Cicero im Mai - Wilhelm von Humboldt, der liberale Rebell

Niemand prägte das Bildungsideal der deutschen Universitäts- und Schullandschaft wie Wilhelm von Humboldt. Und auch als Ahnherr des Liberalismus ging er in die Geschichtsbücher ein. Die aktuelle Cicero-Ausgabe verrät, warum die Lehren des Ausnahmegeists ein Vierteljahrtausend nach seiner Geburt wieder akut sind

Das Cover der Cicero-Maiausgabe zeigt den Gelehrten Wilhelm von Humboldt
„Die größten Schätze, die uns Wilhelm von Humboldt hinterließ, gilt es noch zu heben“ / Illustration: Olaf Hajek

Autoreninfo

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Schon 20 Jahre, bevor Wilhelm von Humboldt sich anschickte, einen Staat und dessen Bildungssystem neu zu ordnen, hatte er seine Gedanken geordnet. „Der wahre Zweck des Menschen“, notiert er als 25-Jähriger 1792, „ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“ Dieser Satz umreißt eben das, was seither als humboldtsches Bildungsideal erst Preußen groß gemacht und dann die universitäre Lehre und
Forschung in Deutschland geprägt hat.

Der Ausnahmegeist verlangte von jedem Lernenden, seinen „inneren Wert“, sein enzyklopädisches und sittliches Wissen so hoch zu steigern, dass „der ganze Begriff der Menschheit“ im Extremfall aus einem einzigen Individuum heraus „einen großen und würdigen Gehalt gewönne“. Welch ein Anspruch! Erinnert mich stark an den Satz meines Professors für Neuere deutsche Literatur, der sagte, wir sollten vor dem Berg an Klassikern, die man gelesen haben muss, nicht verzweifeln. „Jeden Tag einen davon reicht völlig“, meinte er vermeintlich milde und verständnisvoll für all die anderen Lockungen jenseits von Lektüre, die das Studentenleben sonst noch bereithält.

Der erste große Liberale auf deutschem Grund

Der leidenschaftlichen Wissbegier geht nach Humboldt aber etwas voraus. Freiheit sei zur Bildung „die erste und unerlässliche Bedingung“, womit auch ein Plädoyer gegen einen überbordenden Staat verbunden war: weil Geist aus Mannigfaltigkeit entsteht, die in dem Maße verloren gehe, in dem sich der Staat als überlegene Macht einmische und so „das freie Spiel der Kräfte hemmt“. In diesem Sinne war Humboldt nicht nur Preußens epochaler Bildungsreformer. Sondern nach John Locke und Adam Smith der erste große Liberale auf deutschem Grund.

Verflachende Bildung in Zeiten von Internet und Power Point, Schmalspurstudien im Geiste von Bologna, eingehegte Mannigfaltigkeit der Meinungen, der Staat als Vormund, die Universität als Mündel: Ein Vierteljahrtausend nach der Geburt Wilhelm von Humboldts sind seine Botschaften und Lehren wieder akut. Alexander Kissler hat sich mit drei Gelehrten zum Geistesgipfel getroffen. Sein Resümee nach drei Humboldt-Lehrstunden: „Die größten Schätze, die uns Wilhelm von Humboldt hinterließ, gilt es noch zu heben.“

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Dr. Lothar Sukstorf | Do, 27. April 2017 - 10:25

Bravo Cicero! Endlich Humboldt! Der Mann, der den Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung darstellte. Die grossen Schätze müssen erst wieder gefunden und ausgegraben werden. Am ehesten sollten man die gesammelten Werke den deutschen Kultusministern "um die Ohren schlagen". Die reden ja davon, wenn beispielweise ein Malerlehrling lernt, den Pinsel zu schwingen, sei das Bildung. So verwechseln die Hohlköpfe der deutschen Politik Ausbildung und Bildung. Allen voran Merkel, diese hochgebildete Kant, Hegel, Kierkegaard, Popper, Shakespeare und Goethe-Expertin. Super Cicero! Ich sage Danke, für das Aufgreifen dieses Themas. Vor allem, weil ich der Meinung bin, dass H. heute wichtiger ist denn je! Heute meint der Mainstream die Steigerung des inneren Wertes liege darin, sich "Welcome Refugees" bedenkenlos anschließen zu müssen...oder "Mutti geh voran, wir folgen, wie die Merkel-Lemminge...

Ralf Müller | Do, 27. April 2017 - 14:30

Humboldt war vor allem nationalliberal. Er war das, was die FDP heuer mit Schaum vorm Maul ablehnt, zu sein: national und liberal. Ein deutscher Patriot mit liberalen Ansichten zur Wissenschaft. Verfälscht den Humboldt nicht!

Winfried Wolf | Do, 27. April 2017 - 16:33

wo ist der neue humboldt der deutschen bildungspolitik der 2020er jahre?
warum bringen deutsche universitäten keine leitfiguren mehr hervor, die den bildungspolitikern als referenz dienen könnten?
wahrscheinlich braucht es erst einen pisa-schock der universitären ausbildung, bis das problem als solches erkannt und angegangen wird...

Alexander Wildenhoff | Do, 27. April 2017 - 17:03

@ Herr Müller, kein Grund sich über die FDP zu echauffieren. Humboldt war ein Weltbürger, der seine liberalen Ansichten aus seiner nationalen deutschen Identität ableitete – und zwar jenseits allen modernistischen Globalisierungsgeschwätzes. Das hat keine Partei derzeit in Deutschland verstanden. Ich stimme Ihnen zu, ein solches Verständnis hätte ich auch ehesten von der FDP erwartet. Die hat sich aber inzwischen so weit dem links-grünen Zeitgeist angenähert, da kommt nichts. Das ist aber weiter nicht tragisch. Wenn, wie zu erwarten, die Partei es bei der nächsten BT-Wahl wieder nicht schafft, hat sich dieses Problem ohnehin erledigt. Dann wird es eine neue national-liberale Bewegung geben, die es ohne Zweifel in den Bundestag schaffen wird.

Juliana Keppelen | Do, 27. April 2017 - 19:16

Wir haben doch diverse Talkshows und Quizsendungen da werden wir doch gebildet und geformt. Allerdings befürchte ich, dass Herr Humboldt heutzutage evtl. gar nicht zu so einer Veranstaltung geladen würde, denn abweichende Meinungen zur allgemein vorherrschenden Meinung und kritische freie Geister sind nicht besonders erwünscht. (Beitrag kann Spuren von Ironie enthalten).

Rudolf Bosse | Do, 27. April 2017 - 19:32

Heute ist von ihm das übrig:
Eine fast fertige Abiturientin verneinte meine Frage, ob sie Puschkin umd Dostojewski kenne.
Ich weiß allerdings nicht, ob es bei ihr eine Wissenslücke ist, oder ob über die beiden Klassiker tatsächlich nichts mehr gelehrt wird. Es würde doch zum gegenwärtigen Rußland-Bashing passen, wenn die Namen russischer Klassiker aus dem Lehrplan genommen werden.

Dr. Lothar Sukstorf | Do, 27. April 2017 - 20:46

In erster Linie war Humboldt PREUßE. Ich vermute er hätte sich eher auf Bismarcks Seite geschlagen als auf eine andere. Denn ein glühender Patriot war er auch, der auch königstreu war.

Dimitri Gales | Do, 27. April 2017 - 21:11

Von Humboldt sind wir inzwischen Lichtjahre entfernt. Die Ökonomisierung hat auch die Bildung erfasst, von wegen ganzheitliches Lernen/studieren, Persönlichkeitsentwicklung durch studieren etc....das war einmal. Der Lernbetrieb ist zu einem Massenbetrieb geworden, der leider auch massenhaft angepasste Mediokrität generiert, ob unter Studenten oder Professoren.

Wolfgang Lang | Fr, 28. April 2017 - 00:31

Statt Liberalen und Freigeistern haben wir heute Staatsglaeubige und Engstirnige. An ihren Fruechten werdet ihr sie verfluchen.

Bernhard Jasper | Fr, 28. April 2017 - 11:11

Als Humboldt im Jahr 1809 sich des preußischen Unterrichtswesens annahm, sollte z.B. die Musikpflege volkstümlich gestaltet werden. Leitbilder waren eine bürgerliche Erziehung, jenseits des Nützlichkeitsdenkens und der gesellschaftlichen Realität. Ästhetische Erziehung wurde zur wichtigsten Maßnahme bei der Entwicklung und Integration des bürgerlichen Ich. Eine eigene Form von Emanzipation.

Ein neues bürgerliches Selbstbewusstsein entstand, was bisher nur dem Adel vorbehalten war. Bildung, künstlerisch sensibilisierte Wahrnehmung und Lebensart. Eine kultivierte, beherrschte, hochentwickelte Emotionalität, die über das Alltagsleben hinausgehoben wurde.

Im Jahr 1816 schreibt er dann: „Es hat nie eine Epoche gegeben, wo überall und auf allen Punkten die alte und neue Zeit in so schneidenden Kontrast getreten sind.“

Fazit: Die bürgerliche Existenz stand an der Schwelle zum Industriezeitalter.

Steffen Zollondz | Fr, 28. April 2017 - 13:11

Lieber Cicero,

ich bitte um Aufklärung!
Was ist mit meiner Lieblingskolumne passiert?

Einfach nicht da.
Abgesehen davon, dass ich darüber sehr enttäuscht bin, gibt es obendrein keinerlei Erklärung für das Fehlen.

Was ist los?

Constantin Wissmann | Fr, 28. April 2017 - 13:45

Lieber Herr Zollondz, 

Herr Meyer konnte die Kolumne nicht schreiben, weil er krank war. 

Beste Grüße, CW, Online-Redaktion

 

Lieber Herr Wissmann,

vielen Dank für die schnelle Antwort.
Dann geht es ihm nun hoffentlich wieder gut - Falls nicht, richten Sie ihm bitte Genesungswünsche aus. -und wird uns in den folgenden Ausgaben wieder mit seinen klugen Worten bereichern.

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