Epochenwende - Das Ende des liberalen Zeitalters

Kolumne: Grauzone. Obwohl Selbstentfaltung heute groß geschrieben wird, sind Freiheit und Autonomie zu Auslaufmodellen geworden. Das Freiheitsversprechen der Marktwirtschaft hat sich ins Gegenteil verkehrt

Blick in ein Shopping-Center in Moskau
Tempel des Konsums: Shopping-Center in Moskau / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig.

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Alexander Grau

Das liberale Zeitalter scheint sich seinem Ende zuzuneigen: In den USA zieht bald Donald Trump ins Weiße Haus ein, in Großbritannien organisiert Theresa May den Brexit, in Ungarn regiert Viktor Orban, in Russland Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan in der Türkei – und im angeblichen Mutterland der Liberté, der Freiheit, wird es Marine Le Pen aller Wahrscheinlichkeit nach zumindest in die Stichwahl zur Präsidentschaft schaffen. Auch anderswo bestimmen antiliberale Gruppierungen von links und rechts innerpolitische Diskurse.

Nein, es steht offensichtlich nicht gut um den Liberalismus, um die Idee von Freiheit, Autonomie und Selbstverantwortung. Wohin man auch schaut: Allüberall greift die Sehnsucht nach Abschottung um sich, nach Begrenzung und Restriktion. Wir scheinen, vor einem Zeitalter antiliberaler Restauration zu stehen.

Doch dieser Diagnose liegt ein handfester Denkfehler zugrunde. Schließlich kann eine liberale Epoche nur dort zu Ende gehen, wo es sie einmal gegeben hat.

Selbstverwirklichung durch Konsum

Aber Hand auf’s ketzerische Herz: Ist die Massendemokratie westlicher Provenienz tatsächlich ein Hort des Liberalismus? Nein, das ist sie natürlich nicht – es sei denn, man missversteht den Begriff Liberalismus.

Denn der Selbstverwirklichungshedonismus und die Wohlstandsemanzipation, von denen die westlichen Gesellschaften nach dem Krieg erfasst wurden, haben mit Liberalismus wenig bis gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Die Massendemokratie westlichen Zuschnitts und das sie tragende Versprechen grenzenloser Selbstverwirklichung qua eskalierenden Konsums ist kein Triumph des Liberalismus, sondern das unmittelbare Produkt seines Untergangs.

Denn das Kernanliegen des klassischen Liberalismus war die Autonomie des Individuums, also die Abwesenheit von Zwang. Damit verbunden war jedoch die stillschweigende Anerkennung bürgerlicher Verhaltensnormen, deren zivilisierende Wirkung erst im Moment ihre Preisgabe sichtbar wurde.

Die Anbetung des unkonventionellen Lebens und die staatliche Protektion individueller Sinngebung, die kennzeichnend sind für moderne Selbstverwirklichungsgesellschaften, war dem klassischen Liberalismus fremd. Dieser war vielmehr getragen von einem Ethos der Selbstbeschränkung, nicht der Selbstentfaltung.

Politik als Anwalt persönlichen Glücksstrebens

Allerdings krankte dieser bürgerliche Liberalismus an einem existenziellen Widerspruch: Er legte ein Freiheitsverständnis nah, das seine normativen Grundlagen pulverisierte, sobald es im Zuge der Industrialisierung massendemokratisch uminterpretiert wurde.

Das hatte vor allem sozialhistorische Gründe. Denn mit der Anerkennung der Angehörigen der bisherigen „Unterschicht“ als gleichberechtigte Träger universaler Menschenwürde ging ihre Entdeckung als Konsumenten einher. Mit wachsendem Wohlstand generierte der von Karl Marx eindringlich beschriebene Fetischcharakter der Ware eine Erlösungsreligion der Emanzipation durch Konsum. Das Freiheitsversprechen, bisher begrenzt auf das Besitzbürgertum, wurde zur allgemeinen Verheißung der Selbstfindung mittels Teilhabe am Warenerwerb.

Die Folge: Die Schaffung ökonomischer und gesellschaftspolitischer Bedingungen individueller Emanzipation wird zum politischen Ziel. Der entstehende Sozialstaat erhebt sich zum Anwalt persönlichen Glücksstrebens und bezieht daraus seine Legitimität. Die Politik wird moralisiert.

Privates und Öffentliches verschwimmen

Der Preis dafür war die Aufhebung einer liberalen Kardinaltugend: der Trennung von privat und öffentlich, von Wirtschaft und Politik. Das Private wird Anliegen des Staates. Die Wirtschaft als Garant konsumbasierter Sinnerfüllung wird zum Politikum.

Das Ergebnis ist moralischer und wirtschaftlicher Dirigismus: Der Staat begreift sich als Sachwalter moralischer Anliegen und individualemanzipatorischer Bestrebungen und sucht diese legislativ oder sozialökonomisch durchzusetzen. Das ursprünglich liberale Freiheitsanliegen führt sich selbst ad absurdum. Konflikte sind programmiert.

Lagerbildung sich fremder Milieus 

Der klassische Liberalismus starb im 19. Jahrhundert, ohne je politisch realisiert worden zu sein. Was derzeit in eine Krise taumelt, ist die aus ihm hervorgegangene massenhedonistische Gesellschaft mit ihren Ordnungs- und Regulierungsansprüchen – umso mehr, als sie ihre ganze Legitimität aus der brüchig gewordenen Zusage permanenter Wohlstandshäufung bezieht.

Der dem Emanzipationsversprechen westlicher Gesellschaften eingebaute Eskapismus führt zu einer bisher unbekannten sozialen Diversität. Es kommt zu Lagerbildungen sich hochgradig fremder Milieus. Indem der Staat versucht, entstehende Konflikte zu entschärfen, heizt er diese tragischerweise weiter an. Er droht zum Opfer der von ihm ideologisch und ökonomisch geförderten gesellschaftlichen Prozesse zu werden. Keine Frage: Wir stehen am Beginn einer spannenden Epoche.

Wolfgang Tröbner | Sa, 26. November 2016 - 12:32

wenn Sie behaupten, dass das liberale Zeitalter zu Ende gehe. Laut Wikipedia richtet sich der Liberalismus gegen Staatsgläubigkeit, Kollektivismus, Willkür und den Missbrauch von Macht. Wenn man diese Merkmale auf die von Ihnen gewählten Beispiele anwendet, zeigt sich sehr schnell, dass Sie kaum Belege für Ihre These haben. Allenfalls Erdogan und mit einigen Abstrichen Putin. Aber May, Trump und Le Pen? Von Trump und Le Pen können Sie überhaupt nicht wissen, welche Politik diese verfolgen werden. Beide hatten noch keine Gelegenheit, dies praktisch zu demonstrieren. Und May setzt nur das um, was ihre Bevölkerung will. May ist sogar ein sehr gutes Beispiel dafür, dass der Liberalismus quicklebendig ist.

Auch hierzulande wird der Liberalismus dadurch am Leben gehalten, wenn sich viele von uns gegen den Missbrauch der Macht durch die sogen "Eliten" wehren und damit der Staatsgläubigkeit abschwören. Denn es zeigt sich immer mehr, dass ein entfesselter Staat nicht gut für uns ist.

Herr Grau ist hier einem Irrtum aufgesessen und hat geglaubt, was Alle glauben, weil sie es sollen: dass nämlich AfD, Trump, LePen usw. Nichts sind als ultrarechte Nazis. Und dann hat er noch ausufernde Staatsfürsorge mit Liberalismus verwechselt. Wenn man toten bzw. untoten Liberalismus sehen will, schaue man sich doch besser die F.D.P. an!

Markus Michaelis | Sa, 26. November 2016 - 12:49

Zuerst: DAS eine As-Kreuz Argument, das alle anderen Sichweisen sticht gibt es natürlich nicht - es sei nur gesagt, weil in dieser Umbruchzeit in Diskussionen oft noch erwartet wird, dass man das 100% richtige Konsensargument hat (und wer es nicht sieht ist böse oder dumm). Das wissend, kann ich Grau nur zustimmen und es ist auch ein Grund warum ich kein Problem damit habe mein altes Lager als "links-liberal" zu bezeichnen und mich als populistischen Wutbürger, weil Begriffe ohnehin auf den Kopf gestellt oder so unscharf geworden sind, dass man diese oder neue Begriffe ohnehin neu definieren muss - in irgendeinem neuen Konsens, der sich irgendwann mal zeigen wird.

Arndt Reichstätter | Sa, 26. November 2016 - 13:06

Ist es nicht spannend, dass die industrielle Revolution in England begann, die - im Gegensatz zu Deutschland oder Frankreich - keinen einzigen staatlichen Cent für wissenschaftliche Forschung ausgab?

Der spannenste Aspekt am klassischen Liberalismus dürfte übrigens das damalige Geldsystem (Goldstandard) sein. Unter diesem wurden Wirtschaftskrisen meist innerhalb eines Jahres überwunden (im Ggsz. zu 1930) und es fielen im Laufe des 19 Jhd. die Preise um 20% (im Ggsz. zur D-Mark/Euro, der Waren bislang um 80% verteuert hat).

Oft vergessen wir allerdings, dass es der technische Fortschritt ermöglicht, die Menschen hoch zu besteuern, und ihnen trotzdem genug zum Überleben zu lassen. Hätte man im 19. Jhd. 70% Steuern eingezogen, wären die meisten verhungert. Der klassiche Liberalismus ist also in dem Sinne verwirklicht worden, dass er der Kern unseres Wohlstands (und somit auch des angeblichen Sozialstaats) ist.

Michaela Diederichs | Sa, 26. November 2016 - 14:06

Das Ethos der Selbstbeschränkung kommt uns in zunehmendem Maße abhanden. Die christlichen Religionen haben sich bis zur Bedeutungslosigkeit zurückgezogen bzw. sie verschwimmen mit der moralisierenden Politik. Konsumorientierte Spaßgesellschaft vs. Islam, der den Menschen Halt, Kraft, aber auch Beschränkung gebietet - kann das gutgehen? Welche inneren Spagat müssen muslimische Menschen machen, um uns und unser schrankenloses Leben zu tolerieren? Und welchen Spagat verlangt uns die Politik mit ihren teils bizarren Leitplanken ab? Der Wunsch nach Abgrenzung, Halt wird m. E. immer dringlicher in der westlichen Welt, in der alles immer diffuser zu werden scheint. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese beginnende neue Epoche spannend finde. Ihren Artikel jedenfalls finde ich sprachlich und inhaltlich großartig. Danke.

Zitat Kommentar Frau Diederichs: "Konsumorientierte Spaßgesellschaft vs. Islam, der den Menschen Halt, Kraft, aber auch Beschränkung gebietet - kann das gutgehen? Welche inneren Spagat müssen muslimische Menschen machen, um uns und unser schrankenloses Leben zu tolerieren?"

Hier in München halten laut AZ die arabischen Touristen den Shopping-Rekord. Keine andere Nation schafft durchschnittlich 28 Besuche verschiedener Geschäfte am Tag.

Oder: Den höchsten Zulauf weltweit finden Pornoseiten in den arabischen Ländern. Die Deutschen allerdings nicht weit hinterher.

Und: Sollten diverse Muslims tatsächlich Halt und Kraft in ihrer Religion - wie sie heute in den meisten Ländern gelebt wird - finden, muss ich mich fragen, inwieweit sie wirklich begonnen haben, diese zu reflektieren.

Und: Die meisten Muslime, die sich dazu entschlossen haben hierher zu kommen, haben sich damit auch für diese Gesellschaftsform entschieden. Vermutlich weil sie diese für eine der besten halten.

Joachim Walter | Sa, 26. November 2016 - 15:24

... weiß man erst, wenn man sie nicht mehr hat!

Mag sein, daß die Massendemokratie und der durch Konsum-"Glück" angeheizte Selbstverwirklichungshedonismus nicht das Idealziel des Liberalismus und der Aufklärung sind.

Die zurückliegenden 20-30 Jahre waren in den westlichen Ländern jedoch das Zeitalter, in dem sich so viele Menschen wie nie zuvor den Traum von einem selbstbestimmten Leben verwirklichen konnten. Gerade auch Privat, und ohne Einflußnahme des Staates.

Diese Freiheit des Individuums ließ sich in einem ansonsten homogenen Umfeld weitgehend kompatibler Interessen umsetzen.

Was wir jetzt zunehmend erleben ist leider Fremdbestimmung durch inkompatible Interessenslagen (Stichwort "kulturfremde Einwanderer"), die mit der freien Entfaltung der Persönlichkeit leider nichts am Hut haben.

Dort wo Ideologien, Glaube statt Wissen und Religion Hochkonjunktur haben bleiben Individualität, Freiheit und Aufklärung auf der Strecke.

Schwingt in ihrer Beurteilung von "Religion" nicht etwas Unliberales mit?
Glaube und Wissen sind m. E. nicht unbedingt Gegensatzpaare. Sie ergänzen sich, weil mit dem Bereich des Wissens nur ein relativer kleiner Ausschnitt dessen, was wir gerne wissen würden, abzudecken ist. Der große ungeahnte Rest ist Gegenstand von Vermutungen, Theorien und auch Glauben. Auch wenn ich in dieser von Grau trefflich beschriebenen Selbstverwirklichungsepoche fleißig mitkonsumiere, bleibt nach jedem Kauf mit Glückserwartung bald ein schales, leeres Gefühl, das wohl nie mit Gütern behebbar ist. Gott sei Dank finde ich in dem, was "Christlicher Glaube" beinhaltet, weitaus Befriedigenderes, nämlich Selbstbeschränkung, eine Ethik, die auch die Freiheit des anderen achtet, sowie den beglückenden Glaubenssatz, dass Gott an einer persönlichen Beziehung zum einzelnen gelegen ist, trotz möglicher tragischer unmoralischer Verstrickung. Wie kann dieser Gedanke salonfähig in den Diskurs eingebracht werden?

Lieber Herr Herbst,

den Glauben generell abzuqualifizieren war nicht meine Absicht. Ebensowenig, wie dessen individuelle Ausübung im Rahmen der freiheitlich demokratischen Grundordnung und im Privatleben.

Es hat sehr lange gedauert, und Millionen von Toten gekostet, bis Religion in unseren Breiten den totalitären Anspruch aufgegeben hat, das Leben aller Menschen vollumfänglich bestimmen zu wollen, und die freie Entfaltung individueller Persönlichkeit zuzulassen.

Nun aber stehen wir vor der Herausforderung, daß eine bestimmte Religion genau diesen totalitären Anspruch in immer mehr Ländern reinstituiert. Die Kairoer Erklärung stellt z.B. die Menschenrechte generell unter den Vorbehalt der Scharia. Und wo diese als Staatsreligion herrscht - wie z.B. auf den Malediven - werden Kirchen verboten, und Nicht-Muslimen wird die Staatsbürgerschaft aberkannt (2008).

Dies ganz konkret bedeutet für die Menschen das Ende der Liberalität und der Freiheit.

MfG
J. Walter

Patrick Feldmann | Sa, 26. November 2016 - 15:31

Wer bezeichnet sich heute nicht alles als "liberal" zumeist sogar "linksliberal" (was für mich schon ein Oxymoron ist, denn jemand, der den Staat so übermächtig zu machen strebt wie Linke das gemeinhin tun, - WIE soll der Liberal sein?). Und vermutlich sieht sich selbst eine Schwesig oder ein Maas als liberal an...

Ihr Ansatz ist gut Herr Grau: einen echten Liberalismus hat es bis heute nicht gegeben, was darunter politisch auftrat, war Etikettenschwindel.

Der Konsumismus ist eigentlich eine Herabminderung des schöpferischen Individuums, ebenso wie der Ökonomismus, der meint, poesis in Zahlen abschöpfen zu können.

Der von Ihnen monierte Hedonismus lässt den Menschen in der Sinnleere zurück nachdem er ihn vollständig in der Scheinwelt aufgebraucht hat.
Dies ist mit Houellebecq auch die Diagnose der Moderne, dies macht sie so asthenisch und anfällig für ekstatische Verschmelzung und Heil als Gruppenleistung. Zur Liberalität gehört die Frage nach den Bedingungen von Freiheit

Martina Paul | Sa, 26. November 2016 - 15:39

Der Mensch war in keiner Monarchie/Diktatur what ever so abhängig wie heute. Und er hat sich freiwillig dazu gemacht, das ist die traurige Ironie. Er tanzt auf dem sprichwörtlichen Vulkan. Ich denke, wir überschätzen unsere eigene Menschheit, die bis heute aus ihrer eigenen Geschichte nicht willens ist zu lernen. Vielleicht haben wir den Höhepunkt unserer Zivilisierung erreicht, und es geht wieder abwärts ...

Dimitri Gales | Sa, 26. November 2016 - 16:09

Es gibt Gegenbewegungen zu den Tendenzen, die im Artikel beschrieben werden: das in den USA praktizierte "downsizing" oder Minimalimus: mit dem notwendigsten, funtkionalen Mitteln auskommen. Aber die Mehrheit will ungehindert konsummieren, Gewinnsucht und Geldfetitischismus spielen dabei bekanntlich eine Hautprolle. Eine ganze Industrie lebt gut davon, von der Werbung bis zu Produktion und Verkauf. Und auch das Politmilieu zieht daraus seinen Nutzen. Daher sind Mahnungen wohl nutzlos, denn das Geld siegt immer. Man kann nur hoffen, dass irgendwann die Menschen einsehen, dass hedonistisch-frenetischer Massenkonsum nicht zur Bereicherung der Persönlichkeit beiträgt.

Armin Dick | Sa, 26. November 2016 - 17:23

Es beschleicht mich das Gefühl, daß der arbeitende und Steuern zahlende Teil der Gesellschaft zunehmend gegenüber der politischen Klasse ins Hintertreffen gerät- zu lange hat keiner ausreichend dagegen protestiert. Das Gleichgewicht ist deutlich aus den Fugen geraten. Wir 'erkaufen' uns einen immer kleiner werdenden persönlichen Freiraum durch ausufernde Abgaben und Gebühren, Abgaben in Form unverschämt hoher, sehr oft getarnter und versteckter Steuern und Abgaben. Ich bin für eine glatte Halbierung der Steuerlast, und für eine Halbierung der Zahl der alimentierten Beamten, der vom Staat alimentierten sogenannten Experten in den Unis. Verschlanken ist die Devise. Befreien wir uns vom unnötigen Ballast! Niemand kann mir noch erzählen es würde dann nicht mehr funktionieren. Nein, es ist eine einfache Frage des Wollens. Mit deutlich weniger auskommen, und nicht die Bürgerkuh bis zur Abmagerung zu melken, das ist es was unsere Politiker wieder lernen müssen!

Egbert Krumbiegel | Sa, 26. November 2016 - 18:48

... ist die Vorstellung vom Paradies u. die Realität eines "Nachtwächterstaat" in einem:

England vorindustrielle Epoche: Bauern wurden zwangsenteignet u. in die Städte getrieben, wo man sie als AK brauchte. Dort mussten sie um zu überleben, ihre AK billigst verkaufen u. hatten ausser dieser nix mehr. Das zur Miete wohnende Industrieproletariat war geboren.

Heute: H4 Gesetze: Fordern - Fördern. Entweder Zwangsjobs o. Sanktionen bis zum Hungertod. Fördern - keinen rechtl. Anspruch - willkürlich. Zwang der bürokratischer Staatsmacht in die Niedriglohnkaste u. nix Selbstverwirkl-hedonismus.

Die "Lagerbildung" gibt es doch schon so lange, wie es Arbeitnehmer u. Arbeitgeber gibt. Im Moment wird das ausgegrenzte Lager halt größer. Jede gesell. Trafo nahm ihren Anfang unten. Abwarten.

Aber die Gegenbewegung scheint die Sehnsucht nach der "starken" Identifikationsfigur zu sein. Zuerst Projektion, dann Enttäuschung dann Regime-change. Abwarten.

Wird spannend...

peter hauser | Sa, 26. November 2016 - 19:31

Liberial, gleichgesetzt mit Frei, setzt Freiraum vorraus...geistig und physisch. Beides geht dem Menschen mehr und mehr verloren. Die Erde ist rund geworden und der Kosmos um uns scheint zwar unbegrenzt, aber doch leer, banalen, fiktive mit mental überfrachteten Gedanken, gleich eines Sinnes beraubt, obwohl doch noch soviel Platz bliebe.
Freiheit als Konsum hatte schon Marx entlarft und Religion die redliche Anthropologie, die nur Kinder noch nicht erreicht hat.
Zurückgeworfen auf die "nackte" Existenz, bleibt noch ein wenig der < elitäre > Versuch sich nach Innen zu wenden;....... doch auch hier im neuronalem Geflecht der Hirnforschung wird sinngebende Hoffnung zunehmend technich, dem logischen Aneignungswillen unterworfen.

Es sieht etwas "düster" aus, wir sollten wieder "Laternelaufen", dem Myserium des Augenblicks hingegeben.

Hans von Massow | Sa, 26. November 2016 - 19:43

Mir stellt sich die Frage, wie Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die sich zumindest öffentlich dieser Erkenntnis viele Jahre systematisch widersetzt haben und in zutiefst intoleranter Weise andere politische Denkansätze als die ihren als undemokratisch diffamiert haben, ohne kompletten Glaubwürdigkeitsverlust in diese neue Epoche "führen" wollen. Es wird in der Tat eine spannende solche. Auch und gerade mit Blick auf die Überraschungen, die wir seitens vieler sich neuerlich offenbarender vermeintlicher Wendehälse zu erwarten haben.

Die Programme der demokratischen Parteien sind meines Erachtens prinzipiell akzeptabel, ohnehin ähnlich und daher grundsätzlich mehrheitsfähig. Wahlentscheidend sind folglich mehr denn je die Personen, die dahinter stehen. Deren Glaubwürdigkeit erlangt dadurch für ihre Parteien ein besonderes Gewicht. Man kann mehreren Parteien nur noch eine Episode in der Opposition wünschen. Und keine Kanzlerin mehr als zwei Legislaturperioden.

Bernhard K. Kopp | Sa, 26. November 2016 - 19:44

Die Geschichte und die Staatserfahrung in Ungarn oder Polen, oder gar in Russland, qualifizieren diese Staaten nicht als Beispiele für irgendeinen Untergang, eher Kinderkrankheiten der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung bei ersteren, Verharren im Autoritarismus bei letzterem. In Westeuropa war und ist der 'Liberalismus', wie richtig beschrieben, nie zur Entfaltung gekommen. Es wurden immer nur einige Elemente akzeptiert, daneben begab man sich mit fliegenden Fahnen auf den 'Weg in die Knechtschaft' (Hayek). In den USA hat man 'liberal' gleich in links/sozialistisch umgemünzt. Die geistigen Erben von Hayek sind libertär. Wie immer in vielschichtigen Gesellschaften gibt es Teile, die sich besinnen, auch wenn sehr viele nicht zu erreichen sind - hedonistischer Konsumrausch. Aber, die Besinnung auf Freiheit und Verantwortung, ohne die keine liberale Ordnung funktionieren kann, ist nicht hoffnungslos.

Daniel Krümel | Sa, 26. November 2016 - 21:22

Nicht OBWOHL Slbstentfaltung heute groß geschrieben wird sind Freiheit und Autonomie zu Auslaufmodellen geworden - sondern WEIL sie lange Zeit groß geschrieben wurden. Die Folgen kennen wir alle, die Symptome der Individualisierung. Sie mahnen uns täglich, andere Wege zu gehen. Schon Ulrich Beck (Risikogesellschaft) prophezeite einen "backdraft"´. Ich persönlich war nie so allein wie als "freier Mensch" im sinnentleerten Kosmos der alltäglichen Selbstschöpfung. Die propagandistischen Versprechen der Vordenker des kulurliberalen Zeitalters haben sich als trügerisch entpuppt. All diese Freiheiten haben ihren Preis. Nicht nur die allgegenwärtigen Nebeneffekte und Auswüchse betreffend - auch das propagierte - verantwortungslose - "trial and error" - jeder wie er will - fordert immer wieder seine Opfer. Was für mich bleibt ist der Wunsch, dass meine Kinder es einmal besser haben sollen. Einfacher. Unsere moderne Sinnleere möchte ich ihnen vor Allem ersparen.

Christa Wallau | So, 27. November 2016 - 10:58

In der Tat, lieber Herr Grau, wir stehen am Beginn einer spannenden Epoche.
Wir leben jetzt in einer Zeit, die ihre Begriffe anders bzw. neu definieren muß; denn die alten Konnotationen taugen nichts mehr.
Die gesellschaftlichen Umstände sind passé, in denen die heute noch üblichen politischen Schlagworte geprägt wurden.

Wir müssen tiefer hinabsteigen in die Realititäten der Gattung Mensch. Nur eine allumfassende
Anthropologie - Vorurteilslos! - kann uns vernünftige Wege aus den Wirrnissen u n s e r e r Zeit weisen.
"Die Lagerbildung fremder Milieus" (Eine zutreffende Beschreibung!), welche a l l e rigoros ihre Rechte beanspruchen, stellt Individuen wie Staaten vor ganz neue Herausforderungen.
Weit und breit sehe ich bisher nur wenige Wissenschaftler, Philosophen, Theologen usw., die
gezielt in diese Richtung forschen u. denken.
Von Lösungsvorschlägen ganz zu schweigen.
Lieber verpulvert man geistige und materielle Energie für ein sinnloses Alibi-Projekt namens "Klima-Rettung"...

Michaela Diederichs | So, 27. November 2016 - 12:51

Ihr Artikel wirkt nach. Befürworter und Gegner von Multikulti, stehen sich recht unversöhnlich gegenüber. Gruppen, die sich beim Essen, Trinken, Feiern grundsätzlich stark unterscheiden, der einfachsten Form des Zusammenlebens, bekommt man nur schwer an einen Tisch. Man versucht es vielleicht miteinander, bleibt dann aber weitgehend oder gänzlich in seinem Milieu. Der Versuch, hier staatlich einzugreifen, kann nicht gelingen. Von "oben" lässt sich Gemeinschaft nicht verordnen, das wird keiner Gruppierung gerecht und führt zu Spannungen. Alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, die Verfassung, zu reduzieren, ist m. E. zu kurz gedacht. Spannung im Sinne von Unruhe, Neugier hatten wir vielleicht schon zu lange. Daraus erwächst Sehnsucht nach Entspannung. Wer den Bogen überspannt, sprengt ihn. Wer von besseren Menschen bei bestimmten Gruppen spricht, würdigt die anderen herab, kränkt nachhaltig, wertet ab und vergisst: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Nicolas Wolf | So, 27. November 2016 - 15:58

Denkbar schlechte Beispiele um anderen einen Denkfehler zu unterstellen. Putin ist in der russischen Geschichte sicherlich (einer) der Herrscher unter dem die Bevölkerung die meisten Freiheiten hat. Hollandes Freiheit ist ersteinmal die, seine Hand in anderer Leute Brieftaschen zu haben. Was soll Le Pen da noch schlimmer machen?

Das die bösen Prolls den Liberalismus im Zuge der Industrialisierung massendemokratisch den Todesstoß versetzt haben, auf so was muss man ersteinmal kommen, ist natürlich ein starkes Stück! Massendemokratie eben!

Dr. Grau ich kann Sie beruhigen, in den USA ist es die Teapartybewegung, die die von Ihnen beschriebene Ideale des Liberalismus hochhält. Und auch in Europa denke ich, kann sich das Blatt wenden. Die Probleme die unsere Staaten schaffen, können ihnen nicht immer als Rechtfertigungsgrund für mehr Staat dienen. Rechte und linke Sozialisten scheitern wieder und wieder. Vielleicht kommt ja doch die Einsicht, das weniger Staat eine gute Sache wäre!

Thomas Robert Rausch | So, 27. November 2016 - 16:38

Konsum und Verdienst ist ein Belohnungssystem, das eine ökonomischen penetrierende Lebensphilosophie funktionieren lässt. Der Mensch zum Nutzen der Wirtschaft, nicht vice versa! Die Frage stellt sich , wie infolge ständiger Entwertung des Faktors "Arbeit" dieses System aufrecht erhalten kann?
Massenhedonismus und Ordnung widersprechen sich im Kontext dieses Systems.Der Staat agiert als Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft in der Aufrechterhaltung des Belohnungssystems. Ein Harz IV Empfänger bekommt sicherlich keine hedonistischen Anfälle, wenn ihm das Lohnabstandsgebot zur Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Belohnungsssystems gerade mal das Überleben sichert. Und der Arbeitnehmer spürt schon lange nichts mehr von Wohlstandsanhäufung. Auch die Moral geht ihm gewissermaßen am Allerwertesten vorbei wenn die Zukunftsangst ihn frißt. Diese künstlich aufgebaute Welt des versagenden Konsums als Peitsche zur Disziplinierung der Massen findet nun sein Ende. Der Kapitalismus frißt sich selbst.

Joachim Kortner | So, 27. November 2016 - 16:39

Den hedonistische Versuch einer Sinnerfüllung des Lebens durch Massenkonsum hat es bereits seit Jahrzehnten gegeben. Das kann nicht der Auslöser eines akut auftretenden antiliberalen Trends gewesen sein. Der millionenfache Ansturm durch muslimische Migranten nach Europa, die damit verbundenen Phänomene von Parallel- und Gegengesellschaften, die berechtigte Furcht vor mörderischen Terrorakten, ethnischer Verdrängung durch Unterwanderung und Verlust der nationalen Identitäten haben weite Teile der westlichen Gesellschaft verunsichert und wachgerüttelt. In Ungarn, Polen und anderen europäischen Ländern sind die blutigen historischen Erfahrungen mit dem Islam noch lebhaft im nationalen Gedächtnis verankert. Das bewirkte den Reflex des sich Abkapselns.

Egbert Krumbiegel | So, 27. November 2016 - 18:06

Der Neoliberalismus hat weder die Selbstverwirklichung noch die Freiheit des Individuums als Ziel. Er zielt letztlich auf Ausbeutung ab. Globalisierung, Industrie 4.0... - dient alles der Profitmaximierung.

Ich finde wir haben eine Postdemokratie, in der eine Anzahl von Menschen politisch ausgegrenzt sind. Und dieses Lager wird größer. Die Sachverständigen (Wirtschaftsweisen) rechtfertigen übrigens den Niedriglohnsektor.

Die herrschende Klasse drückt den Beherrschten die Bedingungen ihrer Existenz auf und gibt ihr den Anschein einer Einflussnahme, indem es wählen darf. Nur wenn sich nix im Sinne der Ausgegrenzten ändert, dann ist die Wahl auch egal.

Ralph Barthel | So, 27. November 2016 - 23:44

Lieber Herr Grau,
Ihrer Analyse kann ich in weiten Teilen zustimmen. Nur am Ende werden Sie zum "Träumer".

Meiner Meinung nach steuern wir auf eine unruhige und kritische Epoche zu. Dieser unbändige Konsum-Kapitalismus den nun die meisten Menschen nacheifern ist nicht spannend sondern deskruktiv.
Meine Meinung: alles was mit ...mus endet ist murks. (Kapitalismus, Sozialismus etc.) So auch der Liberalismus. Das Individium kann sich nicht in einer Gesellschaft nutzbringend einbringen, wenn eine Gesellschaft dem Individium immer dieses ...mus vorgibt.
Weltweit sind Lösungen (im Kleinformat) gefunden oder werden ausprobiert, die den Spagat zwischen Gesellschaft und Individium sozialverträglich zu lösen versuchen. Mut zum Experiment ist gefragt kein abgehalftertes ...mus. Nur so wurde der Mensch zu dem was er heute ist. Alles andere ging unter oder wird untergehen. Ideen für die Zukunft und nicht für die nächsten vier Jahre sind gefragt. Nur reden auch philosophisch ist zu wenig.

Norbert Wings | Mo, 28. November 2016 - 07:14

Was die Bürger in der westlichen Gesellschaft über alle Milieus und soziale Schichten hinweg einte war das Aufstiegsversprechen.
Dies ist verloren gegangen. Angesichts diverser (kolportierter ?)düsterer Zukunftsperspektiven
geht es den meisten Menschen heute nur noch um Besitzstandswahrung. Dies alles hat mit Demokratie und freiheitliche Grundprinzipien nichts zu tun.

Andreas Müller | Mo, 28. November 2016 - 08:05

Ich schätze diese Analyse sehr.
Ja, der Liberalismus der vergangenen Jahrzehnte war zu einem erheblichen Teil ein falscher Anschein. Das ist heute noch klar, wenn ein linksautoritärer Politiker wie Ralf Stegner "Liberalismus" für sich in Anspruch nimmt. Aber es war auch schon klar, als die Westerwelle-FDP ihren Spaß-Liberalismus betrieben hat, um Partikularinteressen und vor allem eine völlig außer Rand und Band geratene Finanzwirtschaft zu protegieren. Keinen Tag habe ich jemals daran gedacht, für solchen Unsinn zu stimmen.
Wir befinden uns aber jetzt in einer Umbruchphase. Der Spaß-Liberalismus ist schon untergegangen. Jetzt treffen links- und rechtsautoritäre Konzepte mit ungebremster Wut aufeinander. Nie war der Liberalismus so nötig wie heute. Liberale Ideen unterstützt man vor allem dann, wenn sie am Boden zu liegen scheinen. Nie sind sie so wertvoll wie heute.
Kontrarier aller Länder, vereinigt Euch!

Frank Linnhoff | Mo, 28. November 2016 - 09:51

Der klassische Liberalismus entstand in einer Zeit der vollkommenen Rechtlosigkeit vieler Menschen. Dies waren Sklaven, landlose Tagelöhner, Fabrikarbeiter u.a. Der Liberalismus war die Ideologie des Kapitalismus. Beim Lesen nicht weniger Zeitungsartikel scheint mir im Hinterkopf der selbsternannten Eliten unserer westlichen Gesellschaften der Gedanke zu reifen, dasses angebracht sei, den "Losern" das Wahlrecht zu entziehen, da sie nichts anderes zu tun haben, als Populisten zur Macht zu verhelfen. Bin durchaus gespannt, wann dieser Gedanke das erste Mal von berufener Stelle formuliert und niedergeschrieben wird. Was immer auch geschehen wird, es wird nichts so bleiben, wie es ist.

Robert Flag | Mo, 28. November 2016 - 09:58

Die "Sehnsucht nach Abschottung" ist vielmehr eine pure Notwendigkeit.
Nehmen Sie Schengen: Ein schöner Traum, aber an der Realität gescheitert.
Nehmen Sie die Religionsfreiheit: Unter diesem Deckmantel breitet sich eine gleichberechtigungs- und demokratiefeindliche Ideologie aus.
Eine zeitgemäße Anpassung ist durch den Verlauf der Geschehnisse einfach erforderlich geworden.
Das sollte man ganz pragmatisch und ohne Untergangspropheterie sehen.
"Massendemokratisch" ist übrigens mein persönliches Unwort des Jahres.

Hans Dunst | Mo, 28. November 2016 - 10:30

Wenngleich ich den Thesen in Teilen zustimme, scheint der Artikel doch von einer gewissen Arroganz der Medienelite getragen zu sein. Motto: Die Masse der Menschen ist einfach nicht reif für Liberalität, mithin auch nicht für Demokratie. Der logisch folgende Schritt ist daher die Diktatur der Eliten über das tumbe Konsumprekariat via Medienkontrolle. Ein solcher Ansatz wird zutreffend als Kulturkampf von oben beschrieben. Dazu gehörten in der jüngeren Vergangenheit vor allem die Versuche von Links-Grün, direkt in die Lebensgewohnheiten und -wirklichkeiten breiter Teile der Bevölkerung hineinzuregieren. Von Glühbirnen über Veggi-Day bis Multi-Kulti war da jedes Thema recht, dem Menschen (ich vermeide das Wort Bürger, denn das ist er ja lt. Autor nicht wirklich) andere als seine selbst gewünschten Verhaltensweisen zu oktroyieren. Da sich aber Mehrheitsverhältnisse nicht wegregulieren lassen, bleibt abzuwarten, wessen Bedürfnisse letztendlich obsiegen.

Olaf Köhler | Mo, 28. November 2016 - 14:28

Zu oft wird doch Liberal gleichgesetzt mit der Möglichkeit des unbegrenzten Konsums. Wer sich viel leisten kann, ist also frei? Und wer sich nicht viel leisten kann, ist es nicht, strebt aber ständig danach, auch mehr bekommen zu können? Das scheint doch das "Urinteresse" des Menschen zu sein: Haben-wollen, ob das sinnvoll ist oder nicht, da sich der Grad der Anerkennung ja wohl auch an der Menge der angehäuften "Güter" bemisst.

Edelbert Klotzki | Mo, 28. November 2016 - 14:52

Das herbeizitierte "Ende des Liberalismus" ist ja keineswegs zwangsläufig. Trump, Putin, Erdogan, der Brexit usw. sind frei gewählt worden. Ob man die Herrschaften dann irgendwann nochmal wieder wird frei abwählen können, steht vielleicht auf einem anderen Blatt.
Leider wird Freiheit aber auch zunehmend zu einem Gut, dass sich immer weniger Menschen leisten können. Doch bekommt man nicht mehr Freiheit, indem man die anderer beschneidet. Das werden auch noch die Wähler von Trump, AfD und Konsorten merken.

Bernhard Jasper | Mo, 28. November 2016 - 16:20

Im Jahr 1932 soll die Schichtung des deutschen Volkes 50% Proletariat, Handwerker und Kleinkaufleute etwa 12 Prozent, der „neue Mittelstand“ der Beamten und Angestellten 18 Prozent betragen haben.

Was heute so aufgeklärt- zeitgenössisch daherkommt, sind „Vorbilder“ die in den Medien und der Vergnügungsöffentlichkeit präsentiert werden durch story-telling. Konsum-Produkte werden zum Symbol der Unterscheidung, in einer Gesellschaft wo alles zunächst als gleichgewichtig erscheint. Zur Identifikation dienen ebenso mediale „Stars“ als Stellvertreter. Und so haben diese einzelnen Schichten und Milieus ihre Sozialisationsgeschichte, aus der sie sich nur sehr schwer befreien können.

Heiner hannappel | Mo, 28. November 2016 - 19:36

Wenn wir uns unsere Verfassungen in Europa und der westlichen "Wertegemeinschaft anschauen, die allesamt auf unserer christlichen Orientierung fußen, müssen wir feststellen, das wir uns alle von der neoliberalistischen Verführung des immer mehr einlullen haben lassen. So sind unsere Regierungen ein Spiegelbild unseres Selbst.Deshalb hat sich der Neoliberalismuss mit seinem Denkschema schon zu weit in unseren Köpfen eingenistet:
Eure Persönlichkeit, vergesst sie.
Eure Sorgen, vergesst sie.
Eure Zukunft, vergesst sie
Wir haben euch verführt,
nun seit still und konsumiert.
Beklagen wir uns also nicht, denn wir selbst müssen uns ändern, sonst verändert uns die Zeit.
Wenn wir begreifen, das Zufriedenheit eine hohe Form von Glück bedeutet, verliert das Streben nach immer mehr seinen Glanz. Doch gerade auf diesem Streben nach immer mehr beruht unser Wirtschaftssystem, welches eine einsetzende Bescheidenheit fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Werden wir also etwas bescheidener!

Joachim Fehr | Di, 29. November 2016 - 13:20

Es mag sein, dass viele das Wort "Liberalismus" buchstabieren können. Der Prozentsatz der praktizierenden Liberalen dürfte deutlich kleiner sein. Es ist ja auch nicht ganz einfach eigene Freiheiten zu artikulieren, ohne die Freiheit anderer einzuschränken. Anders ausgedrückt: Auch die eigene Freiheit bedarf der Bändigung und der Kanalisierung, damit die (eigene) Freiheit nicht die (fremde) Freiheit vernichtet. Zur Zeit wird die Freiheit massiv durch den Staat und die teilweise extrem verantwortungslos agierenden Wirtschaftsgiganten bedroht. Diese Tatsache wird zu einer neuen Chance für den politischen Liberalismus. Wir brauchen eine Art "Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung" zum Aufbau von qualitativen Freiheiten für alle Bürgerinnen und Bürger. Für den einzelnen bedeutet diese sehr konkret und persönlich: "Ich bin frei, was ich tue, aber ich hafte für das was ich anrichte.", so Kaspar Villiger, Exbundespräsident der Schweiz. Joachim Fehr

Josef Garnweitner | Di, 29. November 2016 - 15:29

In reply to by Joachim Fehr

jedem den Artikel "Supermacht Food - Wie Lebensmittelkonzerne Länder erobern und Regierungen erpressen" in welt der wunder 11/15. Es ist erschreckend, wie weit es mit der Freiheit schon gekommen ist. Militärdienstleister beschäftigen geschätzt 5 Mio Söldner. Ein Teil davon erledigt die schmutzigen Jobs für die Weltmacht Food. Um weiter zu wachsen eignen sich die Konzerne immer mehr Nutzflächen und größere Territorien an - notfalls mit Gewalt. Sie vertreiben die angestammte Bevölkerung ganz einfach. Es hat sich nichts geändert seit der Frühzeit der Industrialisierung.

Und Konzerne anderer Branchen handeln oft nicht weniger zimperlich.

Gottfried Meier | Di, 29. November 2016 - 14:03

Mit Liberalismus konnte ich noch nie groß was anfangen. Irgendwie bringe ich das immer in Verbindung mit Anarchie und Ellenbogen.

Dr. Waltraud Berle | Di, 29. November 2016 - 15:17

Eben sehe ich eine neue Internet-Plattform, da kann "jeder, der will" ein Buch schreiben. Und wissen Sie, wie? Einfach!! Es reicht, eine einzige Seite zu schreiben und dann wird ein ganzes - wahrscheinlich heißt es dann "buntes" Buch draus zusammengeklebt. Individuelle Leistung? Individueller Glanz? Sorgfalt? Anstrengung?
Gründlichkeit? Wissenschaftlichkeit? Handwerk?
Aber, ich bitt Sie, das ist doch nicht mehr zeitgemäß!!! Das geht doch leichter!!! Man klaut es irgendwo und zeigt dann später seine eine Seite vor! Ach, ich weiß noch, wie ich die Promotion fertighatte und erstmals den Dr.-Titel führen durfte - unzähliche Menschen erzählten mir, sie hätten auch so gerne gerne promoviert, sogar angefangen! Denen habe ich gesagt (nach ungefähr einem halben Jahr erkühnte ich mich): Ich habe es aber fertiggemacht, das Projekt! Da waren sie dann beleidigt ... Die Autonomie des Individuums, Freiheit von Zwang gegen bürgerliche Umgangsformen ... na, ich meine schon, teilweise hatten wir das.

Dr. Waltraud Berle | Di, 29. November 2016 - 15:23

Man muss der Schwarmdummheit, "Weisheit von Vielen" ein Revival des bürgerlichen, elitären Individuums entgegensetzen.
Ich habe keine Lust, die ganze bürgerlich-liberale selbstbewusste Kultur im Massengrau absaufen zu lassen. Heute im Englischkurs wurde debattiert über die allgegenwärtigen Kameras und Chips. Das Potenzial der Überwachung, zur ÜberwachungsDiktatur zu werden, sah niemand. Als ich argumentierte, wir dürften nicht hinter Kant zurückfallen, die Aufklärung als Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit... da wussten die schon nicht mehr, wer Kant war. Und: "wieso selbstverschuldet???"

Ruth Falk | Mi, 30. November 2016 - 00:17

ist m.M. nach eine philosophische nicht zu realisierende Utopie, genau wie die diversen anderen -ismen und Religionen, zu denen ich auch Kommunismus zähle. Und da eine Utopie nie erreichbar ist, versucht der Mensch das Fehlende durch Konsum zu ersetzen, nach dem Motto: träumen wird man doch noch dürfen.
Scheint mir irgendwie zyklisch zu sein: erst lansamer gemeinsamer Aufstieg durch Arbeit, dann Dekadenz und Verrohung durch Neid und Gier, und dann ein meist schreckliches Ende in einem Krieg mit immer grauenvoll-fortschrittlicheren Waffen, weil alles Mass verloren gegangen ist.
Die Lemminge scheinen klüger zu sein als die ganze Menschheit. (Ich weiss, dass die Selbstvernichtung der Lemminge eine Sage ist, dient aber gut als Beispiel)

Bernhard Jasper | Do, 1. Dezember 2016 - 11:08

Wenn es um Befreiung und Freiheit geht, hat sich die soziale Frage mit Hilfe der Technik oder den Naturwissenschaften erheblich verändert.

Beispiel
Tomorrowland 2015 | Solumun
https://youtu.be/gvgSJ1-eTcc

P.S.: Ich kann diese junge Generation sehr gut verstehen

Yvonne Walden | Fr, 9. Dezember 2016 - 12:50

Wenn das "liberale Zeitalter" lediglich darin bestand, die Freiheit der Produzenten und den freien Kapitalverkehr sicherzustellen, dann sollten wir dieses liberale Zeitalter mit Kusshand verabschieden.
Vermutlich hat die jüngere und junge Generation ein deutlich besseres Gespür für wirtschaftliche und sozialpolitische Entwicklungen und Folgewirkungen als die ältere Generation, die durch die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung geradezu überrannt worden war.
Die permanenten Krisen der Überproduktion haben das kapitalistische Modell inzwischen fast vollständig desavouiert, so daß eine Zeitenwende unabwendbar sein dürfte.
Hoffen wir also auf bessere Zeiten, damit sich weltweit ein zumindest bescheidender Wohlstand ausbreiten kann und unsere Umwelt durch eine gestoppte Überproduktion wieder repaariert werden kann - soweit noch möglich.

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