Frauenquote - Produkt totalitärer Machtfantasien

Kolumne Grauzone: Sie kommt um die Gesellschaft zu gestalten, die Frauenquote. Und genau das ist das Problem. Das Regelwerk ist nichts anderes als der Ausdruck moralischer Überheblichkeit, ein grotesker Eingriff in das Eigentumsrecht

Merkel trifft Frauen
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Oktober erscheint sein Buch „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ beim Claudius Verlag München.

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Sie wird also kommen, die Frauenquote für Aufsichtsratsposten in DAX-Unternehmen. Das hat die schwarz-rote Koalition am Mittwoch beschlossen. Am 11. Dezember wird das Regelwerk vom Bundeskabinett verabschiedet werden. Was ein Sieg für Fortschritt, Emanzipation, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung! Oder doch nicht? Zweifel sind nicht nur erlaubt – sie sind geboten.

Zunächst: Die Frauenquote kommt einer Enteignung gleich. Und das in einem Rechtsstaat. Der legitimiert sich nämlich nicht über Quötchen, Soziales und anderen Politik-Kitsch, sondern zunächst einmal dadurch, dass er neben der körperlichen Unversehrtheit seiner Bürger auch den Schutz ihres Eigentums garantiert.

Eigentum aber bedeutet unter anderem die freie Verfügungsgewalt über eine Sache. Die Eigentümer eines DAX-Unternehmens sind die Aktionäre. Sie wählen daher in der Regel den Aufsichtsrat. Sollte etwa eine Aktionärsversammlung auf die spleenige Idee kommen, einen ausschließlich rothaarigen oder übergewichtigen oder stupsnasigen Aufsichtsrat zu wählen, ist das ihr gutes Recht. Mittels einer Quote vorzugeben, wie der Aufsichtsrat zusammengesetzt sein soll, ist ein grotesker Eingriff in das Eigentumsrecht.

Aber steht nicht ganz vorne im Grundgesetz, nämlich in Artikel 3, dass der Staat „die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern“ fördert und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinwirkt? Ja, das steht da so. Allerdings kann von einer Durchsetzung der Gleichberechtigung nicht die Rede sein, wenn ein qualifizierter Mann nur deshalb nicht in einen Aufsichtsrat gewählt werden darf, weil er die Quote nicht erfüllt. Aus gutem Grund spricht das Grundgesetz ausdrücklich von der Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

Gleichstellung ist ungerecht
 

Das Problem liegt in der latenten Verwechslung von Gleichberechtigung mit Gleichstellung. Gleichberechtigung meint Chancengleichheit. Gleichstellung meint jedoch etwas Anderes: nämlich die Herstellung von Gleichheit unter Missachtung der Chancengleichheit. Man kann nicht für beides sein: Entweder man ist für Gleichberechtigung oder man ist für verordnete Gleichstellung. Wenn man für die Verordnung von Gleichstellung ist, sollte man das allerdings auch offen sagen und sich nicht hinter einer verschwurbelten Gerechtigkeitsrhetorik verstecken. Mit Gerechtigkeit hat verordnete Gleichstellung nichts zu tun. Sie ist ungerecht.

Hinzu kommt ein weiterer, gravierender Denkfehler: Menschen sind niemals pauschal gleichgestellt – von den allgemeinen Menschenrechten einmal abgesehen. Das liegt daran, dass Menschen höchst unterschiedlich sind. Sie haben unendlich viele Eigenschaften, und nicht alle Eigenschaften sind in jeder Lebenssituation relevant. Gleichstellung kann es daher immer nur von Individuen hinsichtlich bestimmter Eigenschaften und mit Blick auf spezifische Anforderungen geben. Kollektivistische Gleichstellung ist entweder Unsinn oder Gleichschaltung. Aber genau darum geht es den Ideologen der Gleichstellung. Sie wollen pauschal ganze Gruppen gleichstellen: Frauen und Männer beispielsweise.

Und hier liegt das eigentliche Ärgernis des um sich greifenden Quotenwahns: Er ist Ausdruck eines kollektivistischen Denkens, für das nicht das Individuum als Einzelnes Wert und Würde hat, sondern immer nur als Teilchen einer Gruppe. Dementsprechend wird nicht die einzelne Frau als autonomes Individuum in ihren individuellen Eigenschaften wahrgenommen und gefördert, sondern weil sie Angehörige eines Kollektivs ist. Im Grunde ist die gesamte Debatte um Frauenquoten, Frauenbeauftragte und Frauenförderung nichts anderes als ein Relikt kollektivistischer Denkmuster aus der Ideologiegeschichte des 20. Jahrhunderts.

In dieser kollektivistischen Gedankenwelt ist kein Platz für wirkliche Emanzipation. Auch die Quote ist kein Ausdruck von Emanzipation. Im Gegenteil. Worin bitte liegt die Emanzipation, wenn Vater Staat mir mein Pöstchen verschafft? Früher war es der Bräutigam, der die Braut über die Schwelle trug, heute ist es der Gesetzgeber. Na, bravo!

Ausdruck moralischer Überheblichkeit
 

Wahre Emanzipation erfolgt immer im Namen des Individuums, niemals im Namen eines Kollektivs. Man befreit nicht das Proletariat, die Arbeiterschaft oder die Frauen. Wer so ansetzt, landet notwendigerweise immer wieder in einem autoritären Zwangssystem. Aber das wird die Linke bis ans Ende ihrer Tage nicht verstehen.

Im Grunde geht es daher auch gar nicht um die Quote an sich oder die Chancen von Frauen in der Arbeitswelt. Dann nämlich hätte sich die SPD um die 99,99 Prozent aller Frauen kümmern müssen, die nie in ihrem Leben für einen Aufsichtsratsposten kandidieren werden.

Nein, es geht um etwas ganz anderes.

Es geht um die ideologische Normierung unserer Gesellschaft und um die weltanschauliche Okkupation all jener gesellschaftlichen Bereiche, die sich dem Zugriff linker Ideologen bisher so gut es ging entzogen haben – etwa die Wirtschaft. Vor allem geht es darum, Gesellschaft „zu gestalten“, wie man in diesen Kreisen sagt. Und hier liegt das eigentliche Problem: Gesellschaften „gestalten“ zu wollen, ist nichts anderes als der Ausdruck moralischer Überheblichkeit und totalitärer Machtfantasien.

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