Franziskus im Interview - Ein relativ katholischer Papst

Kisslers Konter: Papst Franziskus praktiziert einen redseligen Relativismus. Das jüngste Interview brachte es einmal mehr ans Tageslicht. So schadet er der Kirche und verwirrt die Welt

Papst Franziskus kennt seine Gefährdungen, ohne ihrer Herr zu werden. Bild: picture alliance

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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Vielleicht ist alles ganz anders. Vielleicht ist das Pontifikat von Papst Franziskus tatsächlich jener gespielte Witz, als den es auch Wohlmeinende mittlerweile wahrnehmen. Vielleicht folgte auf #Varoufake und #Verafake ein #Popefake und Jan Böhmermann hat einen argentinischen Stand-up-Comedian in den Vatikan eingeschleust. Oder hat Roberto Benigni seine Finger im Spiel?

Ach nein, vermutlich stehen die Dinge anders, schlichter: Vermutlich ist Jorge Mario Bergoglio ein exakt so machtbewusster, geschwätziger und am Katholischen relativ desinteressierter Relativierer, wie Papst Franziskus mehr und mehr erscheint.

Am Anfang war es witzig. Da betrat ein korpulenter Charmeur die pontifikale Bühne und wünschte „Guten Abend“, gerne auch „Guten Appetit“ und hatte immer ein Scherzlein auf den Lippen. Was haben wir gelacht, als Bergoglio die Ehre seiner Mutter mit Ohrfeigen verteidigen zu wollen erklärte, als er den elterlichen Klaps auf das Kleinkind pries und Katholiken einschärfte, sie müssten sich nicht wie die Karnickel vermehren. Das war ein unkonventioneller Sound nach den fein ziselierten Erwägungen des Vorgängers, des antirelativistischen Theologenpapstes Benedikt XVI.

Franziskus vergleicht den IS mit den Jüngern Jesu
 

Da war nun stattdessen einer zum obersten Brückenbauer erkoren, der halbironisch bekannte, mit „wenigen theologischen Lichtern“ gesegnet zu sein, der volkstümliche Anekdoten aus der argentinischen Heimat aneinanderreihte und immer für einen Jokus zu haben war – und für einen Satz ohne Prädikat und für noch eine rhetorische Frage und für ein weiteres und ein weiteres Ausrufezeichen: „Das spielt keine Rolle! (…) Sich respektieren, sich respektieren!“ Die Witzeleien und die grammatikalischen Halbheiten sind geblieben, doch sie sind schal und verletzend geworden. Das Pontifikat droht der Kirche zu schaden und einer Welt zu gefallen, die allem Kirchlichen skeptisch gesonnen bleibt. Franziskus stößt Katholiken vor den Kopf, ohne unter Nichtkatholiken Gläubige zu finden. Die Austrittszahlen bleiben hoch, die Mengen der Neupriester überschaubar, das außerordentliche Jahr der Barmherzigkeit, das Franziskus ausrief, lockt wenige nach Rom.

Bergoglio gibt gerne Interviews, redet gerne und lacht gerne. Interviews mit dem Papst sind von der Weltsensation zum journalistischen Alltagsgeschäft geworden; auch so relativiert man die Besonderheit des Amtes. Das Interview, das Franziskus jetzt der französischen Wochenzeitung „La Croix“ gab, räumt alle Zweifel aus: Dieser Papst ist sich für keine Albernheit und keinen Affront wider die eigene Kirche zu schade. Er buhlt wissensschütter um Beifall vor jenen Tribünen der Welt, die sich von ihm nichts versprechen.

Vom massenmörderischen Terror des „Islamischen Staates“ und dessen „Eroberungskrieg“ schlägt er eine direkte Brücke zur Sendung der Jünger durch Jesus, welche im Sinne „derselben Idee von Eroberung“ gedeutet werden könne. Die Kirche als potenzielle Terrororganisation – eine Entgleisung oder mehr?

Was mögen sich Christen, die vor fanatisierten Muslimen um ihr Leben rennen, bei dieser kontrafaktischen Zusammenballung denken? Fühlen sie sich von ihrem Oberhirten getröstet, verstanden, aufgerichtet – oder zynisch im Stich gelassen? Wer alles mit allem vergleicht, verliert den Halt, verfehlt die eigene Haltung. Was sagt es über eine Kirche aus, wenn schon deren Chef sich schwertut mit einem Bekenntnis zur Heilsnotwendigkeit Christi?

Unreflektierter Antikapitalismus
 

Auch der von Franziskus in „La Croix“ vollzogene Gleichklang von Kreuz und Kopftuch – ein Kleidungsstück das eine, Marterwerkzeug und Bekenntnissymbol das andere –, und seine relativierende Wende von den christlichen Wurzeln Europas zu den auch christlichen Wurzeln Europas entleeren die päpstliche Rede. Präziser wurde Franziskus in der Wurzelfrage nicht, Vagheit ist das Echtheitszeichen allen Plauderns. Es gehorcht dem Motto „Nichts Genaues weiß man nicht“.

Mindestens naiv, wenn nicht töricht war sodann die päpstliche These, Kriege gäbe es, „weil es Waffenproduzenten gibt“. Als ob nicht mit bloßen Händen und Steinen schon Kriege geführt worden wären, als ob nicht Benzinkanister, Knüppel, Speer beinahe ausgereicht hätten, um den Völkermord der Hutu an den Tutsi ins Werk zu setzen. Etc. pp. Ein unreflektierter Antikapitalismus führt den Papst in die Irre.

Dem Plauderer ist alles eins. Er lebt in der Situation, und jede neue Situation erzwingt neue Aufmerksamkeitstechniken. Was danach kommt, trägt der Wind davon. Franziskus zeigt sich als Protagonist einer „reinen Situationsethik“ (Robert Spaemann). So trat er nun situativ, im Kreis von Ordensfrauen, eine Debatte über die Zulässigkeit von Diakonissen in der römisch-katholischen Kirche los. Er gab abermals den theologisch Unbeleckten und regte, um dem eigenen Unwissen aufzuhelfen, eine Kommission an. Diese solle klären, was es „in der Frühzeit der Kirche“ mit den Diakonissen auf sich hatte. Ein Papst müsste indes wissen, dass diese Frage 2002 von der Internationalen Theologenkommission des Vatikans unter dem Titel „Der Diakonat: Entwicklung und Perspektiven“ breit behandelt worden ist. Will Franziskus seinen Willen zur Neubewertung gegen den damaligen Sachverstand durchsetzen? War alles nur so eben dahin gesagt, weil es schön und nett zuging bei den Frauen? Hat er keine Ahnung?

Er will nicht schwätzen – und tut es doch ständig
 

Bergoglio kennt seine Gefährdungen, ohne ihrer Herr zu werden. Ein Hauch von Tragik umspielt ihn. Keinem anderen Thema hat Franziskus von den ersten Tagen des Pontifikats eine höhere Aufmerksamkeit gewidmet als der Warnung vor Geschwätz und Gerede: „Wie viel Geschwätz gibt es doch in der Kirche! Wie viel schwätzen wir Christen doch! Die Schwätzerei – das ist doch, als ziehe man sich gegenseitig die Haut ab, nicht?“ (18. Mai 2013) „Der Tratsch spaltet die Gemeinschaft, das Geschwätz zerstört die Gemeinschaft. Sie sind die Waffen des Teufels.“ (23. Januar 2014) „Schwätzen und Klatschen ist Terrorismus, weil der, der schwätzt und klatscht, wie ein Terrorist ist, der eine Bombe wirft und dann abhaut, er zerstört: mit der Zunge zerstört er.“ (4. September 2015) „Und das Geschwätz tötet!“ (21. Januar 2016) „Wir wollen um die Gnade der Einheit für alle Christen bitten (…) und um die Gnade, uns auf die Zunge zu beißen“ – sprach Franziskus am 12. Mai 2016 morgens in Santa Marta und machte sich auf zu den Ordensfrauen. Jeder Mensch ist ein Abgrund.

In einem Fall ist Franziskus nicht relativ, sondern absolut: in seiner Priesterschelte. Priester möchte man nicht sein in diesem Pontifikat. Prügel von vorn, Prügel von hinten hält der Bischof von Rom für sie bereit. Klerikalismus ist sein schlimmstes Schimpfwort, auch nun im „La Croix“-Interview. Das Priestertum ist in päpstlicher Wahrnehmung nahe am Sadismus gebaut, da regieren leicht Zeigefinger und Drohgebärde, Herrschsucht und eine potentielle „Folterkammer“ namens Beichtstuhl. Schriller, ungerechter lässt sich die pastorale Wirklichkeit zumindest im Westen, wo eine kuschelige Eiapopeia-Verkündigung dominiert, nicht verzeichnen. Da ist es kein Wunder, dass auf vatikanischem Grund und Boden und auch in der italienischen Bischofskonferenz die Stimmung so schlecht ist wie seit den Zeiten des Risorgimento nicht mehr. Kaum jemand fühlt sich nicht brüskiert, stöhnt nicht auf, wenn dem Regiment der Launen neue Überraschungen entsprießen.

Ein Uno-Generalsekretär mit Brustkreuz
 

Robert Spaemanns Kritik an der „reinen Situationsethik“ bezieht sich auf das jüngst veröffentlichte nachsynodale apostolische Schreiben „Amoris laetitia“. Damit vollziehe Franziskus auf dem Feld von Ehe, Familie und Scheidung einen Bruch mit der Lehrtradition, deren Folgen abzusehen seien: „Verunsicherung und Verwirrung von den Bischofskonferenzen bis zum kleinen Pfarrer im Urwald. (…) Das Chaos wurde mit einem Federstrich zum Prinzip erhoben. Der Papst hätte wissen müssen, dass er mit einem solchen Schritt die Kirche spaltet und in Richtung eines Schismas führt.“ Laut Franziskus – so Spaemanns Lesart – sei die Trennlinie zwischen „objektiv sündhafter“ und „gottgefälliger Verhaltensweise“ nicht mehr absolut. Ein Papst aber, der alles verflüssigt, ist kein Fels.

Als der solchermaßen Gescholtene am 24. April dieses Jahres als Überraschungsgast bei einer „Kundgebung für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz“ anlässlich des „Internationalen Tags der Erde“ im Park der römischen Villa Borghese aufkreuzte, erklärte er spontan und situativ: Ob jemand „dieser Religion“ oder „jener Religion“ angehöre, spiele „keine Rolle! Alle gemeinsam vorangehen, um zusammenzuarbeiten. Sich respektieren, sich respektieren!“

Nicht dass jemand so redet, wie Franziskus redet, ist das Problem – sondern dass ein Papst so redet. Und dass damit ein Papst, dem nichts über den Glauben der Apostel gehen sollte, ununterscheidbar wird in der Riege der weltlichen Herren. Wenn der „Oberste Priester der Weltkirche“ ein in weiß gewandeter Dalai Lama sein will, ein Uno-Generalsekretär mit Brustkreuz, dann werden die essenziellen Aufgaben des Papstes zu Zufälligkeiten, zu Dreingaben, an denen je nach Situation festgehalten werden kann oder nicht: die Herde zu weiden, die Menschen zu Christus zu führen.

Von Franziskus sind in diesem spirituellen Kerngeschäft keine Terraingewinne zu erwarten. Nachhaltigkeit, Demut, Berechenbarkeit und Glaubensbildung sind seine Sache nicht. Der Nachfolger wird eine spirituell ausgezehrte und verunsicherte Kirche übernehmen. Diese Tragik wird das Pontifikat des Mannes vom anderen Ende der Welt überleben.

Dr. Rudolf Brandl | Mo, 5. September 2016 - 12:27

Vielen Dank für den Kommentar, dem nichts hinzuzufügen ist, und auf den mich gestern unser allmählich an dem Herrn Bergoglio verzweifelnder Pfarrer aufmerksam gemacht hat.

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