Inflation der Superlative - Die krass hyperbeste Sprachkultur

In einem gesellschaftlichen Klima, das eine Inflation sprachlicher Superlative hervorbringt, ist das einfache Wort „gut“ schon oft nicht gut genug. Ein schlichtes „gut“ grenzt für viele schon fast an Kränkung

Hannelore Kraft mit dem Schild "Wie geil ist das denn"
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Autoreninfo

Caroline Fetscher ist seit 1997 Autorin des Tagesspiegel. Sie studierte Literaturwissenschaft und Psychologie. Zu ihren Themen gehören gesellschaftliche Debatten in den Bereichen Kultur und Politik, insbesondere Menschenrechte und Kinderschutz.

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Alarm und Desaster, Crash und Katastrophe, alle mal herhören! Wer nicht materielle Ware verkauft, etwa Nachrichten, Appelle, Weckrufe, muss starkes Vokabular in der Auslage haben, sonst schlendern die Leute am Laden vorbei. An sich ist das noch kein Desaster und man muss deshalb weder Alarm schlagen noch eine Katastrophe heraufbeschwören. So funktioniert eben das, was Aufmerksamkeitsökonomie genannt wird. Nur die laut Rufenden lösen echtes Echo aus, und ohne starke Sprache würde manche Botschaft untergehen. „Lasst mal lieber die Wale in Frieden, es gibt nur noch ein paar davon.“ Was wäre das für eine Nachricht? Oder: „Irgendwas müsste in Europa wegen der Millionen arbeitslosen Jugendlichen unternommen werden.“

Oder: „Es wäre schon schön, wenn die Altenheime menschlicher werden.“ Nein, sicher, Alarm muss manchmal sein, vor allem, wo ein berechtigtes Anliegen Öffentlichkeit sucht.

Die Inflation sprachlicher Superlative


Dass sich mit dem routinemäßigen Alarmieren eine gewisse Gewöhnung einstellt, die wie beim Drogenkonsum auf immer höhere Dosen hinausläuft, ist allerdings das Alarmrisiko, das beim Risiko-Alarmieren bedacht werden sollte. Professionelle Akteure im Alarmbusiness wissen, dass sie haushalten müssen, um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren. Doch das ist leichter gesagt als getan. In einem gesellschaftlichen Klima, das eine Inflation sprachlicher Superlative hervorbringt, ist das einfache Wort „gut“ schon oft nicht gut genug. Ein schlichtes „gut“ grenzt für viele schon fast an Kränkung. „Super!“ ist ein alltäglicher Ausdruck der Zustimmung geworden. Positive Kommentare, egal worüber, einen Erdbeerkuchen oder einen Kinofilm, kommen selten ohne „megageil“, „ultratoll“, „hammer“ oder supergut“ aus.

Negative Äußerungen, ob über einen ungeduldigen Autofahrer oder einen Regenguss, wirken matt ohne Zusätze wie „total“ oder „voll“ („total krass“, „voll schlimm“). Neuerdings gibt es noch „über“, wie in „überkrass“. Auf die meisten Zeitgenossen hat diese epidemische Inflation (You see? Alarm!) Einfluss genommen, kaum einer von uns ist frei davon. Ursache des Phänomens scheint eine Ära der sozialen Unsicherheit, aber beides ausführlich zu analysieren bräuchte es ein Buch.

Zutiefst im Chaos versunken


Hier soll es jetzt um zwei Ausdrücke gehen, die in der Sprache der Nachrichten inflationär geworden sind, und deren Abschaffung lohnend wäre. Der erste lautet: „zutiefst gespalten“. Wo immer es Konflikte gibt, Meinungsunterschiede, uneinige Parteien sind die Medien so stereotyp wie schnell mit diesem Urteil bei der Hand. Als „zutiefst gespalten“ werden die USA im Wahlkampf bezeichnet, die Katholiken unter Reformdruck, die Palästinenser mit ihrer Haltung. „Zutiefst gespalten“ ist die arabische Welt an und für sich, ist die Ukraine, natürlich, im Streit zwischen Russen und Nichtrussen, sind die Gefühle der Deutschen gegenüber China – und so weiter, und so immer fort. Übliche, wichtige, in der Regel komplexe gesellschaftliche Prozesse der Transformation oder Konfrontation erhalten damit ein Etikett, das oft erst hervorruft, was es suggeriert, nämlich gedankliche Blockade, politische Fantasiearmut, starre Positionen. Risiken und Nebenwirkungen solcher Wortwahl sind den Nutzern nicht bewusst.

Ähnlich auffällig ist die Formel: „versinkt im Chaos“. Wenn etwas im Chaos versinkt, sollte man meinen, ein Komet habe eingeschlagen und die letzten Tage der Menschheit seien gekommen. Doch was ist nicht schon alles im Chaos versunken und war Wochen später keines Medienblicks mehr wert? Erstaunlich viel. Allein in letzter Zeit ganze Länder wie Thailand, Kambodscha, die Türkei oder Venezuela. Österreich immerhin ist unlängst im Winterchaos versunken, Frankfurt im S-Bahn-Chaos, Kiew sowieso im generellen Chaos, und der ADAC erst recht im Chaos der Korruption. Eigentlich ist schon die ganze Welt im Chaos versunken, und da ist es ein Weltwunder, dass noch irgendwo ein Auto rollt, irgendjemand noch nicht erfroren ist, Leute am Morgen frühstücken und fast überall Kinder so einfach mir nichts dir nichts weiter zur Schule gehen.

Ist ja nur figurativ, kann man einwenden, nicht direkt so gemeint, nur eine zugespitzte Beschreibung, eine Redewendung. Muss man sie redend verwenden? Sich das voll krass zu fragen, führt vielleicht zu einer Antwort – und zu mehr Verantwortung.

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