Frauenrechtlerin gründet Moschee - „Den Islam nicht den Radikalen überlassen“

Die Frauenrechtlerin Seyran Ates hat eine liberale Moschee in Berlin gegründet. Die Eröffnung fällt mitten hinein in die Debatte über den Umgang der Muslime mit dem islamistischem Terror. Ates will, dass die friedliebenden Muslime endlich Gesicht zeigen

Initiatorin Seyran Ates legt sich am 16.06.2017 in Berlin zur Eröffnung einer liberalen Moschee ihren Gebetsteppich bereit
Seyran Ates bei der Eröffnung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin / picture alliance

Autoreninfo

Constantin Wißmann schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine. Er hat in London Geschichte studiert und die Berliner Journalisten-Schule absolviert. Er arbeitet für Cicero Online. 

So erreichen Sie Constantin Wißmann:

Seyran Ates hat in diesen Tagen eigentlich keine Zeit für ein Gespräch. Die Berliner Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin hat am Freitag die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee im Stadtteil Moabit eröffnet. Ein Projekt, an dessen Planung Ates acht Jahre gearbeitet hat. Dass die Moschee gerade jetzt ihre Türen öffnet, ist Zufall. Aber es fällt mitten hinein in die Debatte über den Umgang der Muslime mit dem islamistischen Terror. Nach den Anschlägen in London und Manchester hat die wieder an Fahrt aufgenommen, auch in Deutschland.

Am heutigen Samstag haben andere Muslime einen Friedensmarsch in Köln organisiert. Doch einer der wichtigsten Verbände, die Ditib, will nicht daran teilnehmen. Ates Beitrag zu der Debatte ist Offenheit, die sie mit ihrer Moschee demonstrieren will. Frauen und Männer sollen dort gemeinsam beten können. Frauen dürfen auch predigen, und zwar auf Deutsch. Homosexuelle sind willkommen. Und vor allem: Der Koran wird modern und liberal ausgelegt. Alle Strömungen des Islam sollen Platz finden: Sunniten, Schiiten, Aleviten, Sufis. In einer kurzen Pause der Eröffnungsfeierlichkeiten haben wir Ates ein paar Fragen stellen können. 

Frau Ates, ein Berliner Stadtmagazin hat Sie als „mutigste Frau Berlins“ bezeichnet. Muss man Mut haben, um eine liberale Moschee zu eröffnen?
Leider ja. Ich würde mir auch wünschen, dass das nicht so wäre. Aber viele haben mir gesagt, dass sie sich nicht trauen, in die Moschee zu kommen. Und manche sind während der Vorbereitung abgesprungen, weil sie Angst hatten. 

Sind sie auch selbst bedroht worden?
Bisher noch nicht. Aber ich habe viele heftige, beleidigende Nachrichten erhalten. Vor allem aber gab es Glückwünsche.

Was wollen Sie denn mit der Moschee erreichen?
Wir wollen vor allem, dass die Leute bei uns als Menschen vor Gott treten. Dass niemand sich diskriminiert fühlt und sich auch nicht rechtfertigen muss, ob er seine Religion streng genug auslebt oder nicht. Wir fragen niemanden, wie oft er heute schon gebetet hat und wie oft er das noch tun wird. 

Wie wollen Sie es schaffen, dass auch eher konservative Gläubige den Weg zu Ihnen finden?
Wir schlagen auch vor denen die Tür nicht zu. Auch sie finden hier einen Raum, in dem man Fragen stellen kann. Heute zur Eröffnung kamen viele Frauen in traditionellen Gewändern und die haben neben Frauen ohne Kopftuch gebetet. Für mich ist das ein positives Signal.

Sie haben im Vorfeld gesagt, dass hinter der Moscheegründung auch die Frage steht, wo denn all die friedliebenden Muslime sind. Wo sind die denn?
Ich hoffe natürlich, dass die jetzt zu uns kommen. Und ich hoffe, dass die am heutigen Samstag in Köln beim Friedensmarsch der Muslime gegen Gewalt und Terror auf die Straße gehen. Die sollen sich jetzt endlich zeigen. Wir Aktivisten können der Mehrheit der Muslime, die gegen Gewalt ist, nur Angebote machen. Wir wollen denen, die einen modernen, friedlichen, liberalen und toleranten Glauben leben wollen, einen Ort geben. Aber sie müssen dann auch hingehen.

Nun hat man aber den Eindruck, dass in Deutschland vor allem die konservativen Islamverbände den Dialog prägen. Stimmt das?
Die haben die Deutungshoheit über den Islam, ganz klar. Sie sitzen als einzige Ansprechpartner für die Politik zurzeit in der Islamkonferenz und werden deshalb als Partner in der Zusammenarbeit gewählt. Das möchte ich denen gar nicht zum Vorwurf machen, dass sie aktiv sind. Ich kann nur den anderen zum Vorwurf machen, dass sie nicht aktiv sind. 

Jetzt hat zum Beispiel der Verband Ditib gesagt, dass sie am Friedensmarsch nicht teilnehmen wollen, unter anderem mit dem Argument, dass man sich ja schon oft genug von islamistischer Gewalt distanziert habe. Was sagen Sie dazu?
Das ist traurig. Die Ditib macht das gleiche Spiel wie immer, indem sie sagen, dass sie sich nicht distanzieren müssen, weil die Deutschen sich ja auch nicht von der NSU distanzieren müssen. Eigentlich kann man das gar nicht mehr kommentieren, die vom Ditib sind da einfach unbelehrbar. Dieser Vorwurf der Verbände hat schon einen so langen Bart. Wir Muslime tragen eine Mitverantwortung für die Radikalisierung Jugendlicher, wenn wir ihnen keine Alternativen zu Hasspredigern bieten. Und die Verbände tragen eine Mitverantwortung dafür, wenn in ihren Moscheegemeinden Radikalisierungen stattfinden und junge Menschen in den Dschihad ziehen.

Die Gewalt hat also mit dem Islam zu tun?
Natürlich. Wenn die Terroristen sich bei ihren Anschlägen auf den Islam berufen, wenn sie „Allahu Akbar“ rufen, wenn sie in die Moschee gehen, um zu beten, dann hat es etwas mit dem Islam zu tun. Auch diese Diskussion hat einen langen Bart. Wir Muslime müssen raus aus diesem Hamsterrad, dass wir das verleugnen. Die Attentäter begreifen sich doch nun einmal als Muslime. Ob sie den Islam richtig auslegen, das ist eine andere Sache. Da ist es unsere Verpflichtung als Muslime einzugreifen, etwas zu verändern. Und das möchten wir mit der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee tun. 

Sie selbst haben sich täglich mit dem Bau der Moschee beschäftigt und dabei auch mit dem Islam. Wie hat das Ihren Zugang zur Religion verändert?
Ich bin nicht gläubiger geworden, dass war ich eh. Je mehr ich mich aber mit dem Islam beschäftige, umso mehr wird mir bewusst, wie wenig ich weiß, aber auch, dass ich das Richtige tue. 

Michaela Diederichs | Sa, 17. Juni 2017 - 11:24

Wie immer - sehr gute Fragen. Und in diesem Fall: ermutigende, ehrliche, klare Antworten.

Renate Aldag | Sa, 17. Juni 2017 - 12:37

Ja, ich bewundere Ihren Mut, Frau Ates. Ihre Initiative wird den konservativen, männlichen Moslemen sicher nicht gefallen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und viele Unterstützer.

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 17. Juni 2017 - 15:26

Ich bin tiefbewegt, dass ich das sehen darf.

Albert Schabert | Sa, 17. Juni 2017 - 15:38

Eine Muslimin als Frauenrechtlerin?Wo doch gerade im Islam die Frauenrechte massiv eingeschränkt werden.Wurde der Koran umgeschrieben?Sollte ein Zeichen im Koran geändert werden,würde diese Ideologie wie ein Kartenhaus zusammenbrechen,das wissen auch die Muslime.

Gerd Runge | Sa, 17. Juni 2017 - 17:41

nachdem ich in den Medien von der Beteiligung Islam-Gläubiger in Köln gehört habe. Es waren wohl nur einige hundert.
Ist doch eigentlich ein deutliches Zeichen der Ablehnung, den Islam auch nur in einem Hauch von Zusammenhang mit den Terror- und Integrationsproblemen zu sehen.
Oder ist alles nur der Angst zu schulden, bei einer solchen Demo von DITIB-Beobachtern aufgezeichnet und verfolgt zu werden?
Aber vielleicht war es ja ein erster Schritt und steter Tropfen hölt den Stein.

peter bigalk | Sa, 17. Juni 2017 - 18:34

Prima, dem aufmerksamen Beobachter dürfte aber nicht entgangen sein, dass zu der groß angekündigten und angelegten Demo von Muslimen gegen den Terrorismus nur 10% der geplanten Teilnehmer kamen....so sieht die Realität aus..

Maik Harms | Sa, 17. Juni 2017 - 21:11

In Bezug auf islamistischen Terrorismus sollte man zwischen Islam (der Lehre) und Muslimen (den Gläubigen) differenzieren. Der einzelne Muslim muss sich nicht distanzieren von islamistischen Terroristen, er ist nicht persönlich verantwortlich für deren Taten und Reden. Der Islam aber, als Lehre und Gemeinschaftspraxis, hat eine solche Verantwortung, wenn durch Texte und/oder Predigten Gewalt und Terror legitimiert werden - auch wenn das 1300 Jahre her sein mag.

Islam ist nicht per se "Frieden", sondern eine Lehre, die u.a Unterwerfung fordert und Allgültigkeit beansprucht - das Problematische in pluralistischer Gesellschaft ist offensichtlich. Umso wichtiger, dass jetzt endlich Reform und (Selbst-)Kritik in die islamische Gemeinschaft einziehen. Der westlche Rationalismus kann hier Wunder (!) wirken.

bruno leutze | Di, 20. Juni 2017 - 11:16

In reply to by Maik Harms

kleine Anmerkung zu ihrem Kommentar:
Nicht die islamische Religion macht seine Anhänger, die Muslime, sondern die Muslime schaffen sich als Verstandesleistung ihren Islam - mal die weltliche Dimension staatlicher Herrschaft außen vor gelassen.
Dieses Verhältnis ist kein Sondermerkmal des Islam sondern trifft auf jegliche Religion zu. Insofern auch keine Frage von Henne oder Ei.
Der "Fortschritt" westlicher Staaten, die Säkularisierung des Staatswesens, die Privatisierung von religiösem Glauben seiner Bürger, die rechtliche Form als Glaubensfreiheit, verdankt sich der Notwendigkeit für eine erfolgreiche Anwendung des Humankapitals in der kapitalistischen Ökonomie. Die "Wunder" des westlichen "Rationalismus" werden auch den Islam zurechtrücken, was für seine Menschen nicht notwendig ein Zuckerschlecken sein wird, was augescheinlich zu betrachten ist, so "man" nicht ideologisch blind sein will. Oder?!

stefan riedel | Sa, 17. Juni 2017 - 21:37

Mein Gott,1000 Demonstranten gegen den muslimischen Terror, in Köln,davon die hälfte deutsche Unterstützer. Und dann träumt Frau Ates von einem liberalen Islam. Wie im Sozialismus,auf Papier funktioniert der gut.

Unsere Politiker - allen voran Frau Merkel - träumen von einem liberalen Islam. Das ist wie mit dem Sozialismus. Im Prinzip und auf dem Papier funktioniert das. Real leider nicht.

Barbara Mosler | Sa, 17. Juni 2017 - 21:45

Diese Frau hat schon immer Klartext gesprochen ("Der Multikulti-Irrtum" lautet der Titel eines ihrer Buecher) - sie hat schon so viel erreicht, wie die Gruendung dieser Moschee beweist, und sie kaempft weiter - man kann nur hoffen, dass vor allem junge Muslime sich sie als Vorbild nehmen und sich von ihr inspirieren lassen. Seyran Ates ist eine Heldin!

helmut armbruster | So, 18. Juni 2017 - 07:58

Terroristen und Selbstmordattentäter berufen sich auf den Islam und schreien es im Augenblick der Tat laut heraus: Allahu akbar.
Damit bleibt allen friedlichen Muslimen gar nichts anderes übrig als sich laut und deutlich zu distanzieren.
Dass Islamverbände u.a. Ditib bei der Distanzierung nicht mitmachen ist ein Skandal. Die Staatsgewalt - immer übereifrig, wenn es sich um Steuervorauszahlungen oder Strafzettel handelt - ist hier aufgefordert aktiv zu werden.
Unser Strafrecht kennt die Begriffe Beihilfe, Anstiftung und Mittäterschaft. Damit müsste sie operieren, nicht mit dem Recht auf Religonsfreiheit.

Eckhardt Kiwit… | So, 18. Juni 2017 - 09:42

Seyran Ateş sagt in diesem Interview bezüglich Attentätern: "Ob sie den Islam richtig auslegen, das ist eine andere Sache."

Nun gilt es also zu klären, wer den Islam "richtig" auslegt -- die liberalen, aufgeklärten Muslime, die die despotischen Teile des Islams hinter sich gelassen haben, oder die Salafisten, Wahhabiten, die an den rechtsreaktionären Elementen ihrer Ideologie festhalten ... -- und ob es überhaupt um eine "richtige" Auslegung geht oder letztlich um Deutungshoheit und Macht.

Im Koran ist an 15 Stellen vom Nachdenken die Rede, z.B.:
"Wollen sie also nicht über den Qur’an nachdenken, oder ist es (so), daß ihre Herzen verschlossen sind? [Sure 47:24]".

Damit sich dieses Nachdenken nicht im Kreis dreht und zu Zirkelschlüssen führt, wird es wohl notwendig sein, über den Islam und seine (mündlichen wie auch schriftlichen) Quellen HINAUSzudenken.

Eckhardt Kiwitt, Freising

Reiner Schöne | So, 18. Juni 2017 - 12:09

Eine sehr gute Idee, der Frau Seyran Ates. Allerdings hat sie schon Drohungen im Bezug auf ihr Leben bekommen. Also man kann nur hoffen, das diese Frau ihre Idee noch überleben wird. Wieso es so ist? Nun wir reden hier über eine Religion, und von Menschen denen die Religion wichtiger ist als des weltliche Leben, und das ist die Mehrheit, die absolute Mehrheit der Muslime. Unsere Regierung sollte langsam aufwachen, und der Gefahr ins Auge blicken, statt alles zu relativieren.

ingrid Dietz | So, 18. Juni 2017 - 18:36

Frau Ates -
bei aller Phantasie: allein mir fehlt der Glaube !
Trotzdem viel Glück und ein dickes Fell gegen erzkonservative Vereine wie z. B. Ditib und deren Türken-Imame !

sabina schuster | Mo, 19. Juni 2017 - 16:11

Hallo zusammen,

ich bin auch ein liberale Moslima. Möchte auch gerne vieles verändern. Nun wenn die liberale Mosche so geplant ist zu funktionieren, wie hier der Bericht schildert, dann bin ich richtig enttäuscht. https://noktara.de/liberale-moschee/
6. Minibar statt Minbar

7. Iftar mit Schweinsbraten
"Zu Kloven ist sie gemacht" Man muss nicht den Strenggläubigen hingehören, um ihr wiederzupreschen. Wenn das so stimmt s. Minibar statt Minbar "wird sie ihre liberalen Sympathisierten nicht lange haben. Um zusammen leben zu können, brauchen wir die Grundgesetze, so ist es auch in der Religion.
8. Fasten zwischen den Mahlzeiten

9. Kirchenglocken statt Gebetsruf

Rolf Pohl | Mo, 19. Juni 2017 - 18:15

... ich hoffe gleichzeitig sehr, dass Sie bei Ihrem bereits seit einiger Zeit beispielhaft, erfolgtem Einsatz für Ihr Anliegen, sowie auch für Ihr offenes Engagement in der Sache, nicht allzu starken Diffamierungen oder gar Gewalt gegen Sie selbst ausgesetzt sind.
Berliner/innen wie Sie werden dringend gesucht, doch leider zu selten gefunden.

Andre Vogel | Fr, 23. Juni 2017 - 23:19

Liebe Frau Ates, Ihre Initiative ist sehr ermutigend.
Um gegen den konservativen Islam, der stillschweigend auch den Terror akzeptiert, Boden zu gewinnen muss die dt. Zivilgesellschaft liberale Muslime und Vereine fördern und Radikale bekämpfen. DITIB als Machtinstrument Erdogans ist eine Bedrohung für die Entwicklung eines liberalen Islams in Deutschland.

Manfred Steffan | Sa, 24. Juni 2017 - 09:50

Das Islamverständnis von Frau Ates - und noch ein paar anderen - gehört zu Deutschland, denn es ist kompatibel zu unserer verfassungsmäßigen Werteordnung. Nach allen Indizien ist das aber das Islamverständnis einer Minderheit, und das Mehrheitsverständnis ist nicht kompatibel. Das sollte man mal endlich zur Kennis nehmen. Die Wahrnehmung der Realität ist Grundvoraussetzung für sachgerechte Politik.

Hans J. Dehning | Sa, 24. Juni 2017 - 11:12

Großartig, was sie wagt. Sie gibt uns Hoffnung auf einen Islam, der mit unseren demokratischen Werten vereinbar ist. Die Reaktion der konservativen Muslime zeigt, dass Pluralismus und Toleranz Fremdwörter für sie sind. Für sie gibt es nur eine Wahrheit: der Koran. Und der enthält über 20 Tötungsbefehle und über 200 Gewaltverherrlichungen und entsetzliche Strafen für uns Ungläubige.

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Wir danken für Ihr Verständnis.