Eurokrise - Warum sich die Deutschen verschulden sollten

Die Deutschen sparen falsch und sind schlechte Anleger. Statt an der schwarzen Null festzuhalten, sollte der Staat Schulden machen und in die eigene Infrastruktur investieren. Denn heutzutage sollte man lieber Schuldner als Gläubiger sein

Finanzminister Wolfgang Schäuble ist stolz auf die schwarze Null. Bild: picture alliance

Autoreninfo

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums „Beyond the Obvious“. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Heute berät Stelter internationale Unternehmen bei der Vorbereitung auf die Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise. Im September 2014 erschien seine Piketty-Kritik Die Schulden im 21. Jahrhundert. Sein aktuelles Buch heißt „Eiszeit in der Weltwirtschaft“.

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Mittlerweile sollte jedem vernünftigen Beobachter klar sein, dass die Akteure der Geldpolitik tatsächlich zu allem entschlossen sind: Die Banken leihen sich das Geld zum Nulltarif, wenn sie es an andere ausleihen, bekommen sie eine Prämie und wenn sie es bei der EZB deponieren wollen, müssen sie fast ein halbes Prozent Strafzinsen zahlen. Bislang Undenkbares ist möglich – und doch wird es nicht helfen! Das viele Geld kommt in der Realwirtschaft nicht an, weil niemand investieren will.

Warum ist das so? Die Unternehmen haben gute Gründe für ihre Zurückhaltung: Überkapazitäten, keine bahn­brechenden Neuerungen, perspektivisch weniger Nachfrage (Demographie), politische Unsicherheit.

Auch die privaten Sparer handeln für sich gesehen vernünftig, schließlich müssen sie ja immer mehr für ihr Alter zurücklegen, weil sie fast keine Zinsen mehr bekommen. Insgesamt haben alle Haushalte zusammen netto eine Summe von 4,8 Prozent des BIP gespart. (Quelle: Statistisches Bundesamt 2015)

Deutsche Anleger versagen
 

So sehr sich die deutschen Sparer aber anstrengen – als Anleger scheinen sie zu versagen, wie einschlägige Studien und Statistiken immer wieder belegen. Obwohl sie mehr zurücklegen als ihre europäischen Nachbarn, sind sie deutlich ärmer als der Durchschnitt der Bürger in der Eurozone.

Dahinter stehen natürlich die Folgen von zwei verlorenen Weltkriegen. Gravierende Unterschiede im Spar- und Anlageverhalten legen nahe, dass auch dieser Faktor dabei eine Rolle spielt. Sparbuch, Staatsanleihen und Lebens­­versicherungen sind nun einmal eine Garantie für maue Renditen. Unsere europäischen Nachbarn hingegen haben einen weitaus größeren Anteil ihrer Ersparnisse in Immobilien angelegt, und auch das Finanzvermögen liegt in der Eurozone, bezogen auf das verfügbare Einkommen, nur in der Slowakei, Slowenien und Griechenland unter dem hiesigen Niveau.

Doch es ist nicht nur diese individuelle Fehlleistung der Bundesbürger, die dazu führt, dass Ersparnisse nichts bringen. Es ist die fehlgeleitete Wirtschaftspolitik, die zudem medial so gefeiert wird, dass wir uns an unseren Erfolgen berauschen, ohne zu realisieren, dass es keine sind.

Wir exportieren sowohl Waren als auch Ersparnisse
 

Denn was für jeden Bürger gilt, gilt auch für die ganze Volkswirtschaft. Um das zu erklären, nehmen wir einmal an, es gäbe keinen Außenhandel. In diesem Fall besteht die Volkswirtschaft aus den privaten Haushalten, den Unternehmen und dem Staat. Jeder dieser Sektoren kann sparen oder Schulden machen beziehungsweise Eigenkapital erhöhen. Die Summe der Finanzierungssalden der drei Sektoren ist per Definition Null. Sparen die privaten Haushalte, was normalerweise der Fall ist, haben die Unternehmen üblicherweise ein Defizit, weil sie investieren und dabei auf die Finanzierung durch die privaten Ersparnisse angewiesen sind. Das, was die Unternehmen nicht brauchen, leiht sich dann der Staat. Sparen die Haushalte mehr als Unternehmen und Staat sich leihen wollen, kommt es zu einer Rezession und die Angleichung erfolgt über sinkende Einkommen und Ersparnis oder höhere Staatsdefizite. Es ist in einer geschlossenen Volkswirtschaft, also einer Welt ohne Außenhandel, nicht möglich, „zu viel“ zu sparen. Es kommt zu einem Ausgleich.

Anders ist das in Theorie und Praxis, wenn man als weiteren Sektor das Ausland mit einführt. So kann es sein, dass ein Land Ersparnisse aus dem Ausland importiert oder eigene Ersparnisse exportiert. Die Summe der Finanzierungs­salden der nun vier Sektoren – private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland – ist allerdings auch hier zwingend Null. Wichtig ist zudem zu wissen, dass ein Nettokapitalimport aus dem Ausland zwangsläufig ein genauso großes Handelsdefizit bedeutet und umgekehrt ein Handelsüberschuss immer auch einen Nettokapitalexport in gleicher Höhe bedingt.

Wäre Deutschland eine geschlossene Volkswirtschaft, befänden wir uns in einer schweren Krise. Es würde massiv Nachfrage, immerhin im Volumen von 8,6 Prozent des BIP, fehlen, weil wir alle sparen. Doch von Krise ist keine Spur! Das verdanken wir dem Ausland, wohin wir unsere überschüssigen Ersparnisse von 8,6 Prozent vom BIP exportiert haben. Dies bedeutet aber zugleich, dass das Ausland im Volumen von 8,6 Prozent des deutschen BIP mehr Waren aus Deutschland kauft als nach Deutschland exportiert. Der Titel des Exportweltmeisters gilt folglich für Waren und für Ersparnisse gleichermaßen.

Da wir seit Jahren Handelsüberschüsse aufweisen, exportieren wir auch seit Jahren Kapital in erheblichem Maße ins Ausland. Theoretisch bauen wir damit Vermögen auf, welches wir zu einem späteren Zeitpunkt, zum Beispiel wenn die Folgen des demografischen Wandels eintreten, verkaufen können, um dann unseren Lebensstandard zu erhalten. Wir hätten dann ein Handelsdefizit und würden mehr importieren als exportieren.

Das Problem ist jedoch, dass wir das Geld im Ausland nicht unbedingt gut investieren. Die Summe der Außenhandelsüberschüsse der letzten Jahre ist nämlich höher als der Zuwachs an Auslandsvermögen. Alleine in der Subprime-Krise von 2008 haben wir nach Berechnungen des DIW rund 400 Milliarden Euro verloren, was den Handelsüberschüssen von mehreren Jahren entspricht.

Heute stecken unsere Ersparnisse überwiegend in Forderungen an Staaten und Private in anderen Ländern. Zum Teil werden die Forderungen über die Bundesbank gehalten, in Form der mittlerweile allgemein bekannten Target-Salden im Volumen von derzeit 605 Milliarden Euro. Überwiegend sind es jedoch Forderungen, die Banken und Versicherungen halten.

Der Gläubiger ist der Verlierer
 

Damit sind wir beim Problem: In einer Welt, die sich immer mehr dem Zustand der Überschuldung nähert, ist es keine gute Idee, Gläubiger zu sein. Im permanenten Krisenmodus der aktuellen Wirtschafts- und Geldpolitik geht es nur noch darum, eine Entwertung der Schulden und damit der Forderungen zu erzielen. Nur dazu dienen Bargeldverbot, Negativzins und perspektivisch Helikopter-Geld. Kommen diese Maßnahmen nicht oder zu spät, stehen Schuldenschnitte und Pleiten auf der Agenda. Egal wie es kommt, die Ersparnisse werden darunter leiden.

Natürlich wäre es vernünftig, wenn wir unsere Auslandsvermögen besser anlegen würden, wie das Länder mit Staatsfonds wie Singapur und Norwegen tun. Auch die Bundesbank könnte wie die Schweizer Kollegen in Aktien investieren, statt an zweifelhaften Staatspapieren mit mauen Renditen festzuhalten. Realistisch ist ein solcher Strategiewandel jedoch nicht.

Der Staat muss wieder Schulden machen
 

Allemal besser wäre es, das Geld in Deutschland auszugeben. So kommt der dritte Akteur, der Staat, ins Spiel. Auch er hat einen positiven Finanzierungssaldo in Höhe von 0,6 Prozent des BIP – die berühmte „schwarze Null“. Was treue Leser meiner Texte wohl kaum vermuten werden: Ich plädiere dafür, dass dieser Saldo wieder negativ wird, der Staat also mehr Schulden macht. Schon richtig: Gerade die Staatsverschuldung ist die Ursache der Eurokrise. Selbst das Bundesfinanzministerium berechnet die ungedeckten Verbindlichkeiten des deutschen Staates bei einem Mehrfachen des BIP und hält sie für nicht zukunftsfest.

Doch wenn unser Sparen dazu führt, dass wir dem Ausland Kredite gewähren, welche dann nicht bedient werden, dann ist es allemal besser, das Geld für eine deutsche Autobahn auszugeben als für eine spanische. Mit guter Infrastruktur in die Pleite zu fahren ist nun mal angenehmer als mit schlechter.

Eine Portion Zynismus scheint angebracht. Wenn die Reise ohnehin in Richtung der großangelegten Monetarisierung von Staatsschulden über die Notenbankbilanzen verbunden mit der direkten Finanzierung von Konjunkturprogrammen geht, ist derjenige der Dumme, der weiter auf die alten Tugenden setzt und nicht mitspielt. Lasst uns deshalb lieber das Geld im Inland investieren, als an das Ausland zu verschenken. Schluss mit dem Irrsinn der Doppel-Null. Zumindest solange, bis wir einen echten Staatsfonds haben, der intelligent global investiert.

Hans Thedieck | Do, 23. Juni 2016 - 17:25

Diese Regierung unter der Kanzlerin fährt Deutschland an die Wand. Diese
Kanzlerin hat nur noch Blicke fürs Ausland, beschäftigt sich nur noch für die
Probleme anderer Ländern, unsere Gelder gehen nutzlos in Länder, die das
ordentliche Wirtschaften nie anwenden werden und darum kommen die
Subventionen dort hin nie zurück.
Unsere Straßen, Brücken, Schulen, Kasernen u.a. zerfällt, keine Investitionen
mehr im eigenen Land. So bringt die Frau mit ihren untätigen Abgeordneten
Deutschland zum Trümmerhaufen. Die Organisation bei dem Flüchtlingsanfall
war vorab bereits und zur Zeit eine Katastrophe. Diese Mannschaft will Deutschland lenken. Sie fahren Deutschland an die Wand.

Hans Thedieck

reiner tiroch | Mo, 1. August 2016 - 08:26

mit unzähligen Nachtragshaushalten, Schattenhaushalten, und Tricksereien gepaart mit Bilanzkosmetik ist der stolz auf die schwarze Null? Schulden soll man machen? weil da Geld verdient wird? [gekürzt, bitte bleiben Sie sachlich, die Red.]

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