Zum Tod von Guido Westerwelle - Ein deutscher Ikarus

Im Alter von 54 Jahren ist der frühere FDP-Vorsitzende und Bundesaußenminister Guido Westerwelle am Freitag in Köln gestorben. Ein Nachruf von Hartmut Palmer 

Guido Westerwelle führte die FDP nach ganz oben – und wieder ins Tal
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Hartmut Palmer ist politischer Autor und Journalist. Er lebt und arbeitet in Bonn und in Berlin.

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Er war der Ikarus der deutschen Politik: Sein Name wird für immer verbunden bleiben mit dem größten Höhenflug – und dem tiefsten Absturz seiner Partei, der FDP.

2009 hatte Guido Westerwelle als Vorsitzender und Spitzenkandidat der Liberalen bei der Bundestagswahl das beste Ergebnis geholt, das die Freien Demokraten jemals auf Bundesebene erzielen konnten. Selbstbewusst und mit breiter Brust ging er mit 14,6 Prozent der Zweitstimmen in die Koalitionsverhandlungen mit Angela Merkel. Zur allgemeinen Überraschung griff er sich aber nicht, wie spekuliert und vermutet worden war, das einflussreiche Finanzministerium. Westerwelle wollte Außenminister und Vizekanzler werden – wie sein großes politisches Vorbild Hans-Dietrich Genscher.

Bei der nächsten Bundestagswahl vier Jahre später hatte die Partei abgewirtschaftet. Westerwelle hatte schon 2011 unter innerparteilichem Druck den Platz an der Parteispitze räumen und an den farblosen Philipp Rösler abgeben müssen. Am Ende der Legislaturperiode glich die schwarz-gelbe Koalition, von der sich ihre Wähler so viel erhofft hatten, einer zerrütteten Ehe.

Er prägte die „Partei der Besserverdienenden“


Die Liberalen, die jahrzehntelang von dem Ruf gelebt hatten, nicht nur die Interessen der Wirtschaft zu vertreten, sondern zugleich auch Anwältin der Bürgerrechte zu sein, hatten in nur vier Regierungsjahren jeden Kredit beim Wähler verspielt. Sie galten wirklich nur noch als die „Partei der Besserverdienenden“ und flogen – zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik – sogar aus dem Bundestag.

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Zwischen Höhenflug und Absturz bewegte sich die Karriere dieses begabten wie ehrgeizigen Politikers von Anfang an. Unvergessen ist die Kampagne, zu dem ihn der ebenso hochfliegende Komplize Jürgen Möllemann angestiftet hatte: Einst Vizekanzler im Kabinett Kohl, sprang er später mit dem Fallschirm in den Tod. 2002 gaben Möllemann und Westerwelle die Parole aus, die FDP müsse bei der Bundestagswahl 18 Prozent erreichen. Westerwelle tourte mit einem gelbblauen Wohnmobil, das er „Guidomobil“ getauft hatte, durchs Land. Wo er nur konnte, streckte er seine Schuhsohlen in alle Kameras. Darauf war die Zahl 18 gemalt.

Gründer der Jungen Liberalen


Er hatte früh entdeckt, wie man als junges, unbekanntes FPD-Mitglied von sich reden macht. Schon 1980, als er gerade in die FDP eingetreten war, stänkerte er gegen die Jungdemokraten – damals die offizielle Jugendorganisation der Partei – bei denen der Yuppie Westerwelle seine ersten politischen Gehversuche machte. Sie waren ihm zu links und zu altbacken. Mit Duldung und Förderung seines Ziehvaters Genscher, der ihn nicht nur gewähren ließ, sondern auch aktiv unterstützte, gehörte Westerwelle mit zu den Gründern der „Jungen Liberalen“. Denen gefiel das sozialliberale Profil der FDP gar nicht. Bald sollten die „JuLis“ zum einzigen anerkannten Jugendverband der Partei aufsteigen.

Als Genscher und Otto Graf Lambsdorff 1982 die Koalition mit der SPD aufkündigten, marschierten Westerwelle, damals 19 Jahre alt, und seine Jungen Liberalen vorneweg. Sie bügelten alle innerparteilichen Kritiker des Koalitionsbruchs nieder. Ein Jahr später war Westerwelle ihr Vorsitzender – es war sein Sprungbrett in die Bundespolitik.

Der Rheinländer – am Fuße des Siebengebirges in Bad Honnef geboren – wuchs in Bonn auf. Seine Eltern, beides Juristen, hatten sich scheiden lassen, als er acht Jahre alt war. Er blieb beim Vater, der eine Anwaltskanzlei in Bonn hatte. Über seine Schulzeit redete er ungern. Er war kein besonders guter Schüler und hatte 1978 nur die Mittlere Reife geschafft.

Abitur, dann ausgemustert


Danach allerdings packte ihn der Ehrgeiz: Er wechselte an ein Bonner Gymnasium und machte zwei Jahre später dort Abitur. Zum Wehrdienst wurde er – wie er später selbst mitteilte – nicht eingezogen, da er wegen seiner gleichgeschlechtlichen Orientierung ausgemustert worden war. Allerdings brauchte er noch Jahre, ehe er sich öffentlich als Schwuler outete. Er lebte seit 2010 in eingetragener Partnerschaft mit dem Manager Michael Mronz.

Schon während seines Jurastudiums, das er 1987 mit dem ersten und drei Jahre später mit dem zweiten Staatsexamen abschloss, engagierte Westerwelle sich in der Bonner FDP. Bald war er auch in der Landespartei aktiv. Da er in Bonn wohnte, hatte er Kontakt zu vielen einflussreichen FDP-Bundestagsabgeordneten. Von denen erkannten einige bald seine große Begabung. Sie förderten ihn nach Kräften.

Bereits ein Jahr nach der Beendigung seines Studiums gehörte Westerwelle dem Bundesvorstand der FDP an. Seitdem bastelte er unermüdlich an seiner weiteren Karriere. Als sich Hans-Dietrich Genscher 1994 vom Amt des Parteivorsitzenden zurückzog, kamen seine Nachfolger Klaus Kinkel und Wolfgang Gerhardt an dem inzwischen bundesweit bekannten, damals gerade 32-jährigen, Westerwelle nicht mehr vorbei. Kinkel machte ihn zum Generalsekretär. Wolfgang Gerhardt übernahm ihn – gegen den Rat mancher Parteifreunde, die ihn vor dem ehrgeizigen Nebenbuhler gewarnt hatten.

Westerwelle erfand die „digitale Plakatwand“


Westerwelle hatte früh begriffen, dass Erfolge in der Politik nur über eine ständige Präsenz in den elektronischen Medien zu erreichen war. Eine seiner genialsten Erfindungen war die virtuelle Plakatwand: Sie stand vor der damaligen FDP-Parteizentrale in Bonn, wurde aber dadurch bundesweit berühmt, dass Westerwelle diese eine Plakatwand benutzte, um Reklame für die FDP zu machen. Immer dann, wenn er eine neue Werbeaktion plante, rief er alle Fernsehsender der Republik zusammen und klebte vor den Augen der Kameraleute das neue Plakat. Er musste es nur einmal kleben – den Rest erledigten die TV-Anstalten.

In den Bundestag zog er 1996 ein, als Nachrücker für einen Abgeordneten aus Nordrhein-Westfalen. Am 4. Mai 2001 erreichte er ein wichtiges Etappenziel, das er immer schon im Auge gehabt hatte: Er wurde mit großer Mehrheit zum Nachfolger von Wolfgang Gerhardt gewählt. Er sollte dieses Amt – mit vielen Höhen und Tiefen – zehn Jahre lang behalten.

Im Bundestagswahlkampf 2002 trat er nicht nur mit den 18-Prozent-Schuhsohlen auf, sondern – zum ersten Mal in der Geschichte der FDP – als „Spitzenkandidat“. Auch zu diesem bombastischen Titel hatte ihn Möllemann angestiftet.  Viele verlachten Westerwelle damals als „Spaßpolitiker“. Der verbale Höhenflug endete weit unterhalb der angepeilten 18 bei 7,4 Prozent.

In der Opposition zur Nummer eins gemausert


Auch 2005 schaffte es Westerwelle nicht in die Regierung. FDP und CDU/CSU hatten gemeinsam nicht genug Stimmen. Angela Merkel bildete die erste Große Koalition, Westerwelles FDP blieb in der Opposition. Aber hier gelang es dem begabten Debattenredner und Zuspitzer Westerwelle, die FDP ständig im Gespräch zu halten. Er forderte Steuersenkungen, die Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken und ein deutsches Referendum zu Europa. Auch wenn keines dieser Ziele erreicht wurde: Die FDP mauserte sich in diesen vier Oppositionsjahren zum Berliner Hoffnungsträger – und Westerwelle war unangefochten ihre Nummer eins.

Der triumphale Wahlsieg 2009 war der krönende Abschluss. Nie zuvor hatten die Liberalen so viel Zustimmung im Lande wie bei dieser Wahl. Nie zuvor freilich wandelte sich die Hoffnung der Wähler in solch bittere Enttäuschung. Keines der schönen Zielen, die Westerwelle versprochen hatte, wurde erreicht. Es gab keine Steuererleichterungen, und auch kein EU-Referendum. Immerhin schaffte es die FDP, die Laufzeit für Atomkraftwerke noch einmal zu verlängern – aber Atomkraft war längst nicht mehr so populär im Lande.

Vor dem Nichts


Die Quittung kam vier Jahre später. Die Wahlkatastrophe von 2013 warf auch Guido Westerwelle aus der Bahn. Er war nicht mehr in der Regierung, nicht mehr im Parlament – er, der fast sein ganzes Leben nur Politik gemacht hatte, stand plötzlich vor dem Nichts.

Ein Jahr später diagnostizierten die Ärzte, die Westerwelles Blutwerte wegen einer bevorstehenden Knieoperation untersucht hatten, eine tödliche Krankheit: akute myeloische Leukämie. Es war nach dem politischen Desaster ein neuer schwerer Schock für den 53-jährigen Hochleistungs-Politiker. Aber auch hier schien er wieder Glück gehabt zu haben. Er wurde nach einer erfolgreichen Rückenmarks-Operation als geheilt entlassen.

Voriges Jahr tauchte der Genesene zum ersten Mal wieder öffentlich in den Medien auf: als Autor eines Buches, in dem er über seine Krankheit berichtete. Es war zwar noch Guido Westerwelle, der da im Fernsehen auftrat und redete. Aber er war, wie er selbst sagte, „ein anderer Mensch“ geworden. Die Hoffnung, die Krankheit besiegt zu haben, erfüllte sich nicht. Guido Westerwelle ist am Freitag in einem Kölner Krankenhaus gestorben.

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