Leitkultur ist... - „Dass sich zwei Männer auf der Straße ganz selbstverständlich küssen“

Seitdem jeden Tag Tausende Flüchtlinge nach Deutschland kommen, ist plötzlich wieder von Leitkultur die Rede. Aber brauchen wir so etwas überhaupt? Und wie soll eine deutsche „Leitkultur“ aussehen? In der Dezemberausgabe eröffnet Cicero die Debatte und lässt dazu viele prominente Persönlichkeiten zu Wort kommen. Online starten wir mit einem Beitrag von CDU-Generalsekretär Peter Tauber

Martin Haake/Cicero

Autoreninfo

Tauber, Peter

So erreichen Sie Peter Tauber:

Das Thema Leitkultur erlebt eine Renaissance. Als Christdemokrat freut mich das, denn wir haben uns bereits 2007 in unserem Grundsatzprogramm klar zu einer für alle gültige Leitkultur bekannt – und den Anspruch formuliert, diese mit Leben zu füllen. Inzwischen haben auch andere Parteien eingesehen, dass das nichts mit Deutschtümelei zu tun hat, sondern die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben ist. Die Debatte ist nun wichtiger denn je. Denn wenn mehr Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen und bleiben, wird sich unser Land verändern.

Diesen neuen Mitbürgern müssen wir erklären, welche Werte unsere Heimat prägen, wie das Zusammenleben hier funktioniert. Ich erwarte, dass sie sich diese Werte zueigen machen. Aus meiner Sicht ist das aber kein abgeschlossener Prozess; jede Generation muss für sich klären, welche Werte zur deutschen Leitkultur gehören. Die Bundesrepublik des Jahres 2015 ist eine andere als die des Jahres 1955 oder 1995. Und man muss nicht starr am Begriff „Leitkultur“ hängen – ich finde auch den Begriff „Leitbild“ gelungen, den junge Wissenschaftler aus Berlin vorgeschlagen haben. Nicht der Begriff ist wichtig, sondern was er meint.

Basis unserer Leitkultur ist natürlich das Grundgesetz. Es gehört aber noch viel mehr dazu: Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich in unserer Gesellschaft zu engagieren; die Idee, dass jeder, der fleißig ist und sich anstrengt, den Aufstieg schaffen kann; dass Religionsfreiheit heißt, die Religion wechseln zu dürfen; dass Gleichberechtigung bedeutet, dass Frauen zunehmend Führungspositionen übernehmen. Und Toleranz und Gleichstellung, dass sich zwei Männer auf der Straße ganz selbstverständlich küssen; dass Familien mit vielen Kindern Unterstützung von allen erfahren und nicht als asozial abgestempelt werden; aber auch das Bekenntnis zu Schwarz-Rot-Gold als Farben der Freiheit, der Stolz auf Deutschland, das Mitsingen unserer Nationalhymne – nicht nur beim Fußball, sondern gerne auch etwas lauter und fröhlicher an unserem Nationalfeiertag. All das steht so nicht im Grundgesetz, aber wäre aus meiner Sicht ein schöner und wichtiger Bestandteil einer neuen deutschen Leitkultur.

Was Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor zur Leitkultur sagt, lesen Sie hier.

Was Gesine Schwan zur Leitkultur sagt, lesen Sie hier.

Mehr Beiträge zur Leitkultur (von Bernd Lucke bis Sahra Wagenknecht) finden Sie in der Dezemberausgabe des Cicero – ab morgen (19.11.) am Kiosk oder in unserem Online-Shop. Auch online möchten wir dieses Thema aufgreifen und rufen unsere Leser ausdrücklich dazu auf, mit Kommentaren und eigenen Beiträgen an der Diskussion über die deutsche Leitkultur teilzuhaben.

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Wir danken für Ihr Verständnis.