Krisentremolo - Die Rückkehr der Mahner und Warner

Im Zuge der Krise bestimmen die Mahner und Warner wieder den geistigen Haushalt der Nation – mit Günter Grass an der Spitze

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Autoreninfo

Max A. Höfer ist freier Journalist und lebt in Berlin. Zuvor leitete er das Politikressort von Capital und war anschließend bis 2009 Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

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Günter Grass hat es nicht verlernt. Der Mann kann provozieren, zuletzt mit seinem israelkritischen Gedicht, von dem Lästerer behaupten, dass es gar keines ist, sondern nur so aussieht. Aber auch die Versform ist wohlkalkuliert, denn sie passt zum Furor des Dichters und Denkers, der ausspricht, „was gesagt werden muss“. Kaum ein Leitartikler, der sich dazu nicht zu Wort meldet. Grass weiß, wie man eine Debatte inszeniert. Kein Wunder, dass er die Nummer 1 des Cicero-Rankings ist.

Nur wenige verfügen über eine vergleichbare Wirkungsmacht. Jürgen Habermas (Platz 6) gehört zweifellos dazu. Dennoch tat er sich im Sommer mit dem Ökonomen Peter Bofinger (58) und dem Philosophen Julian Nida-Rümelin (59) zusammen, um seinem Plädoyer für einen europäischen Bundesstaat die größtmögliche Medienaufmerksamkeit zu verleihen.

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Ohne die Deutungsmacht eines Hans-Werner Sinn (14) hätten es die sperrigen „Target-Salden“ nie in den Bundestag und in die Schlagzeilen geschafft. Dabei geht es um offene Soll-Positionen säumiger südeuropäischer Eurostaaten in dreistelliger Milliardenhöhe, die bei der Bundesbank auflaufen. Die Berliner Politik hätte das Thema gern totgeschwiegen. Sinn hievte es nahezu im Alleingang auf die Agenda. Einem einfachen Professor für Volkswirtschaft wäre so ein Coup nie gelungen.

Wer solche Debatten anstoßen kann, ist ein Schwergewicht. Das Cicero-Ranking misst die Zitationen jedes Intellektuellen über einen Zeitraum von zehn Jahren. Das ist lang genug, damit kurzfristige Medienhypes nicht das Gesamtbild verzerren, und kurz genug, um Newcomern eine Chance gegenüber den etablierten Alphatieren zu lassen. Oben kann sich nur halten, wer Substanz und Kontinuität hat. Wie ein Uhrwerk liefern Autoren wie Martin Walser (3) oder Elfriede Jelinek (5) ihre Bücher und Stücke ab und greifen Publizisten wie Alice Schwarzer (4) oder Frank Schirrmacher (10) in aktuelle Debatten ein. Aber auch Forscher wie Manfred Spitzer (103) oder Theologen wie Hans Küng (20) verdanken ihre Position ihrer großen Produktivität.

Die Kehrseite ist die starke Überalterung der intellektuellen Elite. Man kann es nicht anders ausdrücken. Vieles läuft selbstreferenziell ab: Ein Peter Handke (2) kann sogar einen „Versuch über den stillen Ort“ veröffentlichen, und alle Feuilletonisten klatschen begeistert. Das Durchschnittsalter der Top 100 liegt unverändert bei 66 Jahren. Umso bemerkenswerter der Vormarsch der unter 40-Jährigen: Daniel Kehlmann auf Platz 28, Benjamin von Stuckrad-Barre auf 45 und die schrille Charlotte Roche auf 67. Auch der Frauenanteil liegt, wie 2007, wieder nur bei 13 Prozent, woran auch Margot Käßmanns sensationeller Durchbruch auf Platz 26 nichts ändert. Nichts ist gut im geistigen Deutschland, auf dessen Gipfeln immer noch die alten Patriarchen thronen.

Bemerkenswert gegenüber 2007 ist der Aufstieg der Ökonomen und, im Umfang kleiner, der Juristen. Beides hat mit der Euro- und Europakrise zu tun. Überhaupt die Krise: Wenn es einen Trend gibt, dann ist es die Rückkehr der Warner und Mahner, nachdem die Optimisten 2007 kleinere Terraingewinne verzeichnen konnten. Mit Günter Grass als Vorsänger ist das Beschwören des Untergangs die Lieblingsbotschaft unserer Intellektuellen: Bei Grass ist es der drohende Atomkrieg, bei Habermas Europas „Abschied von der Weltgeschichte“. Frank Schirrmacher sorgt sich vor dem digitalen Kontrollverlust über unser Denken, und Hans-Werner Sinn sieht unsere Sparguthaben im Eurostrudel dahinschwinden. Günter Wallraff (25) warnt wie immer vor Dumpinglöhnen, zuletzt bei Lidl, und Rolf Hochhuth meldete sich kürzlich mit der Erkenntnis, dass die Qualität der Berliner Kaffeehäuser furchtbar nachgelassen habe. So ist für jeden etwas dabei. Gemessen am Krisentremolo der Intellektuellen macht die Bevölkerung noch einen recht zuversichtlichen Eindruck. Also möchte ich vor den Warnern warnen: Wenn es so weitergeht, erlebt Deutschland vielleicht eine Selffulfilling Prophecy im Großformat. 

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