World Press Photo 2012 - Die globalisierte Pietà

Mitten aus dem arabischen Frühling erreicht das Pressefoto des Jahres 2012 die Welt. Ausgehend von einer christlichen Tradition ist es der Ausdruck globalen Mitgefühls – und entscheidet damit einen uralten Streit

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(Samuel Aranda, Spain, for The New York Times) Sieger des World Press Photo Awards 2012: Samuel Arandas Foto

Eine junge Frau mit Kopftuch und in weite Kleider gehüllt, hält in ihren Armen einen leblos und kraftlos wirkenden jungen Mann mit nacktem Oberkörper. Ob er nur schläft, ohne Bewusstsein ist oder tot, lässt sich beim bloßen Anblick nicht erkennen – weder bei Michelangelos Pietà noch bei dem von Samuel Aranda fotografierten World Press Photo 2012.

Letzterem verlieh am vergangenen Freitag die Jury des World Press Photos in Amsterdam den Preis für 2012. Das Foto stehe für alles, was im arabischen Frühling passiere und zeige mit dieser intimen Aufnahme, wie die Menschen im arabischen Raum direkt davon betroffen sind. Vor dem Hintergrund der Nachrichten von Gewalt und Tod im Zuge der Revolutionen aus diesen Gegenden hat das Foto vor allem das Potential, Mitleid zu erregen. Aufgenommen am 15. Oktober 2011 in einer Moschee im jemenitischen Sanaa greift das Bild zu diesem Zweck auf eine alte Bildrezeptur zurück. Und die wirkt deshalb vor allem im westlichen Kulturraum.

Über Jahrhunderte hinweg hielt sich die christliche Bildtradition der Pietà. Sie zeigt Maria, die um den toten Christus in ihren Armen trauert in einer Dreieckskomposition:  Die Spitze bildet dabei stets Marias Kopf, zu ihren Füßen der Körper Christi. Michelangelos berühmte Pietà, die im Petersdom in Rom steht, ist ohne Zweifel der Höhepunkt dieser Darstellungskultur.

Weil das Motiv der Pietà in der christlichen Kultur immer wieder auf diese Weise wiedergegeben wurde, ließ es hierzulande lange Zeit keine anderen Interpretationen zu. Das beste Beispiel dafür ist ein Streit aus den 90er Jahren. Nach der Wende sollte im Osten Berlins die noch aus Preußentagen stammende Neue Wache zu einer zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik ausgebaut werden. Die Inschrift widmete das Gedenken den „Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“.  Bundeskanzler Helmut Kohl setzte sich dafür ein, dass zu diesem Zweck eine Kleinskulptur von Käthe Kollwitz mit dem Titel „Trauernde Mutter“ in vierfacher Vergrößerung nachgebildet und in der Neuen Wache aufgestellt werden sollte.

 

Abgesehen von der ästhetischen Frage, ob eine dermaßen vergrößerte Skulptur dem Ausdruck der originalen Miniatur noch gerecht werden könnte, gab es vor allem Kritik an dem von Helmut Kohl gewünschten Bildmotiv. Zu sehr wurden die meisten Betrachter durch eine um den Sohn trauernde Mutter an klassische Pietà-Darstellungen erinnert. Geradezu paradox wurde eine solche Assoziation im Zusammenhang der Präsentation: Als bedeutendster Opfergruppe im Dritten Reich war die Gedenkstätte vor allem den ermordeten europäischen Juden gewidmet. Ein Grundstein des Antisemitismus seit dem Mittelalter jedoch war der Vorwurf, die Juden hätten Jesus Christus umgebracht. Nun eine Skulptur, die den Gedanken an den toten Christus nahe legt, in einer Stätte unterzubringen, die zum Großteil ermordeten Juden gewidmet werden sollte, erschien vielen unangemessen. Unter Bundeskanzler Helmut Kohl setzte die Bundesregierung ihre Entscheidung entgegen aller Kritik trotzdem um.

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Neben dem Durchsetzungsvermögen des Kanzlers Kohl demonstriert diese Episode der Kunstgeschichte, wie sehr noch vor wenigen Jahrzehnten das Motiv einer Frau, die den leblosen Körper eines jungen Mannes in den Armen hält, christlich konnotiert war. Dabei hatte Käthe Kollwitz selbst ihre Skulptur neutral als „Trauernde Mutter“ betitelt. Pietà heißt schließlich auch nichts anderes als „Frömmigkeit“, beziehungsweise „Mitleid“. Schon immer war es die vordergründige Aufgabe der Pietà-Darstellungen gewesen, das Mitleid des Betrachters zu erregen für eine urmenschliche Situation: eine Mutter, die um ihren verstorbenen Sohn trauert. Auf das christliche Wunder, dass dieser Sohn später auferstehen soll, gibt es in diesen Darstellungen noch keinen Hinweis. Vielmehr geht es um das menschliche Leiden und das Mitleiden. Auf den Ausdruck beider Gefühle hat sich die christliche Bildtradition spezialisiert. Das spricht ihr jedoch noch lange nicht deren alleiniges Nutzungsrecht zu.

Orientalische Kunst orientierte sich schon lange an diesem traditionellen Motiv der Christenheit. So erzählt die Iranerin Marjane Satrapi in ihrem Buch „Persepolis. Jugendjahre“, wie sie sich im Zeichenunterricht an Michelangelos Pietà-Komposition orientierte, als sie einen muslimischen Märtyrer darstellen sollte: Sie zeichnete „Maria, die einen schwarzen Tschador trug“ und einen „Jesus in Militäruniform“. Um eine unzweifelhafte Interpretation zu garantieren, habe sie noch auf jeder Seite zwei Tulpen hinzugefügt, das Symbol der Märtyrer, so Satrapi. Was Satrapi von damals nicht ohne Ironie berichtet, ist nun ernst geworden.

Rund zwanzig Jahre nach dem Streit um die Neue Wache und etwa  fünfzehn Jahre nach Satrapis Erlebnissen in Teheran hat sich das Blatt gewendet. Als Beweis dient Samuel Arandas preisgekröntes Foto, das immerhin zwei Muslime zeigt. Symbole sind nicht mehr nötig. Details, die dem modernen Zeitalter und dem kulturellen Kontext geschuldet sind, wie beispielsweise die Gummihandschuhe, welche die trauernde Frau trägt oder die Tatsache, dass ihr Gesicht bis auf einen kleinen Schlitz für die Augen verschleiert ist, weichen zwar von den klassischen Pietà-Darstellungen ab. Doch Körperhaltung und Gestik der beiden Figuren auf Arandas Aufnahme verdeutlichen auch hier das tief Menschliche: Mitgefühl und Mitleid. Gerade weil dieses Foto den Betrachter zur Empathie auffordert, berührt es stark emotional und hat schon deshalb diesen Preis verdient.

Darüber hinaus demonstriert es allerdings vor allem die Globalisierung der Bildwelten. In der Kunstgeschichte des Westens kommt das einer Revolution gleich: Die Pietà-Darstellung wird in Zukunft nun also nicht mehr in erster Linie christlich, sondern menschlich gesehen werden.

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