Leitkultur - Debatte nirgends, Geschrei überall

Bassam Tibi hat den Begriff Leitkultur einst in die deutsche Sprache eingeführt. Was aber Konservative und Linke daraus gemacht haben, geht am ursprünglichen Integrationskonzept völlig vorbei und nervt ihn nur noch

Ein Gartenzwerg steht am 11.07.2014 in Hannover (Niedersachsen) mit einer Deutschland-Flagge an einer Hauswand.
„Die Leitkultur-Debatte wird von einer Nation mit einer beschädigten Identität getragen“ / picture alliance

Autoreninfo

Bassam Tibi ist emeritierter Professor. Er lehrte in Göttingen, Harvard sowie Cornell und daneben an weiteren 18 Universitäten auf allen vier Kontinenten; er begründete in drei Buchtrilogien (1980-2010) die neue wissenschaftliche Disziplin der Islamologie. Sein Konzept der Leitkultur wird in den Neuausgaben seiner Bücher Europa ohne Identität (2016) und Islamische Zuwanderung. Die gescheiterte Integration (2017) ausführlich dargelegt.
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Als Migrant aus Syrien habe ich im Jahre 1996 in der Beilage der Zeitung Das Parlament eine Abhandlung veröffentlicht, in der ich erstmalig den Begriff Leitkultur als Integrationskonzept in die deutsche Sprache einführte.Diese Abhandlung habe ich zu einem Kapitel in meinem 1998 erschienenen Buch „Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft“ ausgearbeitet. Zwei Jahre danach hat der CDU-Politiker Friedrich Merz den von mir als Wertekonsens verstandenen und europäisch bestimmten Begriff der Leitkultur plagiiert, jedoch verdeutscht und inhaltlich verfälscht.

Damals war dies der Beginn einer eigenartigen deutschen Leitkulturdebatte, die von Oktober bis Dezember 2000 andauerte. Angela Merkel war damals Oppositionsführerin und hat meine Person als Urheber des Begriffs auf einer Pressekonferenz und in einem Spiegel-Interview gewürdigt. Damals wie heute hat es mich stets genervt, wenn hochrangige CDU-Politiker – 2000 war Friedrich Merz CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender, Thomas de Maizière ist derzeitig Innenmister – mich für ihre Thesen zur Leitkultur missbrauchten. Noch mehr nerven mich diejenigen, die diese CDU-Leitkultur primitiv angreifen, so zum Beispiel die zur Berliner Staatssekretärin aufgestiegene Palästinenserin mit deutschem Pass, Sawsan Chebli. Sie tritt öffentlich für die islamistische Scharia ein und wittert in jeder Leitkultur „eine gefährliche Stimmungsmache gegen Muslime“. Noch dümmlicher ist die Rückmeldung von Jürgen Trittin. Für ihn ist die Leitkulturdebatte „pure rechte Stimmungsmache“.

Leitkultur wird zur „Operation Sauerkraut“

Nicht weniger nervt mich der Spiegel, der im Jahr 2000 meine Bestimmung der europäischen Leitkultur, natürlich ohne Namen zu nennen, als „Operation Sauerkraut“ in der Überschrift eines Artikels verfemte. 17 Jahre danach behauptet der Spiegel in einem Leitartikel polemisch, Gründe dafür angeben zu können: „Warum Deutschland keine Leitkultur braucht“. Die alte Diskussion von 2000 wird unsachlich wahrgenommen als „diverse Debattenschlaufen, die sich in vagem oder auch erbittertem Unfrieden verloren“ haben.

Die Zeit vom 4. Mai 2017 degradiert die Leitkulturdebatte zu einer „Debatte ums Deutschsein“. Solche Dummheiten zwingen mich, so zu denken: Wir im Islam nennen die Leute, die reden ohne zu lesen, djahil, das heißt ignorant. In allen meinen Schriften über Leitkultur hebe ich das Attribut „europäisch“ gegenüber „deutsch“ hervor, aber offensichtlich lesen weder Spiegel- noch Zeit-Journalisten die entscheidenden Bücher.

Selbst der Präsident des Goethe-Instituts räumt den deutschen Leitkultur-Gedanken den Rang einer Debatte ein und schreibt in einem sehr fragwürdigen Essay im Tagesspiegel: „Die Deutschen sind geübt in Grundsatzdebatten über Leitkultur und kulturelle Identität“. Aber über beide debattieren die Deutschen eben nicht und deswegen verdient das Leitkulturgeschrei von de Maizière und seinen Kritikern nicht die Anerkennung als Debatte. In der angelsächsischen Demokratie versteht man unter „Debating Culture“ etwas anderes als das Gezänk, das heute in Deutschland ausgetragen wird.

Gescheiterte Integration

Der inhaltliche Ausgangspunkt ist die Unfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland, etwa 20 Prozent seiner Einwohner, die mit Migrationshintergrund, zu Bürgern im Verständnis von Citoyen zu machen. Nach Jean-Jacques Rousseau ist ein Citoyen ein Mitglied eines Gemeinwesens ohne Bezug auf Religion und ethnische Herkunft. Ich lebe seit 55 Jahren in Deutschland gelebt, vier Generationen Studenten an einer deutschen Universität erzogen, 30 Bücher in deutscher Sprache verfasst, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse erhalten und dennoch diesen Citoyen-Status, den es in Deutschland nicht gibt, verfehlt. Die Zeit verfemte mich mit dem Artikel „Schwer integrierbar“ von 2006. In einem verfälschten Zitat von mir führt Focus im Dossier „Leitkultur, ja oder nein“ meine Aussage an, ich sei deutscher als viele Deutsche, streicht jedoch den Zusatz: „Aber ich habe es nicht geschafft, als Deutscher anerkannt zu werden.“

Im Mittelpunkt der Problematik steht das Scheitern der Integration. Allein die Zustimmung von etwa Zweidrittel der Deutsch-Türken zu dem türkischen Ermächtigungsgesetz ist schon ein Beweis. Warum dieses Scheitern? Eine Gesellschaft, die die eigene Identität verleugnet, kann nicht durch eine Inklusion in ein Gemeinwesen integrieren. Leitkultur ist nicht das, was de Maizière in seinem Bild-Artikel als Salve abfeuert. Wie ernst seine Einladung zur Diskussion über seine zehn Thesen ist, zeigt schon, dass er anschließend nach Washington reiste und auf Stellungnahmen per TV-Statement in den Abendnachrichten reagierte.

Aus Europäisch wird Deutsch

Als Demokrat mit angelsächsischer Erziehung stelle ich mir unter Debating Culture etwas anderes vor. Sowohl im Jahr 2000 wie auch heute beweisen die Deutschen, dass deutsch das Negative ist, was Theodor W. Adorno in seinem Aufsatz „Auf die Frage: was ist deutsch?“ beschrieben hat.

Ich habe nach der ersten deutschen Leitkulturdebatte von Oktober bis Dezember 2000 eine Erfahrung gemacht, die ich im Dezember 2000 in einem in der Welt am Sonntag erschienenen Essay „Die neurotische Nation“ beschrieb. Adorno bewundert Immanuel Kant und seine Vernunft wie ich, vermisst diese aber bei den Durchschnittsdeutschen, die im „Pathos des Absoluten“ ihre Gesinnungsethik vortragen und Ideen der Andersdenkenden als „unbequeme Gedanken“ verfemen. Es wird eine Selbstzensur erzwungen und „Abweichungen werden gereizt geahndet“, schreibt Adorno. Ich beobachte diese unsägliche politische Kultur sowohl bei den Deutschen, die aus meiner europäischen Leitkultur eine deutsche machen, als auch bei ihren linken Gegnern.

Mein amerikanischer Kollege und Freund Francis Fukuyama hat sich zu dieser Thematik aus den USA zu Wort gemeldet und den Europäern vorgehalten, „Americans may indeed have something to teach Europeans with regard of an open national identity“.

Es geht nicht um Deutschtum

Wenn der Spiegel aber die Identitätsproblematik mit Sauerbraten verwechselt und Die Zeit selbstanklagend das „Deutschtum“ anführt, dann kann es keine rationale Diskussion in diesem Lande über eine wertebezogene Leitkultur als inklusive Identität geben und folgerichtig auch keine Integration erfolgen. In diesem Modus wird auf ein Argument mit einer Keule und nicht mit einem Gegenargument geantwortet.

Fukuyama aber geht auf mein Leitkulturkonzept ein und beweist, dass er im Gegensatz zu meinen deutschen Opponenten versteht, was Leitkultur als Integrationskonzept meint: „Bassam Tibi invented the term Leitkultur precisely as a non-ethnic, universalist conception of citizenship that could open up national identity to non-ethnic Germans.” Eben darum geht es, weder um „Sauerbraten“ noch um „Deutschtum“. Aus den USA hat Fukuyama beobachtet, was viele deutsche Meinungsführer mit mir und meinem Konzept der Leitkultur gemacht haben.

Und was lernen wir aus den deutschen Leitkulturdebatten von 2000 und 2017? Die fehlende Integration von Muslimen bleibt ohne Aufarbeitung. Diese Aufgabe kann ohne ein Integrationskonzept und ohne wertebezogene Leitkultur nicht erfüllt werden. Die Folge ist, wie Fukuyama sagt, eine „tickende Zeitbombe“. Und was geschieht? Die Kritiker meines Konzepts der europäischen Leitkultur verwandeln die zugewanderten Individuen in Minderheiten und verteidigen diese als Kollektiv statt individuell.

Von 2000 bis 2017 nichts geändert

De Maizière will im Namen einer Leitkultur muslimischen Migranten aufzwingen, sich deutsch zu benehmen. Im Gegenzug kämpfen seine linken Gegner für die Definition der Muslime als Minderheiten, die faktisch in ihren Parallelgesellschaften leben. In einem solch verrückten Land, in dem weder eine europäische Leitkultur noch eine inklusive Identität auf positive Resonanz stoßen, kann es keine Integration geben. Die Leitkulturdebatte von heute unterscheidet sich kaum von jener des Jahres 2000 – beide werden von einer Nation getragen mit einer beschädigten Identität, die deshalb als neurotisch zu bezeichnen ist. Sowohl de Maizières Leitkultur als auch die linksgrüne Anti-Leitkultur-Propaganda nerven mich.

Josef Garnweitner | Mi, 17. Mai 2017 - 11:59

wieder von Ihnen zu hören Herr Professor Tibi.

Leider werden Sie damit leben müssen, daß es in Deutschland Kreise gibt, vornehmlich in der Politik und den Medien, die alles so hindrehen und sogar verfälschen, daß es ihnen in den Kram paßt. Sie scheuen sich nicht einmal, anderen Menschen das Wort im Munde umzudrehen und das von Angesicht zu Angesicht, wie es in sog. Talkshows immer wieder passiert.

Dazu kommt, wie ich es immer öfter beobachte, daß unsere Mitmenschen Texte nicht mehr aufmerksam lesen, sondern nur noch überfliegen.

Es ist leider so. Ich hoffe, Sie bleiben uns trotzdem noch lange erhalten.

Reiner Jornitz | Mi, 17. Mai 2017 - 12:20

Sehr geehrter Herr Tibi, sie sind ein hochgeachtete weltmännische Persönlichkeit. Sie, der im Islam geboren worden sind , werden ihre Herkunft nie verleugnen. So ist es mit uns Deutschen: Man möchte unsere Nationalität und Identität, wer wir sind und woher wir kommen auf der politischen Bühne, sei es unsere eigene Regierung absprechen. Seit 70 Jahren prügelt man auf uns wegen einer Vergangenheit ein das schonseit 3 Generationen zurückliegt . Wobei damals nur ein einflussreicher Teil und Mitläufer so extrem gedacht haben. Weil wir unsere Art zu leben und denken uns nicht stehlen lassen und weil dieses Land noch Deutschland heißt hat keiner das Recht der von außen kommt das Recht eine Parallelgesellschaft zu bilden! Unser Land heißt Deutschland, deswegen Leitkultur und nicht Europa oder USA oder wie auch immer mfg.

Hans Jürgen Keßner | Mi, 17. Mai 2017 - 16:07

In reply to by Reiner Jornitz

Sie sprechen mir - und bestimmt vielen Bürgern - aus der Seele!

Danke für Ihre ehrlichen Worte.

Harro Meyer | Mi, 17. Mai 2017 - 12:32

Ein wesentlicher Teil der Kultur ist die Religion. Wenn Bassan Tibi die außen vor läßt, macht er es sich zu einfach. Wenn Friedrich Merz als Vertreter einer „Christlich-Sozialen Union“ den Begriff Leitkultur etwas enger sieht, hat er schon recht, sieht man mal von der Antonymität des Begriffes ab. In unsere Kultur passt der Islam nicht, da kann man so klug reden, wie man will, auch wenn das Christentum einen Teil des orientalischen Denkens mit dem Kirchenvater Augustinus übernommen hat.

Dass der Islam in unsere Kultur nicht passe, würde ich so apodiktisch nicht teilen. Vielmehr geht es um das Religions_Verständnis_, das sich in Lehre und Praxis der Gläubigen äußert. Da gibt es sowohl bei Muslimen als auch bei Christen verträgliche wie unverträgliche, moderne wie unmoderne Varianten - allerdings bei ersteren mehr von der unverträglichen Sorte.
Für mich als Atheisten (gerne vergessen oder übergangen) ist entscheidend, dass Religiöse anderen ihre Lebensvorstellungen nicht aufnötigen, auch nicht durch ostentative Präsenz (Kopftuch!) in der Öffentlichkeit.

Mit dem Kopftuch bin ganz bei Ihnen , Herr Lange. Religiöse Symbole halte ich für Privatsache. Aber: Auf Weihnachten etc. möchte ich nicht verzichten, moslemische Rituale gehören dagegen nicht in unsere Kultur. Wir sind also doch christlich geprägte Gesellschaft. Auch die , die die Kirche seit Jahren nur von außen sehen.

Monika Medel | Do, 18. Mai 2017 - 13:19

In reply to by Paul Alexy

Es ist immer wieder ein Missverständnis, das Kopftuch als "religiöses Symbol" zu bezeichnen. Dann könnte man es auch zusammengefaltet in der Hand tragen. Es geht um die Verpflichtung zur Verhüllung - es darf ja kein Härchen herausschauen! Ein neckisches Tüchlein, wie es ab und an auch hierzulande Mode ist, ist etwas ganz anderes. Warum aber soll sich die Muslima verhüllen? Die bzgl. Verhüllung nicht konkrete Stelle im Koran begründet dies damit, dass gläubige Frauen, die nachts mal aus dem Zeltlager wegen eines dringenden Bedürfnisses hinausmüssen als solche erkannt und nicht vergewaltigt werden - im Gegensatz zu Sklavinnen und "ungläubigen Frauen", mit denen man es ja ruhig machen kann. So ist die "verhüllte Muslima" die anständige Frau, die nicht verhüllte dagegen Freiwild. Es ist dieses Frauen- und auch Männerbild, welches m.E. das "Kopftuch" so problematisch macht und das auch bei vielen die den HIntergrund nicht kennen eine instinktive Ablehnung auslöst.

Redouan Osrafil | Mi, 17. Mai 2017 - 21:28

In reply to by Harro Meyer

Die durch den Orientalen "Jesus von Nazareth" im Orient begründete und von Orientalen unter Orientalen verbreitete Religion, welche aus dem Judentum als ebenfalls orientalischer Religion entwickelt wurde, ist eine orientalische Religion durch und durch. Genauso wie der Islam. Das Kopftuch wird von den Kirchenvätern in den Briefen an ihre kleinasiatischen Gemeinden auch in der Bibel den Frauen empfohlen (nicht ohne Grund tragen christliche Nonnen Kopftuch). Am originären Christentum ist absolut gar nichts europäisch. Europäisch ist die griechisch-römische Philosophie, Staatsorganisation und juristische Basis vieler heutiger westlicher Rechtssysteme, welche durch die "christliche" römische Kirche im heidnischen Germanien und Resteuropa verbreitet wurde. Wenn Sie eine europäische Religion wollen, so werden Sie wohl nicht darum herumkommen Odin und Thor anzubeten und Menschenopfer im Moor zu bringen. Das "europäische" ist die griechisch-römische Philosophie - sonst nichts.

Religion ist optional.
Die Basis unserer Gesellschaft ist das säkulare Rechtsverständnis und nicht das Christentum und keine andere Religion dieser Welt.
Während das Christentum durch die Aufklärung entmachtet wurde, gebärdet sich der Islam nicht als optional sondern als Pflicht und stigmatisiert jede Alternative. So versucht dieses totalitäre Weltbild konkreten Einfluss auf das gesellschaftliche Leben zu nehmen und Dinge zu bestimmen, die an anderer Stelle bereits eindeutig geregelt sind.
Beispiele:
Keine Scharia > Deutsches Recht
Keine Kinderehen > Jugendschutz
Keine Volverschleierung > Vermummungsverbot

Gerade weil die Religionen durch ihre Priester oft genug in der Geschichte als Machtinstrumente missbraucht wurden, ist die Aufklärung notwendiger denn je und unbedint als Basis für ein Zusammenleben zu verwenden. Ob alles unsichtbare von Gott, Allah oder der Schwerkraft regiert wird mag jeder selber entscheiden/fühlen.

henry brames | Mi, 17. Mai 2017 - 12:50

interessanter aufsatz über eine falsche leitkultur debatte vom erfinder der leitkultur: „Bassam Tibi invented the term Leitkultur precisely as a non-ethnic, universalist conception of citizenship that could open up national identity to non-ethnic Germans.” nun gut deutschland ist neurotisch, aber warum gelingt in frankreich nicht die integration zum rousseauschen citoyen?

Michaela Diederichs | Mi, 17. Mai 2017 - 14:29

In reply to by henry brames

Darf ich vielleicht noch Belgien hinzufügen oder Österreich? Ich habe das Gefühl, jüdisch-christliche Kultur und muslimische Kultur sind in ihren strengen Ausprägungen nicht kompatibel. Dennoch lese und schätze ich Herrn Tibi sehr.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 19. Mai 2017 - 14:03

In reply to by Michaela Diederichs

auch Christentum und Judentum m.E. nicht "kompatibel".
Siehe dazu auch die Bücher von Brof. Dr. Micha Brumlik "Kein Leben als Deutscher und Jude" und eins zum Bindestrich bei christlich-jüdisch.
Ich habs, finde es jetzt aber nicht.
Zurück zum ersten Satz: oder warum glauben Sie, wurde Christus ans Kreuz geschlagen und bildet erst durch die m.E. Europäisierung Christus eine ernstzunehmende religiöse Figur für die Juden?
Es gibt zwischen den jeweils aufgeklärten Zweigen des Judentums/ Islam Kompatibilitäten zum Christentum, obwohl ich den radikalen Islam nicht in Verbindung zu Christus sehe, auch wenn sich Mohammed m.E. mit Christus schmückt, legitimiert. Gewalt geht nicht damit zusammen?
Ich bleibe dabei, dass Christus "keine" Verbindung vom Judentum zum Christentum darstellt, weshalb mir der Satz, anhand der Lektüre von Brumlik-Texten einfiel, "Christus kam nur bis Jerusalem", denn als jüd. Religionsstifter oder auch nur Prophet hätte er Eingang ins AT finden müssen wie Moses.

Johannes Luig | Mi, 17. Mai 2017 - 13:04

Danke Cicero für diesen Artikel.
Und vielen Dank an Herrn Tibi. Ihr Intellekt und Ihre Umsicht brauchen wir in Deutschland. Und in Europa. Dringend!
Herzlich, Johannes Luig

Michael Sander | Mi, 17. Mai 2017 - 13:41

Alles, was Herr Tibi über die deutsche Leitkultur "Debatte" und über die Schwierigkeiten mit der deutschen identität schreibt, ist richtig. Allerdings kann das nicht der ausschlaggebende Grund für die Entstehung islamischer Parallelkulturen sein, denn genau die gleichen Probleme haben andere europäische Länder mit "intakter" Identität auch. Das Problem scheint mir vielmehr die islamische Identität der Einwanderer selbst zu sein. Ein Ankommen in dieser europäischen Kultur erfordert speziell von Muslimen, sich vom Islam zu emanzipieren. Bassam Tibi hat das wie viele andere getan. Diejenigen, die den Islam über alles stellen, tun das naturgemäß nicht. Da sich beide Gesellschaftsmodelle jedoch dametral widersprechen, kann man nicht in beiden Welten gleichzeitig leben. Parallelkulturen mit einem völlig anderen Wertesystem sind die zwangsläufige Folge. Das alles hat mit den Deutschen recht wenig zu tun.

Dieses Thema wird zu viel von deutscher Perspektive diskutiert, d.h. die deutsche Geschichtsbelastung ist dann da voll drin und eine objektive Debatte ist kaum noch notwendig, vor allem weil die Deutschen Angst vor der eigenen Courage haben. Wenn die Deutschen das Thema Integration mal aus der Perspektive deutscher Auswanderer in Südamerika oder auch nur in Spanien diskutieren würden, dann würden sie verstehen, dass die Annehme lokaler Sitten kaum die Lösung sein kann: aus einem Deutschen wird niemals ein Brasilianer oder Spanier. Aber wenn ein Deutscher im Ausland lautstark seine Gewohnheiten praktiziert, wird er als unangenehm empfunden, d.h. wenn er sein Deutschsein im öffentlichen Raum praktiziert. Niemand stört sich an deutschen Weihnachten oder Würstchen im Privatbereich. Jetzt mal auf die muslimischen Zuwanderer anwenden, bis vor wenigen Jahren war das kein Problem, und jetzt ist es eins. Warum? Weil sie ihre Sichtweise der Öffentlichkeit aufdrücken wollen, und da hakt es.

Nicht nur Deutschland hat wegen des 3ten Reichs das Problem des mangelnden **zivilisatorischen** Selbstbewusstseins (lassen wir bitte mal die Kultur beiseite, das gilt auch für Herrn Tibi, mit Verlaub). Die gesamte westliche Zivilisation, vertreten durch ihre Multiplikatoren in Medien und Bildungseinrichtungen, ist in einem postkolonialen Schuldkomplex gefangen, der jedes Maß verloren hat. Das ist der wesentliche Grund, weswegen die Integration von moslemischen Einwanderern überall in Westeuropa gleichermaßen schlecht funktioniert. Wären wir zivilisatorisch selbstbewusster, wäre auch ein attraktives Angebot an Moslems da, sich auf unsere Zivilisation einzulassen und sich durch Bildung und Teilnahme am Arbeitsmarkt aktiv einzubringen. Da dies nicht gegeben ist, wird unser Teilkontinent nur als verachtungswürdige, rückgratlose Versorgungseinrichtung wahrgenommen.

... aber als Hypermoral vom politischen u. medialen Komplex herbeigeredet. Stimmt.

Nicht aus individueller Sicht. Ich kenne niemanden, egal welcher Schicht angehörig, der diesbezüglich Komplexe o. Schuld beladen daran leidet. Ich übrigens auch nicht. Wäre mein Opa nicht während der Gefangenschaft in Russland ausgebüxt u. von dort nach D. geflüchtet u. abermals der Roten Armee (nach dem Krieg bei der Registrierung) entkommen, dann gäbe es mich nicht. Nix also mit Kriegskomplex sondern Stolz über den Überlebenswille meines Großvaters.

Das Thema Schuld wird aufgeblasen. Dann nützt es der polit. Regentschaft als psych. Disziplinierungsinstrument. Man benutzt das Thema, im Bewusstsein nix vergangenes zu ändern, aber die Gegenwart zu beeinflussen, indem man die öffentl. Meinung lenkt, die Meinungsvielfalt reduziert, Handlungen rechtfertigt etc ... Wie war das mit der Erbsünde, dem Ablasshandel u. der Kirche ... hielt auch eine ganze Weile an, oder?

Stefan Lange | Mi, 17. Mai 2017 - 14:08

Tibi versteht seine Leitkultur als europäische und wertebezogene, also explizit nicht mit bestimmten kulturellen Artefakten ("Sauerbraten") verbunden. OK, das mag er so sehen. Aber warum bedauert er dann außerdem, dass Deutschland eine "beschädigte Identität" habe (womit er recht hat), wo doch diese Identität sich wesentlich aus diesen Artefakten speist? Und warum sollten andere den Leitkultur-Begriff nicht so wenden, wie sie es für richtig halten, wenn sie gleichzeitig Tibi dafür nicht in Mithaftung nehmen? Wollen wir jetzt nun mehr inhaltlich streiten oder über Urheberschaften?

Robert Zydenbos | Mi, 17. Mai 2017 - 15:17

In reply to by Stefan Lange

Es ist ganz übel, wenn andere Herrn Tibis Begriff aufnehmen, willentlich oder nicht missverstehen, verdrehen, etwas Anderes daraus machen und dann sich öffentlich über ihn lustig machen, wie Die Zeit es gemacht hat. Tibi wollte eine seriöse Debatte in Gang setzen und verwendete dazu diesen neuen Begriff. Wenn andere seine Worte nicht in seinem Sinn verwenden wollen und etwas willkürlich Anderes daraus machen, ist eine seriöse Debatte unmöglich. Deshalb ist die Frage nach ,Urheberschaft‘ wichtig.

Was ich nicht verstanden habe: Setzen Sie ,Kultur‘ mit ,Sauerbraten‘ oder anderen vereinzelten Erzeugnissen gleich? Ich meine: Kultur ist doch eine Einstellung gegenüber dem Leben, der Welt, auch dem Mitmenschen; nicht bloß ein Teil des Abendessens.

Ich bin da kein Experte, aber ist es nicht in der deutschen Philosophie so, dass die Gedanke der Vorgänger aufgenommen und etwas weiter gedreht werden. Hinzu kommt noch, dass möglicherweise Tibi zwar deutsch spricht, aber seine "angelsächsische Erziehung" ihn dann doch nicht zum Deutschen hat werden lassen, sondern zum deutsch sprechenden Angelsachsen. "Leitkultur" wird hierzulande als das gegen die Einwanderer zu Verteidigende betrachtet und nicht als Integrationskonzept. Selbst die Gegner der Leitkultur sehen das so, sonst wären sie ja nicht dagegen. Tibi verteidigt also ein Konzept, welches wohl aus dem angelsächsischen Raum stammt, gegen das hier übliche Verständnis des Begriffs. Vielleicht sollte man dann doch das hierzulande übliche meinen und nicht auf Sonderrechte (als Erfinder des Begriffs) pochen.

Robert Zydenbos | Mi, 17. Mai 2017 - 21:10

In reply to by Robert Müller

Das „übliche“ Verständnis? Heißt das, vierstufig:
(a) Herr Tibi führt einen Begriff ein (er hat doch als erster hierüber gesprochen? Und stammt die Idee einer ,Leitkultur‘ wirklich aus dem angelsächsischen Raum? Und ist dies überhaupt wichtig? Es ist ein deutsches Wort, von Tibi),
(b) irgendjemand verdreht es und verwendet das Wort auf eine neue Weise,
(c) wieder ein anderer nennt die Verdrehung ,üblich‘, und
(d) dann darf Tibi nicht sagen, dass sein Begriff verdreht wurde und die seriöse Diskussion, die er beginnen wollte, entgleist ist?

Verzeihen Sie bitte, aber das alles kann und darf nicht wahr sein.

Ich denke das der Inhalt aus der USA ist, das Wort aber ein deutsches ist. „Bassam Tibi invented the term Leitkultur precisely as a non-ethnic, universalist conception of citizenship that could open up national identity to non-ethnic Germans.” Ist nicht "non-ethnic, universalist conception of citizenship" das was es in der USA gibt und zwar seit Gründung der USA? Und ja, ich denke "verdrehen" ist ganz typisch für die deutsche Philosophie und vielleicht auch darüber hinaus. Als Beispiel schlage ich vor den Artikel "Hermeneutik" bei Wikipedia anzusehen. Dort werden dutzende Personen aufgeführt, die erst nur vom Sinn her Hermeneutik gemeint haben und ab etwa 1630 gibt es den Begriff, allerdings mit immer etwas anderer Bedeutung. Der Begriff wurde nicht in der Bedeutung von 1630 konserviert oder es ist gar nur die Bedeutung aus der Antike erlaubt. Im übrigen stelle ich kein Redeverbot auf, ich sage nur, dass die Tibische Bedeutung in der Praxis offenbar komplett untergegangen ist.

Robert Zydenbos | Sa, 20. Mai 2017 - 01:34

In reply to by Robert Müller

Dass verschiedene Menschen unter einem Wort Verschiedenes verstehen, ist an sich nichts Neues: meine Lieblingsbeispiele sind 'Demokratie' (vergleichen wir die alte DDR, die BRD und die Schweiz) und 'Liebe'. Wenn Herr Tibi ein neues Wort introduziert, dann darf er aber wiederholt sagen und weiter erklären, was er darunter meint und warum er es überhaupt eingeführt hat. Wenn andere das Wort kapern und dadurch dessen Sinn umbringen und die Debatte unmöglich machen, dann ist das mehr als schade.
Übrigens glaube ich nicht, dass die USA ein Monopol auf eine "non-ethnic, universalist conception of citizenship" besitzen. Dass Herr Tibi das französische Wort 'citoyen' verwendet, sagt schon genug.

Raphael Landmann | Mi, 17. Mai 2017 - 14:24

der schonungslos die klaffenden Lücken der europäischen und der deutschen Kulturlandschafft offenlegt.
Wir werden tief in uns gehen müssen, um auf die brennenden Fragen Antworten zu finden.
Ich stimme Herrn Tibi auch zu, dass außereuropäische Perspektiven sehr hilfreich sind.

Heinrich Niklaus | Mi, 17. Mai 2017 - 14:58

Ein Hochgenuss zu diesem Thema, Herr Tibi. Vielen Dank!

Robert Zydenbos | Mi, 17. Mai 2017 - 15:45

Herr Tibis Beitrag ist in seiner schlichten Einfachheit brillant. Im Jahre 2000 bin ich nach Deutschland eingewandert, und ich erkenne in dem, was er schreibt, vieles. Ich bin auch deswegen nach Deutschland gekommen, weil ich Deutschland bewundere: ja, es gibt so etwas wie eine von außen wahrnehmbare deutsche Identität, woran einiges sehr zu bewundern ist. Aber ich bedauere, dass auch ich, wie Herr Tibi, mich hier noch immer nicht als Citoyen fühlen kann. Dies liegt in wichtigem Maße daran, dass die von Tibi genannte ,debating culture‘ hier kaum bekannt ist: Auch in meiner formal höchst ausgebildeten Arbeitsumgebung sehe ich die Neigung, dass man lieber keine eigenen, rational fundierten Meinungen bildet und offen und in gegenseitigem Respekt darüber Gedanken austauscht; stattdessen meidet man die Diskussion und stellt sich, angeblich alternativlos, schweigend hinter irgendeine schon etablierte Autorität. Diese Einstellung begünstigt weder die Demokratie noch die Integration.

Diese fehlende Debattenkultur ist in der Tat ein großes Problem für die deutsche Demokratie.
Es gibt auch keine Citoyen Kultur, wie man das von klassischen Einwanderungsländern kennt. Dafür ist das Deutschsein in den Köpfen immer noch zu ethnisch geprägt. Ich habe jedoch nicht den Eindruck, dass man es als Ausländer besonders schwer hat, hier anzukommen und anerkannt zu werden. Und ist es dann wirklich noch entscheidend, als Deutscher gesehen zu werden? Einwanderer haben sich in hier immer über mehrere Generationen assimiliert und wurden so automatisch zu Deutschen. Gerade das ist es jedoch, was vor allem muslimische Einwanderer verweigern.

Robert Zydenbos | So, 21. Mai 2017 - 00:29

In reply to by Michael Sander

(1) Wenn Sie «über mehrere Generationen» schreiben, dann denken Sie offenbar an Entwicklungen über größere Zeitspannen. Auch mein oberflächlicher Eindruck aus älterer Literatur ist, dass Einwandern und in Deutschland Seßhaftwerden und Anerkanntwerden im europaweiten Vergleich in früheren Zeiten nicht wirklich schwer war. Aber meine vorherigen Bemerkungen über unsere, heutige Zeit beruhen auf meinen persönlichen Erfahrungen, nachdem ich in mehreren Ländern, auf drei Kontinenten, berufstätig gewesen bin. In Deutschland scheint man anders mit 'dem Ausländer' umzugehen, und das Fehlen einer Debattenkultur hat m.E. damit zu tun.

(2) 'Assimilieren' ist nicht dasselbe wie 'integrieren'. (Die klassische Fernsehserie 'Star Trek' illustriert den begrifflichen Unterschied: Die Föderation der Planeten integriert; die Borg assimilieren.)

(3) Zur Integrationsverweigerung: Für jede Debatte muss es natürlich nicht nur einen, sondern zwei bereitwillige Gesprächspartner geben.

Ihre Sichtweise von "immer noch außen":) geehrter Herr Zydenbos hat mich doch sehr nachdenklich werden lassen.Besonders Ihre Beobachtungen,was das Debattendefizit selbst in hoch gebildeten Schichten betrifft.Dazu fielen mir gleich Begriffe wie Obrigkeitshörigkeit, Duckmäusertum und "Was der Bauer nicht kennt frisst er nicht!",ein.
Oder Filme wie "Der Untertan". Auch in der eigenen Sozialisation gepaart mit:"Früher hätt`s das nicht gegeben! Was ist die richtige Hand?Schweig wenn Erwachsene reden! Mit dem "Zores" gibst Du dich nicht ab!Und komm`mir bloß nicht
mit einem Ausländer,womöglich einem N...r,heim!"Katholisch heiratet nicht protestantisch usw.und so fort.Amüsante deutsche Nabelbeschau?Vielleicht zeigt es Ihnen aber,mit wem und womit Sie es nach wie vor zu tun haben lieber Herr Zydenbos.Und ich mache mir wie Sie, vor einer wahrscheinlich 4.GROKO-Amtszeit,
so langsam aber sicher auch Sorgen um die Trägheit der Masse bzgl. unserer Demokratie. MfG

Mein Verständnis von „Integration“ ist, dass die Anwesenheit neu Angekommener nicht nur toleriert wird (etwa wie Touristen), auch nicht, dass die Neulinge nur arbeiten und ihren Lohn empfangen (etwa wie man es sich von ,Gastarbeitern‘ vorgestellt hat), sondern dass sie auch inhaltlich etwas zu ihrer Arbeit- und Wohnumgebung beitragen dürfen (dürfen: nicht müssen oder sollen). Dies beginnt mit offenen Gesprächen, wobei die Gesprächspartner grundsätzlich als gleichberechtigte Menschen anerkannt werden und auf Basis geteilter Prinzipien (wie der Logik und des gegenseitigen Respekts) Gedanken austauschen.
Wenn z.B. in einem vermeintlich ,demokratischen‘ Gremium (Fakultätsrat) meiner Universität mir gesagt wird, eine Bemerkung oder ein Vorschlag von mir sei unerwünscht weil ich nicht von hier bin, dann erfahre ich das als äußerst nicht-integrativ. Man bleibt draußen und darf nur schweigend zuschauen.

Claudia Martin | Mi, 17. Mai 2017 - 15:56

Diese Debatte wird falsch geführt. Wir müssen zunächst feststellen, daß es sich eigentlich nicht um Kultur handelt, sondern um Integration. D und auch die EU ist zutiefst sozialistisch aufgestellt. In D ist es erforderlich min. 45 Jahre zu arbeiten und fleißig in die Sozialkassen einzuzahlen. Dies ist notwendig, da wir über Hartz4 andererseits eine im internationalen Vergleich hohe Absicherung bieten. Welcher Migrant ist aber in der Lage den Grundbetrag (45 Jahre Arbeit) zu liefern? Nur sehr wenige. Wer mit 30 Jahren einwanderten, schafft das nicht und ist damit Nettozahlungsempfänger. Aber auch viele jüngere Einwanderer schaffen das nicht. Herr Tibi kann da nicht als Beispiel für Millionen von neuen Bürgern dienen. Welcher Migrant ist schon Professor und schreibt 30 Bücher. Wir müssen uns einfach entscheiden! Wollen wir kosmopolitisch sein oder wollen wir den Sozialstaat. Beides geht nicht. Stupid, it's the money! Soviel auch zu Herrn Fukujama.

Torsten Knecht | Do, 18. Mai 2017 - 10:34

In reply to by Claudia Martin

ALG II (sprich H4) ist eine soziale Absicherung, die man nach ALG I (max. 2 Jahre) bekommt. D.h. für H4 (Berücksichtigung des Schonvermögens 150 Euro pro LJ plus 750 Euro) muss man mindestens 5 Jahre lang in die SV-Systeme eingezahlt haben bzw. gearbeitet haben sonst greift die Grundsicherung, die niedriger als der H4 Satz ist. Migranten bekommen demnach "nur" die Grundsicherung.

Im übrigen zahlt Österreich seinen Sozialhilfeempfängern einen höheren Satz als D. mit H4 u. bietet Ihnen obendrein Ermäßigungen z.B. bei kulturellen Sachen.

Ich gebe Ihnen allerdings Recht, dass die Einwanderung in die Sozialversicherungssysteme Nonsens ist. Bloß, wie stoppen? Jede Euro hier für Migranten ausgegeben fehlt den F. vor Ort u. wäre viel effizienter als Hilfsmaßnahme aber das ist u. war gar nicht beabsichtigt mit dem "human. Imperativ". Darum steht die Leitkulturdebatte stellvertretend für ein fehlendes Einwanderungsgesetz u. ist eine Nebelkerze, weil der Adressat die Einheimischen sind.

"ALG II (sprich H4) ist eine soziale Absicherung, die man nach ALG I (max. 2 Jahre) bekommt. D.h. für H4 (Berücksichtigung des Schonvermögens 150 Euro pro LJ plus 750 Euro) muss man mindestens 5 Jahre lang in die SV-Systeme eingezahlt haben bzw. gearbeitet haben sonst greift die Grundsicherung, die niedriger als der H4 Satz ist. Migranten bekommen demnach "nur" die Grundsicherung."

Nein. Anspruch auf H4 (SGB II) hat jeder, der aufenthaltsberechtigt ist und dem Arbeitsmarkt mind. 3 Std. am Tag zur Verfügung stünde. Auch wenn er noch keine Stunde seines Lebens gearbeitet hat. Asylbewerber zB kommen direkt nach der Anerkennung in H4. Grundsicherung bekommen die, die die 3 Std. nicht arbeiten können oder im Rentenalter sind (SGB XII). Das ist ungefähr gleich viel.

Der Skandal daran ist, dass Arbeitnehmer, die Jahrzehnte gearbeitet und eingezahlt haben, nach den zwei Jahren ALG I auch nur Anspruch auf H4 haben. Natürlich nur, wenn sie vorher ihr Vermögen aufgebraucht haben.

Hans Jürgen Keßner | Mi, 17. Mai 2017 - 15:57

Eine Wohltat, diesen klugen Mann zu lesen!

Ach könnte ich doch nur so klug sein, mein Gefühl hinterlässt den Eindruck...
... das Thema hat einen Beigeschmack von westlichen Selbsthass, alles deutsche ist per se negativ und alles Fremde besser als wir...

Ich Bitte das nicht falsch zu verstehen, mein Gefühl speist sich aus 60 Jahre in Berlin - Deutschland und all die Erfahrungen mit diesem Thema im Alltag.

Dieser Mann hat mich neugierig gemacht und ich werde mir seine Bücher kaufen.

Jürgen Lehmann | Do, 18. Mai 2017 - 13:59

In reply to by Hans Jürgen Keßner

Herr Keßner, ich hatte alle Bücher von Herrn Tibi bezogen (zum Erscheinungstermin) und mich auch sehr damit beschäftigt.
H. T. wurde vorgeworfen, dass er sich zu oft wiederholen würde in seinen Texten.

In Wirklichkeit scheiterte er – wie Peter Scholl-Latour – an unserer deutschen Arroganz.
Über dieses Thema könnte man mehrere Bücher schreiben.

Armin Latell | Mi, 17. Mai 2017 - 15:58

Deutlich, prägnant, verständlich geschrieben. Herr Tibi legt den Finger tief in die Wunde der beschädigten linken, grünen, deutschen Psyche. Hervorragende Erklärung, warum Integration, trotz aller gegenteiliger Beteuerungen der Apologeten der Ein- bzw. Zuwanderung nicht funktionieren kann. Das ist so klar, dass man nicht drum herumkommt, zu erkennen, dass all die Unterstützer nicht wirklich an Integration interessiert sind, sondern ihr Ziel, "Deutschland verrecke", egal wie erreichen wollen. Und wenn sich unpassender Weise ein heiliger, schutzbefohlener Migrant für westliche, europäische Werte stark macht, hört die
behauptete Toleranz und Vielfalt natürlich auf, dann wird auch gegen diesen auf mehr oder
weniger subtile Art und Weise von den einschlägig bekannten Massenmedien agitiert. Beispiele
dafür gibt es ja mhrere. Die Leitkulturdebatte, die Herr de Maiziere wieder angestoßen hatte,
war doch nur Versuch, rechts seiner Partei Stimmen zu angeln. Eine Umkehr ist das nicht.

Claudia Martin | Mi, 17. Mai 2017 - 16:08

Die deutsche Leitkultur in einer offenen Welt ist doch nur was für Nostalgiker. Wir brauchen auch keine europäische. Was sollte das auch sein. Die Zukunft ist kosmopolitisch. Allerdings damit auch darwinistisch. Hatz4 für alle Erdlinge ist leider nicht finanzierbar. Herr Tibi und Herr Fukujama können damit sicherlich gut leben. Erst kommt das Fressen und dann die Kultur.

... Globalisierung u. Kapitalismus sind die Pfeiler, nach welchen sich heute die Gesellschaften ausrichten, um existieren zu können. Von wenigen Ausnahmen, wie Bhutan, abgesehen.

Wer wie ich in Ostdeutschland geboren ist, der weiß sehr wohl, dass sich für Unzufriedenheit mit der Gesell. immer ein Ventil gefunden hat. (Leitkulturdebatten bzw. Politpropaganda gab es mehr als genug.) Zuletzt war der Druck so groß, dass der Kessel DDR trotzdem geplatzt ist. Von wegen fehlender Citoyen - gerade der religiöse Mief wurde den Leuten aberzogen u. durch Duckmäusertum ersetzt bzw. ideologisch getauscht. Und heute? Heute ist es nicht anders!

D. braucht ein Einwanderungsgesetz u. mehr politische Teilhabe der Bürger wie in der Schweiz. Selbstredend das Merkel & Co. da nicht mit machen. Das Thema LK von oben nach unten geführt ist ein Disziplinierungsmittel, um den Bürgern ihr DIN-Verhalten zu erklären. Die Strukturen müss(t)en sich den Bedürfnissen der Bürger anpassen u. nicht umgekehrt.

Karin Brandl | Mi, 17. Mai 2017 - 17:34

Welche Erkenntnisse ich durch Lesen des Artikels auch immer gewonnen habe, zwei Fragen treiben mich trotzdem noch um. Was bedeutet denn eigentlich Integration(wie sieht ein integrierter Moslem aus) und wie hängt Integration mit europäischer Leitkultur zusammen.

Die Integration ist ein weiter Begriff in Wirtschaft, Politik, Soziologie etc.

Leider wird „INTEGRATION“ viel zu oft auf Türken, Flüchtlinge, Asylbewerber… angewandt.

In unserer Gegend leben sehr viele Polen, mit denen wir zwar „Kontakt“ haben – die aber ansonsten unter ihren Landsleuten leben und kein Interesse an einer „INTEGRATION“ haben. Sie nützen zwar auch im gesamten Bereich die Sozialsysteme aus, werden aber letztendlich ihrer polnischen Nationalität verbunden bleiben.

Man könnte nun ja sagen, dass „sie“ keine Muslime sind und daher andere Rechte haben, dann landen wir aber sehr schnell in einer „anderen Ecke“.

Ralph Barthel | So, 21. Mai 2017 - 01:56

In reply to by Jürgen Lehmann

Ähnliches wie Sie beobachte ich auch.

... „anderen Ecke“.

Und genau in diese "andere Ecke" wollen viele ausländische Mitbürger (z.B. Polen) nicht gestellt werden, nur weil diese nicht den rotgrünen Ansichten folgen können und wollen.

Viele von denen haben einfach Angst, ihrer waren Ansichten wegen (Islam), hier ihren Job zu verlieren. Welchem "Deutschen" sollen sie den auch trauen können ihre Meinung offen zu sagen? Wenn selbst unter deutschen erst langsam der Mut zurückkehrt seine Meinung offen zu vertreten.

Und warum sollten sie ein Interresse haben sich zu integrieren so wie wir uns das vostellen? Als EU-Bürger können sie kommen und gehen wie sie wollen. Wenn ich je ihr neuer Nachbar werden sollte, wird sich erst mit der Zeit herrausstellen, ob wir miteinander auskommen oder nicht. So einfach ist das.
Eventueller Sozialmissbrauch ist ein anderes Thema und sollte auch als solches behandelt werden.

MfG R.B.

Lutz Schnelle | Mi, 17. Mai 2017 - 17:50

Zivilisation wird einem übergestülpt.

Eine verordnete Leitkultur ist so fruchtbar wie die Aufforderung: Hier kommst her und freust Dich!
Und ein Beleg, daß keine Kultur mehr da ist. Laotze würde sagen: "Je mehr die Gesetze und Befehle prangen, desto mehr gibt es Diebe und Räuber. "

Oder: daß man sich im Paradies befunden hat, merkt erst, wenn man daraus vertrieben worden ist.

Politiker sind nun mal Politiker und keine Philosophen, Psychologen, Christen. Das sind Populisten.

"Wir müssen die Bürger mitnehmen" - die Parole sollte eigentlich alle Alarmglocken schrillen lassen und uns die Reißleine ziehen lassen, bevor wir aufschlagen.
Was sie sagt, wir werden nicht gefragt.

Margrit Morf | Mi, 17. Mai 2017 - 18:00

Unglaublich auf was für einem "dümmlichen Niveau" wichtige Themen behandelt werden. Anstatt der Realität in die Augen zu sehen, werden Halbwahrheiten proklamiert, es wird taktiert, herumgeeiert, gelogen etc. etc.
Schöne Aussichten für die Zukunft Deutschlands.

Manfred Steffan | Mi, 17. Mai 2017 - 19:04

Volle Zustimmung! Es fehlt die wertebasierte Identität als Citoyen. Und diese Werte wurden in Europa entwickelt im Laufe seiner langen Geschichte, nicht spezifisch in deutschen Landen, wenn auch in Teilen dort: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit u.s.w.. Das hat erst in zweiter Linie etwas mit Zuwanderung und Integration zu tun. In erster Linie hat es etwas mit eigenem Identitätsbewusstsein zu tun. Und das ist in Deutschland in erheblichem Maße gestört.

Denis Richter | Mi, 17. Mai 2017 - 19:21

Was ist bitte mit einer islamistischen Sharia gemeint? Die Sharia ist ein Teil des (sunnitisch/shiitischen) Islams. Es gibt verschiedene Auslegungen bzgl der Rechtspraxis,aber es gibt nicht so etwas wie eine speziell "islamistischen" Sharia. Also entweder man kritisiert die Sharia als Ganzes (d.h. als Teil des Islams, denn man nicht haben will), oder man lässt es ganz. Aber islamistische Sharia, hört sich so an, als hätten erst moderne Dschihadisten dieses mittelalterliche Rechtssystem erfunden.

Professor Bassam Tibi zitierte in diesem CICERO Beitrag die bekennende
Muslima Sawsan Chebli, Palestinenserin mit Deutschem Pass, immerhin ehemalige Mitarbeiterin von Herrn Steinmeier, aktuell Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Sawsan Chebli ist zur Zeit Staatssekretärin im Berliner Senat, diese Frau sagt für sie wäre es doch kein Problem die Sharia neben dem Deutschen Grundgesetz zu leben, wo bitte leb ich denn...

Michaela Diederichs | Mi, 17. Mai 2017 - 20:09

"Diese Aufgabe kann ohne ein Integrationskonzept und ohne wertebezogene Leitkultur nicht erfüllt werden." schreiben Sie, lieber Herr Tibi. Haben dies die USA, Kanada, Australien? Dort gibt es Chinatown oder Little Italy - aber gibt es dort Parallelgesellschaften muslimischer Menschen wie hier bei uns im EU-Raum? Darüber habe ich bisher in den einschlägigen Medien nichts gelesen. Wir sind m. E. ein Sammelbecken für alle geworden, während die o. g. Staaten sich die Menschen sehr genau angucken, die zu ihnen kommen DÜRFEN. Das wäre vielleicht effektiver als ein Integrationskonzept und jede Leitkultur.

Bernhard Jasper | Mi, 17. Mai 2017 - 21:26

Aufklärung = Zivilisation.
Christentum (Religion) = Kultur

Zivilisation ist Verfassung, Demokratie und Menschenrechte. Zivilisatorisches Denken ist universalistisch. Auch hat es etwas mit „sozialer Entwicklung“ und „Fortschritt“ zu tun. Wissenschaft und Kunst sind ebenso universalistisch. Es gibt auch ganz hervorragende Wissenschaftler und Künstler aus islamisch geprägten Weltgegenden.

Ich meine, eine „Kultur“ muss selbst die Bereitschaft dazu haben, sich einem übergeordneten Regelwerk (Zivilisation) unterzuordnen. Das betrifft auch die (kulturell) tragende Religiosität.

Was folgt daraus. Die Religionsführer sollten endlich in einen Dialog treten und es ihren Gläubigen vor Ort mitteilen.

Markus Michaelis | Mi, 17. Mai 2017 - 23:52

Ich glaube nicht, dass es so wichtig ist, ob man die Leitkultur europäisch oder deutsch nennt. Mit "europäisch" will Tibi wahrscheinlich ausdrücken, dass es eine Leitkultur ist, die prinzipiell offen für jeden Menschen ist. Aber Leitkultur hat immer auch den ausgrenzenden Aspekt und das ist auch gut so. Wäre sie nicht ausgrenzend, für was bräuchten wir sie dann? Diese provozierende rethorische Frage soll ausdrücken, das wir (neurotisch) in dem Problem gefangen sind niemanden zu diskriminieren und das 3. Reich nicht zu wiederholen. Es ist aber denke ich Unsinn zu meinen das GG sind universelle Werte für JEDEN auf dieser Welt und mehr gibt es nicht zu sagen. Schon gar nicht können wir anderen Völkern diese extrem einseitige Sicht aufzwingen und in Deutschland ist es auch Unsinn. Selbst die Grünebn leben so nicht, Migranten meist noch weniger. Natürlich geht es um gewisse Werte, die auch immer gegen etwas abgrenzen. Was ist daran schlimm? Übertreibungen sind schlimm.

vera pradelova | Do, 18. Mai 2017 - 00:51

Gerne würde ich von Ihnen, Herrn Tibi, im Weiteren KONKRETE Vorschläge lesen, wie genau diese "Aufarbeitung" ausehen müsste.und was müsste passieren, damit auch Sie sich als Citoyen wahrnehmen könnten? Woran mangelt es Ihnen? Ich habe vor Kurzem ihren spannenden Vortrag bei der Islamkonferenz Heidelberg gehört und hatte gar nicht den Eindruck, Sie seien kein Citoyen -ganz im Gegenteil. Wie in Ihrem klugen Artikel haben Sie leider auch da keine konkreten Gedanken zu einer europäischen Leitkultur (made in Germany?) entwickelt. und- sorry- ganz im dereinstigen Adorno-Style bleiben Sie eloquent und klug im Theoretischen.Mein Berufsleben hat daraus bestanden in Deutsch f. Ausländerkursen Migranten aller Provenienzen zu "integrieren" - und aus meiner Erfahrung muss ich leider sagen, dass Muslime die integrationschwierigste Gruppe meiner Studenten war. Kann es daran liegen, dass der Islam im europäischen Sinne doch nicht reformierbar ist? ich würde gerne Vorschläge von Ihnen lesen!! Merci!

Bernhard Jasper | Do, 18. Mai 2017 - 00:54

Individualität und Kollektivität sind für mich keine Gegensätze. Im Zentrum des Individuellen ist immer auch Kollektives zu entdecken. Kollektives in Form von Kultur- im subjektiven Sinne des Wortes „cultivation“ oder Bildung.

Die Gesellschaft hat sich aufgelöst in einzelne Gruppen mit verschiedenen Lebensstilen, die sich immer weiter ausdifferenzieren wird.

Die Menschen scheinen auch immer nach übergreifenden Symbolen und symbolischen Gesten zu verlangen- nach dem großen Konsens, erscheint auch kulturgeschichtlich als ein durchgängiges Motiv, auch wenn die Moderne sich in dieser Hinsicht eher elitär zurückhaltend gab oder eben den Konsens alltagmäßig nicht inszenieren, sondern nüchtern manifestieren wollte.

Und von deutscher Identität und Nationalstaat ist wieder die Rede, jedoch nicht als zukünftigen Entwurf zu verstehen, sondern als Abgrenzung.

Bernhard Jasper | Do, 18. Mai 2017 - 01:00

Ich erinnere mich an die Predigten des Kaplans von der Kanzel einer römisch-katholischen Gemeinde. Damals war das Hochamt immer gut besucht, die Kirchenschiffe vom Taufbecken am Eingangsportal bis zum Altar bis auf den letzten Platz belegt. Die Predigten waren rhetorisch oft ein Sprung aus dem heiligen Text, auch in die politische Lebenswelt der Gläubigen (quasi als Handlungsanleitungen für den Alltag gedacht).
Heute, angesichts der konstitutiven Wurzellosigkeit und geistigen Heimatlosigkeit des Menschen, könnte man es als Sprung in den Glauben, in die Religiosität verstehen. Der Glaube schafft eine letzte Bindung und Einordnung, Heimat die Erlösung verspricht. Der westlich aufgeklärte Mensch ist mehr und mehr aus traditionellen, religiösen und heilsgeschichtlichen Bezügen herausgedrifftet. Das ist historisch bedingt. Mit zunehmendem Fortschritt in Wissenschaft und Technik, bleibt jedoch die offene Frage nach dem Menschen und seine menschliche Würde.

Bernhard Jasper | Do, 18. Mai 2017 - 01:55

Es ist immer institutionalisiertes Kulturkapital, inkorporiertes Kulturkapital.

Es gibt jedoch immer auch Verbindungsmöglichkeiten zu anderen Kulturen, wie z.B. in der Musik.

Recuerdos de la Alhambra - Cordoba Master Series Torres Model
https://youtu.be/Hel3j4TQdAs

P.S: Ich arbeite noch an diesem perfekten „Tremolo“ (Ironie aus)

Silas Loy | Do, 18. Mai 2017 - 03:09

... nur insofern, als dass es Schuldzuweiser und Selbstgeisselungstypen unternommen haben, die eigene historische Schande öffentlich und in Dauerschleife zu zelebrieren, die man in anderen Ländern lieber unter den Teppich kehrt und stattdessen mehr oder weniger zackige Paraden abhält. Damit kommen diese Typen dem Gegenstand ihrer Abscheu aber genauso wenig bei, wie sie ein reines Gedenken zustandebringen. - Der Citoyen ist Franzose und ist es auch geblieben. Es gibt dort keine chinesischen, afrikanischen oder gar muslimischen Citoyen. Sogar Picasso blieb Spanier, hätte er spanisch geheiratet, wären seine Kinder auch heute noch spanisch. - Der Amerikaner ist Hand-aufs-Herz-Patriot, dann Ethnie und dann etwas Herkunftsfolklore. Die Amerikaner sind keine Citoyen, weil sie keine Franzosen sind, aber sie sind sich alle gleich fremd, das hilft. - Der Syrer ist Muslim, Christ, Druse, Kurde. Millionen europäische Protestanten hat er bisher nicht integrieren müssen, "Leitkultur" überflüssig.

Dr. Jürgen Herrmann | Do, 18. Mai 2017 - 08:22

Eigentlich halte ich eine Diskussion über unsere Leitkultur in Deutschland und Europa für wichtig. Inzwischen scheint mir dies aber oft zu einem Streit um das Wortes "Leitkultur" zu verkümmern.
Geht es nicht im Wesentlichen um die Fragen, Wie wollen wir in Deutschland leben und zusammenleben? Und, wenn wir darüber eine Konsens oder Kompromiss erzielen können, dürfen wir erwarten, dass die, die neu hinzukommen, sich genau dieser Übereinkunft anpassen?
Insofern sehe ich z.B. ein Zusammenleben mit Menschen, die Religion über Gesetz stellen, als problematisch bis nicht-möglich an, denn wir haben doch die Übereinkunft getroffen, das Religion in Deutschland ein rein private Rolle spielt, oder?

Bernd Tönsmann | Do, 18. Mai 2017 - 09:48

Es gibt nichts zu verdrehen ,zu deuteln ,zu verallgemeinern ,an dem Inhalt irgend einer Kultur ,völkischen Ursprungs ,die entsprechend , der durch
Anpassung an die gebotenen Lebensumstände sich
zur Vollkshomogenität beitrug .
300 .Jahre anglo -amerikanische Hegemoniebestreben ,geleitet eigener Wertvorstel lungen ,diese zur Wertegemeinschaft ,bzw. vorge
gegebenen Leitkultur befördernt zeigt nur :Die ge -
wünschte Vollendung des zu schaffenden Weltim -
periums sich strategisch sicher zu wissen .

Hermann Geisbusch | Do, 18. Mai 2017 - 09:50

schon vor einigen hundert Jahren an. Gott sei Dank findet man immer mehr Bücher in denen die historischen Fakten mit Verweisen auf historische Dokumente dargelegt werden. Das Kesseltreiben Gegen Deutschland fing mit dem "Made in Germany" an und ist es auch heute noch.
Bis heute wird immer wieder versucht, den Deutschen etwas aufzuschwatzen was und wie sie zu sein haben. Für mich ist der wirtschaftliche Erfolg der einzige Maßstab für die Richtigkeit unserer Kultur, nämlich was dabei heraus kommt.

Torsten Knecht | Do, 18. Mai 2017 - 11:04

"... Unfähigkeit der BRD, etwa 20 Prozent seiner Einwohner, die mit Migrationshintergrund, zu Bürgern im Verständnis von Citoyen zu machen. ... ist ein Citoyen ein Mitglied eines Gemeinwesens ohne Bezug auf Religion und ethnische Herkunft."

Das ist doch politisch auch nicht gewollt, nicht einmal bei der einheimischen Bevölkerung. Der Bürger soll sich raushalten u. sich mit Niedriglohn zufrieden geben - Hauptsache der Wirtschaft geht es gut. Der ARB 2017 u. die formalen Querelen um Streichungen bei dem Festhalten von Tatsachen, dass Ausgegrenzte keine Lobby haben usw, haben das gezeigt.

Die Leitkulturdebatte auf Migranten beschränkt, bleibt beschränkt, es sei denn, es umfasst weitere Bereiche wie die Arbeitskultur/größten Niedriglohnsektor in Europa o. der Wohnkultur, weil D. den niedrigsten Anteil an privaten Wohneigentum in Europa hat.

Gerdi Franke | Do, 18. Mai 2017 - 12:13

Ich kann nicht über eine Million Leute ins Land lassen und dann anfangen, mit ihnen über die Kultur zu diskutieren der sie sich unterordnen sollen. Das bringt nichts und ist zum Scheitern verurteilt. Leitkultur ist gutr wenn ich interessierten Einwanderen Entscheidungshilfe über ihre neue Heimat geben kann.

Karola Schramm | Do, 18. Mai 2017 - 12:32

Der Begriff "Leitkultur" wurde immer schon in der Landwirtschaft benutzt, um bestimmte Pflanzen am richtigen Ort zu pflanzen."
Ich bin nicht Prof. Tibis Meinung, die u.a. in seinem Buch "Leitkultur - oder Wertebeliebigkeit ? " dargestellt ist: "Erster Ausgangspunkt muss die Erkenntnis sein, dass jede pluralistische Gesellschaft ohne eine Leit-Kultur nicht auskommen kann." (gegoogelt).
Mit dieser These jedoch wurde genau das in Gang gesetzt, was er jetzt beklagt.
Das so meine ich, ist ein Denken, was die Kolonial-Herren der Vergangenheit alle an sich hatten. Die "Weiße Kultur" galt da schon als Leit-Kultur. Heute sieht sich die USA als Leit-Kultur-Bringer und zwar weltweit. Wer nicht diese Werte übernehmen will, muss mit massiven Problemen rechnen.
Ich meine, dass die Welt weder eine deutsche, amerikanische oder sonst eine Leit-Kultur braucht. Wir brauchen dringend eine Kultur die andere Länder und andere Sitten respektiert und achtet und die IST pluralistisch und friedfertig.

Juliana Keppelen | Do, 18. Mai 2017 - 13:10

an Cicero der diesen Artikel veröffentlicht hat, danke an Herrn Tibi der sich Gedanken um unsere Leitkultur gemacht hat, aber der größte Dank geht an die Teilnehmer dieser Debatte diese ausgewogene alle Aspekte ausleuchtete weg von einfachen Stammtischparolen geführte Diskussion hat Niveau.

Michael Sander | Do, 18. Mai 2017 - 13:37

Denn erstens kann man Leitkultur nicht irgendwie machen oder herbeireden und zweitens gibt es bereits eine deutsche Leitkultur. Und das ist ganz einfach die gesamte Art und Weise, wie wir heutigen Deutsche zusammenleben, was uns wichtig ist und wie wir miteinander umgehen. Dazu gehört leider auch diese übertriebene deutsche Schuldkultur und die damit verbundene Scheu, von Fremden eine gewisse Anpassung einzufordern. Ich kann verstehen, dass gerade dieser Teil für Fremde besonders unattraktiv erscheint. Umgekehrt werden eigentlich positive deutsche Werte wie Leistung, Sauberkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß, Gründlichkeit heute immer weniger betont und eingefordert. Aber diese Bestandteile deutscher Leitkultur sind nach wie vor da und im Prinzip sind es genau diese Eigenschaften, die wir insgeheim auch von Fremden erwarten. Das Problem ist also nicht die fehlende Leitkultur - das Problem ist das fehlende Selbstbewusstsein in Bezug auf die eigene Leitkultur.

Es geht bei der ganzen Debatte doch gar nicht um die Schaffung einer neuen "Leitkultur", sondern - wie Sie selbst zutreffend anmahnen - um Selbstbewusstsein bezüglich der vorhandenen Kultur und das Eintreten für diese. Dann hat unsere vorhandene Kultur automatisch "Leit"-Funktion. Allerdings erwähnen Sie beispielhaft nur sogenannte "Sekundärtugenden" (Fleiß, Sauberkeit etc.). Was ist mit unserer hervorragenden Verfassungsordnung, die die besten Werte widerspiegelt, die in Europa und Deutschland im Verlauf der Geschichte entwickelt wurden, siehe Artikel 1 bis 20 des Grundgesetzes (Rechtskultur, politische Kultur)?

ingrid Dietz | Fr, 19. Mai 2017 - 01:06

Europäisierung oder Islaminisierung ?
" .... vielmehr ist die islamistische Kopftuch-Uniform der Ausdruck einer antiwestlichen Weltanschauung der zivilisatorischen Abgrenzung ... "

Wie immer: Perfekt formuliert !
Danke und viele Grüße an Hr. Bassam Tibi

Ralf Müller | Fr, 19. Mai 2017 - 10:42

Frau Keppelen,
wer sich auf vermeintliche Stammtische und deren vermeintlich niedriges Niveau bezieht, macht sich verdächtig. Zum einen gibt es in dieser bunten BRD kaum noch Stammtische, zum anderen ist das Niveau dort, wo es sie noch gibt, erstaunlich hoch. Es ist nämlich nicht selbstverständlich, dass sich Menschen, außer mit ihrem handy, überhaupt noch über derlei Themen unterhalten. Linksgrüne hassen den Stammtisch. Gut, dass es ihn gibt.

Juliana Keppelen | Fr, 19. Mai 2017 - 15:20

In reply to by Ralf Müller

und nicht um Stammtischdiskussionen. Leider sind Stammtischdiskussionen aus der Mode da wurde gestritten, Informationen ausgetauscht, politisiert für und gegen irgendwas und es war einfach lebhaft (weiß ich aus eigener Erfahrung). Also da bin ich ganz bei ihnen. Und links/grüne hassen nicht den Stammtisch in Gegenteil der Stammtisch war eigentlich die Keimzelle der Grünen fragen sie mal die Bürger in Wyhl und um Wyhl herum als es damals um ein Kernkraftwerk ging da war weit und breit an Handys noch gar nicht zu denken.

Manfred Steffan | Fr, 19. Mai 2017 - 22:28

... wie viel in dieser Debatte eine unterschiedliche Meinung in der Sache ist und wie viele Differenzen lediglich auf einem unterschiedlichen Verständnis von Begriffen beruht. Es fängt bei den Begriffen Kultur und Zivilisation an: Huntingdons Buch "clash of civilisations" wurde in dem Bemühen, das Vorverständnis des deutschen Lesers zu treffen, mit "Kampf der Kulturen" übersetzt. Ist Kultur der Gegnsatz von Zivilisation oder ein Synonym dafür? Bezieht sich der Begriff Kultur wesentlich auf das, was man auch als Brauchtum bezeichnen könnte, oder ist er umfassender (man spricht ja z.B. auch von Rechtskultur). Ich sehe, dass die Begriffsverwendung unterschiedlich und vielfältig ist. Als Konsequenz rede ich nicht einer einheitlichen Festlegung der Begriffe das Wort, aber einem Bemühen um Verständnis, was bei der konkreten Äußerung jeweils gemeint ist, und dann der Reaktion auf diesen Inhalt. Ansonsten verliert sich die Debatte in babylonischer Sprachverwirrung.

Manfred Steffan | Sa, 20. Mai 2017 - 12:30

Und beides muss (und kann in einer pluralistischen Gesellschaft) nicht deckungsgleich sein. Die christlichen Großkirchen haben diese Aufgabenteilung akzeptiert. (Die Katholische Kirche lehnt Ehescheidung ab, der Staat führt sie durch.) Es gibt auch Muslime, die diese Aufgabenteilung für richtig halten. Sie sind aber einzelne und nicht "der" Islam. Umgekehrt wendet sich die "Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam" gegen diese Aufgabenteilung. Die Kairoer Erklärung ist von nahezu allen unterschrieben, die in der islamischen Welt Rang und Namen haben. Es ist deshalb verfehlt, davon zu sprechen, "der" Islam gehöre zu Deutschland. (Dies als Beispiel, dass die - mehrheitliche - islamische Rechtskultur und die europäische Rechtskultur schlicht nicht vereinbar sind, und deshalb klar gemacht werden muss, was gilt. Es geht dabei nicht um die Frage schlichten aktuellen Gesetzesgehorsams, sondern darum, welche Rechtskultur langfristig angestrebt werden soll.)

Axel Jung | Mi, 24. Mai 2017 - 10:30

... ergibt sich der Inhalt des Begriffs "Leitkultur" aus den Art. 1 bis 19 des Grundgesetzes. Und das war es dann auch schon.
Jeder Versuch, Leitkultur über Lebensgewohnheiten jedweder Art zu definieren, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt - alleine schon deshalb, weil auch die biodeutsche Bevölkerung sehr bunt und vielfältig ist und selbstverständlich niemand bereit ist zu akzeptieren, dass andere ihm sagen, wie er zu leben hat.

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