Rassismus in Kinderbüchern - Schuldig sind wir alle

Wenn Verlage aus den Kinderbüchern Rassismen herausstreichen, dann fällen sie damit ein Urteil. Sie sagen: Wir hatten Unrecht. Das klingt wie eine Entschuldigung. Deswegen tun wir uns so schwer damit

Die Negerlein in der kleinen Hexe von Ottfried Preußler sorgen für Wut im deutschen Feuilleton
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Wir sind da gerade erziehungstechnisch an einer schwierigen Sache: Der Entschuldigung. Solche Themen kommen auf, wenn man vom Spielgerüst – aus Versehen – einen Eimer Sand auf den Kopf gekippt bekommt. Sich entschuldigen ist nicht leicht. Nicht für ein dreijähriges Kind. Und auch nicht für Erwachsene.

„Ich hab dir wehgetan, das wollte ich nicht.“ Wohin man auch schaut, es fällt Menschen nicht leicht, diese Worte zu sagen. Bevor sich entschuldigt wird, rammt der Betroffene lieber erst einmal die Füße fester in den Untergrund. Das Gesagte – denn bei uns Erwachsenen geht es ja meistens um Worte, nicht um Sand im Haar – wird dann gerne erst einmal als besonders lustig, besonders intelligent, schlagfertig, kreativ, künstlerisch oder auch historisch wertvoll hingestellt. [gallery:20 Gründe, keine Bücher mehr zu lesen]

Dieses verbale Aufstampfen vernimmt man gerade in vielerlei Tönen landauf landab im deutschen Feuilleton. Vordergründig geht es um nichts Geringeres als die Rettung der Literatur. Hauptkampfplatz: Die Verteidigung des N-Worts. Der Thienemann Verlag will in seinen Kinderbüchern zur Neuauflage des 90. Geburtstags von Ottfried Preußler rassistische Begriffe ausmerzen. Bei der „Kleinen Hexe“ etwa ist von den „Negerlein“ die Rede . Das soll künftig anders sein. Ein Vater hatte sich beim Verlag beschwert, seine dunkelhäutige Tochter müsse beleidigende Begriffe in ihrem Lieblingsbuch hinnehmen. Die Familie von Ottfried Preußler stimmte den Änderungen zu. Was aber in bildungsbürgerlichen Wohnzimmern folgte, war ein Aufschrei, der auch nach einiger Zeit kaum abebbt.

Besonders hervorgetan hat sich Jan Fleischauer in seiner Kolumne auf Spiegel Online. Es sei „die vorauseilende Entschuldigungsbereitschaft, die das politische Lektorat vom Ernsthaften ins Lächerliche“ führe. Lächerlich macht sich dann aber nur einer und das ist der Autor selbst. Dessen krude Vergleiche gipfeln darin, ein Berliner würde sich ja auch nicht darüber aufregen, „wie die entsprechenden Krapfen heißen“. Aber auch die FAZ, der Deutschlandfunk und die Zeit stimmten ein, man dürfe dieses „Vergehen an der Literatur“ nicht hinnehmen. Man schrieb von der „kleinen Hexenjagd“ (Die Zeit). Eine Karikatur in der Süddeutschen Zeitung zeigt ein Kind mit einem Laptop im Bett, auf dem ein Ballerspiel läuft – während die Mutter mit einem zensierten Buch zum abendlichen Vorlesen herein kommt. Haha, wie lächerlich, diese Zensur ist, soll das heißen. Zuguterletzt hat nun auch noch die Bild am Sonntag in einer Umfrage herausfinden lassen: 48 Prozent der Deutschen sind gegen die Enfernung des "Negers" aus Kinderbüchern. Und - oh Wunder - je höher der Bildungsabschluss der Interviewten ist, desto größer ist der Anteil derjenigen, die sich gegen eine Reform der Kinderbücher aussprechen.

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Weder Schmalzgebäck noch Ballerspiele sind die richtigen Vergleiche, um dem Thema gerecht zu werden. Es geht hier auch nicht um Kinder, denen gute Geschichten oder wertvolle Sprache vorenthalten würden. Unsere Kinder haben ein feines Gespür für gute Geschichten, für die Stimmungen einer Pipi Langstrumpf, deren Papa als Südseekönig weit weg von ihr lebt, für das Unrecht, das der kleinen Hexe widerfährt, weil sie sich nicht entscheiden kann als gute Hexe, Böses zu tun. Kinder erfreuen sich an Pipis unterschiedlichen Socken und daran, wie sie die Räuber in die Flucht schlägt. Ob sie eine Neger- oder eine Südseeprinzessin ist – geschenkt.

In dieser Debatte geht es einzig um die Erwachsenen, die in ihrem Stolz verletzt sind. Unter dem Deckmantel der Literaturbewahrung soll nur eines verschleiert werden: Dass wir mit der Zensur bestimmter Ausdrücke unser Unrecht eingestehen. Wer diskriminierende Worte gebraucht, der ist schuldig. Schuld daran, Menschen verletzt zu haben. Und wie schwer diese Verletzungen sind, das kann der begnadetste weiße Literaturkritiker eben nicht nachempfinden.[gallery:20 Gründe, keine Bücher mehr zu lesen]

So schreibt die afro-deutsche Noah Sow in ihrem Buch „Deutschland Schwarz Weiß“: Das Allgemeinwissen der weißen Deutschen hinsichtlich Rassismus sei „im Groben vergleichbar mit dem ‚Wissen‘ der Männer über die Rollen und die Behandlung von Frauen um 1850.“ Durch den jahrzehntelangen Gebrauch des Neger-Worts haben wir also Schuld auf uns geladen. Was für ein schweres Wort, kein Wunder, dass eine „Entschuldigung“ wie Blei auf uns lastet. Dass sie nicht den Weg findet hinaus, in die Öffentlichkeit.

Ich selber bin mit dem Wort Neger aufgewachsen, unkritisch, unhinterfragt, laut und deutlich ausgesprochen. Oder, wie Sow schreibt: Weiße Deutsche „wurden mit Rassismus vollgemüllt, genau wie schwarze Deutsche auch. Und jetzt müssen sie diesen Müll loswerden.“ Bis heute kommt es über meine Lippen, bis heute nenne ich eine schwarze Puppe Negerpuppe, Schaumküsse Negerküsse. Ich weiß schon lange, dass das nicht in Ordnung ist. Und trotzdem fällt es mir schwer, da korrekt zu sein. Gilt es doch als ätzend, spießig, ideologisch verbrämt. Kritik daran bin ich bisher leichtfüßig ironisierend ausgewichen.

Das tut mir leid. Ich will es in Zukunft besser machen.

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