Wahlkampf Online - Die Wahl wird nicht im Internet entschieden

Auch im Netz kämpfen die Parteien um jede Stimme. Politikwissenschaftler Andreas Jungherr sagt, wer es besonders gut macht – und welche Fallstricke im Internet lauern

Drei Männer in blauen AfD-Kostümen stehen vor dem Brandenburger Tor
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Autoreninfo

Merle Schmalenbach ist freie Journalistin in Berlin. Sie hat Literaturwissenschaft, Philosophie, Geschichte und Journalistik studiert sowie die Deutsche Journalistenschule (DJS) in München absolviert.

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Herr Jungherr, wie wichtig ist das Internet in diesem Wahlkampf?

Es entscheidet nicht die Wahlen. Aber es bietet Parteien Chancen, ihre Kampagnen zu ergänzen. Sie können im Internet auf sich aufmerksam machen, Spenden sammeln und sich organisieren. Dies gilt besonders für kleine Parteien, wie die Piraten oder die AfD, denen traditionelle Organisationsstrukturen fehlen.

Die AfD hat auf Facebook fast 75.000 Fans, Steinbrücks Seite nur 56.000. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Euroskeptiker auch bei den Wahlen gut abschneiden werden?

Nein, als Prognose sind solche Zahlen nicht wirklich aussagekräftig, sie haben eher einen symbolischen Charakter. Klar ist aber: Journalisten greifen solche Vergleiche gerne auf. Und das hilft der AfD natürlich dabei, in die Medien zu kommen und bekannter zu werden. Symbolik ist im Wahlkampf generell sehr wichtig. Das gilt auch für die etablierten Parteien.

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Zum Beispiel?

Wenn ein Kandidat wie Peer Steinbrück twittert, will er damit vor allem zeigen, dass er auf der Höhe der Zeit ist. Es handelt sich um eine Inszenierung, die mehr auf die Medien als auf die Nutzer abzielt. Für Politiker ist so etwas gute PR. Nehmen Sie Peter Altmaier: Er hat vor zwei Jahren das Twittern angefangen und konnte bereits ein, zwei Monate später einen großen Artikel dazu in der FAZ platzieren. Ein weiteres Beispiel ist Hannelore Kraft, deren Wahlkampf 2012 zunächst davon überschattet war, dass sie als Regierungschefin keinen verfassungskonformen Haushalt einreichen konnte. Doch kaum fing sie an zu twittern, berichteten die Medien positiv darüber.

Im Internet lauern allerdings auch Fallstricke.

Ja, ein gutes Beispiel ist Norbert Röttgen, der sich während seines Wahlkampfs 2012 in einer Fernsehsendung versprochen hat. Seine Aussage, dass ja „bedauerlicherweise“ der Wähler darüber entscheide, ob er Ministerpräsident in NRW würde, ist im Internet sehr stark aufgegriffen worden. Die User haben Röttgen in Tweets, Grafiken und Videos veralbert und ihm eine gewisse Arroganz gegenüber den Wählern unterstellt. Das hat den Kandidaten und seine Kampagne klar beschädigt. Auch Steinbrück wurde in diesem Wahlkampf stark auf vermeintliche Kontroversen, Skandälchen und Versprecher reduziert. Was dazu führte, dass er in diesem Wahlkampf kaum mit Themen punkten konnte.

Haben die Politiker das Netz überhaupt verstanden?

Ich glaube nicht, dass man das Netz „verstehen“ kann, dafür ist es viel zu dynamisch. Es entwickelt sich in jedem Wahlzyklus weiter. Ständig haben es die Parteien mit neuen Werkzeugen und einer neuen Generation von Nutzern zu tun. Generell gilt: Die öffentliche Debatte über die Rolle des Internets ist in Deutschland noch immer viel zu provinziell. Auf der einen Seite haben wir Berater, die das Thema hochjubeln und übersteigerte Erwartungen wecken, auf der anderen Seite Journalisten, die es kaputtschreiben. Beide Gruppen schauen auf die USA und sind enttäuscht, wenn ihre Wahrnehmung der Rolle des Internets im US-Wahlkampf so in Deutschland nicht umgesetzt wird. Dadurch vernachlässigen wir in der öffentlichen Diskussion leider die tatsächlichen Funktionen, die das Internet für Parteien und Kandidaten in Deutschland erfüllt.

Was halten Sie von der Merkel-App, die Wahlplakate zum Sprechen bringt?

Es wäre mal sehr spannend, da die Nutzungszahlen zu sehen. Die werden aber – wahrscheinlich aus guten Gründen – nicht veröffentlicht. Auch bei diesem Gimmick geht es vor allem um die Inszenierung. Die Botschaft ist: „Schaut mal, wie innovativ wir sind.“

Wer hat sich in diesem Online-Wahlkampf besonders gut präsentiert?

Die Grünen, die CDU und die SPD – jeder auf seiner Weise. Die Grünen haben ihre Offline-Kampagne ganz stark mit ihrer Website verzahnt. Die Wähler können sich dort innerhalb von zwei Minuten durch die Kernpunkte ihres Programms klicken. Die SPD hat eine Mitmachplattform gebaut, mit der sie den Tür-zu-Tür-Wahlkampf koordiniert. Ich halte das für ein sehr spannendes Experiment. Und die CDU setzt im Netz voll auf Emotionen und Angela Merkel – wie in ihrer Offline-Kampagne.

Die Piraten haben Sie jetzt nicht erwähnt.

Der Online-Wahlkampf ist für die Piraten nicht so spannend, denn den beherrschen sie ja schon. Sie fragen sich stattdessen: Gelingt es uns, dass alle Plakate rechtzeitig hängen? Gelingt es uns, in den Fußgängerzonen zu sein? Können wir neue Zielgruppen erreichen, die nicht internetaffin sind? Auf der Straße können sie Menschen erreichen, die der Politik normalerweise aus dem Weg gehen würden. Die eben nicht sagen: „Ich gehe jetzt auf die Website der Piraten und schaue mal, was die so vor haben.“ Der Straßenwahlkampf und ist für den Wahlausgang entscheidender als Twitter, Facebook oder Google Plus.

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Barack Obama hat einen gigantischen Online-Wahlkampf geführt. In Deutschland sind wir von solchen Verhältnissen weit entfernt. Woran liegt das?

Der amerikanische Wahlkampf ist viel aggressiver und polarisiert wesentlich stärker als der deutsche. In solch einem Klima engagieren sich die Unterstützer einer Kampagne sehr viel mehr. Das Online-Fundraising hat in den USA eine ganz andere Bedeutung als in Deutschland, weil die amerikanischen Parteien schon vor Jahren Programme entwickelt haben, die das Abwickeln von Kleinspenden erleichtern.

Der Datenschutz erlaubt den Kampagnen in den USA auch mehr als in Deutschland: Wenn ich auf meinem Facebook-Profil eine US-Kampagnen-App installiere, muss ich damit rechnen, dass die App meine Freundesliste durchgeht, die verfügbaren Kontaktdaten zentral speichert und mich dann bittet, diejenigen meiner Facebook-Freunde anzusprechen, die in einem umkämpften Gebiet wohnen. So etwas wäre in Deutschland unvorstellbar.

Gibt es denn auch etwas, das deutsche Parteien von Barack Obama lernen können?

Ja, hierzulande verlässt man sich im Online-Wahlkampf noch zu sehr auf anekdotisches Expertenwissen. Die Amerikaner versuchen sehr viel stärker, entscheidende Elemente der Kampagnenführung messbar zu machen. Sie probieren viel mehr aus, beobachten genau, welche Methoden funktionieren und passen sich dann an. Dieses datengestützte, analytische Vorgehen könnte man auch in Deutschland mit großem Gewinn umsetzen.

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