Bibliotheksportät - Bei Karl-Markus Gauß begann alles mit der Fackel

Der österreichische Essayist und Schriftsteller Karl-Markus Gauß lebt, schläft und arbeitet in einer Welt der Bücher. Sie erinnern ihn an sich selbst und halten das Denken im Fluss

Karl-Markus Gauß
Dirk Bruniecki für Cicero

Autoreninfo

Vladimir Vertlib ist Schriftsteller. Er veröffentlichte unter anderem die Romane  „Lucia Binar und die russische Seele“, „Letzter Wunsch“ und „Schimons Schweigen“ sowie den Essayband „Ich und die Eingeborenen“

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Vladimir Vertlib

Dieser Text erschien zunächst in der Printausgabe des Cicero (Mai). Wenn Sie das monatlich erscheinende Magazin für politische Kultur kennenlernen wollen, können Sie hier ein Probeabo bestellen.

 

 

Von ihrem ersten Gehalt als Lehrerin kaufte Maresi, damals 23 Jahre alt, ihrem Freund, dem Studenten Karl-Markus, eine 13-bändige Reprint-Ausgabe der legendären Zeitschrift Die Fackel. Karl-Markus erinnert sich noch gut, wie ihm Maresi das 35 Kilo schwere Paket überreichte. Sie hatte es mit dem Fahrrad von der Buchhandlung zu seiner Wohnung transportiert. Inzwischen sind die beiden seit 35 Jahren ein Paar. Der einstige Student der Geschichte und Germanistik ist der bekannte österreichische Kritiker, Schriftsteller und preisgekrönte Essayist Karl-Markus Gauß. In der gemeinsamen Fünf-Zimmer-Wohnung im gutbürgerlichen Salzburger Bezirk Riedenburg stehen etwa 11 000 Bücher, eine stattliche Bibliothek, die „ganz eng mit der Beziehung“ zusammenhänge, haben doch Maresi und er in ihrer Jugend das meiste Geld für Bücher ausgegeben – und für Wein. Heute bekomme er die meisten neuen Bücher als Rezensionsexemplare zugeschickt, was den „kompakten, biografisch bedingten, persönlich gefärbten Charakter der Bibliothek“ etwas zerstöre. Denn auch jene Bücher, die ihm nicht gefallen oder die er nicht liest, könne er niemals wegwerfen …

Die 13 weinrot gebundenen Fackel-Bände bilden den Kern der Gauß’schen Bibliothek. Durch die Lektüre der von Karl Kraus in den Jahren 1899 bis 1936 herausgegebenen satirischen Zeitschrift entwickelte Gauß sein besonderes Verhältnis zur Sprache: „Es war die Erkenntnis, dass man in der Kritik, auch wenn es um die Kritik von Haltungen geht, Ross und Reiter nennen muss, weil sich Missstände in bestimmten Personen manifestieren. Man darf nicht drum herumreden.“

In seinem Fackel-Jahr 1981 las Gauß alle 922 Nummern der Zeitschrift. In einem „Fackel-Fahrplan“ – Notizbüchern in A5-Format mit hartem Einband – kommentierte er mit jugendlichem Eifer jede einzelne Nummer, exzerpierte besonders glänzende Gedanken und Formulierungen, schärfte seinen eigenen Stil an jenem von Kraus. „Zu Kraus“, erklärt Gauß, „kann man jedoch nur dann eine sinnvolle Beziehung bewahren, wenn man ihn und seinen unglaublich autoritären Habitus zu kritisieren weiß.“

Das deutliche, pointierte Formulieren ist ein Markenzeichen des 1954 in Salzburg geborenen Autors Gauß. Seine Auseinandersetzung mit der modernen Gesellschaft und den politischen Verhältnissen in Österreich und anderswo (etwa im Essay-Tagebuch von 2012, „Ruhm am Nachmittag“), mit sozialen Missständen, mit nationalen Minderheiten an den Rändern Europas oder den Roma in der Slowakei („Die Hundeesser von Svinia“, 2004) öffnet trotz der oftmals bitterbösen Kommentare Denkräume, in denen der Leser zum Mitgestalten der Welt angeregt wird. Im kommenden Herbst wird „Das Erste, was ich sah“ erscheinen – ein autobiografischer Bericht mit 45 Bildern und Szenen einer Kindheit.

Dass solche Texte entstehen können, ist nicht zuletzt dem Wohn-, Arbeits- und Bibliotheksraum zu verdanken, in dem der Bonvivant und luzide Denker zu Hause ist. Die einzelnen Bereiche sind nicht voneinander zu trennen. Der Schreibtisch des Autors steht im Schlafzimmer, welches gleichzeitig – wie auch drei der vier anderen Räume der Wohnung – als Bibliothek genutzt wird. Die hohen Decken im Altbau aus dem Jahre 1894 schaffen Raum für Regale mit bis zu zehn Buchreihen übereinander. „Ich baue meine Bibliothek nach etwas auf, das ich sonst ablehne, nach nationalen Kriterien“, erklärt der Autor. Die Zuordnung ist jedoch eigenwillig. So gibt es einen Bereich, der „Jugoslawien“ gewidmet ist, weil Gauß, dessen Eltern Donauschwaben waren, den Zerfall des Vielvölkerstaats bibliothekarisch nicht zur Kenntnis nehmen möchte. Der seichte Unterhalter Ephraim Kishon wurde „mit einer gewissen Gehässigkeit“ nicht ins israelische, sondern ins deutsche Regal gestellt, weil „er dort besser hineinpasst“.

Im Wohnzimmer ist eine ganze Wand ausschließlich der österreichischen Literatur gewidmet. Ordentlich gereiht und alphabetisch geordnet, findet man alte und moderne Klassiker neben weniger Bekannten (zum Beispiel dem Expressionisten Robert Müller), vor allem aber die Werke vieler Exilautoren oder jener, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen waren, wie Franz Kain oder Ernst Lothar. Die Deutschen wurden weit nach oben, auf die wenigen Regalbretter über der Tür oder oberhalb der zahlreichen Bilder verbannt. „Da kommt man schwer hinauf“, meint Gauß augenzwinkernd, bekennt aber, dass er Autoren wie Wilhelm Genazino oder Peter Weiss zu den ganz Großen ihres Faches zählt. Wie Weiss in seinen avantgardistischen Texten „Abschied von den Eltern“ oder „Fluchtpunkt“ seine persönliche Geschichte mit den großen gesellschaftlichen Problemen in Verbindung bringt und in einen historischen Kontext stellt, habe auch seine eigene Haltung geprägt.

In vielen seiner Essays versucht Gauß, subjektive Erfahrungen und Erlebnisse festzuhalten, hat dabei aber stets den Ehrgeiz, dass alles, was sich in der Welt ereignet, auf seine Persönlichkeit zurückwirkt: „Ich versuche stets, meine Stellung zur und in der Welt zu begreifen.“ Dass das Stöbern in der Bibliothek dazugehört, versteht sich von selbst. Für Bücher, die ihm zugeschickt werden, nimmt sich Gauß Zeit. Bis zu acht Stunden lang studiert er regelmäßig – Rotwein trinkend – ohne Unterbrechung die Neuerscheinungen. Manchmal kommen ihm Ideen, die durch „irgendetwas angeregt werden“. Eines ist für ihn jedenfalls gewiss: „Dummheit und böse Absichten von Menschen kann man an ihrer Sprache erkennen.“

Die Gauß’sche Wohnung nimmt zwei Stockwerke ein. Die Wand neben der Treppe, die vom Esszimmer in den oberen Bereich führt, ist zwar zu einem großen Teil den „kleineren“ Literaturen, jenen Islands, Norwegens oder der Schweiz, vorbehalten. In einer „österreichischen Ecke“ befindet sich jedoch eine echte Rarität, eine wunderbare Erstausgabe von Theodor Kramers Lyrikband „Mit der Ziehharmonika“ aus dem Jahre 1936 mit einer Widmung des Autors an den Schriftstellerkollegen Michael Guttenbrunner vom 12. Oktober 1957 und dessen Weiterwidmung mit den knappen Worten „Meinen Dankesruf, lieber Gauß!“ aus dem Jahre 1998.

Der Dank galt einem Porträt, das Gauß für die Neue Zürcher Zeitung über den damals noch stark unterschätzten Guttenbrunner geschrieben hatte. So nahm das Buch schließlich auf Umwegen den ihm gebührenden Platz ein, zu dem man allerdings über die Treppe emporsteigen muss – eine stimmige Symbolik, war doch der Lebensweg des aus Niederösterreich stammenden jüdischen „Heimatdichters“ Theodor Kramer, dessen sozialkritische Außenseitergedichte lange Zeit in Vergessenheit geraten waren, voller Umwege. Sie führten ihn unter anderem 1939 ins englische Exil und schließlich 1957 nach Österreich zurück, wo er 1958 verstarb. Erst in den achtziger Jahren wurde Kramer wiederentdeckt und auf den ihm angemessenen Platz in der österreichischen Literatur emporgehoben.

Gauß hat zu seiner Lektüre eine „stark assoziative Verbindung“, die sich jedoch von den Büchern selbst oder deren Inhalten emanzipiert hat. Jedes wichtige Buch ordnet er einer bestimmten Phase seines Lebens zu. Mit dem erwähnten Theodor-Kramer-Band assoziiert er jene Zeit Ende der neunziger Jahre, als die beiden Kinder alt genug waren, dass die Eltern sie allein zu Hause lassen konnten, um ins Wirtshaus oder ins Kino zu gehen. „Wenn ich dieses Buch in die Hand nehme, fällt mir das ein“, sagt er. „Maresi und ich hatten auf einmal wieder viel mehr Zeit füreinander.“ So ist für den Autor das Abschreiten der eigenen Bibliothek immer auch eine Reise in die eigene Vergangenheit, ein emotionales literarisch-biografisches Wiederfinden, das den Blick in die Zukunft ermöglicht. 

Vladimir Vertlib ist Schriftsteller. Er veröffentlichte unter anderem die Romane „Letzter Wunsch“ und „Schimons Schweigen“ und den Essayband „Ich und die Eingeborenen“

 

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