mit den Flüchtlingen den Weg in eine gemeinsame menschlichere Zukunft.

Was CDU-Generalsekretär Peter Tauber zur Leitkultur sagt, lesen Sie hier.

Was Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor zur Leitkultur sagt, lesen Sie hier.

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